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Pigeon Shoot

Italien, 1961

Originaltitel:

Tiro al piccione

Alternativtitel:

Det Sista motståndet (FIN)

Dilema de um Bravo (BRA)

Het onberustloos commando (BEL)

Le commando traqué (FRA)

Tiro al pichón (ARG)

Viimeinen vastarinta (FIN)

Inhalt

Was machen junge Männer, wenn sie sich beweisen wollen? Wenn sie Ruhm und Ehre suchen, und ihre Hörner abstoßen müssen? Heutzutage gehen sie als Hooligans vor die Fußballstadien der Welt, aber früher, früher gab es noch Kriege in denen die jungen Männer, die der Welt zeigen wollten was sie drauf haben, für irgendwelche Ideen verheizt wurden. Und was tat man damals, wenn man 19 Jahre alt war, der Vater einen für ein politisches Ideal begeisterte für das er dann selber starb, und man nun mittellos und abenteuerhungrig da saß, auf der Suche nach Ehre und Bestätigung? Genau, man zog zur Mannwerdung in den Krieg!

 

Marco Laudato macht genau dieses. Er schließt sich im Frühjahr 1943 den faschistischen Schwarzen Brigaden Mussolinis an, und auch wenn er zuerst noch den Küchendienst übernehmen muss, so wächst er sehr wohl allmählich mit den altgedienten Soldaten zu einer Einheit zusammen. Doch der Krieg, der mag so gar nicht kommen. Und man wollte doch so gerne kämpfen …

 

Im Sommer 1943 ist er dann plötzlich da, der Krieg. Benito Mussolini, vom König inhaftierter Ex-Duce und einstiger Befehlshaber über ganze Heere junger und hungriger Männer, wird von deutschen Fallschirmjägern aus seinem Gefängnis befreit und ruft in Salò am Gardasee die Italienische Sozialrepublik (RSI) aus, die das von den Deutschen unterstütze Gegenstück zur alliierten Invasion im Süden bilden soll. Und wem jetzt assoziativ Pasolinis 120 Tage von Sodom durch den Kopf schießen, der liegt genau richtig. Allerdings hatte die RSI in der Realität einen Bestand von 600 Tagen anstatt von 120 Tagen, und in diesen 600 Tagen versuchte der Faschismus mit allen Mitteln und unter Einsatz großer Gewalt, sich in Italien wieder durchzusetzen. Gegen den Widerstand der Bevölkerung ging es in erster Linie gegen Partisanen, und als die von diesen kontrollierten Gebiete immer größer wurden, und die Bevölkerung die Faschisten immer geringschätziger behandelte, da ging es gegen alle. Die Klugen konnten sehen, dass ihr Kampf verloren und umsonst war, aber zum einen war ja nichts anderes mehr da, und zum anderen schließen sich die Begriffe Faschismus und Klug sowieso gegenseitig aus …

 

Marco Laudato aus Cremona also, der in einem vollkommen idiotischen Kampf an irgendeinem unbedeutenden Berg verwundet wird, und dadurch mit einer Beförderung und einem Orden ausgezeichnet wird. Das Kriegskreuz, das Eiserne Kreuz, das Holzkreuz … Außerdem lernt er im Lazarett die Krankenschwester Anna kennen, in die er sich verliebt, und die er während seiner Rekonvaleszenz in einer großen Villa am Lago Maggiore besucht. Wem die Villa gehört? Einem reichen Freund. Anna hat viele Freunde, und dem Zuschauer wird irgendwann klar, wer Anna in Wirklichkeit ist, und wie sie versucht den Krieg lebendig zu überstehen.

 

Marco aber muss irgendwann wieder zu der kleinen Einheit der Schwarzen Brigaden, und der Kampf gegen die Partisanen wieder immer sinnloser und wütender. Sein Freund Elia zweifelt zunehmend am Kampf, aber der Befehlshaber Nardi ist erbarmungslos, und geht rücksichtslos gegen die Zivilbevölkerung vor, was die Wut der Partisanen nur noch zusätzlich aufstachelt. Die Beziehung zu Anna zerbricht als sie mit seinem Vorgesetzten davongeht, und Marco wird immer einsamer und härter gegenüber seiner Umgebung. Man hat doch sonst nichts im Leben …

Autor

Maulwurf

Review

1962 war der Neorealismus längst tot, und selbst der Rosa Neorealismus, wie etwa Frederico Fellini ihn beispielweise in LA STRADA vertreten hatte, zog wohl nur noch wenige ins Kino. 1962 war die große Zeit der Peplums, während auf der anderen Seite gleichzeitig die Nouvelle Vague einen Michelangelo Antonioni beeinflusste, und damit das intellektuelle Gegenstück zum Genrefilm bildete. Warum also 18 Jahre nach Kriegsende einen ernüchternden und (neo-) realistischen Film über den Krieg? Warum ein Drama, angesiedelt inmitten der letzten zwei Kriegsjahre, rund um einen jungen und orientierungslosen Mann der sich selber sucht? War Regisseur Giuliano Montaldo vielleicht beeindruckt von Rossellinis DER FALSCHE GENERAL, und wollte sein Regiedebüt mit ähnlichen Bildern ausstatten? Möglich, aber wenn ich mir den Werdegang des gebürtigen Genuesers anschaue halte ich es für wahrscheinlicher, dass der junge Montaldo, Jahrgang 1930, stark von den Ereignissen des Krieges geprägt wurde. Genua wurde in den letzten Kriegsjahren einerseits von der RSI beherrscht, gleichzeitig aber gab es gleich nordöstlich der Stadt große Gebiete, welche vollständig von Partisanen kontrolliert waren. Häufige Kämpfe zwischen Schwarzen Brigaden und Partisanen dürften in dieser Region die Regel gewesen sein, und 1944 wurde Genua gar zur Festung erklärt, entging der Zerstörung aber, da der deutsche Stadtkommandant sich weigerte Hafen und Altstadt zu sprengen. Zudem war Genua die einzige von Deutschen besetzte Stadt, die nicht den Alliierten sondern den Partisanen übergeben wurde. Alles Geschehnisse, die einen 14- bis 15-jährigen Buben natürlich über alle Maßen prägen.

 

Und ich kann mir ohne weiteres vorstellen, dass Montaldo knapp 17 Jahre nach Kriegsende einer neuen Generation Italiener zeigen wollte, was er erlebt hat. Einer Generation, die, wie wir aus vielen Juvenile Crime-Filmen der Zeit wissen, mit ihrer Freiheit nicht mehr viel anfangen konnte, und ihre Kraft und ihren Übermut genauso wie ihr Ennui entweder in Rowdytum oder in Verschwendungssucht umsetzte. Auch in Italien, wo Filme wie WIR VON DER STRASSE (1959) eine Jugend skizzieren, die vom deutschen DIE HALBSTARKEN oder dem britischen SAMSTAGNACHT BIS SONNTAGMORGEN nicht wirklich weit entfernt ist. Aus den Erfahrungen seiner eigenen Jugend heraus dürfte Montaldo wahrscheinlich den Wunsch gehabt haben, der jetzigen Jugend aufzuzeigen, was 18 Jahre früher, als diese gerade erst geboren waren (wenn überhaupt), in Italien passierte, und wie diejenige Generation, gegen welche die Jungen jetzt aufbegehrten, zu dem wurde was sie war.

 

Ein durchaus löbliches Ansinnen, so diese Annahme stimmt. Und die Texttafel zu Beginn des Films, die genau die eingangs erwähnte Frage stellt, wie sich junge Männer denn beweisen können in schwierigen Zeiten, deutet daraufhin, dass dem tatsächlich so war. Entsprechend beginnt TIRO AL PICCIONE mit alten Dokumentaraufnahmen brennender Städte, verzweifelter Menschen und eines lachenden Mussolinis, der von deutschen Fallschirmjägern aus seinem Gefängnis befreit wurde um die Achse Berlin-Rom wieder herzustellen. Nach diesem ersten Schock, und die Bilder sind wirklich nicht schön, und dem Vorspann lernen wir Marco Laudato kennen, der aus einem LKW kriecht um bei den Schwarzhemden anzuheuern, einer paramilitärischen Miliz, die später in den Schwarzen Brigaden aufging und vor allem beim Kampf gegen die Partisanen berüchtigt wurde. Marco sucht also Anschluss bei den großen Jungs, und wir begleiten ihn dabei. Wir schauen zu, wie er einer Frau, die sich für Lebensmittel prostituieren muss, ehrenhaft begegnet, wie er nach der Kneipe abends von Partisanen überfallen wird, und wie sein Ansehen bei den Kameraden allmählich steigt. Er kämpft, er lernt Anna kennen, er verliebt sich, und er macht die Dinge, die ein ganz normaler 19-jähriger eben so macht. Nur mit dem Unterschied, dass Marco ein Gewehr in der Hand hat und Partisanen jagt.

 

Die Bilder sind in neorealistischem Schwarzweiß gehalten und tragen mitnichten bedeutungsschwangere Epen in sich. Die Szenen atmen den Geist eines pragmatischen Untergangs, alles ist nüchtern erzählt. Momente wie die Szene mit der ältlichen Frau, die Marco mitnimmt auf ihr Zimmer, damit sie ihm den geschenkten Zucker „bezahlen“ kann, atmen den Geist des ausgehenden Krieges und eines bitteren Elends, das Menschen um der Nahrungsaufnahme willen zu Vieh degradiert. Es gibt keinerlei schauspielerische Übertreibungen, und auch die kaum vorhandene Musik überhöht weder ein nicht vorhandenes Heldentum, noch zieht sie die Soldaten ins Lächerliche. Mit kühlen, fast unbeteiligten Bildern zeigt Montaldo Männer die kämpfen müssen, weil sie im Leben nichts anderes haben als den Glauben an ein Regime das längst nicht mehr existiert, und als ihre eigene Kameradschaft. Dies allerdings, zeituntypisch, ausschließlich aus der Sicht eines jungen Faschisten, was 1962 dazu führte, dass der Film sehr zwiespältig aufgenommen wurde und schnell wieder von der Bildfläche verschwand. TIRO AL PICCIONE zeigt also weder eine gewalttätig-triumphale Heldenverklärung des Widerstandes, genausowenig wie eine Beweihräucherung des Faschismus. Stattdessen setzt Montaldo auf unbedingten Realismus, was in den frühen 60er-Jahren dann möglicherweise ebenfalls zu den Gründen gezählt hat, warum der Film schnell vergessen wurde. Die hier erzählte Geschichte aus diesem sehr speziellen Blickwinkel wäre in den politischen 70ern sicher besser angekommen, aber die frühen 60er mit ihrer Filmlandschaft zwischen dem vergangenen Neorealismus und dem kommenden Italo-Western ließen solche diffizilen Geschichten nur in den seltensten Fällen zu. Montaldo selber orientierte sich dann mit Filmen wie TOP JOB oder DIE UNSCHLAGBAREN eine Zeitlang am Genrefilm, bevor er seine politische Überzeugung 1971 mit SACCO UND VANZETTI wieder auf Zelluloid bannte. Im Zusammenhang mit TIRO AL PICCIONE möchte ich vor allem auf Montaldos L'AGNESE VA A MORIRE hinweisen, der eine ähnliche Geschichte erzählt, dieses Mal aber aus Sicht einer Widerstandskämpferin.

 

Tja, und irgendwann ging dann das Gerücht um, dass Mussolini tot sei. Und die RSI Geschichte war. Und dann? Was macht man dann, mit dem Gewehr in der Hand, dem großen hungrigen Loch im Magen, und dem Kopf voller verloren gegangener Ideen? Geht man dann wieder nach Hause? Oder folgt man dem Führer in seine ganz persönliche Hölle? TIRO AL PICCIONE gibt auf diese Frage eine überzeugende Antwort, und zeigt sich damit als italienische Replik auf einen Film wie HUNDE, WOLLT IHR EWIG LEBEN?, der mit ähnlichen Bildern und ähnlichem Pessimismus den Untergang einer ganzen Generation darstellte, ebenfalls ohne dabei den Fehler zu begehen, Krieg als Abenteuer für große Jungs zu präsentieren. Und bei diesem Ausdruck fällt mir noch Bernhard Wickis DIE BRÜCKE ein, und auch hier kann ich Parallelen zwischen den verführten Jugendlichen ziehen, die in den Krieg ziehen und sterben wollen für etwas, dessen Absurdität und Grausamkeit sie noch gar nicht ermessen können. Aber sich beweisen, das wollen sie alle …

Autor

Maulwurf

Veröffentlichungen

TIRO AL PICCIONE ist 2021 als DVD bei Penny Video in Italien erschienen. Der Film wurde als 4K-Abtastung restauriert und mit englischen und französischen Untertiteln versehen. Zusätzlich gibt es noch ein nicht untertiteltes Interview mit Giuliano Montaldo sowie eine Bildergalerie. Bild und Ton sind erstklassig, die englischen Untertitel nicht immer ganz sicher in der Aussage, aber es reicht locker um dem Film zu folgen.

Autor

Maulwurf

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