Little Kid und seine kesse Bande

Italien, 1973

Originaltitel:

Kid il monello del west

Alternativtitel:

Bad Kids of the West (USA)

Børnebanden (DNK)

Kid, Terror of the West (USA)

Kid - lännen kauhu (FIN)

Kid - Westerns skräck (SWE)

Kid, el travieso del oeste (URY)

Kid il monello del west (POL)

Los pequeños coyotes de Kid O'Hara (ESP)

Vestens skræk (DNK)

Western Kid (USA)

Westerns skräck (SWE)

Deutsche Erstaufführung:

4. Dezember 1975

Regisseur:

Tonino Ricci

Inhalt

Eine Handvoll kognitiv beeinträchtigter Halunken wollen eine Bank um etliche Goldbarren erleichtern. Doch der Traum vom Reichtum zerplatzt für die Galgenstricke wie die via Pustefix kreierten Seifenblasen beim Kindergeburtstag. Schließlich konnten der pfiffige Little Kid und seine nicht minder pfiffigen Lümmel von der allerersten Bank den Gaunern zuvorkommen. Da die Gesetzlosen nichts von dem angeblich gelegentlich vom Himmel fallenden Hirn einstreichen konnten, verdächtigen sie sich gegenseitig, den Coup ohne Absprache mit den anderen absolviert zu haben. Little Kid und seine kesse Bande haben derweil andere Sorgen, denn Mister McKenzie als auch weitere Farmer sind dem Bankier Wilson auf den Leim gegangen und nun kreist die Gefahr Haus und Hof zu verlieren. 

Review

Eine Horde von Kindern als Protagonisten in einem Italo-Western! Ist das überhaupt erträglich? Klar, das macht sogar richtig Laune. Die Kids sind nämlich keine Nervensägen. Sie sind clever, pfiffig, innovativ. Das gilt besonders für ihren An- und Wortführer Little Kid, der trotz seiner Cleverness beileibe kein Klugscheißer ist. In der deutschen Synchronisation wird Little Kid von Oliver Rohrbeck gesprochen. Seltsamerweise ist Rohrbecks bekannteste Sprecherrolle - zumindest nach meinem Ermessen - die des Kurt Wolfermann (DIE VORSTADTKROKODILE). Erstens: Klingelt´s? Zweitens: Warum schreibe ich in diesem Kontext das Wort „seltsam“? Weil das Dialogbuch aus dem Charakter Kurt Wolfermann schlicht und ergreifend einen passionierten Klugscheißer gemacht hat. Und die Klugscheißerei geht so weit, dass mir der eigentliche Sympathieträger eine üppige Portion Antipathie abverlangte. Schlussendlich war, ist und bleibt eh Kurts Gegenspieler, sein personifizierter Alptraum Egon Steffenhagen (Martin Semmelrogge), mein Liebling in diesem tollen Film von Wolfgang Becker. (Doch) Klugscheißer hin, Semmelrogge her, Oliver Rohrbeck hat(te) einfach eine ganz tolle Kinderstimme, die Ihnen auch fernab der VORSTADTKROKODILE ganz bestimmt in zig TV-Serien begegnet ist. 

 

Ebenso toll wie Rohrbecks Stimme klingt die von Enrico Simonetti, der Vater von Claudio Simonetti, komponierte Titelmelodie. Das LITTLE KID-Theme „La banda del west“ steht in der Tradition klassischer TV-Westernserien-Motive, womit ich ganz gezielt jene Hymne anspreche, die HIGH CHAPARRAL einleitet. Das HIGH CHAPARRAL-Theme stand eh hin und wieder Pate für die Musikkompositionen der frühen italienischen Westerninszenierungen, wie man es beispielsweise aus der Mucke zu DER RANCHER VOM COLORADO RIVER heraushören kann. Der Abschlusssong, den der LITTLE KID-Score liefert, entfernt sich deutlich vom angesprochenen TV-Westernserien-Leitmotiv und klingt der bundesdeutschen Filmfirmierung entsprechend infantil. Ein von Kindern gesungener Song, der den Refrain aus „John Brown’s Body“ („Glory, Glory, Hallelujah!“) inkludiert. Jenes „Glory, Glory, Hallelujah!“ wird übrigens (mit dem vorangehenden Hinweis: „In Gedenken an Alamo“) in stets wiederkehrender Stereotypie von den Kids angestimmt.

 

„Warum spielst die nicht Schneewittchen und gehst mit den sieben Zwergen spazieren?“

(Little Kid)

 

Was Tonino Ricci mit LITTLE KID UND SEINE KESSE BANDE anklingen ließ, intensivierte ca. 4 Jahre später Alan Parker kraft seiner Inszenierung BUGSY MALONE. Das Erschaffen eines Mikrokosmos, wo Kinder die Rollen Erwachsener angenommen haben. Wie vermutlich (meine Sichtung liegt einfach zu lang zurück, sodass meine Formulierung etwas zurückhaltend klingt) die Kinderprotagonisten in BUGSY MALONE besitzen auch Tonino Riccis Kinderprotagonisten allesamt besondere Eigenschaften oder Merkmale, die sie individualisieren. Als da wären: Der Rotschopf mit den Sommersprossen, der Stotterer, der Dauerpinkler, der Tollpatsch, der Musikus am Klavier, der Fettklos und Butterfly - eine von Little Kid unterschätze Handkantenschlagakrobatin. 

 

Wo pfiffige Kids agieren, haben begriffsstutzige Halunken nichts zu lachen, denn sie lassen sich nun mal simpel an ihren schmutzigen Nasen herumführen. Jene Halunken sprechen notabene immerzu von einer Geisterstadt, die sie entern wollen, um dort zahlreiche Goldbarren einzusacken. Die Geister spuken allerdings nur in den spärlich ausgestatteten Oberstuben der Spitzbuben und nicht in dem kleinen Westernstädtchen, das stattdessen von zahlreichen Kids bewohnt wird. Diese pokern im Saloon und trinken Milch aus Whiskeygläsern. Und sollten sie dazu gezwungen werden, den Colt sprechen zu lassen, dann imitieren sie mittels ihrer Lippen die Schüsse im Stile von Darmgeräuschen. Und sollten die Ganoven in den Saloon kommen und frisches Bier ordern, pinkelt eines der Kiddies, seines Zeichens ein emsiger Zwiebelsaftkonsument, zwei Biergläser voll, was mächtig viel, von Unfug angespornte Stimmung aufsteigen lässt. Das Dialogbuch und die Synchronsprecher/innen sind ohnehin eine Menge Lob wert, da jeder noch so dämliche Scherz – bei mir zumindest – voll zündet. Ich habe die Vermutung, dass der überwiegende Teil des Humors bei Erwachsenen besser ankommen wird als bei den Kids, die sich während der Sichtung vornehmlich über alles was vulgär und anstößig mutet, also über alles was eine gute Kinderstube vermissen lässt, amüsieren, wenn nicht gar wegschreien werden. Irgendwie ist LITTLE KID UND SEINE KESSE BANDE ein Film für große und kleine Kinder und im Besonderen für BUIOlogen, da ihnen das Komitee des Gelsenkirchener Filmclubs ein bestmögliches Rüstzeug verabreicht hat, um derartige Filme über die Maßen zu schätzen und gemeinsam mit (!) den Lichtspielen und somit ums Verrecken nicht (!!) über die Lichtspiele zu lachen.   

 

Kinder besitzen als Darsteller in einem Italo-Western die furchterregende Kraft den kompletten Film runter zu ziehen. Der ungekrönte König in dieser fragwürdigen Rubrik ist Sven Valsecchi, der in SILBERSATTEL die Rolle des Thomas Barrett jr. verkörpert. Thomas Barrett jr. ist (wie Anja Bayer in der TV-Serie NESTHÄKCHEN) ein zur Realität gewordener Alptraum, ein apokalyptischer Reiter, der selbst jeden Optimisten zur sofortigen Selbstaufgabe bewegt, sobald er (Valsecchi) seine unerträgliche One-Kid-Show startet. Im US-Western gibt es eine Menge von minderjährigen Nervensägen, aber keine von ihnen kann Thomas Barrett jr. das Wasser reichen - Mission Impossible. Kein Grund zu Panik, denn bei LITTLE KID UND SEINE KESSE BANDE läuft alles easy und entspannt, da sich weit und breit kein Thomas Barrett jr. ausmachen lässt. Die Kiddes würden ihn wahrscheinlich auch dermaßen verarschen, dass er sich ganz flink auf sein Pony schwingt, um zum Nordpol zu flüchten und binnen kürzester Zeit die Pinguine zum Selbstmord zu bewegen. 

 

Little Kid und die Mädels und Jungens seiner kessen Bande sind dito pfiffig wie Sarahs Kinder in 100.000 DOLLAR FÜR EINEN COLT, aber absolut nicht so linkisch. Little Kid und seine Truppe sind Ehrenkinder. Auch wenn es ihnen nicht immer bewusst sein wird, stehen sie gegen die Abzockermethoden des Bankiers Wilson, welcher die armen Farmer um ihr Hab und Gut bringen und einhergehend vom Bau der Eisenbahn profitieren will. 

 

Der zentralisierte und verhasste Bankier Wilson wird von Hairstyling-Ikone Franco Ressel gespielt, der erfahrungsgemäß in vielen seiner Rollen den Kürzeren zieht und diesmal obendrein noch kräftig veralbert wird. Dito verarscht wird Gianclaudio Jabes in der Rolle des Halunken Shadow. Jener Gianclaudio Jabes, der beim alljährlichen Zappa-Double-Contest zu Baltimore antreten könnte und der die Rolle des Catapult in dem unfassbar dämlichen (der Film ist so shice, dass er schon wieder gut ist) DREI NONNEN AUF DEM WEG ZUR HÖLLE spielte. 

 

Bevor ich zum Fazit übergehe, möchte ich im Kontext Kinder-Western aus dem Stiefelland ganz fix auf einen italienischen Zeichentrick-Western hinweisen, den Bruno Bozzetto inszenierte. Wem der Name nichts sagt, der sollte nach einem gewissen Herrn Rossi googeln. Bozzetto haute zur IW-Blütezeit den Zeichentrickfilm DER WILDESTE WESTEN raus. Eine Westernparodie, die manch Genreingredienz auf gelungen-witzige Weise aufs Korn nimmt. Das soll es aber immer noch nicht gewesen sein, da mir beim Thema Kinderbanden ein beachtlicher französischer Film mit Namen DIE KLEINE BANDE in den Sinn kommt. Das Besondere an dem Film ist, dass er ganz prima ohne Sprache und Dialoge auskommt und somit in der Tradition der tollen Jacques Tati-Filme steht. Das soll es nun aber wirklich gewesen sein, sodass ich unumstößlich meine außerplanmäßigen Ausflüge beende und mit zarter Verspätung sowie von den Zinnen von Alamo mein Fazit zu LITTLE KID UND SEINE KESSE BANDE in die gnadenlose Welt der Italo-Western posaune: 

 

Bei den humoresk- als auch klamaukgefärbten Wiederbelebungsversuchen des Italo-Western ging der Schuss zumeist nach hinten los oder er landete im zuhauf zitierten Ofen. Nur selten waren Geschosse im Magazin, die tatsächlich im anvisierten Schwarzen einschlugen. LITTLE KID UND SEINE KESSE BANDE ist eines dieser Ausnahmegeschosse – erfrischend, pfiffig und urkomisch. Wer dem zweifelsohne speziellem Humor nicht gewachsen sein sollte respektive diesen nicht schnallen sollte, der könnte ganz lecker auf die Nase fallen und es demgemäß am besten gleich mit Dante Alighieri („Die Göttliche Komödie“) halten, der da sagt: „An jenem Tage lasen wir nicht weiter…“. 

 

In diesem Sinne und besonders in Gedenken an Alamo: „Glory, Glory, Hallelujah!“. 

Bitte Kommentar schreiben

Sie kommentieren als Gast.