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Phenomena

Italien | Schweiz, 1985

Alternativtitel:

Satánica inocencia (MEX)

Fenomeny (POL)

Creepers (USA)

Regisseur:

Dario Argento

Inhalt

Jennifer, die Tochter eines berühmten Filmschauspielers, wird in das Schweizer Richard Wagner Internat geschickt, um dort das Rüstzeug für ihren weiteren Lebensweg zu empfangen. Doch die Idylle, die Jennifers vorübergehende Heimat auf den ersten Blick vermittelt, ist trügerisch, denn im Umfeld des Internats geht vermutlich ein Mädchenmörder um, der nach getaner Arbeit die Leichen verschwinden lässt. Die ermittelnde Sonderkommission konnte bisher keinen Verdächtigen ausmachen. Doch Inspektor Geiger erhofft sich von der Zusammenarbeit mit dem querschnittsgelähmten Entomologen Professor John McGregor Erkenntnisse, die für Aufhellung sorgen. Schließlich hat die Polizei einen abgetrennten Kopf entdeckt, der von einem madenähnlichen Gewürm durchquert wird. Da gemäß Professor McGregor ein der Natur ausgesetzter, toter Körper von acht Kadaverfressenden Insektengruppen, die sich allesamt in einen bestimmten Zeitraum am Leichnam laben, befallen wird, kann der Gelehrte wie Lehrende nicht nur den Namen der Kadaververzehrer, sondern auch den Todeszeitpunkt bestimmen, sodass Inspektor Geiger mittels seiner kriminalistischen Kombinationsgabe und dem simultanen Abgleichen der Vermisstenliste den Schädel einer dänischen Touristin zuordnet.

 

Derweil ist Jennifer alles andere als glücklich in ihrem neuen Umfeld. Die psychische Belastung als auch das strahlend helle Mondgesicht am sternenklaren Firmament aktivieren ihren seit langem vorhandenen Drang zum Schlafwandeln. Und während ihres nächtlichen Ausflugs schrammt das Mädchen haarscharf am Tod vorbei und gelangt kraft mehrerer Zufälle zu Professor McGregor. Jennifer, die unter vorübergehender Amnesie leidet und demzufolge nicht weiß, dass sie vor einigen Minuten zur Mordzeugin wurde, vertraut dem Professor an, dass sie mit Insekten jeglicher Art in telepathischer Manier kommunizieren kann, was dieser freilich mit strahlenden Augen zur bereichernden Kenntnis nimmt. Nach ihrer Rückkehr ins Internat und ihrer Erklärung für die nächtliche Abwesenheit wird Jennifer blitzartig für verrückt erklärt, was dem Mädel zusätzlichen Ärger mit der Internatsleiterin wie ihren Mitbewohnerinnen einheimst.

 

In der folgenden Nacht schlägt der Mörder erneut zu. Jennifer, durch den Hilfeschrei des Opfers erwacht, wird von einem Glühwürmchen zu einem von Larven durchzogenen Handschuh geführt. Die anschließende Inspektion durch Professor McGregor entlarvt die kriechenden Viecher als die Larven der Sarcophaga, eine Insektenart die sich ausschließlich von Leichen ernährt. Der Professor vermutet, dass es sich beim Mörder um einen Psychopathen handelt, der Leichen konserviert und an einem bestimmten Ort aufbewahrt, um weiterhin Kontakt zu ihnen zu haben. Jennifer soll nun gemeinsam mit der Sarcophaga, die den Geruch von Leichen über riesige Entfernungen ausmachen kann, den umrissenen Ort des Todes ausfindig machen.

Review

Ein junges Mädchen wird während eines Ausflugs durch die ländliche Region des Kantons Zürich zurückgelassen. Die Ruhe und Entspanntheit, welche die pittoreske Landschaft noch vor ein paar wenigen Minuten ausstrahlte, weicht ex abrupto einer rapide aufkeimenden Bedrohung. Das Mädel ist urplötzlich starr vor Angst. Sie ist allein! Allein in einer Fremde, die von den Einheimischen doch sicherlich nicht grundlos als das Transsylvanien der Schweiz charakterisiert wird. Langsam steigert sich die Kraft des Windes, der die Tannenwipfel peu à peu kräftiger hin und her wiegen lässt. Jene, die schwingenden Bewegungen der Baumkronen flankierende Musik, deren Dominanz von meditativ klingenden Melodielinien gezeichnet ist, wird mittels einer stets wiederkehrenden wie besorgniserregenden Tonabfolge gestört. Was wir freilich nicht als Dissonanz, sondern als die auditive Übermittlung einer Botschaft, die fürwahr nichts Gutes verheißen lässt, wahrnehmen. Wir ahnen, dass das Unheil im Anflug ist und begleiten mit flatternden Herzen das hilflose Mädchen zu einem verlassenen Haus, in dem das Böse, das sich vor wenigen Momenten von seinen Ketten befreien konnte, lauert. Es lauert auf Beute, es will seinem Drang zu töten endlich Befriedigung verschaffen…

 

Jau, da simmer (natörlich) dabei, auch wenn nach meinem Dafürhalten PHENOMENA nicht ganz so prima, wie es De Höhner in ihrer Hymne dem Freizeit- und Unterhaltungsprogramm der Stadt Kölle nachsingen und wie es - was im PHENOMENA-Kontext deutlich spannender klingt - den drei vorangegangenen Argento-Inszenierungen (SUSPIRIA, HORROR INFERNAL, TENEBRAE) beschieden ist. PHENOMENA symbolisiert einen architektonischen Stilbruch mit dem bisherigen Argento-Œuvre. Dario Argentos neunter Kinofilm symbolisiert Umbruch wie auch den Aufbruch zu neuen Ufern. So ist beispielsweise der diesmalige Schauplatz nicht eine Stadt (Rom, New York oder Freiburg), sondern ein ländlicher Teil des Kantons Zürich. Von den Alteingesessenen ironisch oder ggf. auch sarkastisch als das Transsylvanien der Schweiz charakterisiert. Womit anklingt, dass dieser Landkreis irgendwann und möglicherweise auch mehrfach von einer dämonischen Macht heimgesucht wurde. Und wenn dämonische Kräfte in den walten, geleitet uns unser erster Gedanke erfahrungsgemäß zum Horrorfilm. Ein Genre, das seinen Vertretern viele Freiheiten gewährt, da es nicht an die Gesetze der Wahrscheinlichkeit gebunden ist. Dieses geschriebene Gesetz greift im Kontext der Argento-Filme auch über das Horrorfilmgenre hinaus, da der Regisseur weniger auf die Logik des Alltäglichen als viel mehr auf die Logik der Alpträume setzt.

 

Mittels der Fokussierung des Charakters Jennifer, im Besonderen ihrer telepatischen Verbindung zu Insekten und ihrem gestörten Verhältnis zu den Internatsschülern sowie der Internatsdirektorin, verliert der Film für eine bestimmte Zeit die Suche nach Opfer, Motiv und Täter aus den Augen. Demgemäß unterscheidet sich der Charakter Jennifer von den in den verschachtelten Welten des Mütter-Kosmos fortwährend ermittelnden Charakteren Mark Elliott (HORROR INFERNAL) und Suzy Banyon (SUSPIRIA).

 

Suzys Ermittlungsfeld, das Tanzinternat, wird uns simultan zu unserem gemeinsamen Eintritt als ein durch und durch dubioser Hort vermittelt. Wir erahnen sehr schnell, dass in der Tanzschule das absolut Böse residiert, denn nicht enden wollende Flure, zwielichte Lehrkräfte und Bedienstete sowie ein kalter Hauch des Todes verwandeln die ominöse Lehranstalt in ein gespenstisches Monstrum. Dieses kann ich vom Richard Wagner Internat nicht behaupten. Das Gebäude wirkt nicht wirklich beängstigend, was sich allerdings nicht mit abgängiger Empathie, sondern mit den (an SUSPIRIA und HORROR INFERNAL gemessen) divergierenden Zielen wie Ambitionen des Regisseurs begründet.

 

Die Furcht aktivierende Präsenz einer Marie Tanner (SUSPIRIA) hat sich Dalila Di Lazzaro (die Internatsleiterin in PHENOMENA) sicherlich mehr als ein Mal zu Gemüte geführt und deren strengen wie herrischen Habitus studiert. Auch wenn Dalila nicht die Klasse ihres (möglichen) Rollenvorbilds erreichen kann, gelingt es ihr als boshafte Direktorin zu überzeugen. Eine Lehrkraft, der man viele Gemeinheiten zutraut und darüber hinaus nicht verzeihen mag. Eine weitere Parallele zu SUSPIRIA ist der Tod, der kraft zahlreicher Scherben herbeigeführt wird. Überhaupt ist es augenfällig, dass Argento innert PHENOMENA sein eigenes Regiewerk wie auch inszenatorisches Fremdwerk emsig zitiert. Die Tauchszene im Filmfinale ist vermutlich an die Tauchszene aus HORROR INFERNAL angelehnt. Das Elektro-Enzephalogramm, dem Jennifer unterzogen wird, erinnert an eine ähnliche Szene aus John Boormans EXORZIST 2 (den ich entgegen der allgemeinen Meinung ganz hervorragend finde). Ferner lassen sich Zitate aus WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN und freilich FREITAG DER 13. entschlüsseln. Darüber hinaus kann oder darf (wer soll mich daran hindern?) man behaupten, dass der Film etwas vorweg greift, was erst später mittels SAW visualisiert und erfolgreich kommerzialisiert wurde. Argento brachte ab den 1980ern eh gern den psychopathisch veranlagten wie auch kreativ folternden Killer in die Gestaltung seiner Werke (man schaue zwecks Verdeutlichung OPERA, STENDHAL SYNDOROME, SLEEPLESS) ein.

 

Die PHENOMENA begleitenden Tondichtungen der Band Goblin (die Quellen nennen zudem Simon Boswell als weiteren Musikkomponisten) klingen vornehmlich schwärmerisch und phasenweise enthusiastisch. Demgemäß harmoniert der Goblin-Score auch bestens mit dem Visuellen. Meines Erachtens hätte Argento an dieser Verfahrensweise kontinuierlich festhalten sollen und auf den Einsatz von Maidens „Flash of the Blade“ und Motörheads „Locomotive“ verzichten sollen, auch wenn mich an beiden Kompositionen nur Dickinsons fürchterlicher Sirenengesang (ich bin halt bekennender Anhänger von Maidens Di Anno-Ära) stört. Harter Rock, der nicht unbedingt eigens für den jeweiligen Film (in dem er zum Zuge kam) komponiert wurde, avancierte vornehmlich - so habe ich es aus meiner einstigen Videotheken-Junkie-Zeit in Erinnerung behalten - in der zweiten Hälfte der 1980er neben der üblichen Konfektionsmusik zu einem festen Bestandteil des Horrorfilms. Als Beleg lassen sich beispielsweise die Songs aus den NIGHTMARE-Filmen sowie die closing credits songs der unzähligen Horrorproduktionen aus dem genannten wie dem nachfolgenden Jahrzehnt anführen.

 

Von den Musikkompositionen aus dem Schattenreich nun hin zu den schattenreichen Bildkompositionen. Auf das sich im Weimarer Kino popularisierende Zusammenspiel von Licht und Schatten müssen wir auch bei PHENOMENA nicht verzichten. Allerdings gelingt es diesen Bildkompositionen nicht, in einer ähnlich beängstigenden Weise zu fungieren wie es in SUSPIRIA als auch in HORROR INFERNAL der Fall ist, was sich freilich mit dem angesprochenen inszenatorischen Stilbruch belegen lässt. Die Bilder haben sich geändert. Das Helligkeitsgeflutete aus TENEBRAE sowie das Bavaeske aus HORROR INFERNAL sind partiell märchenhaften wie verträumten Bildkompositionen gewichen, die im Besondern während der Schlafwandelszene gar videoclipartige Züge annehmen.

 

Jene Schlafwandelszene lässt sich im Gesamtkontext als eine Schlüsselszene lesen, mit der Jennifer zur symbolischen Alice transformiert und ins Wunderland, dort wo ihr die Fähigkeit beschieden ist, mit den Insekten zu kommunizieren, eintritt. Der Eintritt erinnert mich ein wenig an das Märchen von jenem Maler, der der Faszination seines Gemäldes derart erlag, dass er einen, von ihm gemalten, zwischen Wäldern gelegenen und in die Bergwelt führenden Weg unversehens beschreiten wollte. Folglich trat der Künstler in das Gemälde ein, hob ergo die Distanz zwischen Mensch und Kunstwerk auf, und wurde von Stund an nie mehr gesehen.

 

Ob die reale Welt Jennifer jemals wieder sehen wird? Schließlich bleibt die Entscheidung, ob Jennifer das Gemälde Wunderland wieder verlässt und in die reale Welt zurückkehren wird, über das Filmende hinaus in der Schwebe. Sie, die symbolische Alice, beschreitet mit ihrem Eintritt in das Land hinter den Spiegeln den Weg zum Erwachsenwerden. Besteht zahlreiche Prüfungen, erlangt Reife und wird mit dem Todesschrei des Mörders aus ihren Traum erweckt. Sie hat die Distanz zwischen Mensch und Kunstwerk ausgehebelt. Und sofern Sie in der Lage sind, die Gesetze der alltäglichen Logik auszuhebeln, können Sie die eben gestellte Frage selbst beantworten.

 

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