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Suspiria

Italien, 1977

  • Alternativtitel:

    Alarido (MEX)

    Suspiria - In den Krallen des Bösen

  • Deutsche Erstaufführung: 05. Mai 1977
  • Regisseur: Dario Argento
  • Kamera: Luciano Tovoli
  • Musik: Dario Argento, Goblin
  • Drehbuch: Dario Argento, Daria Nicolodi
  • Inhalt:

    Die Amerikanerin, Suzy Bannion, reist nach Freiburg, um an der Schule von Madame Blanc Tanz zu studieren. Als Suzy die Lehranstalt erreicht, beobachtet sie, wie eine weibliche Person – hysterisch schreiend – aus dem Haus rennt. Kein Phänomen, denn die neue Schülerin wird fortan mit vielen merkwürdigen Vorgängen konfrontiert, Infolgedessen stellt Suzy Nachforschungen an und findet heraus, dass ihr neues Zuhause eine unheimliche Geschichte birgt. Ist die junge Frau das Opfer eines Hexenzirkels?

  • Autor: Frank Faltin
  • Review:

    Dario Argentos erster Horrorfilm ist gleichzeitig der Auftakt zu seiner „Mütter-Trilogie“. Ein beachtlicher Film, der in künstlerischer sowie technischer Hinsicht neue Maßstäbe setzten konnte. Allein die Farbvielfalt und die Art wie diese Farbpalette eingesetzt wird, kann nicht oft genug gefeiert werden. Einige dieser Sequenzen wurden beispielsweise in der belgisch / französischen Co-Produktion „Amer“ geadelt. Diese audiovisuelle Hommage kommt allerdings eher einem Rausch nahe - ohne dabei eine Story erkennen zu lassen. Ein Kritiker schrieb einmal: „Kunst bedeutet, wenn man nicht versteht, wovon ein Film handelt.“ Oberflächlich eingeschätzt, aber hinsichtlich „Amer“ durchaus zutreffend. Von solchen Einschätzungen bleibt „Suspiria“ natürlich verschont. Der Film bietet eine geradlinige Story und lässt den Zuschauer in die Welt der Mater Suspiriorum, die Mutter der Seufzer, eintauchen. Eine Welt, die der Maxime eines Märchens folgt, denn mit Suzy Bannion tritt „Alice“ (im übertragenden Sinne) in „Dario Argentos Wunderland“ ein.

     

    Unter Verwendung der genreüblichen Schockeffekte wie Blitz, Donner und die durch das Haus hallenden Schritte von Unbekannten lehrt Dario Argento dem Rezipienten das Gruseln. Auch die harmlosen Dinge des Alltags, wie die im Hof aufgehängte Wäsche, avancieren zu bedrohlichen Instanzen. Klassische Stilmittel erfolgreich eingesetzt und in phänomenale Bilder verpackt, welche zwischen dem Antinaturalismus eines märchenhaften Kompositionsstils und dem Caligarismus eines Robert Wiene chargieren.

     

    Die Charaktere sind in ihren Eigenschaften (Gut und Böse) deutlich gekennzeichnet, sodass dem Rezipienten ein stringentes Personenschema offeriert wird, welches ihm aufzeigt, wem er trauen kann und wem nicht. Das Identifikationspotential ist demnach unmissverständlich ausgelegt und jederzeit greifbar, sodass zwischen Gut und Böse keinerlei Verwechslungen aufkommen können. Man siehe nur die krassen Divergenzen der Hauptprotagonistinnen. Auf der einen Seite die brave Studentin, Suzy Bannion, die ihre Nase zu tief in fremde Angelegenheiten steckt. Auf der anderen Seite die Tanzlehrerin Miss Tanner, streng uniformiert, herrisch und einer KZ Aufseherin nicht unähnlich. Wen holen wir lieber ins Kinderzimmer?

     

    Da „Suspiria“ in Deutschland spielt, könnte man annehmen, dass Argento mit dem dubiosen Charakter der Miss Tanner auf die „Thule-Gesellschaft“ hinweist. Ein politischer Geheimbund, der 1918 in München gegründet und 1925 aufgelöst wurde. Ihr Gründer, Freiherr von Sebottendorff eigentlich Adam Alfred Rudolf Glauer, galt als Kenner des Islam, der Freimaurerei, der Astrologie und diverser Meditationstechniken. Mit dem Einverständnis des Ordenskanzlers des „Germanen Orden“, Hermann Pohl, errichtete er in der Münchener Zweigstraße die „Thule-Gesellschaft“, ein Name der sich auf die Urheimat der Arier, einem versunkenen Kontinent namens aufleben zu lassen, um Deutschland eine Weltherrschaft (die „Argento-Hexen“ streben sie ebenfalls an) zu ermöglichen. Diese okkult-faschistische Vereinigung konnte innerhalb von 4 Monaten 1.500 Mitglieder registrieren. Unter ihnen waren zum Beispiel der Jurist, Hans Frank, der einige Todeslager für die Endlösung einrichten ließ, der überzeugte Antisemit, Gottfried Feder, sowie der spätere Hitler-Stellvertreter, Rudolf Hess.  

     

    Doch nun zurück um Film. Obwohl uns das Einschätzen seiner Figuren (wie bereits angerissen) verhältnismäßig leicht fällt, erfahren wir nichts von deren Vergangenheit. Einzig der mysteriöse Charakter Helena Markos liefert uns Informationen, aber auch zusätzliche Fragen:

     

    - Ist Helena Markos eine autark agierende Hexe?
    - Gehört sie einem untergeordneten „Suspiriourum Coven“ an?
    - Ist Helena Markos, Mater Suspiriorum?

     

    Zum Entstehungszeitpunkt von „Suspiria“ war das Konzept der „Drei Mütter“ noch nicht „ausgereift“. Dieses wurde erst mit „Inferno“ manifestiert. Denn erst dort definiert uns der Prolog des Alchemisten, Varelli, die Geschichte, die hinter den „drei Hexen“ steckt. Diese Erkenntnis führte dazu, dass Helena Markos rückwirkend als Mater Suspiriorum definiert wurde (und wird).

     

    Ein weiterer und extrem wichtiger „Protagonist“, den „Suspiria“ fortwährend zentralisiert, ist das Haus in dem sich die Tanzschule befindet. Ein wunderschönes Gebilde, das sich auf der Franziskanerstraße in Freiburg befindet und „Haus zum Walfisch“ genannt wird. Das Innere des Hauses gleicht einem Labyrinth, welches in seinen Tiefen das Böse beherbergt. Lange Gänge, ominöse Bedienstete und der kalte Hauch des Todes verwandeln dieses wunderschöne Haus in ein gespenstisches Monstrum. Wer sich den Regeln des Hexenkults widersetzt, der wird – so scheint es – von diesem Gebäude gefressen und anschließend ausgespuckt.

     

    Inmitten eines künstlerischen Spiels, das zwischen Surrealismus und Expressionismus chargiert, kommt der Mörder zwar unerkannt, aber niemals unerwartet. Somit wird der Zuschauer (auch) mit den Momenten eines Giallo-Thrillers konfrontiert. Die Polizei ist (jedoch nur) einmal im Einsatz und hält sich anschließend aus dem Ratespiel heraus. Die Ermittlungen obliegen somit einzig Suzy Bannion, so wie es auch Mark Elliot innert des („Suspiria“-) Nachfolgers „Inferno“ auferlegt ist. Folglich ist es auch keine Überraschung, dass sich beide Filme in ihrem Finale ähneln und schlussendlich in einem reinigenden Feuer enden. Es gibt allerdings einen gravierenden Unterschied…

     

    …und den solltet ihr gefälligst selbst herausfinden.

     

    Fazit: „Suspiria“ zählt seit nun mehr als 25 Jahren zu meinen persönlichen Top 3 Filmen. Es war eine grandiose Erstbegegnung und von diesem Zauber ist bis heute nichts erloschen, denn Dario Argento geht allen Klischees, die das Genre zeitweise langweilig machten, aus dem Weg und präsentiert ein spannendes, sowie technisch absolut perfektes Horrorkino. Der Film gleicht einem Geschenk, das man immerzu mit prickelnder Spannung auspacken und stets neu entdecken kann.

  • Autor: Frank Faltin
  • Veröffentlichungen:

    „Suspiria“ ist wie „Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf“, „Zombies unter Kannibalen“ und „Zombie“ einer der Filme, die wir in den 1980ern für eine Kaution von ca. 250,- bis 300,- DM als VHS gemietet haben. Hätte ich den Werdegang von „Sado“ erahnt, dann hätte die Theke das Tape nicht zurückbekommen.

     

    In der Post-VHS-Zeit wurde „Suspiria“ mehrfach von dem Unternehmen Dragon auf DVD veröffentlicht. Dabei stieg die Ultimate Collector's Edition zusehends im Wert. Ich weiß nicht, welches Ausgangsmaterial für die digitale Bearbeitung verwendet wurde, allerdings sind Bild- und Tonqualität als gut zu bezeichnen. 

     

    Seine deutsche HD-Premiere erhielt „Suspiria“ durch das Label '84 Entertainment. Allen Antipathien zum Trotz muss ich gestehen, dass es sich um eine starke Veröffentlichung handelt. Die Restauration von Argentos farbgewaltigem Film bietet erstmals die Farbgebung des Original-Negativs und man muss neidlos anerkennen, dass die Ansicht der Blu-ray einem visuellen wie auditiven Genuss gleichkommt.

  • Autor: Frank Faltin
  • Filmplakate

    Links

    OFDb

    IMDb

     

    Kommentare (3)

    • Fando_Y_Lis

      Fando_Y_Lis

      23 Januar 2017 um 13:33 |
      Sehr schön geschrieben. Mir lacht das Herz bei diesem Review, genau so wie bei x-ten Anschauen von "Suspiria". Hab den Film schon an die fünfzig Mal gesehen und das Filmplakat als Tattoo auf meinem Körper verewigt. "Suspiria" ist mein absoluter Lieblingsfilm.

      Das mit der Thule-Gesellschaft wußte ich noch nicht, ist ein interessanter Aspekt. Das Miss Tanner etwas von einer KZ-Aufseherin hat, ging mir allerdings auch schon durch den Kopf.

      Vor allem die ersten zwanzig Minuten des Films sind ein krasser Rausch. Danach verliert der Film an Tempo (und ich gebe zu, auch etwas an Spannung), was aber nichts macht, da er visuell, musikalisch und darstellerisch extrem unterhaltsam und gut gemacht ist. Die Darsteller sind zwar nicht wirklich "gut", das macht aber nichts. Dario Argento ist das Thema auch relativ egal, da es ihm mehr darum geht, seine Visionen und Träume adäquat auf die Leinwand zu bekommen.

      Dann ist ihm häufig fantastisch gut gelungen.
      Aus meiner Sicht stellt "Suspiria" den Höhepunkt seines opulenten Schaffens dar.

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    • Oliver Pliatsikas

      Oliver Pliatsikas

      29 November 2018 um 14:45 |
    • Oliver Pliatsikas

      Oliver Pliatsikas

      29 November 2018 um 15:11 |
      Kann dem nichts hinzufügen. Der Film ist quasi die Alptraumumkehrung von ,Alice im Wunderland'. Auch wie später in ,Phenomena' werden hier auch Tiere (Schäferhund) zweckentfremdet und durch eine nicht zu erklärende Macht zur Mordbestie. Dazu Insekten wie Maden die von der Decke ,Regnen'. Wieso und warum dies geschied, und warum die 140 Jahre alten Hexe Helena Marcos dort resiediert das bleibt im dunkeln. Was aber nichts macht. So kann sich jeder seinem Reim darauf dazu interpretieren und das macht das ganze interessant. Geheimnisse bleiben letztendlich erhalten und das macht den Reiz dieses Horror-Mysterie Giallos aus nicht alles zu erklären.

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