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Vergewaltigt in Ketten

Italien, 1961

Originaltitel:

A cavallo della tigre

Alternativtitel:

À cheval sur le tigre (FRA)

På tigerns rygg (SWE)

Jail Break (GBR)

On the Tiger's Back

Der Ritt auf dem Tiger (TV-Titel)

Deutsche Erstaufführung:

20. Mai 1966

Regisseur:

Luigi Comencini

Inhalt

Giacinto Rossi (Nino Manfredi) hat eine dreijährige Gefängnisstrafe wegen eines fingierten Raubüberfalls abzusitzen, mit dem er seinen Arbeitgeber betrügen wollte. Im Knast arbeitet er als Helfer auf der Krankenstation, was das Interesse dreier potenzieller Ausbrecher auf ihn lenkt, da Giacinto ihnen nützliches Material beschaffen kann. Schon bald sitzt er mit ihnen in einer Zelle: mit der „Ratte“ (Raymond Bussières), dem Kopf des Unternehmens, dem „Büffel“ Mario Tagliabue (Mario Adorf) und Papaleo (Gian Maria Volentè).

 

Rossi hat nicht die Absicht auszubrechen, schließlich hat er nur noch ein knappes Jahr abzusitzen. Doch die drei Schwerverbrecher haben schnell erkannt, dass Giancinto eine Plaudertasche ist, die sich von Verrat eine Verkürzung seiner Haftstrafe erhofft. Und so wird er gegen seinen Willen mitgenommen. Der Ausbruch gelingt, doch einmal draußen scheint die Lage hoffnungslos.

Review

Regisseur Luigi Comencini hatte 1960 großen Erfolg mit der Tragikomödie ZWISCHEN DEN FRONTEN (Tutti a casa, 1960), in der Alberto Sordi nach einem Drehbuch von Age, Scarpelli und Comencini agierte. Nun, im Jahr darauf, folgte diese Mischung aus Drama und Komödie, produziert von der Genossenschaft Film 5, hinter der Alfredo Bini, Mario Monicelli, Age & Scarpelli und Comencini selbst standen. Doch der im Verleih von Titanus gezeigte A CAVALLO DELLA TIGRE wurde zum Publikumsflop. Die Mischung aus Komödie, Drama, Sozialkritik und schmerzhaft verzweifelten Momenten wollte bei den Kinozuschauern nicht so recht zünden. Erst mehr als ein Jahrzehnt später wurde der Film von Kritikern wiederentdeckt und gefeiert.

 

Der unter dem reißerischen deutschen Titel VERGEWALTIGT IN KETTEN gezeigte Film beginnt komödiantisch. Mit Giacinto Rossi (Manfredi) als Erzähler sehen wir, wie dieser ein dilettantisch inszeniertes Verbrechen fingiert, dabei von einem Fischer beobachtet wird und er ausgerechnet diesen bittet, die Polizei zu verständigen. Der Fischer verrät ihn.

 

Im Gefängnis arbeitet er freiwillig auf der Krankenstation, und nun werden uns nacheinander die potenziellen Ausbrecher vorgestellt. Bei Il Sorcio, der Ratte, bleibt es bei Drohungen, die dieser im Namen von Mario Tagliabue (Adorf) ausstößt. Denn dieser ist ein besonders schlimmer Finger. In einer Rückblende wird gezeigt, wie Mario 30 km hinter einem betrügerischen Komplizen hinterherrennt, der auf einem Fahrrad vor ihm flieht. Als Mario ihn eingeholt hat, erschlägt er ihn mit selbigem Fahrrad – 30 Mal. Dritter im Bunde ist Papaleo (Volontè), der den Geliebten seiner Verlobten erschoss. Doch damit nicht genug. Da er nur eine Kugel hatte, blieb die betrügerische Dame verschont, und so ist Papaleos einziger Grund für den Ausbruch, seine Tat endlich zu komplettieren.

 

Giacinto ist diesen dreien nicht gewachsen. Er will nur unbeschadet aus dem Ganzen rauskommen. Eine der amüsantesten Wendungen des Films, ist die Einberechnung der Ausbrecher von Giacintos Charakter. Sie wissen, dass er sie verraten wird, und so haben sie einen Fluchtplan und einen Fake-Fluchtplan, den die Plaudertasche an die Wärter verraten soll. Das tut er auch, und während das Gefängnispersonal die Ausbrecher am falschen Ort erwartet, gelingt ihnen – mit Giacinto im Schlepptau – die Flucht.

 

Aber es ist nicht meine Art, einen kompletten Film wiederzuerzählen. Der gelungenste Teil des Films besteht in der Art, wie es ihm gelingt, die Ausbrecher auch nach ihrer Flucht von der Gesellschaft zu isolieren. Der Zuschauer darf – ebenso wie die Delinquenten – nur selten einen Ausblick auf die Außenwelt erhaschen, doch wann immer dies geschieht, zeigt sich die Unmöglichkeit der Wiederkehr in die normale Welt für die Ausbrecher. Mario versucht eine Vergewaltigung, Papaleo will seine Rache vollenden, doch niemand zieht seine Gewalttätigkeiten durch. Sie haben nicht das Recht dazu, und das spüren sie. Sie sind nicht mehr Teil der Draußenwelt.

 

Für den Zuschauer wird es immer schwieriger, denn dem Film gelingt es, dass einem schließlich alle vier Verbrecher sympathisch sind. Und verzweifeln wir mit ihnen an der Hoffnungslosigkeit ihrer Situation. Zu einem schmerzvollen Höhepunkt kommt dies, wenn Giacinto seine Ehefrau Iliana um Geld bitten will. Er findet sie mit den gemeinsamen zwei Kindern in bitterster Armut und mit neuem Mann vor. Doch er ist nicht wütend. Er hat nicht das Recht. Die Rolle der Iliana wird eindrucksvoll von der preisgekrönten Theater- und Filmdarstellerin Valeria Moriconi gespielt.

 

Schließlich sieht ausgerechnet Mario in Giacinto seinen einzigen wirklichen Freund, doch der hat andere Pläne. Auch das ist ein sehr schmerzvoller Moment. Ein wundervoller Film, keineswegs leicht konsumierbar. Doch wer Gian Maria Volontè in seiner ersten größeren Rolle sehen will, kann nicht daran vorbei.

 

Einen Sonderauftritt hat das einstige Kino Principe, vor seinem Abriss in der Via Cola di Rienzo 240 in Rom gelegen. Das Kino war bekannt, für sein sich nach den Vorstellungen öffnendes Kuppeldach. Die Gefängnisszenen entstanden im Forte Sangallo am Thyrrenischen Meer.

 

Neben dem grenzwertigen Kinotitel VERGEWALTIGT IN KETTEN lief der Film auch unter dem passenderen DER RITT AUF DEM TIGER im deutschen Fernsehen. Die deutsche Synchronisation erfolgte durch die Hermes Synchron GmbH Berlin, mit Rainer Brandt (Manfredi), Gerd Martienzen (Bussières) und Joachim Nottke (Volontè), Mario Adorf sprach sich selbst.

Links

OFDb

IMDb

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