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Queens of Evil

Italien, 1970

Originaltitel:

Le regine

Alternativtitel:

Les sorcières du bord du lac (FRA)

Dolcemente atroce (ITA)

Il delitto del diavolo (ITA)

Regisseur:

Tonino Cervi

Inhalt

Ein Hauch von EASY RIDER weht durch die Kulisse, wenn Ray Lovelock als David auf einem Motorrad durch das Land fährt, wildromantische Landschaften beäugt, und dazu (von ihm selbst komponierte und eingesungene) country-eske Musik ertönt. Doch wo Peter Fonda seinem Schicksal in Form stupider Hinterwäldler begegnete, ist die Auflösung von LE REGINE schon eine ganz Ecke europäischer. Soll heißen, nicht die Gewalt ist hier der Schlüssel, sondern der Mystizismus. Das beginnt bereits damit, dass David des Nächtens einem Mann bei einer Reifenpanne an seinem Rolls-Royce hilft. Man unterhält sich ein wenig, über Haarlänge, Sex-Sklaven und Freiheit, worüber man halt so spricht während der eine den Reifen wechselt und der andere zuschaut und Zigarre raucht, und zum Dank sticht der Mann einen Nagel in Davids Reifen, bevor er sich in die Nacht verabschiedet. David will ihn zur Rede stellen, doch dabei kommt es zu einem Unfall – Und der Mann ist tot.

 

Um nicht Ärger mit der Polizei zu bekommen fährt David durch den Wald und findet ein alleinstehendes Haus, das von drei schönen Frauen bewohnt ist: Liv, Samantha und Bibiana laden ihn zum Frühstück ein, fragen nach seinen libertären Ansichten von Freiheit und Liebe, und zeigen deutlich Interesse an seiner Gegenwart. David bleibt tatsächlich noch da, schläft zuerst mit Samantha, später dann auch mit Bibiana, und bei einem Fest in einem benachbarten Schloss schließlich auch mit Liv. Doch dazwischen gibt es Ereignisse, die David zu denken geben sollten: Bibiana stopft ein totes Eichhörnchen aus. Nach einem Festmahl ist die Küche voll mit Essensresten und Geschirr, zwei Minuten später ist die Küche so leer wie frisch aus dem Katalog. In der Nacht stehen die drei Frauen rund um ein Feuer im Wald, in welches sie ominöse Dinge werfen (wahrscheinlich Molchesaug' und Unkenzehe, Hundemaul und Hirn der Krähe). Samantha kann sich offensichtlich im Moment eines Augenzwinkerns von einem Strand zum anderen bewegen, während armes kleines David immer unter Einsatz seiner Kraft schwimmen muss. Seltsame Momente, die David kraft seiner Selbstüberschätzung aber völlig gedankenfrei überstehen kann. Ein Fest, das der Schlossbesitzer in der Nachbarlichtung gibt, wird die Entscheidung bringen, ob David seinen freiheitlichen Idealen entsagen wird, oder ob er dort im Wald bleibt. Bei den Drei …?

 

Autor

Maulwurf

Review

Denn ganz ehrlich, der hellste ist kleines dummes David nicht. Anstatt seinen Sinnen zu trauen und sich zu fragen, ob die drei Schönheiten wirklich alleine im Wald leben, Unmassen von Lebensmitteln fix und fertig in der Küche stehen haben, und sich per offensichtlicher Teleportation von einem Flecken zum andern bewegen können, anstatt sich also solche Fragen zu stellen, gehorcht David, typisch Mann, seinem Schwanz, stellt keine Fragen, und will mit allen dreien ins Bett. David zelebriert seine ganz persönliche Freiheit wie einen Schatz den nur er gefunden hat, der nur ihm gehört, und der zwar seinen Worten nach allen gehören soll, seine Worte aber durch sein Handeln schnell Lügen straft. Denn natürlich legt er keinen Wert auf Besitztümer oder auf Treue, er propagiert nachdrücklich die freie Liebe, wenngleich er auf Rückfrage diese ein wenig darauf einschränkt, dass dies ja eher für Männer gilt. Und als Samantha sich sein Motorrad „ausborgt“ zeigt er bemerkenswert wenig Sinn dafür, dass es kein Eigentum gibt und allen alles gehört. David ist, wenn es hart auf hart kommt, nicht besser als der Mann im Rolls-Royce, ja er ist auch nicht besser als alle andern auf die er von seinem Turm hinabschaut. Die drei Frauen scheinen ihm dies aufzuzeigen, doch er begreift nicht - Das würde sein Ego auch nicht zulassen. Und er begreift auch nicht, wozu dies alles geschieht. Der Zuschauer wird es im Gegensatz zu David am Ende erfahren, und aus heutiger Sicht ist dies ein böses und gemeines Ende.

!!!Achtung Spoiler!!!

[Denn der Teufel, der seine Hexen zusammenstaucht, dass sie ihm zu wenig Seelen bringen, woraufhin sich die Geschurigelten beschweren, dass die heutige Generation keinen Wert mehr legt auf die Dinge die immer funktioniert haben, der führt sich erst einmal auf wie jeder moderne Manager es so tut, gleich ob 1970 oder 2020. Der aus heutiger Sicht böse Nachtritt kommt dann, wenn der Teufel neue Ideen fordert, neue Methoden und Erfindungen (!) verlangt um die Seelen zu ködern, und wir heute wissen, dass er, seiner damaligen Verzweiflung zum Trotz, mittlerweile längst gewonnen hat. Dass die fast ausschließliche Beschäftigung mit den sogenannten sozialen Medien, dem Konsum und dem süchtigen Selbst dazu geführt hat, dass so komische Dinge wie Freiheit, soziale Integrität, Gleichheit oder, was ganz was Verwegenes, Liebe, dass solche Dinge heutzutage längst untergegangen sind. Viel wichtiger ist es doch, das größere Auto, den neusten Rasenmäher und das Wochenende im Swingerclub zu zelebrieren, anstatt der Ideale denen David am Ende entsagen wird, und die doch eigentlich viel anständiger und aufrichtiger wären, auch und gerade sich selbst gegenüber. Spoiler und Auskotzen Ende.]

 

Doch trotz dieser düsteren Gedanken ist LE REGINE ein sinnenfrohes und lebendiges Märchen. Keine dunkle Moritat, ganz im Gegenteil hat der Film sogar viel Licht, viel Spaß, und einige sehr drollige Szenen, die mit ihrer leisen Komik gut zum Gesamtbild passen. Die drei Damen sind eben keine Hänsel und Gretel-artigen Megären, die nur für Mord und Totschlag leben, sondern dem Leben und der Liebe zugewandte Schönheiten – Zumindest scheint es für David so, und auch der Zuschauer macht diese Reise durch Sonne, Wald und See aus den genannten Gründen gerne mit, obwohl ihm natürlich immer wieder Übles schwant. Eine leichte und sommerliche Atmosphäre, ein deutlich spürbarer Rest von Love & Peace, durchzieht den Großteil des Films, und die gelegentlichen Ausflüge tief ins Herz des gotischen Grusels sind dabei das Salz in der Suppe. Wenn Samantha dem Herrn der Schöpfung einen Apfel frisch vom Baum anbietet, ihn dabei anschmachtet, und wir alle wissen, dass dieser Baum hier eigentlich gar nicht stehen dürfte, dann kommt diese leichte Gänsehaut hoch, die den Fan altmodischer Gruselfilme und –literatur so reizt. Kein Sleaze, kein Gore, keine nackten Tatsachen – Trotz dreier extrem gutaussehender Frauen wird nur ein einziges Mal ein klein wenig der Schleier gelüftet, und nur Haydée Politoff zeigt sich einmal kurz nackt, ohne dabei aber zu viel zu zeigen. LE REGINE legt Wert auf andere Qualitäten. Auf eher altmodisches Zeugs wie eine gute und von Symbolen tief durchdrungene Geschichte und ansprechende Darsteller in Verbindung mit einer perfekten Musik und Settings die zum Hinknien schön sind.

 

Vier Jahre später wird Ray Lovelock wieder mit einem Motorrad unterwegs sein, und im LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN wird er den Auswüchsen der Zivilisation wieder entgegentreten müssen, dieses Mal dann aber noch etwas endgültiger. Die Parallelen zwischen LE REGINE und LEICHENHAUS sind auf narrativer Ebene durchaus bemerkenswert. Beide Male der Rückzug aus der Gesellschaft und hinein in einen idealisierten und privaten Bereich, beide Male der Störfaktor, der den Versuch, die geträumten Ideale auch zu leben, vernichtet. Hier sind es drei Hexen, dort ist es die moderne Wissenschaft mit ihren Auswüchsen, die, man denke an den Schlussmonolog aus LE REGINE, aber auch direkt vom Teufel kommen könnte ...

 

Zu erwähnen sind auch gewisse Ähnlichkeiten zu José Ramón Larraz‘ WHIRLPOOL, der im gleichen Jahr gedreht wurde wie LE REGINE. Dort leben zwei Menschen, eine Tante und ihr Neffe, zurückgezogen auf dem Land, und laden fremde Frauen zu sich ein um Spaß zu haben. Was man halt alles so unter Spaß verstehen kann. Aber die Transformation des Gastes zum Objekt der Begierde, die ist beide Male vorhanden. Hier wie da existiert keine Außenwelt mehr, die sich störend einmischen könnte, und die die gewalttätigen Auswüchse einer konsequenten Abschottung unterbrechen könnte. Larraz hat halt mehr Sex und Gewalt im Gepäck, während Cervi mehr auf Stimmung und Symbolik setzt. Das Zusammenspiel aus diesen beiden Filmen findet man dann möglicherweise in Larraz‘ 1973-Grusler VAMPYRES, in dem wieder zwei Frauen allein in einem Schloss leben auf der Suche nach dem ultimativen männlichen Abendessen, dies nur so nebenbei. Aber in diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass 1970 die Ideale der Love & Peace-Generation tatsächlich gerade untergingen und der Rückzug ins Private und vor allem in den Drogenrausch begann. Es dürfte kein Zufall sein, dass Tonino Cervi LE REGINE und José Ramón Larraz WHIRLPOOL in genau diesem Jahr drehten, quasi als filmische Begleitmusik zur gesellschaftlichen Entwicklung. Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung ist bei den damaligen Künstlern ganz deutlich zu spüren und hat klare Spuren in ihrer Arbeit hinterlassen.

 

Schlussendlich ist LE REGINE eine große Empfehlung für alle, die auf gute und reichhaltige Geschichten mit mystischen Enden stehen ...

Autor

Maulwurf

Veröffentlichungen

Erhältlich ist der Film als Blu-ray von Mondo Macabro. Eine region-free Veröffentlichung mit wundervollem Bild, basierend auf einem 4k-Transfer vom Negativ, englischem und italienischem Ton mit zuschaltbaren englischen Untertiteln, einem Interview mit Ray Lovelock, Audiokommentaren von Kat Ellinger und Samm Deighan, alternativen Szenen und einem Trailer. Definitiv eine lohnende Anschaffung!

Autor

Maulwurf

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