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Frauen als Köder für CD 7

Frankreich | Italien | Spanien, 1966

Originaltitel:

Un colpo da mille miliardi

Alternativtitel:

Turkish Connections (BRD)

Un golpe de mil millones (ESP)

Intrigue à Suez (FRA)

Attack i Suez (SWE)

A Stroke of 1000 Millions

The Suez Intrigue

Deutsche Erstaufführung:

16. Dezember 1966

Regisseur:

Paolo Heusch

Inhalt

Aufgrund eines Unfalls in einem Kernkraftwerk werden Wissenschaftler und Techniker wie auch Handlanger und Laufburschen radioaktiven Gammastrahlen ausgesetzt. Nach deren Einlieferung ins Krankenhaus und den folgenden Gesundheitschecks attestieren die behandelnden Ärzte ihren bettlägerigen Patienten von Stund an eine sehr kurze Lebensdauer. Im Zuge dieser Erkenntnis will man den KKW-Abteilungsleiter Shelby und einen weiteren Patienten ins Moon Valley Hospital verlegen. Der Krankentransport wird allerdings überfallen und die beiden Personen nach Istanbul deportiert. Dort operiert ein Wissenschaftler, der mittels eines medizinischen Wunderkonzepts die Lebenserwartung von radioaktiv kontaminierten Menschen für eine unbestimmte Zeit verlängern kann. Als Gegenleitung für seine, den Himmelsfürsten diffamierenden Dienste erwartet der Mediziner unbedingten Gehorsam sowie die Mitwirkung an seinen entsetzlichen Plänen. Da in diesem Kontext der Weltfrieden Gefahr läuft aus den Angeln gehoben zu werden, schickt der Geheimdienst seinen besten Mann an den Bosporus: Ted Frazer. Der Mann für die heiklen Fälle, der Mann mit dem Chiffre CD 7. Dessen Eintreffen am Ziel- wie Einsatzort folgt die Kontaktaufnahme mit Il Turco (die deutsche Synchro spricht von Teverin). Der berichtet von einer Münze und deren Bezug zum 14. Jahrhundert. Jenes Jahrzehnt in dem ein Schuft in Konstantinopel seine Diener per Haschisch gefügig machte. Im Zuge dieser Geschichtsstunde weißt Il Turco CD 7 den Weg in die Lasterhöhle „Paradies auf Erden“, wo cannabinoide Substanzen und bauchtanzende Grazien für ein kollektives Wohlbefinden sorgen. CD 7 will freilich kein Haschisch, sondern Informationen inhalieren und findet in der attraktiven Prinzi einen hoffnungsvollen Auskunftsschalter, dessen/deren Output den obskuren Teopulos auf den Plan ruft. Wir sollten nun nicht außer Acht lassen, dass die Spielzeit nach rund 90 Minuten abgelaufen ist, denn unter uns gesagt, weichst Du, lieber Film, immer mehr vom eigentlichen Thema (wo ist Shelby?) ab. Ob sich CD 7 dessen bewusst ist und angesichts dieser Tatsache noch ausreichend Zeit besitzt, um im Bedarfsfall die Welt zu retten?

Review

Oh Schreck und Graus! Die Zeit macht (doch) nur vor dem Teufel halt. So lehrte es uns jedenfalls Barry Ryan, der ja gelegentlich, wie dereinst die Pilzköpfe, auch deutsche Texte sang und in der Bundesrepublik nicht minder erfolgreich war als im Vereinigten Königreich. FRAUEN ALS KÖDER FÜR CD 7 liefert dem besungenen Teufel keine Entfaltungschance und lässt simultan die Zeit für seine Pro- wie Antagonisten deutlich schneller runterticken als für uns Zuschauer, da Paolo Heuschs Inszenierungsweise innert der zweiten Filmhälfte beträchtlich schleppend wirkt. Was wirklich bedauernswert ist, da es ja ordentlich losgeht. Der Unfall im Kernkraftwerk, die um ihr Leben kämpfenden Opfer sowie der nachfolgende Besuch im Hospital hinterlassen einen düsteren wie verheißungsvollen Eindruck, den man aus dem Groß der Eurospy-Beiträge (jedenfalls die, die ich bisher schauen durfte) minder gewohnt ist.

 

FRAUEN ALS KÖDER FÜR CD 7 enterte 1966 die bundesrepublikanischen Kinos. Ergo sieben Jahre vor LEBEN UND STERBEN LASSEN. Warum ich das erwähne? Nun, CD 7 wurde von Niels Clausnitzer synchronisiert und sofern man im Bewusstsein ist, einem Agentenfilm beizuwohnen und für ein paar Minuten die Sehwerkzeuge schließt, dann hat man nolens volens Roger Moore vor den geschlossenen Glubschern. Vom Moore-Bond ist der Geheimagent Ted Frazer dennoch weit entfernt. CD 7 trinkt Whiskey pur anstatt Wodka Martini. CD 7 hat keine Scherze auf den Lippen, ist ernst wie bisweilen grimmig veranlagt und selbst die Mädels können ihm nur ein müdes Lächeln abverlangen. Folglich ist die deutsche Firmierung meiner Auffassung nach reiner Mumpitz, da Ted Frazer nichts vom Bondüblichen Frauenverschleiß zueigen hat. CD 7 Darsteller Rik van Nutter war allerdings zum Entstehungszeitpunkt von FRAUEN ALS KÖDER FÜR CD 7 bereits ein Teil des Bond-Universums, da der kalifornische Graukopf in FEUERBALL die Rolle des CIA-Manns Felix Leiter verkörperte. Das fragt man sich doch glatt, wie ein solches Engagement möglich war? Schließlich hatte Van Nutter zuvor nur in kostengünstigen italienischen Filmen sowie in einem Werbeclip für Zahnpasta mitgewirkt und war dementsprechend alles andere als eine große wie begehrte Hausnummer. In solchen Fällen hilft das im Drogeriemarkt nicht erwerbbare, aber in vielen Lebenslagen unbedingt benötigte und vielfach schamlos ausgenutzte Vitamin B. Oder um es detailgenauer auszudrücken: Riks Ehefrau Anita Ekberg schauspielerte 1963 an der Seite von Bob Hope in BOB AUF SAFARI. Die Produktion des Films lag in den Händen von Harry Saltzman und Albert R. Broccoli. Da sich Anita gut mit Cubby verstand, stellte sie ihm zu gegebener Zeit ihren Ehegespons vor. Cubby bastelte daraus die gewünschte Gefälligkeit und Rik hatte die Rolle. Womöglich auch ein Grund warum Rik mitunter als Mister Ekberg angesprochen wurde. Eieiei, ob Rik diese Ironie als Sarkasmus oder evt. gar Zynismus interpretierte? Wer wird es wissen? Jedenfalls verließ der Mann, der Felix Leiter war, es müsste ungefähr 1967 gewesen sein, seine Fürsprecherin Anita, die somit, mit Blick auf ihre unglückliche Ehe mit dem alkoholabhängigen Anthony Steel, eine weitere Enttäuschung erlebte.

 

Back to topic: Sein Geheimauftrag führt CD 7 nach Istanbul, dort wo nicht nur Agent 3S3, sondern auch ein femininer Geheimdienstler (Sylva Koscina als G-Woman Kelly) zum Einsatz kam und Tony Mecenas (Horst Buchholz) im Kampf gegen die Schurken der hiesigen Unterwelt unterstützte (schlag nach bei UNSER MANN AUS INSTANBUL). CD 7 soll in der einwohnerstarken Metropole am Bosporus den entführten und nun vermutlich für eine Verbrecherorganisation unter Druck operierenden Shelby aufspüren und ggf. unschädlich machen. Über seinen Kontaktmann gelangt CD 7 in den Nachtclub „Paradies auf Erden“, wo er mit Haschisch und einem selten dämlichen - eigens für ihn aufgeführten - Bauchtanz weniger beglückt als eher hinreichend genervt wird. Dieser Part eines sporadisch auftauchenden, ich nutze mal die arg strapazierte Wortkombination: Ungewollten Humors erhält seine Hauptattraktion allerdings erst im späteren Filmverlauf und zwar mittels einer flachsinnig inszenierten Verkehrunfallszene. Ein Bulli fährt an einem Mädel vorbei (!!!), das Opfer wird ergo nicht berührt und stürzt nichtsdestotrotz ex abrupto, den kalten Hauch des Todes in Empfang nehmend gen Boden (unbändige Winde am Bosporus?), der Fahrer stoppt das Todesmobil, reißt anschließend die Wagentür auf und rennt davon.

 

Neben dem skizzierten Schönheitsfehler, der mir viel Freude bereitete, werden genreübliche wie auch genreübergreifende Klischees bedient. So präsentiert sich ein ominöser Doktor eines dito ominösen Instituts für Krebsforschung mit Kneifer (oder Zwicker oder wie man das runde Einglas auch nennen mag) im Auge, so wie es beispielshalber Erich von Stroheim in TÖRICHTE FRAUEN vorlebte. Sie werden schon oft genug beobachtet haben, das solch dubiose Vögel, sofern sie der bösen Seite dienen, was ja meistens der Fall ist, gern als mad scientists vorgestellt werden. Ferner umschwebt jene Filmfiguren permanent eine narzisstische wie nazistische Ausstrahlung, aus der sich Parallelen zu Mengele wie auch Heinrich Himmler lesen lassen. Gerade letztgenannter diente alle naselang als Inspirationsquelle für die Optik eines skrupellosen Antihippokraten. Außerhalb der „lichtspielerischen Ärztekammer“ ist der hinterfotzige Ice bzw. Hank (THE RIFFS – DIE GEWALT SIND WIR) ein gutes Beispiel für einen augenscheinlichen Himmlerismus.

 

Aber jetzt flink weg vom SS-Heini bevor SSkaliert und hin zum Leitmotiv des emsigen Filmmusikkomponisten Piero Umiliani. Eine Komposition, die gar nicht mal so verkehrt klingt und eine Melodie reflektiert, die nach dem stilbildenden Vorbild des Bond-Themas konstruiert wurde. Freilich kann dessen hoher Wiedererkennungswert nicht erreicht werden, dennoch lässt sich ein eingängiges Tonkonstrukt im Gehörgang nieder, welches sich im positiven Sinne von einer Konfektionsmusik (die ja bestimmt von den meisten Schlaubergern erwartet wird) abhebt.

 

Wie der kürzlich vom mir besprochene BARAKA - AGENT X13 inkludiert auch FRAUEN ALS KÖDER FÜR CD 7 kein Gadget, das CD 7 zum „Akrobat schööön“ küren und zur einhergehenden Verbreitung von Zirkusmief anspornen könnte. Überhaupt ist Paolo Heuschs Agentenfilm ein eher bescheidener Zeitgenosse, der nichts mit der kraft FEUERBALL aufgerufenen Bond-Formel der Superlative (ab jetzt muss alles größer, schöner, aufwendiger werden) zu schaffen hat. Klar, solche Wege lassen sich nur mit einem mächtigen Budget beschreiten, aber etwas mehr Action oder ein Utensil wie die symbolische Rolex 6538 (deren eingebauter Geigerzähler ein willkommener Sparringspartner für die im Film thematisierte Gammastrahlung gewesen wäre) hätten nicht schaden können. Denn selbst TV-Serien wie SOLO FÜR O.N.C.E.L. oder MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE inkludierten eine Menge Spielzeug in ihren (das TV-Publikum begeisternden) Wundertüten.

 

 

Fazit: FRAUEN ALS KÖDER FÜR CD 7 legt gut und düster los, baut allerdings innert der zweiten Filmhälfte ab und kann schlussendlich auch nicht jede im Filmverlauf aufgeworfene Frage beantworten. Anstelle der nicht auffindbaren Antworten lässt sich in Paolo Heuschs einzigen Eurospy-Beitrag, der sich notabene fortwährend ernst nimmt, jedoch die ein oder andere, von einem unfreiwilligen Humor flankierte, handlungstechnische Kuriosität ausbaldowern. Was den Film irgendwie charmant macht, sodass ich ihm eine gewisse Anziehungskraft nicht absprechen mag.

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