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El Rocho - Der Töter

Italien | Spanien, 1966

Originaltitel:

El rojo

Alternativtitel:

Rojo, O Implacável (BRA)

Texas el rojo (ESP)

5.000 dollar för El Rojo! (SWE)

Rojo (USA)

Deutsche Erstaufführung:

15. März 1968

Regisseur:

Leopoldo Savona

Inhalt

Territory of New Mexico 1868: Die Familie Sorensen wird von Indianern überfallen und kaltblütig ermordet. Einige Zeit später trifft in dem Städtchen Golden Hill, das in der Nähe des vormaligen Massakers liegt, ein Fremder ein und stellt unangenehme Fragen, die den vier offiziellen Ehrenbürger und inoffiziellen Dorftyrannen: Navarro, Wallace, Ortega und Lasky, gar nicht in den Kram passen. Ergo will das Quartett den unangenehmen wie unerwünschten Fremden so schnell wie möglich loswerden. Da ihre gut bezahlten Kettenhunde diesen Auftrag nicht bewältigen können, soll nun ein Berufskiller die Führungsriege von ihrem lästigen Übel befreien.

Review

Meine Inhaltsangabe fokussiert das Jahr 1868, was der Texttafel, die im Zuge der opening credits angezeigt wird, geschuldet ist. Die amerikanische Historie des Jahres 1868 inkludiert Elementares, Kreatives als auch Abscheuliches. Der Reihe nach: Joseph McCoys Geschäftssinn sorgte dafür, dass sich der erste Viehtreck von Süden nach Norden bewegte. Tom Dulas schrieb kurz vor seiner Hinrichtung jene Ballade, die ihn nach seinem Tod als „Tom Dooley“ bekannt machen sollte. Custer führte das 7. US-Kavallerie-Regiment zum Washita-Massaker. Philip Sheridan, der Mann, der Custer losschickte, um die Winterlager feindlicher Indianerstämme auszukundschaften, attestierte dem Comanchen-Häuptling Tosawi: „The good Indians I ever saw were dead.“ Daraus resultierte die misanthropische Hassrede: „The only good Indian is a dead Indian.“

 

Die ach so bösen Indianer, ich bevorzuge den Begriff Native Americans, bekommen auch in Leopoldo Savonas Westernarbeit, jedenfalls prima facie, den Schwarzen Peter zugeschoben und werden zu einem Teil eines zwar nicht sonderlich kniffligen, aber erfrischenden Denkspiels. Der kleine Rätselspaß spielt in und um das Städtchen Golden Hill herum. Ein Westernstädtchen, das es niemals in New Mexico gegeben hat. Ein fiktives Städtchen, das von vier besonders ehrenhaften wie heroischen Bürgern (Navarro, Wallace, Ortega und Lasky) regiert wird. Wer sich die Vögel anschaut, der wird mit Piero Lulli und Franco Ressel zwei Darsteller entdecken, die innert ihrer Rollen in den italienischen Westernlichtspielen nicht wirklich als vertrauensvolle Gentlemen glänzen. Stattdessen fallen sie zumeist als ehrlose Drecksäcke auf, die bereitwillig über Leichen gehen. Eine Faustregel, die man problemlos dem gesamten (vierköpfigen) Team bestätigen kann. Das Quartett macht sich freilich nicht selbst die Finger schmutzig. Demgemäß agieren die Ehrenbürger im Besonderen als Hirn- wie Wirtschaftsverbrecher. Sie verleihen Geld zu Wucherzinsen und bringen damit die Farmer um ihr hart erarbeitetes Hab und Gut. Die Drecksarbeit überlassen sie dem working heavy. Jener skrupellose und nicht allzu clevere Kampfhund, der stets bereit zu morden und mit dem großartigen Raf Baldassarre bestens besetzt ist.

 

Das reflektiert nach meinem Dafürhalten eine großartige Truppe, die ein verheißungsvolles Match gegen den Antihelden erahnen lässt. Dieser Antiheld, Donald Sorensen, tritt (wie dereinst Ringo Kid) mit Sattel, aber ohne Pferd in Leopoldo Savona 67er IW ein. Donald Sorensen (gespielt von Richard Harrison - und zwar ohne Pornobalken) ist ein ausgesprochen einsilbiger Bursche, der sich in Zeitlupe bewegt, hin und wieder zeichnet, den Barmädels mit Zuckerwürfeln süße Freuden bereitet und sich - wenn es denn sein muss - blitzschnell in einen dito blitzschnellen gunslinger verwandelt. Hin und wieder überschätzt Donald jedoch seine Fähigkeiten und gerät in problematische Situationen. Um diese dennoch erfolgreich zu meistern, bedarf es der Beihilfe des geschwätzigen José Garibaldi. Ein fahrender Händler, der (s)ein Wunderwasser an Frau wie Mann bringen will und nebenher in seinem cleveren Oberstübchen manch dienliche Tötungsmaschine (ähnliche Gadgests wie sie in den Sartana-Filmen thematisiert werden) wie Befreiungstaktik ausklamüsert. Ein explosives wie exklusives Team (der Antiheld mit dem 3 Tage Bart, der übergewichtige vollbärtige Quatschkopf) wie wir es oftmals innert italienischen Westernproduktionen kennen lernen durften.

 

Wie für den italienischen Antihelden üblich, bleiben auch Sorensens Ambitionen lange Zeit im Verborgenen. Natürlich hat der erfahrene IW-Fan schnell die richtige Vorahnung, aber die genaue Auflösung bekommen wir erst innert des Finales geliefert. Und diese Auflösung ist so konstruiert, dass schlussendlich ein Rädchen ins andere greift und der symbolische „Baumeister Bob“ jegliche Fragezeichen des zurückliegenden Wegs beiseite geschafft hat.

 

Als Besonderheit innerhalb des Pro- respektive Antagonistenaufgebots wirkt wie werkt ein Auftragskiller, dessen untere Gesichtshälfte derbe entstellt ist. In Anbetracht dieser unschönen Tatsache trägt der Profikiller eine Maske, die den entstellten Bereich abdeckt und demgemäß seinen Mitmenschen (s)einen schrecklichen Anblick erspart. In der deutschen Synchronisation wird dieser suspekte Zeitgenosse ganz nüchtern „Der Maskierte“ genannt. Leider wurden diesem Aasgeier zu wenige Auftritte zugesprochen, da er kraft seiner Anwesenheit immerzu eine düstere Atmosphäre heraufbeschwören kann. Man munkelt, dass (im Vergleich zur deutschen VHS- und Kinoauswertung) eine längere Filmversion existiert, womit nicht die Wild East DVD gemeint ist. Es wäre demnach möglich, dass dem Maskierten in einer solchen Version mehr Spielzeit zugestanden wurde.

 

Was die feminine Seite anbelangt, so treibt sich neben zwei knuffigen Bardamen (der Michelangelo-Joke ist grandios) Nieves Navarro in der Rolle der Consuelo im hiesigen Saloon rum. Consuelo hat einen guten Draht zu Lasky, den sie allerdings bereit ist zu kappen, um El Rojos Interesse an ihr zu vermehren. Ferner singt sie im Saloon den Titelsong „To the West“. Auch wenn sie bei dieser Darbietung nicht immer lippensynchron wirkt, so besagen diverse Interneteinträge, dass Nieves den Song tatsächlich im Studio eingesungen hat. Und wenn es denn zutrifft, dann hat sie es wirklich gut gemacht.

 

Dito gut hat die Arnold & Richter Cine Technik GmbH & Co. Betriebs KG gearbeitet, die uns eine deutsche Tonbearbeitung liefert, die keine Wünsche offen lässt.

 

Die Wünsche einiger italienischer Westernregisseure sowie Darsteller einen publikumsträchtigen Namen zu erhalten, konnten ebenfalls erfüllt werden.

 

In Italien regierte ja die Meinung, dass man sich als Westernregisseur wie auch Darsteller einen amerikanischen Decknamen zulegen musste, um beim Publikum anzukommen. Vielleicht darf man auch sagen, um das Publikum in die Irre zu führen und ihm die Besetzung eines US-Western vorzugaukeln. Doch egal wie man es umreißt, die Namensspielchen wurden bekanntlich x-mal praktiziert. Leopoldo Savonas Pseudonym Leo Coleman klingt ja auch recht passabel, aber wie der deutsche Verleih auf die Idee kam, Savona in Robert Lover umzutaufen? Da war wohl eine Menge Phantasie im Spiel. Und Phantasien werden gemäß Freud von unbefriedigten Wünschen gespeist und jede einzelne Phantasie ist eine Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigten Wirklichkeit. Jau.

 

 

Fazit: EL ROJO – DER TÖTER stellt sich als ein äußerlich wie inhaltlich interessanter wie gut besetzter Italo-Western vor, der hin und wieder eine bedrohliche Atmosphäre liefert und von einigen kleinen Brutalitäten begleitet, erfolgreich zwischen Rätselraten und Suspense schwingt. IW-Fans sollten die eigene Begutachtung unbedingt in ihre engere Sichtungsauswahl einschließen.

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