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Der Moralist

Italien, 1959

Originaltitel:

Il moralista

Alternativtitel:

Um Moralista em Apuros (BRA)

El moralista (MEX)

The Moralist

Regisseur:

Giorgio Bianchi

Inhalt

Nach Ausscheiden des korrupten Menegezzi wird Agostino (Alberto Sordi) zum neuen Generalsekretär der O.I.M.P. (Organizzazione Internazionale della Moralità Pubblica) eingesetzt. Chef dieser Moralhüter ist eigentlich deren Präsident (Vittorio De Sica), doch der überlässt das Ruder ganz dem ultraverklemmten und unbestechlichen Agostino. Da der Präsident eine 29-jährige Tochter hat, die auf Männer nur wenig Eindruck macht, versucht er diese mit Agostino zu verkuppeln.

 

Indessen wundert sich der Spielhallenbesitzer Giovanni (Franco Fabrizi) über die Schließung seines harmlosen Etablissements durch die Polizei – auf Empfehlung der O.I.M.P. – während eine Reihe von Striptease-Clubs in unmittelbarer Umgebung unbehelligt bleibt. Auf einer Reise nach München zu einer internationalen Moralwächter-Konferenz besucht Agostino dann ein Striptease-Lokal, wo er auf die junge Monica (Maria Perschy) trifft – und er zeigt nun sein wahres Gesicht.

Review

IL MORALISTA ist eine Satire auf verlogene Moralzurschaustellung und stammt aus der Feder des bekannten Drehbuchautoren Rodolfo Sonego, der für mehr als 50 Alberto Sordi-Filme tätig war. Inspiriert wurde die Figur des Agostino durch den Christdemokraten Agostino Greggi, der in den Jahren 1954 – 1957 in ganz ähnlicher Weise tätig war wie die Figur im Film.

 

Bekanntheit erlangte Greggi durch seine Tätigkeit als Zivilanwalt gegen das Filmposter des Brigitte Bardot-Films DAS GÄNSEBLÜMCHEN WIRD ENTBLÄTTERT (En effeuillant la marguerite, 1956), welcher in Italien unter dem Titel MISS SPOGLIARELLO vertrieben wurde. Man wird dies im Film wiederfinden, auch die Methodik. Der echte Agostino Greggi war allerdings nie in einen handfesten Skandal verwickelt, wie es am Ende von IL MORALISTA mit dem dortigen Agostino der Fall sein wird.

 

Bleiben wir bei der Realität. Alberto Sordi hat seine Darstellung auf die öffentliche Wahrnehmung des realen Vorbildes zugeschnitten. Streng katholisch, verklemmt, maskenhaft, undurchschaubar. Natürlich treibt Sordi es ein großes Stück weiter, indem er jungfräulich hinzufügt. Der reale Greggi war verheiratet und hatte drei Kinder.

 

IL MORALISTA gibt auch die Methodik Greggis wieder. Private Vereine – insbesondere besorgte Mütter und Alte – sammeln Unterschriften gegen Werbeplakate, Filmposter, ganze Filme oder Etablissements. Diese reichen sie bei Agostino ein, der sie wiederum als Lobbyist und Zivilrechtler politisch vorträgt, was schließlich die Polizei auf den Plan ruft und Schließungen bzw. Beschlagnahmen nach sich zieht. Man würde sich wünschen, ein Film wie IL MORALISTA hätte es vermocht, solche Praktiken zu Fall zu bringen, doch weit gefehlt.

 

Auch wenn solche Aktionen in späteren Jahren nicht mehr die Konsequenzen hatten wie in den 50ern, blieb Agostino Greggi diesem Thema treu. 1967 versuchte er das San Remo-Festival zu kippen, und noch in den Achtzigern gründete er das Nationale Sekretariat "Reagire - per la difesa morale dell'uomo e della famiglia" (Reagieren – zur moralischen Verteidigung von Mensch und Familie) und ging gegen die Ausstrahlung von seiner Ansicht nach „pornographischen“ Filmen im TV vor.

 

Doch kommen wir zum amüsanten Teil. Alberto Sordi spielt seinen Agostino mit hyperaktiver Effizienz, doch ahnt der Zuschauer schon bald, dass unter der Oberfläche noch etwas anderes schlummert. Als der Präsident ihn mit seiner Tochter Virginia (Franca Valeri) verkuppeln will, gibt er sich spröde und ablehnend, doch die Fassade bröckelt. Er ist Virginia einfach nicht zugetan, aber es wird sichtbar, dass er nicht so unerfahren ist, wie er vorgibt. Man entdeckt seine menschliche Seite, und fast könnte man ihn sympathisch finden – doch das legt sich bald.

 

Zurück zur Brigitte Bardot-Geschichte. Die Schauspielerin Vera Serni (Mara Berni) erscheint persönlich in Agostinos Büro, um Freigabe von Plakat und Film zu erreichen. Es sei doch ihr Debut und sie könne doch sonst nichts, habe nur ihren Körper. Agostino lässt sie eiskalt abblitzen, rät ihr gar, Schauspielunterricht zu nehmen, was Vera schwer beleidigt. Während Agostino dann vom Präsidenten der O.I.M.P zum Kongress nach München geschickt wird, versucht sie ihr Glück beim Präsidenten selbst. Hier beginnt dann Vittorio de Sicas Rolle zu wachsen. Mit Vera erlebt er einen zweiten Frühling und entdeckt zudem die Freuden des heimlichen Treffens mit Prostituierten, stets auf Anonymität und seinen Ruf bedacht.

 

Agostino hält derweil Volksreden in München vor anderen O.I.M.P.-Mitgliedern aus aller Welt. Hier – und auch an anderen Stellen des Films – kann man mit ein wenig Recherche erneut auf Referenzen zu Agostino Greggi stoßen. Die Dekorationen und Settings auf der Konferenz und ebenso in den Büros der O.I.M.P entsprechen Zeitungsfotos, die das reale Vorbild bei seinen Ansprachen zeigen. Da haben sich Regisseur Giorgio Bianchi und seine Crew richtig Mühe gegeben.

 

Doch nun will Agostino, nach all den moraltriefenden Worten, Taten folgen lassen. Gemeinsam mit zwei alten Sekretärinnen der O.I.M.P. besucht er einen Striptease-Club und wird dort Zeuge der Darbietung von Monica (Maria Perschy in ihrer ersten Filmrolle außerhalb Deutschlands). Agostino ist angetan, schickt die zwei alten Schachteln heim und kehrt in das Etablissement zurück. Zunächst scheint es noch als wolle er Monica vor sündigem Leben und Ausbeutung schützen, doch weit gefehlt.

 

Agostino wird sich als skrupelloser Mädchenhändler entpuppen, der in seiner Funktion als vorgeblicher Moralhüter die Etablissements seiner Komplizen schützt, während er die Konkurrenz schließen lässt. Mehr noch, Agostino ist ein europaweit gesuchter Hochstapler, der sich schon als alles Mögliche ausgegeben hat. Diese Auflösung ist für mich das einzige Manko des ansonsten großartigen Films, denn seinem politischen Kontext erweist dieser Twist einen Bärendienst.

 

IL MORALISTA ist natürlich ganz auf seinen Hauptdarsteller Alberto Sordi zugeschnitten. Dieser agiert mit darstellerischer Perfektion, es ist einfach nur eine uneingeschränkte Freude, ihm bei seinem Spiel zuzusehen. Auch an der übrigen Besetzung gibt es nichts auszusetzen, musikalisch untermalt wird diese satirische Farce von Carlo Savina.

 

Probleme hatte freilich Produzent Fabio Jegher mit dem Subjekt des Films: den Moralhütern. Selbst nach Selbstzensuren bei Ton und Schnitt gab man den Film lediglich ab 16 Jahren frei. Zur Fassungsgeschichte des Films selbst habe ich leider keine exakten Informationen gefunden, doch die 92-minütige Prime-Version, die ich gesehen habe, ist mit Sicherheit nicht uncut. Szenen werden an seltsamen Stellen ausgeblendet, auch fällt auf, dass einzelne Worte plötzlich andere Sprecher haben. Nichtsdestotrotz ist auch diese Version für das Produktionsjahr 1959 erstaunlich offen und freizügig (in seinen Inhalten).

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