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Anna

Frankreich | Italien, 2021

Inhalt

Ein Virus namens „La Rossa“ hat den Tod aller Erwachsenen verursacht. Nur Kinder sind dagegen immun, aber nur, bis sie die Pubertät erreichen. Die 13-jährige Anna (Giulia Dragotto) versucht nach dem Tod ihrer Mutter gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder Astor (Alessandro Pecorella) zu überleben. Um ihn vor den Gefahren der Außenwelt zu schützen, hat sie ihn im Haus der Familie auf Sizilien isoliert, während sie sich gelegentlich auf der Suche nach Vorräten begibt. Während einem dieser Ausflüge lernt sie Pietro (Giovanni Mavilla) kennen und lässt sich von ihm zu einem LSD-Trip überreden.

 

Währenddessen wird Astor von einer Kinderbande, den Blues, entführt. Schon lange geht das Gerücht um, dass diese Blauen einen Erwachsenen gefangen halten, dessen Kuss angeblich das Rote Fieber heilen kann. Anna begibt sich auf die Suche nach ihrem kleinen Bruder und kann das Versteck der Blauen ausfindig machen. Sie findet heraus, dass die Blauen den Befehlen der Weißen gehorchen, pubertierenden Jugendlichen, die sich weiße Flecken aufmalen, um den Ausbruch des Roten Fiebers auf ihrem Körper zu verbergen. Anführerin der Weißen ist die grausame Angelica (Clara Tramontano), die ihre Schreckensherrschaft über die Kinder mit dem Heilsversprechen der „Picciridduna“ Katia (Roberta Mattei) legitimiert, der einzigen am Leben gebliebenen Erwachsenen, die ein Hermaphrodit ist und sich vermutlich deshalb nicht infiziert. Angelicas Versprechen hingegen, dass ein Kontakt mit der Picciridduna die Krankheit heilen kann, scheint jedoch eine Lüge.

 

Anna gelingt es, sich Zutritt zur Villa zu verschaffen, in dem Weiße und Blaue hausen. Als sie ihren Bruder Astor findet, weigert der sich jedoch mit ihr zu kommen, und ihre Absichten werden so enttarnt. Auf der Flucht vor den Blauen wird Anna von einer Viper gebissen, und Angelica lässt – ohne medizinische Notwendigkeit - ihren linken Arm amputieren. Astor bedauert nun, nicht auf seine Schwester gehört zu haben und trifft sich heimlich mit ihr, während sie selbst unter der Bewachung dreier gruseliger als Märchenprinzessinnen verkleideter Mädchen steht. Sie überredet Astor zu fliehen und sich zu Pietro zu begeben.

 

Die Picciridduna entdeckt, dass Angelica angesichts ihrer ausbleibenden Heilung plant, sie auf einem Scheiterhaufen lebendig zu verbrennen und dann ihre Asche zusammen mit ihren Untergebenen zu essen, also verbündet sie sich mit Anna. Gemeinsam töten sie Angelica, und Anna ist endlich wieder frei. Als sie bei Pietro ankommt, findet sie ihn mit dem Roten Fieber vor, und Astor ist nicht bei ihm. Pietro will auf dem Ätna sterben, und so begleitet ihn Anna dorthin. Sie leistet schließlich Sterbehilfe, indem sie ihn mit zwei Plastiktüten erstickt.

 

Danach findet sie endlich Astor wieder. Die wiedervereinten Geschwister wollen sich nun aufs Festland begeben und mit dem Tretboot die Straße von Messina überqueren, um herauszufinden, ob einer der Erwachsenen wirklich der Epidemie entkommen ist und ein Heilmittel gefunden hat. Als sie dem Tode nahe auf dem Mittelmeer treiben, kommt es zu einem ungeahnten Happy End.

Review

„Diese Geschichte entspringt einem rein biologischen Verhaltensgedanken: Was würden allein gelassene Kinder tun? Anna übertrifft alle anderen…sie ist nicht von Erwachsenen konditioniert, sondern kann all ihre Stärken und Schwächen ausleben.“

(Niccolò Ammaniti)

 

Ich bin mal wieder spät dran, denn die sechsteilige Mini-Serie ANNA wurde bereits im März 2021 erstausgestrahlt. In Frankreich ist inzwischen eine Blu-ray erschienen, und in Deutschland soll im Mai 2022 eine DVD-Box von Polyband kommen, und so wurde ich endlich auf die Serie aufmerksam. Und um es vorwegzunehmen, ANNA hat mich schwer beeindruckt.

 

Regisseur Niccolò Ammaniti lieferte im Jahr 2015 die gleichnamige Romanvorlage. Ammaniti ist in Italien ein äußerst populärer und preisgekrönter Schriftsteller, dessen Werke, in denen meist Jugendliche als Hauptprotagonisten dienen, inzwischen größtenteils verfilmt wurden, teils von ihm selbst. So lieferte er die Vorlagen für Marco Risis DIE ENTFESSELTE SILVESTERNACHT (L'ultimo capodanno, 1998), Gabriele Salvatores ICH HABE KEINE ANGST (Io non ho paura, 2003) und COME DIO COMANDA (2008), Bernardo Bertoluccis ICH UND DU (Io e te, 2012) und inszenierte selbst die Mini-Serie EIN WUNDER (Il miracolo, 2018). Im Sommer 2018 begannen die Dreharbeiten für diese Pandemie-Geschichte, welche dann selbst mit einer Pandemie konfrontiert wurde. Der Ausbruch von Corona verzögerte die Fortsetzung der Dreharbeiten um einige Monate. Gedreht wurde auf Sizilien, zwischen Bagheria, Palermo und Messina, sowie in den Nachbarorten Santa Teresa di Riva, Gibellina, Salemi und Santa Ninfa. Bei der Villa, die den Weißen und Blauen als Unterschlupf dient, handelt es sich um die Villa Valguarnera bei Bagheria.

 

Aufgrund der Corona-Pandemie und den damit erschwerten Dreharbeiten wurde die Mini-Serie ANNA im Vergleich mit der Romanvorlage auch etwas gestrafft. Einige Inhalte der Vorlage fielen somit flach, allerdings vom Autor und Regisseur selbst gestrichen, was somit vertretbar ist. Mehr noch. In Interviews geben Ammaniti und Darsteller an, dass er während der Dreharbeiten offen für Änderungsvorschläge war, wenn Handlungen der Protagonisten dem jeweiligen Darsteller nicht schlüssig erschienen. Dazu gehört Größe, denn welcher Regisseur lässt sich von seinen jugendlichen Hauptdarstellern schon seine Ideen umwerfen?

 

Was ist also so beeindruckend an ANNA? Abgesehen von der düsteren Geschichte, die erst am Ende ein wenig Hoffnung verbreitet, fällt vor allem die hervorragende Kameraarbeit ins Auge. DOP Gogò Bianchi fängt beeindruckende Bildkompositionen ein, und ein besonderes Augenmerk kann hier auch aufs sonst eher ungeliebte Color Grading gelenkt werden, dass in ANNA durchaus sinnvoll eingesetzt wurde und noch sehr viel Raum für zahlreiche herrliche Farbmomente lässt. Allen 6 Folgen der Serie gelingt es, diese visuelle Stimmung zu halten, man könnte fast von einer Schönheit des Verfalls sprechen. Nicht wenige Momente, etwa bei den Gewaltausbrüchen aber auch bei den Landschaftsaufnahmen haben mich immer wieder an die Photographie der besseren Larraz-Filme erinnert. Ammaniti berichtet in Interviews von den sehr schwierigen Lichtverhältnissen während der Dreharbeiten auf Sizilien, sehr helle Tage im Wechsel mit stockdunklen Nächten.

 

Die Handlung ist im Wesentlichen wie oben beschrieben, wird aber durch Rückblenden ergänzt, die Vorgeschichten der einzelnen Protagonisten erzählen, um ihre spätere Erscheinung und ihr Handeln in der postapokalyptischen Welt zu untermauern. Aus der Inhaltsangabe gestrichen - weil es nirgendwohin führt – habe ich einen Nebenstrang aus Episode 3, in dem wir mit ein paar unangenehmen S/M-artigen Szenarien konfrontiert werden, nachdem ein einsamer dicklicher Junge Anna gefangen nimmt und wie einen Hund hält. Empfindsame Zuschauer seien eh gewarnt. Obwohl ANNA weder sonderlich blutig und natürlich nicht sexuell explizit ist, wird der Zuschauer dennoch mit nicht wenigen kontroversen Inhalten und Bildern konfrontiert. Kinder begehen Grausamkeiten an anderen Kindern, skelettierte oder aufgeblähte Leichen Erwachsener gibt’s geschenkt obendrauf.

 

Die Leistungen der Darsteller sind bemerkenswert, man darf nicht vergessen, dass ein großer Teil aus sehr jungen Akteuren besteht. So war die Hauptdarstellerin Giulia Dragotto zu Beginn der Dreharbeiten gerade mal 12 Jahre alt und muss Szenen bestehen, die sicher nicht leicht zu erklären waren. Die Musik zur Serie besteht aus einem Score des Musikers Rauelsson, den dieser gemeinsam mit einigen Darstellern aufgenommen hat. Zudem gibt es zahlreiche Songs, etwa von Loredana Berté, Sophie Hunger, Mercury Rev oder Alphaville. Somit erschienen auch gleich zwei Soundtrack-CD’s.

 

 

Fazit: Diese Mini-Serie wird mir noch lange positiv im Gedächtnis bleiben. Eigentlich ist es sogar die beste Serie, die ich je gesehen habe. Mir fiele nichts qualitativ gleichwertiges ein.

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