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100.000 Dollar für einen Colt

Italien | Spanien, 1966

Originaltitel:

100.000 dollari per Lassiter

Alternativtitel:

100,000 dollars pour Lassiter (FRA)

$100,000 for Lassiter (GBR)

Das letzte Wort hat der Colt (BRD)

Dollars for a Fast Gun (USA)

La muerte cumple condena (ESP)

Deutsche Erstaufführung:

26. August 1966

Inhalt

Frank Nolan und Martin haben bei einem Banküberfall viele Dollar eingefahren. Ihre Flucht führt durch jene Hölle, die der Volksmund Wüste nennt und das Bankräubergespann ist von Sekund an einer erbarmungslos brütenden Sonne ausgeliefert. Doch die symbolischen Flammen des irdischen Purgatoriums reflektieren nur einen Teil von Franks Qualen, denn Nolan wurde von einer Kugel getroffen und ringt unentwegt mit Tode. Martin nutzt die Situation, nimmt das Geld und lässt seinen Kompagnon in der Wüste zurück. Mit letzter Kraft hebt Nolan seine Winchester und sendet Martin ein denkwürdiges Souvenir, das im Rücken des Adressaten einschlägt.

 

Einige Jahre nach dem Drama. Martin hat überlebt, doch das Projektil sorgte dafür, dass er sein zukünftiges Leben im Rollstuhl verbringen muss. Er hat sich mit der Beute ein stattliches Anwesen errichten lassen und erpresst mittels seiner Leibgarde von den ansässigen Farmern Schutzgelder. Wer sich weigert zu zahlen, der wird kaltblütig eliminiert. Einzig Sarah, eine tapfere Witwe als auch Mutter zweier pfiffiger Kinder, sträubt sich gegen die Zahlungen.

 

Eines schönen Tages trifft ein Fremder auf Martins Anwesen ein, der den Eigentümer darauf hinweist, dass Frank überlebt hat, 10 Jahre wegen des Bankraubs im Zuchthaus saß und nun auf Rache sinnt. Der Fremde (Lassiter) bietet Martin seine Dienste an. Er wäre bereit, Frank aus dem Weg zu schaffen, sofern ihm Martin eine stolze Dollarsumme überreicht. Lassiter wird allerdings um das versprochene Geld geprellt, was ad hoc ein Spiel aktiviert, bei dem die Maus der Katze das ein ums andere Mal in den Schwanz beißt, sodass diese genervt ihre Krallen ausfährt, um endgültig reinen Tisch zu machen.

Review

Mehr mag ich nicht zur Handlung sagen, da ich Ihnen, sofern Sie irgendwie, irgendwo, irgendwann die Gelegenheit offeriert bekommen, sich diesen Film selbst anzuschauen, nicht die Pointe versauen will.

 

Kennen Sie eigentlich noch Wolfgang Neuss? Der hatte, mit dem Ziel die bundesrepublikanischen Bürger von der Glotze weg ins Kino zu locken, einen solchen Verrat begangen. Der auch als „Das Ungeheuer von Loch Neuss“ bekannte Kabarettist und Schauspieler schaltete in diesem Kontext dereinst eine Zeitungsannonce, die den so genannten „Halstuch-Mörder“ entlarvte. Jener Halstuchmörder sowie die Fahndung nach ihm waren Bestandteile einer sechsteiligen TV-Reihe mit dem Titel DAS HALSTUCH. Der auf einen Roman des britischen Autors Francis Durbridge basierende Sechsteiler prägte den Begriff Straßenfeger im besonderen Maße, da die Reihe eine Einschaltquote von mehr als 80% erzielte. Die bundesdeutschen TV-Zuschauer fieberten demgemäß mit und Neuss versaubeutelte ihnen das Finale. Das schlug dereinst heftigste Wellen und Dummkopfs wie Faschos liebstes Kind, die BILD-Zeitung, sprach gar von Vaterlandsverrat. Mit (Pointen-)Verrat ist halt nicht spaßen, denn obwohl man den Verrat gemeinhin liebt, hasst man den Verräter – schlagen Sie nach bei Gaius Julius Caesar.

 

Und nun weg von Neuss und Rom, hin zu 100.000 DOLLAR FÜR EINEN COLT. Der flink mit drei set pieces loslegt. Mit der eingangs umrissenen Flucht durch die Wüste. Mit zwei pfiffigen Kindern und ihrer Mutter, die Reisende in die Falle locken und anschließend ausrauben. Mit dem Blick auf zwei Mini-Farmen, deren Eigentümer Schutzgelder zahlen sollen und nicht wollen. Was prima facie nicht wirklich zusammenpassen will, findet jedoch peu à peu den Weg zueinander. Dabei spielt der Hauptcharakter Lassiter eine wichtige Rolle. Lassiter ist ein überwiegend fesch gekleideter Zeitgenosse, der uns als Aufheller wie Reiseleiter gleichermaßen dient und der hin und wieder den Deppen spielt, um seine Gegner in eine überhebliche Position zu hieven, die ihnen schlussendlich das Leben kostet. Lassiter ist (wie beispielsweise Ben Masterson, Chris Madsen, Tom Horn, Kid Curry) einer der berufsmäßigen Schießer aus dem Norden. Er verfolgt einen ganz bestimmten Zweck - egal, ob ehren- oder unehrenhaft. Die Aussicht auf Reichtum lässt ihn taktieren und wenn es sein muss auch töten. Mit dieser Überzeugung ist er näher an den historischen verbürgten Revolverhelden als die gunmen in den amerikanischen Westernlichtspielen. Denn jene Einzelgänger, die blitzschnell mit dem Colt sind und unermüdlich ihresgleichen jagen, um möglichst viele Abschüsse im Stile von Trophäen zu sammeln, hat es niemals gegeben. Sie sind nicht mehr als eine Erfindung der Produzenten, Regisseure und Drehbuchautoren Hollywoods.

 

Bei 100.000 DOLLAR FÜR EINEN COLT bekommen wir es nicht mit einer Sippenfehde, sondern mit der Fehde zwischen zwei Männern zu tun, die dereinst kooperierten, aber im abgrundtiefen Hass auseinander gingen. Eine dieser Personen, Martin, ist seit ihrer letzten Konfrontation, auf einen Rollstuhl angewiesen. Wofür Frank Nolan verantwortlich zeichnet. Die Konstellation erinnert mich ein wenig an DJANGO - DEN COLT AN DER KEHLE, wo ein auf Spielschulden basierender Streit einen Zweikampf (Stuart und McDonald) auslöst, welcher Stuart in den Rollstuhl befördert.

 

Was mir (gemessen am Vergleich der genannten Filme) fehlt, ist die Vermittlung jenes abgrundtiefen Hasses, wie er im genannten DJANGO-KEHLEN-VEHIKEL fortwährend transportiert wird, was dem Film sehr gut zu Gesicht steht. Ein solcher Hass kann wie die ihn begleitende Fehde nicht enden, ohne dass einer der beiden Beteiligten eliminiert wird. Sollte die Fehde ein größeres Ausmaß annehmen, ergo Verwandte mit einbeziehen, dann kann sie nur mit der vollständigen Ausrottung enden. Es sei denn eine übergeordnete Autorität bereitet dem Ganzen ein Ende.

 

100.000 DOLLAR FÜR EINEN COLT rückt die Fehde, die uns - wie eben angesprochen - einige handlungstechnische Möglichkeiten wie flankierende Retardierungen bietet, in den Mittelpunkt. Sie ist allerdings nicht allein herrschend und wird stattdessen als eine Triebfeder genutzt, um weitere Auseinandersetzungen zu aktivieren. Luis Romero Marchent hat halt eine einfallsreiche Story konstruiert und Sergio Donati Joaquín daraus ein cleveres Drehbuch bebastelt.

 

Auch wenn Luigi Pistilli in einigen Western agierte, überrascht es mich immer wieder, ihn in den südländischen Bleiopern (als Pollicut in LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG finde ich ihn spitze) zu sehen. Ich assoziiere ihn halt mit Gialli, Polizei- wie auch Horrorfilmen. Diesmal ist er als Danny unterwegs. Ein Pistolero, der den Colt für seinen Chef Martin sprechen lässt. Einer seiner Kollegen (Rick) wird von Aldo Sambrell verkörpert, der gewohnt fies aus der Wäsche schaut, aber leider nur wenig Spielzeit erhielt.

 

Der Film bietet nicht nur eine abwechslungsreiche Story, sondern auch interessante Kameraperspektiven. Und in einer Szene wird der Sterbeprozess eines Revolverhelden über die sonstigen Maßen ausgedehnt. Es bedarf so mancher Kugel, um die entsprechende Person endgültig zur Hölle zu schicken. Das damit verbundene Leiden des Sterbenden kann allerdings nicht vermittelt werden. Wie so etwas tatsächlich funktioniert, hat uns Corbucci eindruckvoll mittels LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG gelehrt. Kein Problem, denn für Joaquín Luis Romero Marchent spielten - zumindest was diese Szene anbelangt - mögliche Allegorien keine Rolle. Es regierte vorrangig die Absicht, der Szene eine grausame Färbung zu verabreichen.

 

Den grausam gefärbten Bildkompositionen steht übrigens ein stets wiederkehrender Humor (eine Ironie mit leichtem Hang zum Sarkasmus) gegenüber. Hin und wieder spielt Lassiter (wie bereits geschrieben) den Deppen. Und Sarahs Kinder sorgen kraft ihrer Scheinheiligkeit dito für eine ausgelassene Stimmung. Lassiter wie die Kids werden in diesen Situationen gar kraft der Musik kodifiziert und erhalten ihre individuellen Begleitfanfaren.

 

 

Fazit: Der früh thematisierte, unerbittliche wie tief verwurzelte Teufelskreis von Hass und Gegenhass erzeugt ein Katz-und-Maus-Spiel, das sich um die stolze Geldsumme dreht. Wer schlussendlich die Nase vorn hat oder ob viele Jäger des Hasen Tod sind bleibt bis zum Ende offen. Ergo punktet 100.000 DOLLAR FÜR EINEN COLT weniger mit seiner Fotografie, als viel mehr mit seiner clever wie abwechslungsreich inszenierten, mit latenter wie offener Ironie gespickten, Story und den gut agierenden Darstellern.

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