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Das Parfüm der Dame in Schwarz

Italien, 1974

  • Originaltitel: Il profumo della signora in nero
  • Alternativtitel:

    O Perfume da Senhora de Negro (BRA)

    Le Parfum de la Dame en Noir (FRA)

    Poseidas Del Demonio (MEX)

    The Perfume of the Lady in Black

  • Regisseur: Francesco Barilli
  • Kamera: Mario Masini
  • Musik: Nicola Piovani
  • Drehbuch: Francesco Barilli, Massimo D'Avak
  • Inhalt:

    Silvia Hacherman arbeitet als Chemikerin in einem Laboratorium. Sie ist mit dem Geologen, Roberto, liiert und ihr gemeinsamer Bekanntenkreis setzt sich aus Mitgliedern der besseren Gesellschaft zusammen. Silvia führt demnach ein glückliches Leben…, jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt an dem sie mit eigentümlichen und zugleich unerklärlichen Dingen konfrontiert wird. Auch ihre Nachbarn verhalten sich von Tag zu Tag seltsamer. Wird die junge Frau von Visionen geplagt? Ist sie einfach nur überarbeitet? Oder will man sie gezielt in den Wahnsinn treiben?

  • Autor: Frank Faltin
  • Review:

    WENN ROSEMARIE VON ALICE INS WUNDERLAND GELADEN WIRD

     

    Francesco Barilli debütierte als Filmregisseur mit dem Kurzfilm „Nardino sul Po“. Sechs Jahre später folgte “Il Profumo della signora in nero“ (dt. „Das Parfüm der Dame in Schwarz“). Ein Film, der von einigen Leuten als Giallo etikettiert wird. Diese Ansicht kann ich nur bedingt teilen, denn aus meiner Sicht präsentiert sich „Das Parfüm der Dame in Schwarz“, geachtet seiner Faible für das Unheimliche und Übersinnliche, eher als ein Film, der seine Heimat in den Arealen des Horrorgenres findet. Da Barilli jedoch fleißig mit den Giallo-Ingredienzien jongliert, mag ich sein Werk als einen Giallo/Horror-Hybriden, der zudem die Eignung zum Mindgame-Movie besitzt, suggerieren. Als ein Genregemisch, welches unterschiedliche Inspirationen erkennen lässt, nämlich Polanskis „Ekel“, „Rosemaries Baby“ und „Der Mieter“, Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, Michelangelo Antonionis „Blow-Up“ sowie Mario Bavas „Blutige Seide“. Darüber hinaus findet man Anleihen aus Lewis Carrolls Kinderbuch „Alice im Wunderland“ sowie dessen Fortsetzung „Alice hinter den Spiegeln“.

     

    Die innert dieser Mixtur präsentierten Bildkompositionen bieten intensive Darstellungen von Primär- und Sekundärfarben, was sich einhergehend als eine der vielen Stärken, die der Film zu bieten hat, ausweist. Jenes Spiel mit den Farben, das an Bavas „Blutige Seide“ sowie Argentos „Suspiria“ erinnert, besitzt eine Allmächtigkeit, die den Rezipienten fortwährend in seinen Bann ziehen kann. Dass derart imposante Bilder auch heute noch möglich sind, beweist unter anderem die belgisch/französische Co-Produktion „Amer“ (2009), welche derart souverän von seiner Bildgewalt regiert wird, dass der Film einem Rausch nahe kommt, der auf Handlungsstränge nahezu gänzlich verzichtet. Die Vorgehensweise konzentriert sich primär darauf, die Visualität eines Giallo-Thrillers zu adeln.

     

    Auch “Il Profumo della signora in nero“ nutzt die Dominanz der Farben, um den Rezipienten erfolgreich in Francesco Barillis Welt eintauchen zu lassen. Es ist die Welt der, von Mimsy Farmer gespielten, Silvia Hacherman. Der Eintritt in diesen Kosmos wird von einer sehr guten Kameraarbeit eskortiert und gleich zu Beginn lanciert eine grandiose Kamerafahrt entlang einer Hausfassade dem Auge des Zuschauers ein Liebesangebot, welches dieses mit Freuden an- respektive aufnimmt. Dieser sowie der vorherige Kameraschwenk über einen Brunnen lassen vehement an Polanskis „Rosemaries Baby“ denken. Gleiches gilt für den Charakter, Silvia Hacherman, der uns in der Folgezeit immer deutlicher an die verunsicherte und auf sich allein gestellte Rosemarie erinnert.

     

    Ungeachtet dessen, lassen sich auch weitere Charaktere aus Polanskis Gesamtwerk, Carole Ledoux („Ekel“) und Trelkovsky („Der Mieter“), mit der Person, Silvia Hacherman, assoziieren, denn Unsicherheit, Schüchternheit und die Flucht in Tagträume sind feste Bestandteile von Silvias Wesen. Dieses wurde von Francesco Barilli derart geschickt verarbeitet, dass er den Rezipienten mit zahlreichen Rätseln konfrontiert, welche während der Erstsichtung des Films schwierig zu entschlüsseln sind. Wer sich den Film jedoch zum zweiten oder zum dritten Male ansieht, der wird feststellen, dass Barilli (zum Zweck der Lösungsfindung) viele Informationen und Hinweise offeriert, welche während der Erstsichtung gegebenenfalls noch im Verborgenen bleiben. 

     

    Parallel zur bereits umrissenen Farbenpräsentation setzt Francesco Barilli auf ein Spiel, welches mit dem Schein und dem Sein hantiert. Ein Schema, das Michelangelo Antonioni innert „Blow Up“ in Perfektion durchexerziert und dabei den Hauptprotagonisten mit demselben Wissensstand ausstattet wie den Rezipienten. Eine Formel, die vom Verhältnis Silvia Hacherman-Rezipient divergiert, da er (der Rezipient) einen Informationsrückstand zu bewältigen hat. Einhergehend chargiert der Zuschauer zwischen zwei Welten. Eine Reise, welche die Dringlichkeit unsere Fragen zusätzlich betont. Der langsame Aufbau eines Rätsels, dessen Lösung sich hinter den Spiegeln verbirgt. 

     

    Bei diesem Spiel mit dem Zuschauer zeigen sich Lewis Carrolls Kinderbuch „Alice im Wunderland“ sowie dessen Fortsetzung „Alice hinter den Spiegeln“ als ein inspiratives Vorbild. Die Welt hinter den Spiegeln, das Paralleluniversum, welches dazu provoziert Imagination und Wahrheit zu vermischen, da der Rezipient diese Zweitwelt nicht von der realen Welt unterscheiden kann.

     

    Dabei stellen die Spiegel respektive die Spiegelbilder einen extrem wichtigen Bestandteil des Films dar. Das im Spiegel Sichtbare, welches Teil einer anderen Welt ist. Barilli kostet diese Eigenschaft zum Zweck des Wandelns zwischen den Welten effizient aus. Ein Chargieren, welches fortwährend von Fragezeichen und Rätseln begleitet wird. Dieses Undurchschaubare wird von dem Unheimlichen begleitet. So lässt der Regisseur selbst normale Dinge zu Furchterregenden Instanzen transformieren, sodass alltägliche Situationen zu den Vorboten des Bösen avancieren. Gehüllt in den Mantel der Bedrohlichkeit, welcher durch die Polyvalenz der Kameraperspektiven gestärkt wird.

     

    Parallel zu den umrissenen Schockmomenten ist die stetige Spannungssteigerung deutlich zu spüren,  sodass der Rezipient in die Versuchung kommt an den Fingernägeln zu knabbern. Ferner werden zahlreiche Mosaiksteinchen ausgelegt, die es  gilt ausfindig zu machen, um sie schlussendlich erfolgreich zusammenzusetzen. Ob sich das daraus entstehende Gebilde mit der eigentlichen Lösung deckt? Ob diese Lösung dem Rezipienten gelegen kommt? Ob er sie für konsequent oder inkonsequent hält?  Die Antwort liegt im subjektiven Empfinden des Betrachters.

     

    Somit schließe ich unseren Aufenthalt in der Welt der Silvia Hacherman, mit einem Zitat aus Michelangelo Antonionis „Blow up“, welches „Das Parfüm der Dame in Schwarz“ bestens wiederspiegelt:

     

    „Sometimes, reality is the strangest fantasy of all.”

  • Autor: Frank Faltin
  • Veröffentlichungen:

    „Das Parfüm der Dame in Schwarz“ erfuhr im Januar 2016 durch das X-Rated-Label seine Erstveröffentlichung auf dem deutschen Bluray-Markt. Bis zu diesem Zeitpunk wanderte die italienische Raro-DVD durch die Sammlerkreise.

     

    Die X-Rated-Scheibe enthält die italienische und die englische Tonspur sowie eine speziell für diese Veröffentlichung kreierte deutsche Synchronisation, welche mit Margrit Straßburger, Thomas Petruo, Christian Rode, Thomas Danneberg und weiteren bekannten Sprecherinnen und Sprechern bestmöglich besetzt ist.

     

    Das Bild ist scharf, besitzt kräftige Farben und enthält Filmkorn. Demnach wurde auf ein Glattbügeln (welches das Bild steril wirken lässt) verzichtet. Die Veröffentlichung kann den Geist der 1970er Jahre in vorbildlicher Weise repräsentieren und somit diesen einzigartigen und zugleich grandiosen Film zusätzlich adeln.

     

    Andreas Bethmann hat sich für diese Veröffentlichung ein ganz dickes Lob verdient!

  • Autor: Frank Faltin
  • Filmplakate

    Links

    OFDb
    IMDb

     

    Kommentare (1)

    • André Schneider

      André Schneider

      16 März 2016 um 10:10 |
      Ich bekam den Film zum Geburtstag und habe ihn gestern mit Wonne geschaut. Glaube fast, dies ist einer der fünf besten Gialli aller Zeiten! Bin immer noch ganz berauscht.

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