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Orgasmo

Frankreich | Italien, 1969

Alternativtitel:

Une folle envie d'aimer (FRA)

Paranoia (USA)

Regisseur:

Umberto Lenzi

Inhalt

Kathryn West (Carrroll Baker) hat gerade ihren Ehemann durch einen Autounfall verloren und so ein paar Hunderte Millionen Dollar geerbt. Auf der Flucht vor der Sensationspresse bringt Freund und Anwalt Brian Sanders (Tino Carraro) sie in einer italienischen Villa unter. Eines Tages erscheint dort der windige Peter Donovan (Lou Castel), und Kathryn, sexuell ausgehungert von einer lieblosen Ehe, landet schnell mit ihm im Bett. Eine leidenschaftliche Affäre beginnt, doch als Peter noch seine Schwester Eva (Colette Descombes) hinzuholt, wird es Kathryn langsam zu schräg. Kathryn versucht die Zwei loszuwerden. Plötzlich schlägt die Stimmung in offene Aggression um. Eva und Peter haben Kathryns Alkoholkonsum verstärkt und sie zusätzlich drogenabhängig gemacht. Nun erpressen sie Kathryn mit Fotos ihrer dreisamen Sexkapaden, doch Geld wollen sie nicht – sie wollen bleiben. Dabei treiben sie Kathryn allmählich in den Wahnsinn, zumal sie ihr neben zahlreichen Demütigungen nun Alkohol und Drogen entziehen.

Review

1968 drehte Umberto Lenzi diesen seinen ersten Giallo unter dem Arbeitstitel „Paranoia“ und leitete somit den zweiten Teil von Carroll Bakers Schauspielkarriere ein. Dem italienischen Produzenten sagte allerdings der Titel nicht zu, da das Wort Paranoia seiner Ansicht nach an das italienische „noia“ (Langeweile) erinnere. Er titelte den Film in „Orgasmo“ um, vergaß allerdings den amerikanischen Verleihern von Commonwealth United Bescheid zu geben, die den Titel „Paranoia“ beibehielten. Da Lenzi den Titel „Paranoia“ vergeben glaubte, drehte er noch einen „Paranoia“ (1970) und die Verwirrung war perfekt. Aber egal, das soll uns nicht interessieren.

 

„Orgasmo“ ist stilistisch, inhaltlich und was die Leistungen der Hauptdarsteller betrifft, wohl Lenzis bester Film. Solide produziert erzählt „Orgasmo“ eine spannende Geschichte, die Lenzi, und das sollte man im Hinterkopf behalten, in späteren Werken in ähnlichen Konstellationen adaptiert. Ich musste leider einige Reviews lesen, die „Orgasmo“ als schwächer einstufen als spätere Gialli von ihm, doch da wird schlicht übersehen, dass „Orgasmo“ sozusagen das Original ist, auf dem spätere Ideen aufbauen.

 

Ich war überrascht, wie böse dieser Film ist. Kathryn West ist frisch verwitwet, ihre Aussagen, dass sie ihren Mann geliebt habe, erscheinen halbherzig, spätestens wenn man ihre Einsamkeit und ihren sexuellen Hunger spürt. Sie hat ein Alkoholproblem und ein Vermögen geerbt, und ohne zu spoilern sei nicht zu viel gesagt, dass man sich von Anfang an Gedanken macht, ob der Tod ihres Ehemannes tatsächlich nur ein Unfall war.

 

Als Peter in ihr Leben tritt, macht Lenzi ebenfalls kein großes Geheimnis daraus, dass wir – die Zuschauer – diesem Typen nicht trauen sollten. Kathryn macht das leider, und hier kommen ein paar der besten Schauspielmomente, die ich von Carroll Baker je gesehen habe. Es war, wie gesagt, der Beginn von Bakers „zweiter Schauspielkarriere“, fortan würde also die Tatsache, dass sie sich dem mittleren Alter näherte, Teil ihrer Rollen sein. Sie hat zahlreiche Dialogzeilen, die darauf anspielen. Sexuell ausgehungert, lässt sie sich von Peter die Welt der jungen Leute zeigen, sie selbst empfindet sich als outdated, gar als abstoßend. Als Kathryn jung war, hat sie Rock n Roll getanzt, nicht das Zeug, an das Peter und Eva sie nun heranführen. Ihre Begeisterung darüber, sich wieder jung zu fühlen, wird später im Film in Zusammenhang mit einem sich stetig wiederholenden Song („Just Tell Me“) in Abneigung umschlagen. Begierig sich wieder jung zu fühlen lässt sie sich auf das neue Spiel ein, selbst als noch Peters Schwester hinzukommt, die sie an einige neuartige Subtanzen – zusätzlich zum Alkohol – gewöhnt.

 

Baker spielt den Widerstreit zwischen ihrem bisher weitgehend konservativen Leben, ihren Begierden und der Lust am Neuen (bzw. Wiederentdeckten) sehr gekonnt, setzt sogar noch eins drauf, wenn sie den Widerwillen vor Handlungen des jeweiligen Vorabends hinzufügt. Schlüsselszene ist hier das Erwachen nach dem ersten Dreier mit Peter und seiner vermeintlichen Schwester, wo sie beschließt, das Ganze zu beenden. Da ich nicht den ganzen Film spoilern will, sei nur noch gesagt, dass der weitere Verlauf menschlich ziemlich diabolisch ist. Von ihren beiden Peinigern unter Drogenentzug gesetzt, wird Kathryn fortan gedemütigt, offensichtlich mit dem Ziel, sie schlicht fertig zu machen. Das ist hart.

 

Es gibt Fassungsunterschiede zwischen der italienischen Originalversion (98 Minuten), und der US-Kinofassung (91 Minuten). Die italienische Fassung läuft länger da die amerikanische X-Certificate-Version von Commonwealth United etwas Handlung und Gewaltdarstellungen (Ohrfeigen, Peitschen mit dem Gürtel) verkürzt. Dafür fehlen in der italienischen Fassung ein paar Einstellungen bei Nacktszenen von Carroll Baker und Colette Descombes. Im Internet kursierte lange Zeit zudem eine grässlich gecroppte 77 Minuten-Version der US-Fassung, was halt übrigblieb, wenn man Nacktheit und sexuelle Gewalt komplett entfernt.

 

Wie bei Co-Produktionen dieser Zeit üblich, gibt es Fake-Credits. Das Drehbuch zu „Orgasmo“ stammte von Lenzi selbst, die Dialoge von Autor Ugo Moretti. Der ebenfalls genannten Marie Claire Solleville, die auch bei Lenzis „Paranoia“ genannt wird, sei er aber nie begegnet. Gleichfalls verhält es sich mit Bertrand Tavernier, der als Regie-Assistent genannt wird. Tatsächlich hatte dieser mit „Orgasmo“ nichts zu tun.

 

Natürlich ist „Orgasmo“ mehr Hitchcock als Argento, was den Giallo-Anteil betrifft. Und ähnlich wie Hitchcock belässt Lenzi es nicht bei einem finalen Schock, sondern fügt einen tröstenden Story-Twist an.

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