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In Ketten zum Schafott

Frankreich | Italien, 1963

Originaltitel:

Il fornaretto di Venezia

Alternativtitel:

Tat ohne Zeugen (BRD-Alternativtitel)

Der Bäckerbursche von Venedig (DDR)

Proceso en Venecia (ESP)

Le procès des doges (FRA)

Intriga em Venezan (PRT)

Deutsche Erstaufführung:

06. Oktober 1964

Regisseur:

Duccio Tessari

Inhalt

Wenn man nicht genauer hinschaut könnte man fast meinen, dass das politisch orientierte Unterhaltungskino in Italien erst Ende der 60er-Jahre aus der Wiege gehoben wurde, und bis dahin entweder Genre-Zerstreuung geboten war, oder Anspruch. Weit gefehlt, es gab auch zur Hochzeit des Kostümfilms sehr ernsthafte und überaus gelungene Versuche, politischen Anspruch und die niederen Instinkte ansprechende Gaudi miteinander zu vereinen. Ein solches Ergebnis heißt IN KETTEN ZUM SCHAFOTT, und ist ein begnadeter Crossover aus Giallo, Politthriller und Kostümfilm ...

 

Im Venedig des Jahres Sechzehnhunderundschnee stolpert der junge Bäckersbursche Pietro über den Leichnam des Patriziers Alvise. Wie es Unterprivilegierten schon immer so erging, wird er natürlich sofort für den Mörder gehalten und es wird ihm ein Prozess vor dem Rat der Zehn gemacht, was wohl das höchste Gremium der Stadt ist. Ein Motiv ist tatsächlich schnell gefunden, hat doch seine Verlobte Anella Geld von Alvise angenommen, und das nicht zu knapp. Wieso wurde Anella wohl bezahlt? Aha, also ein Mord aus Eifersucht, und hopp, ab aufs Schafott. Als Pietro den Mord nicht zugeben will wird er gefoltert, was natürlich zu einem ordnungsgemäßen und anerkannten Geständnis führt, und damit ist die Sache klar.

 

Das Ratsmitglied Lorenzo Barbo hat mit dieser Schuld so seine Probleme, glaubt er doch an die Unschuld Pietros. Der Ruf Alvises als Begatter sämtlicher Frauen Venedigs ist bekannt, mögliche Täter gäbe es also mehr als genug. Hinzu kommt, dass im Rat gerade die Diskussion tobt, ob nicht vielleicht ein Vertreter des Volkes in den Rat entsandt werden sollte. Ein Plebejer! Sakrileg!! Was ist denn mit den althergebrachten Rechten der Patrizier? Barbo stellt sich aber auf die Seite des Volkes, und ein Freispruch Pietros würde ihm viel Sympathie bei den einfachen Bürgern bringen. Und immerhin liebäugelt Barbo damit, der nächste Doge zu werden, wofür er diese Sympathie auch benötigen würde. Seine Geliebte, die Prinzessin Sofia, untersucht für ihn den Mordfall. Sie spricht mit den Zeugen der letzten Tage Alvises, recherchiert mögliche Nutznießer des Todes, und kommt der Wahrheit allmählich immer näher. Näher, als es dem wahren Mörder lieb sein könnte.

Autor

Maulwurf

Review

Wie in so vielen späteren Rollen ist Enrico Maria Salerno als Barbo auf der Seite des gemeinen Volkes, vertritt die damals noch gar nicht erfundene Demokratie und versucht gleichzeitig, durch diesen Prozess die Wahl zum nächsten Dogen bereits für sich entscheiden zu können. Wahrheit ist eine tolle Sache, und Barbo stellt sich rückhaltlos in den Dienst der Wahrheit, und sollte dabei auch noch das höchste politische Amt der Republik für ihn herausspringen könnte? Umso besser! Bloß: Was ist die Wahrheit …?

 

„Opfere Dein Leben nicht für die Wahrheit! Wer weiß schon was Wahrheit ist? Was bedeutet schon das Wort? Nur wer lebt hat Recht!“

 

Auf der anderen Seite sitzt der ehrenwerte Consigliere Garzone, der als Patrizier natürlich genau weiß, dass Pietro den Mord begangen haben MUSS. Im Kreuzverhör erniedrigt er Anella bis sie zugeben muss, von Alvise Geld erhalten zu haben, unter der Folter entlockt er Pietro ein Geständnis, und überhaupt stellt Garzone einfach das Musterbild eines patriotischen Edelmanns dar: Von Standesdünkel erfüllt und als bissiger Quasi-Staatsanwalt ist er bereit, jedes kleine Würstchen zu opfern um die Republik und seine eigenen Pfründe zu erhalten.

 

Prinzipiell entfaltet sich IN KETTEN ZUM SCHAFOTT also als Gerichtsdrama, mit all den Mechanismen die man aus Gerichtsdramen so kennt: Der Staatsanwalt schimpft, der Rechtsanwalt fordert Einspruch, und die Geschworenen (in diesem Fall die anderen Ratsmitglieder) sind wankelmütig. Aber der Ton wird im Lauf des Films zunehmend schärfer und politischer, richtet sich immer mehr auch an die im Jahr 1963 Regierenden, die das Volk Änderungen unterwerfen die diese vielleicht gar nicht wollen, gleichzeitig aber ein stärkeres Mitspracherecht des Volks ablehnen.

 

Die italienische Arbeiterbewegung, die bereits seit den 50er-Jahre sehr aktiv war, wird in den 60er-Jahren immer stärker, und auch unter den Studenten beginnt es immer mehr zu brodeln. Diese Strömungen werden von Duccio Tessari erfasst und geschickt in die Hauptpersonen eingearbeitet. Das venezianische Volk geht nicht auf die Straße und protestiert, das war im 17. Jahrhundert noch nicht üblich. Aber die Stimmung im Land, die verschiedenen, nebeneinander existierenden Meinungen, die kommen durchaus zur Sprache, wenn auch noch nicht so unverblümt wie am Ende des Jahrzehnts bei Regisseuren wie Damiano Damiani (dessen DER TERROR FÜHRT REGIE einige sehr interessante Parallelen zu IN KETTEN ZUM SCHAFOTT aufweist). Die kommenden Jahre werden ein Land, ja einen Kontinent vor dem Umbruch sehen, und dieser Umbruch wird beileibe nicht immer friedlich vonstatten gehen. Ein Mord, der zum Auslöser einer Debatte über politische Freiheiten wird, da fallen einem natürlich sofort Robert Kennedy oder Benno Ohnesorg ein, und die Frage taucht sehr bald auf, ob Pietro im Film nicht einfach nur als Sündenbock geopfert werden soll, um der politischen Räson Genüge zu tun. Staatsanwalt, nein Verzeihung: Consigliere Garone wird dies gegen Ende des Films auch unverblümt zur Sprache bringen, denn er sitzt klar auf der Seite derjenigen, die ihren Besitzstand wahren wollen.

 

Gleichzeitig haben wir aber auch eine Jagd auf einen unbekannten Mörder, und der Kriminalfall wird klassisch aufgerollt mit einer privaten Ermittlerin, einer zudem auch attraktiven Frau, die mögliche Zeugen und Interessenten aufspürt, und über deren Erzählungen, die in Form von Rückblenden eingebunden werden, versucht das Puzzle zusammenzusetzen. Ein früher Giallo also, denn das Grundschema des später so beliebten Giallos ist kein anderes: Ein privater Ermittler muss im Rennen gegen die Zeit versuchen die Wahrheit herauszufinden. Hier ist die drohende Hinrichtung Pietros der Endpunkt der laufenden Ermittlung, denn allen Beteiligten ist klar, dass nach Pietros Tod jede noch so umwerfende Erkenntnis nutzlos sein wird. Also vielleicht doch ein Sündenbock …?

 

Untermalt von der tragischen und erstklassig passenden Musik Armando Travaiolis schauen wir also einem Wettlauf gegen den Tod zu, der genauso gut ein Anrennen gegen die herrschende Ungerechtigkeit ist. Wie so oft ist Enrico Maria Salerno auf der Seite der Guten und Gerechten zu finden, und sein Gegenspieler Gastone Moschin ist, trotz der deutschen Synchronstimme von Gerd Duwner, ein erstklassiger Finstermann. Das Duell dieser beiden Ausnahmeschauspieler wird viele Jahre später in Florestano Vancinis GEWALT – DIE FÜNFTE MACHT IM STAAT eine genauso packende Fortsetzung finden, nur unter modernen Vorzeichen. Ist dieser dann wirklich der effektivere Film, nur weil er in der Neuzeit spielt? IN KETTEN ZUM SCHAFOTT ist hochgradig spannend, hat einen Erzählfluss, der auch heute noch, fast 60 Jahre nach seiner Entstehung, zeitlos wirkt und in heutigen Filmen nicht wesentlich anders aufgebaut wird, er hat erstklassige Darsteller, eine hochpolitische Aussage, und ein Ende das sich den üblichen Standards verweigert.

 

Die dahinterstehende Geschichte ist übrigens aus dem Jahr 1507 und ist eine tatsächlich existierende Legende aus Venedig, wobei nicht geklärt ist ob sich diese Geschichte tatsächlich zugetragen hat. In den Kriminalarchiven der Stadt sind jedenfalls keinerlei entsprechenden Vorkommnisse zu finden. Was aber nichts macht, die Geschichte an sich zieht auch so schon vortrefflich, und wurde entsprechend auch gleich mehrfach verfilmt: 1907 von Mario Caserini, und 1914 und 1923 dann gleich noch einmal von Luigi Maggi bzw. Mario Almirante. 1939 wurde die Geschichte von Duilio Coletti neu aufgelegt und 1952 dann von Giacinto Solito ebenfalls. Jede Generation Filmemacher durfte da mal dran, und auch wenn ich die anderen Versionen nicht kenne, die von Duccio Tessari ist auf jeden Fall hochdramatisch und ausgesprochen packend.

Autor

Maulwurf

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