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Wo ist die Freiheit?

Italien, 1954

Originaltitel:

Dov'è la libertà...?

Alternativtitel:

Where Is Freedom?

Inhalt

Vor einem römischen Gericht wird ein seltsamer Fall verhandelt: der nach 22 Jahren Haft auf Bewährung entlassene Salvatore Lojacono (Totò) ist in sein altes Gefängnis eingebrochen, wofür er einen alten ursprünglichen Ausbruchsplan verwendet hat. In der Verhandlung erzählt er seine Geschichte, die letztendlich darauf hinausläuft, dass das Leben in Freiheit nicht so erstrebenswert ist, wie man es sich in Gefangenschaft vorstellt.

Review

Roberto Rossellini, preisgekrönter Neorealist, und Komiker Totò – eine komplizierte Geschichte. Rossellini hatte gerade zwei geplagte Produktionen hinter sich. EUROPA 51 (1952) erwies sich als Misserfolg, zahlreiche Zensuren und Re-Edits machten das nicht besser. DIE MASCHINE BÖSETÖTER (La macchina ammazzacattivi, 1952) erwies sich als spontane Idee, an der Rossellini mittendrin das Interesse verlor und weite Teile von Regie-Assistenten fertiggestellt wurden. Tatsächlich hatte er DIE MASCHINE BÖSETÖTER bereits 1948 begonnen und aufgegeben.

 

Den Produzenten Carlo Ponti und Dino de Laurentiis kam daraufhin die Idee, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Nach dem von der Presse hysterisch hochgepushten Skandal um Rossellini und Ingrid Bergman liefen dessen Filme in Italien nicht mehr gut, wohingegen er in den USA hohes Ansehen genoss. Komiker Totò wiederum war in den USA völlig unbekannt, konnte jedoch beim italienischen Publikum kaum beliebter sein. Also brachte man die Beiden zusammen, in der Hoffnung, beide Märkte zu bedienen.

 

Dabei hätte man es ahnen können. Ende 1952 begannen die Dreharbeiten, doch Rossellini verlor nach nur wenigen Szenen, für die er zudem weitreichende Dialogänderungen vor Ort vornehmen ließ, das Interesse. Bis 1954 sollte daraufhin die Fertigstellung in Anspruch nehmen. Zuerst engagierte man Mario Monicelli. Da die Produzenten jedoch weiterhin daran festhielten, dass ausschließlich Roberto Rossellini als Regisseur einen Credit erhalten sollte, war auch dessen Interesse verhalten. In einem Interview mit Sebastiano Mondadori im Jahre 2005 gab er an, lediglich die Szenen im Gerichtssaal inszeniert zu haben. Der Großteil des Films sei vom Regie-Assistenten Lucio Fulci gedreht worden, der – ebenso wie Monicelli – nirgendwo in den Credits genannt ist. Die Finalszene wiederum – in der Hauptprotagonist Salvatore Lojacono sicherstellt, dass er doch in Haft kommt – wurde nachweislich von Federico Fellini gedreht. Der fertige Film soll somit auch stark vom Originaldrehbuch abweichen.

 

Doch all diese Widrigkeiten sollten Interessierte keineswegs davon abhalten, diesen wunderbaren Film zu sehen, der ganz auf seinen Hauptdarsteller Totò zugeschnitten ist. In dieser Tragik-Komödie konnte er zeigen, was als Schauspieler in ihm steckte, Dramatik und neorealistischer Fatalismus überwiegen dabei die eher zarten Anflüge von Humor.

 

Der Barbier Salvatore Lojacono hat 25 Jahre Gefängnis für den Mord an seinem besten Freund erhalten. Nachdem seine Frau ihm erzählte, sein Freund habe sie sexuell bedrängt, schnitt Lojacono diesem auf dem Barbierstuhl die Kehle durch. Im Gefängnis fühlt Salvatore sich wohl, kümmert sich um jedermann, schreibt für analphabetische oder wenig wortgewandte Insassen Briefe, rasiert sie, schneidet ihnen die Haare. Sie sind für ihn Familie.

 

Nach 22 Jahren wird er überraschend auf Bewährung entlassen. Er hat sich für die nächsten zwei Jahre in Rom aufzuhalten, öffentliche Versammlungen zu meiden, Unterkunft und Arbeit zu melden (welche er sich selbst suchen muss), ebenso jeglichen Kontakt zu anderen Kriminellen oder früheren Insassen zu unterlassen. Salvatore hat sichtlich Angst vor dieser „Freiheit“ und sehnt sich nach einer Frau, denn während seiner langen Jahre im Gefängnis ist er verwitwet. Die Welt draußen, die er zuletzt noch vor dem zweiten Weltkrieg gesehen hat, ist ihm fremd.

 

Nach Begegnungen mit einem Geldfälscher, einer heimlichen Prostituierten, sowie einer wunderbar inszenierten Episode um einen Tanzwettbewerb, befindet er sich in einer scheinbar hoffnungslosen finanziellen Lage. Er kann keine Arbeit finden, denn der einstige Barbier, der einem seiner Kunden einst die Kehle durchgeschnitten hat, ist bei den Einheimischen nicht so vergessen wie geglaubt. Da erspäht er plötzlich an einem Schlachthof die Brüder seiner früheren Frau. Die leben in einigem Wohlstand und nehmen Salvatore scheinbar freudig bei sich auf – doch nicht ohne Hintergedanken.

 

Der Aufenthalt bei der Familie wird für Salvatore zu einer menschlichen Enttäuschung. Der Wohlstand der Verwandten beruht auf dem Verrat an Juden während der Zeit des Faschismus. Die Frau, mit der man ihn zusammenbringen will, ist von einem anderen schwanger. Zudem erfährt er die wahren Hintergründe, die zu seinem Mord an dem vermeintlichen Belästiger seiner Frau geführt haben. Salvatore beschließt, er will lieber im Gefängnis sein, unter ehrlicheren Menschen und inszeniert seinen „Einbruch“ in selbiges, wo er sich einfach unter die Insassen mischt – und natürlich schnell erwischt wird. Doch da ist noch nicht das letzte Wort gesprochen.

 

WO IST DIE FREIHEIT? ist die Odyssee eines ehrlichen Mörders aus Leidenschaft durch eine unehrliche Welt, die er lieber wieder hinter sich lassen will. Musikalisch untermalt wird diese von Roberto Rossellinis Bruder Renzo, die passend tristen und gleichsam stimmungsvollen Bilder stammen von Aldo Tonti und Tonino Delli Colli. Sehr empfehlenswert!

Links

OFDb

IMDb

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