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Skandalöse Emanuelle - Die Lust am Zuschauen

Italien, 1986

Originaltitel:

Voglia di guardare

Alternativtitel:

La fille aux bas nylon (FRA)

Peepshow (JPN)

Christina (USA)

Midnight Gigolo

Deutsche Erstaufführung:

3. Juli 1986

Regisseur:

Joe D'Amato

Kamera:

Joe D'Amato

Inhalt

Diego ist ein pflichtbewusster wie ausgesprochen wertgeschätzter Mediziner. Bei all seinem beruflichen Ehrgeiz vernachlässigt er nach Auffassung seiner Ehefrau Christina jedoch seine ehelichen Pflichten. In diesem Kontext erweist sich der Besuch von Andrea, ein attraktiver junger Mann, dem Diego dereinst eine Gefälligkeit erwies, als eine überaus verheißungsvolle Zusammenkunft, um ein rein auf Sex basierendes Verhältnis anzustimmen. Eines schönen Tages führt Andrea seine Gespielin in ein Edelbordell ein, an dem der Playboy finanziell beteiligt ist. Was auf den ersten Blick nach Bereicherung mittels Zuhälterei ausschaut, aktiviert jedoch beträchtlich mehr als es der eindimensionale Ersteindruck annehmen lässt, denn hinter den Kulissen der Liebesstätte, lauern ungeduldige Blicke, um Christina beim erkauften Liebesspiel zu beobachten. Eine Konstellation von der die Frau aus gutem Hause erst später erfahren wird und von Stund an eine zusehends bedeutendere Rolle in einem mehr oder minder prickelndem Spiel zwischen Hingabe und Voyeurismus einnehmen wird.

Review

„In jedem von uns steckt etwas von einem Voyeur.“

(Josefine)

 

SKANDALÖSE EMANUELLE beinhaltet keine Figur sowie keinen Charakter, der auf den Namen Emanuelle, Emmanuelle oder Emanuela hört. Darüber hinaus besitzt der Film keine Darstellerin, die auch nur ansatzweise mit der von Sylvia Kristel verkörperten Gattin eines französischen Diplomaten: Die be- wie verzaubernde Emmanuelle, konkurrieren könnte. Wie in zahlreichen, weiteren (auch genreübergreifenden!) Fällen hat der deutsche Verleih seinem wenig verheißenden Kind einfach einen neuen Rufnamen verabreicht, um dessen marginale Herkunft zu kaschieren und in diesem Zusammenhang mit fremden Federn zu dekorieren. Die alternativen Firmierungen wie CHRISTINA, MIDNIGHT GIGOLO und PEEP SHOW werden dem Film wesentlich eher gerecht. Den meines Erachtens treffendsten und zugleich sinnvollsten Werktitel reflektiert allerdings die italienische Originalfirmierung: VOGLIA DI GUARDARE. Drei Worte, zu Deutsch „Will es sehen“, die bereits viel über die Quintessenz des Films aussagen und die ich fortan im Firmierungskontext nutzen werde.

 

Wie Sie kraft des Originaltitels unschwer erahnen werden, fokussiert der Film etwas Geheimes, etwas Reizvolles, das mit Verlangen, Verlockung und Verführung einhergeht. Die Säulen innert dieser Konstruktion sind:

 

Diego - ein erfolgreicher Arzt.

Christina - Diegos sexuell vernachlässigte Ehefrau.

Andrea - ein geldgieriger Hochstapler wie Gigolo.

Francesca - Andreas Geschäftpartnerin, eine eifersüchtige Bordellbesitzerin.

Josephine - Christinas Freundin, die die Arztgemahlin in die Geheimnisse und Freuden des Voyeurismus einweiht.

Flavia - Josefines Sexualpartnerin und berufene Langweilerin.

 

In der Welt der Reichen und (nicht wirklich) Schönen definiert sich der Dreh- und Angelpunkt über drei Buchstaben: Sex. Sei es, um sich mittels empfangener Liebesdienste zu befriedigen oder mittels erzwungener Liebesdienste die Haushaltskasse zu füllen. In dieser, D'Amatos Welt, wird Ihnen flink bewusst, dass der Blick (Remember: VOGLIA DI GUARDARE!) eine ganz große Rolle spielt.

 

- Diego beobachtet Christina beim Waschen des Intimbereichs.

- Diego beobachtet Christina und Andrea beim Sex im Gewächshaus.

- Christina beobachtet (der männliche wird zum weiblichen Blick) Flavia und Josefine beim Liebesspiel.

- Andrea beobachtet Flavias Mund (der in mehren Detaileinstellungen gezeigt wird) beim genussvollen Verzehr von Eis.

 

„Der Spiegel hat mir die Augen geöffnet.“

(Christina)

 

Ein Film, der sich in aller Ausführlichkeit mit dem Blick beschäftigt, rückt freilich nur allzu oft einen Spiegel in den Mittelpunkt der Geschehnisse. Der Spiegel, der das Erkennen des eigenen Egos symbolisiert und simultan eine entlarvende Wirkung haben kann. Ergo kann Obszönes zu Tage treten, etwas nicht Salonfähiges, das den Filmzuschauer schockiert, da er sich konträr zur jeweiligen Filmperson nicht wirklich mit dem Gesehnen arrangieren mag. Bei VOGLIA DI GUARDARE spielt primär der Blick durch einen Einwegspiegel eine bedeutende Rolle. Er reflektiert erzwungenen Sex und stellt der Reflektion des erzwungenen wie erkauften Liebesspiels Voyeurismus gegenüber. Mit dem Moment in dem Christina, der Spielball zwischen den genannten Polen, in eben dieses Geheimnis eingeweiht wird, findet sie Gefallen an dem erzwungenen Spiel. Wächst peu à peu aus der Opferrolle heraus, um fortan selbst zu taktieren. Demgemäß entwickelt sich aus dem ahnungslosen Opfer eine Eingeweihte (eingeweiht in das schmutzige Spiel um ihre Person sowie eingeweiht in die Vorzüge des Voyeurismus), die alsbald als Verführerin mit leichter Femme Fatale Kolorierung zum Gegenschlag ausholen wird.

 

„Es ist ein Spiel, an dem ich Gefallen finde.“

(Christina)

 

In welcher Zeit VOGLIA DI GUARDARE spielt, lässt sich anhand kleiner Details abschätzen. Wie beispielsweise eine ausziehbare Zigarettenspitze, welche die gouvernantenhafte Figur Flavia stets gelangweilt zu ihrem Mund führt und nach dem Inhalieren den kalten Rauch in die ebenso kalten Räumlichkeiten aushaucht. Um sich von Flavia ein Bild zu machen, müssen Sie sich ein krasses Gegenmodell zu Holly Golightly (BREAKFAST AT TIFFANY'S) vorstellen, beziehungsweise ein Gegenmodell zu Audreys ikonografischer Fotografie (hübsch, sexy, neckisch) mit der Zigarettenspitze kreieren. Und siehe da, Sie haben Flavia (unhübsch, reiz- wie humorlos) vor ihren erschaudernden Augen. Wenn ich es richtig resümiere, dann waren jene Zigarettenhalter in den 1920ern en vogue. Als ein weiteres Indiz für die Goldenen Zwanziger spricht Flavias Hairstyling. Laura Gemsers Haupthaar hat in diesem Kontext notabene deutlich weniger Zuwendung erfahren, denn die ansonsten überaus attraktive, exotische Erscheinung, die Mata Hari (geheimnisvoll, verführerisch und bis in die Haarspitzen mit knisternder Erotik beseelt) des Terza Visione, wirkt diesmal ungefähr so spannend wie D'Amatos 93er Tranquilizer LIEBESKAMMERN DES CHINESE KAMASUTRA.

 

Auch wenn sich VOGLIA DI GUARDARE im positiven Sinne (was keine große Finesse belegt) von LIEBESKAMMERN DES CHINESE KAMASUTRA abhebt, konnte mich der Film nicht wirklich überzeugen. An der Fotografie (die diesmal weniger sleazy mutet und stattdessen phasenweise versucht, die Betonung liegt auf dem Wort „versucht“, die Atmosphäre eines Just Jaeckin-Film wiederzugeben) hat es nicht gelegen. Was ich dem Film negativ ankreide, ist seine Spannungsarmut. Die Story ist zwar okay, aber es fehlt ihr dito an Pfeffer wie den Protagonistinnen an Feuer. Bei der Präsentation seiner Darstellerinnen hat Joe eh ein schlechtes Händchen hinterlassen, denn wie Laura Gemser als Josefine und besonders Aldina Martano als Flavia besitzt auch Jenny Tamburi in der Rolle des Hauptcharakters Christina nichts, was einer besonderen erotischen Ausstrahlung gerecht werden könnte. Und da dem Silberstreif einer zarten Hoffnung, Lilli Carati, nicht der Spielraum zugestanden wird, sich erotisch zu entfalten, bleibt dem Firmament eine zumindest phasenweise mögliche Aufhellung fortwährend vergönnt.

Links

OFDb

IMDb

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