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Bekreuzige Dich, Fremder

Italien, 1968

Originaltitel:

Straniero... fatti il segno della croce!

Regisseur:

Demofilo Fidani

Kamera:

Franco Villa

Inhalt

Nachdem der Ganove Jason Donovan die Bankangestellten einer kleinen Westernstadt mit der angekündigten Einzahlung von 100.000 Dollar in Erstauen versetzte, zeigt der ominöse Lebemann urplötzlich sein wahres Gesicht und bittet mittels seiner Bluthunde die verblüfften Gentlemen zur Kasse. Die Taschen voller Dollar macht sich die Bande postwendend auf den Weg zum nächsten Coup. Doch der Überfall auf ein Spielkasino beschert Donovan nebst Jetons und Dollarnoten auch den Erhalt einer Revolverkugel, die fortan für übelste Schmerzen sorgt und die Bande späterhin dazu zwingt, sich vorerst in ihr Schlupfloch zurückzuziehen.

 

In dem nahe liegenden Städtchen White City lebt Donavans Bruder Carson, der die Stadt mit eiserner Hand regiert und nebenher von den angesiedelten Farmern hohe Schutzgeldbeträge erpresst. Das Unternehmenskonzept funktioniert und floriert, denn der symbolische Rubel rollt - jedenfalls so lang bis ein Fremder auftaucht und den brüderlichen Konzern durcheinander wirbelt.

Review

STRANIERO... FATTI SEGNO DELLA CROCE! bedeutet ins Deutsche übersetzt tatsächlich BEKREUZIGE DICH, FREMDER. Und damit ist der einzige Tatbestand definiert, bei dem tatsächlich alles zusammenpasst. Denn alles andere, das in Fidanis legendärem Regiedebüt zum Tragen, Heben, Fallen, Kreisen oder sonstigen Aktivitäten kommt, ignoriert den roten Faden, den obendrein die symbolische Maus entgegen ihrer unzähligen Misserfolge nun doch abgebissen hat, und eiert infolgedessen ziel- wie planlos durch die von allen guten Geistern verlassene Wild(west)bahn.

 

„Rien ne va plus! Nichts geht mehr! Für die, die nicht französisch sprechen!“

 

So die Worte, die der Dialogbuchautor dem Croupier in den Mund legte und simultan die beliebteste aller Glückspielsphrasen durch eine köstliche Abschlussformel erweiterte. Mit dem Verstreichen der letzten Einsatzplatzierungschance wird nachweislich eine Spannung aktiviert, die beharrlich um die rotierende Roulette-Schüssel, deren Energie mit jeder absolvierten Laufrunde an Leistungsvermögen verliert, allerdings noch einen Sekundenbruchteil vor ihrem endgültigen Stillstand eine Kraft mobilisieren kann, welche die Kugel mit allerletzter Kraft ins benachbarte Nummernfach drängt und einhergehend Sieger zu Verlierern degradieren kann, herumkreist. Ähnlich lässt sich Fidanis Vorgehensweise innert seines Regiedebüts definieren. Denn wenn der Zuschauer meint, er könnte eine Szenerie abhaken, da der visualisierte Unsinn nicht mehr übertroffen werden kann, dann tischt ihm Fidani eine Folgeszene auf, die wider Erwarten alles zuvor gesehene locker in den Schatten stellt.

 

Nachdem wir die in der Inhaltangabe umrissenen Überfälle begleiten durften und derweil ungefähr 15 irritierende Minuten verlebten, werden wir mit dem Einritt unserer zukünftigen Reflektorfigur konfrontiert. Diese, ein Fremder namens Frank, der während seiner Nahaufnahmen emsig versucht, die Mimik eines Clint Eastwood zu imitieren, inspiziert umgehend mit akribischer Genauigkeit das Mobiliar (ein umgestürzter Stuhl, ein schief platziertes Bild und sonstige spannende Gegenstände, die innig von der Kamera liebkost werden) einer Holzbaracke in der einst Charlie H. Logan lebte, um die Hütte mit einer entdeckten Fotografie zu verlassen. Wer sich nach dem Verlassen des verwahrlosten Wohnraums bereits die Frage stellt, was die ausgedehnte Prozedere für einen Sinn haben soll, der sollte die Sichtung umgehend abbrechen! BEKREUZIGE DICH, FREMDER ist kein Film, der für irgendetwas, und sei es noch so neben der Spur, eine Erklärung liefert. Im Prinzip weiß man nämlich nie, was hier eigentlich abgeht. Um es zu verdeutlichen: Fidani hat seinen Statisten wie Komparsen vermutlich nicht die Bohne einer Anweisung zukommen lassen, sodass Kinder und Saloonbesucher einfach mal machen, was ihnen so in den (Un)Sinn kam. Die dabei zutage tretenden Verhaltensweisen passen sich freilich blendend der praktisch fortwährend desorientierten Erzählweise an und erwähnte Statisten wie Komparsen bewegen sich im Stile von illegalen Besuchern durch einen Mikrokosmos, dessen Gesetze uns Zuschauer um keinen Preis einleuchten.

 

Das zweite und letzte Filmdrittel verlagert sein Geschehen hauptsächlich in die Ortschaft White City. Dort wo der niederträchtige Carson regiert und dort wo dessen Sohn (Lukas) mitsamt seinem Zossen den ansässigen Saloon betritt, ergo in den Saloon einreitet, was bei den Gästen, die sich vornehmlich aus Carsons Lumpenhunden zusammensetzen, für rege Begeisterung sorgt. Man kann Lukas, der in dieser Situation zwar als Narr agiert, aber keinen Vollidioten (der Film offeriert übrigens einige Vertreter dieser Spezies) reflektiert, als einen action heavy deuten. Der Begriff action heavy wurde bereits in den frühen Tagen der Westernlichtspiele genutzt und umschreibt einen nicht sonderlich cleveren, aber rücksichtslosen Charakter, der dem brain heavy (der Denker, also Carson), der sich niemals die Hände schmutzig macht, geschweige mit Blut befleckt, unterstellt ist.

 

„Wir spielen hier das Spiel der fliegenden Eier... man kann von Glück reden, dass es nicht die eigenen sind..."

 

Die Kameraarbeit von Franco Villa, der so manchen Western wie beispielshalber den hervorragenden JONNY MADOC fotografierte, ist recht ordentlich ausgefallen. Denn der Mann kann schließlich nichts dafür, dass seine Bildkompositionen stets Gefahr laufen von Fidanis abwegigen Erleuchtungen gefressen und somit Teil einer phasenweise widersinnigen Montage zu werden. Besonders erwähnenswert ist die zum Ende des Films einsetzende Rückblende, die so derart sensationell daneben wirkt, dass sie in unzähligen goldenen Himbeeren eine inbrünstige Hoffnung evoziert, diese (erwähnte Rückblende) wie die unsagbare Eierschieß-Sequenz gebührend zu degradieren, dass mir zumindest momentan die angemessenen Worte fehlen, um das Gesehene eingehend zu charakterisieren.

 

Wen es interessiert, wie es Fidani gelungen sein kann, Fabio Testi für den Film zu gewinnen, der kann das Rätsel mit Blick auf Fabios Filmografie ganz simpel lösen. Testi war zum dem Zeitpunkt ein Filmnovize und scheinbar froh überhaupt ein Engagement erhalten zu haben. Leider wurde dem gebürtigen Veroneser, der bekanntlich erst in den 1970ern richtig durchstarten sollte, nur eine geringfügige Spielzeit zugestanden und darüber hinaus in der Rolle eines Bandenmitglieds erwartungsgemäß verheizt.

 

 

Fazit: Fidanis Debüt bestätigt bereits jene Verschrobenheit, die man bis dato seinem gesamten Regiewerk zuschreibt. Der Film ist weder sorgfältig inszeniert, noch verfügt er über irgendwelche Spannungsmomente und liefert stattdessen zahlreiche Bizarrerien, die allerdings - zumindest nach meinem Dafürhalten - beim geeignetem (!) Zuschauer sehr wohl für amüsante Momente sorgen können.

Links

OFDb

IMDb

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