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Zwei Aasgeier

Italien | Spanien, 1968

Originaltitel:

Tutto per tutto

Alternativtitel:

Gringo joue et gagne (FRA)

La hora del coraje (ESP)

One for All (GBR)

All Out (USA)

Go for Broke (USA)

Zwei Aasgeier auf dem Weg zur Hölle

Copper Face

Deutsche Erstaufführung:

06. August 1971

Regisseur:

Umberto Lenzi

Inhalt

Johnny West, Hochstapler und Spitzbube, kurzum ein Hallodri in Reinkultur, trifft inmitten der Wildnis auf einen alternden Revolverhelden namens Goofo, dessen Gutmütigkeit Johnny ausnutzt, um zu einem frischen Pferd zu kommen, welches ihn in das nächstliegende Westernstädtchen trägt, wo der pfiffige Bursche auch gleich am Pokertisch Platz nimmt. Doch Johnny West wird als mutmaßlicher Falschspieler entlarvt und dem hiesigen Saloon sowie der Stadt verwiesen. Derweil ist auch Goofo in dem Örtchen ein- und somit erneut mit Johnny zusammengetroffen. Goofo ist nicht nachtragend, toleriert demgemäß den einstigen Pferdediebstahl und schließt sich dem deutlich jüngeren gunslinger an. Im Anschluss an eine bleihaltige Auseinandersetzung erhält das suspekte Duo von zwei ebenso zweifelhaften Mexikanern das Angebot vier Kisten Gold im Wert von 200.000 Dollar zu erbeuten. Um die Lage des Vermögens zu eruieren muss Johnny jedoch erst einmal den Indianer Copper Face ausfindig machen und gerät zu allem Überfluss in Konflikt mit dem Desperado Carranza.

Review

Das fünfte Ass im Pokerspiel! Ein gleichermaßen berühmt wie berüchtigter Beleg, dass zumindest eine durchtriebene Seele am Pokertisch weilt, um per Gaunerei reiche Beute einzufahren. Auch wenn Johnny West - zumindest diesmal - eine keimfreie wie fleckenlose Weste besitzt, fungiert das fünfte Ass als der symbolische Startschuss für eine Flut von Schwindelmanövern, die den Besitz von vier gestohlenen, bis zum Rand mit Goldbarren gefüllten Kisten eifrig chargieren lassen. Inmitten dieser Umtriebe bewegt sich Johnny West (im Original Johnny Sweet). Ein Strahlemann wie er im Buche steht. Nichts bringt ihn aus der Fassung, da er die harten Prüfungen, die das Leben nun mal parat hat, bereits allesamt mit Bravur und einem begleitenden Lächeln bewältigt hat. Es bietet sich freilich an, eine solche Hauptfigur mit Mark Damon, der stets zur sympathischen Grinsekatze transformieren konnte, zu besetzen. Wer den Mann aufgrund dessen in eine pedantisch eingezäunte wie ebenso akribisch bewachte Komfortzone drängt, der hat meines Erachtens nicht alle sinnbildlichen Latten am subjektiven Zaun. Denn Damon war jederzeit in der Lage, sich (s)einer Rolle anzupassen und konnte, wenn erforderlich, den strahlenden Lebenskünstler mühelos beiseite stellen. Ob als Philip Winthrop bei Corman, ob als Ferguson bei Lizzani, ob als Lionello Shandwell bei Savona, ob als König von Kastilien bei Baldi - Damon hatte immerzu die richtige Antwort parat und wurde seinen Rollen stets gerecht.

 

Simultan zum nun bereits mehrfach genannten und quietschfidelen Zeitgenossen Johnny West lernen wir sein in die Jahre gekommenes Pendant, den wortkargen Pistolero Goofo (im Original: Owl), kennen. Ein frühes Zusammentreffen, das uns geschwind darüber aufklärt, wohin die künftige Reise gehen wird, da sich schnurstracks die erste Gaunerei, welcher zahlreiche (um vier Goldkisten kreisende) Schurkenstücke folgen, entfalten kann. Weitere künftige Goldjäger sind zwei gerissene Mexikaner, der dubiose Indianer Copper Face, dessen Ehefrau Maria (die allegorische Hure Babylon) sowie der großmäulige wie clowneske oder besser gesagt: Der extrem dämliche (eine Eigenschaften, die von Fernando Sancho erwartungsgemäß bestens bedient wird) Leader einer Horde von Desprados: Carranza. Das ich Sie derart eifrig mit Castangaben strapaziere, hat den Grund, dass die klassischen, für Spektakel sorgenden Westerningredienzien, auch wenn der Body Count auffallend hoch ist, im hinteren Teil der Blechlawine rangieren. Vorn positioniert sich die Intrigenschmiede, die mittels eines emsigen Gegeneinanderausspielen zahlreiche set pieces auf den Plan ruft, die dem Film wiederum eine nahezu pornohafte Erzählstruktur attestieren. Wenn Halunke 1 den Colt auf Halunke 2 richtet, verlässt der dritte Colt schon den Halfter, um beide Personen ins nächste, anderorts gelagerte Ränkespiel einzubinden. Dieses Verfahren erhält fortan (freilich mit vertauschten Rollen) unablässig seine rezidivierenden Auffrischungen. Dementsprechend überschlagen sich innerhalb kurzer Zeit die Ereignisse, in deren Folge sich - vom materiellen Anreiz angetrieben - Allianzen und Verrat immerzu die Hände reichen. Ergo geht die Methode des Gegeneinanderausspielen nicht nur von einer bestimmten Person, sondern von mehreren Personen, die im Zuge dessen eine Gleichberechtigung erfahren und sich nicht einem zentralisierten Antihelden, der sie allesamt an der Nase herumführt, unterordnen müssen, aus.

 

Jene grob skizzierten Figuren haben sich seit geraumer Zeit mit ihrer Entfremdung von der Gesellschaft, also mit der abgeschlossenen Zivilisierung, abgefunden und mit diesem Zustand gezwungenermaßen arrangiert, was sie unter anderem dazu befähigt, über Leichen zu gehen. Schließlich haben sie nichts zu verlieren, da sie bereits auf Gedeih und Verderb verlorenen sind. Lenzi geht mit diesen Elementen gleichermaßen nonchalant wie trotzig um. Es liegt ihm nichts daran, die gesellschaftlichen Stellungen der Personen zu vertiefen oder eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, wie sie gern in den Revolutionswestern propagiert wird, in irgendeiner Weise anzuprangern. Er lässt seine Westernfiguren schlichtweg zu den Jägern nach einem längst verteilten Besitz, dessen mögliche Einverleibung sie jedoch nicht von ihrer erwähnten Entfremdung befreien würde, avancieren, was in letzter Konsequenz ein Konzept widerspiegelt, das im Italo-Western - zumindest gemäß meiner Auffassung - eh in Stein gemeißelt ist.

 

Der Dialog fungiert innert „Zwei Aasgeier“ als der grundlegende Indikator für zahlreiche prekäre Situationen, die den jeweils in die Irre Geleiteten kurzerhand aus seiner überlegenen Position reißen und ihn zum Gelinkten erklären. Um diese Marschroute eindringlich zu stärken, bedarf es freilich einer bissigen Synchronisation. Eine Herausforderung, die von Aura-Film nicht nur angenommen, sondern mithilfe ihrer beispielhaften Synchronisationsarbeit, die zahlreichen bekannten Gesichtern markante Stimmen (Preuss, Hagen, Kindler) verleiht, erfüllt wurde. Die ebenso geläufigen Namen dieser Gesichter werden im Stil der der opening sequences innert „Für eine Handvoll Dollar“ (die kennen Sie doch bestimmt, sodass ich nicht detaillierter darauf eingehen muss) sowie, um ein weiteres Beispiel zu nennen, „Der Tod ritt dienstags“ vorgestellt. Das Auge isst bekanntlich mit und mir hat der optische Verzehr zugesagt.

 

Umberto Lenzi hat mit „Zwei Aasgeier“ einen unterhaltsamen, aber schlussendlich nicht mehr als durchschnittlichen Western abgeliefert. Das unterscheidet das Gesamtkonstrukt im übertragenden Sinne bereits deutlich vom Status seiner in ihm wirkenden Antihelden, da diese das Gegenteil vom Mittelstand, ergo den Bodensatz, den Ausschuss einer zivilisierten Gesellschaft verkörpern. Falschspieler und Desperados, deren allergische Reaktionen auf die Zivilisierung in Form von Habgier zutage und somit die Skrupellosigkeit vor den Ethos treten lassen. Ob die beiden Hauptfiguren den Kopf aus der symbolischen Schlinge der Zivilisation herausziehen können - sei dahingestellt, denn der Film entlässt uns lediglich mit einer Momentaufnahme. Und diese können - so bringen es die Erfahrungen mit ihnen mit - nah und dennoch fern, bekannt und dennoch fremd sein, sodass ihre einhergehende Rätselhaftigkeit auch zukünftig erhalten bleibt.

Links

OFDb
IMDb

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