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Der Vampir von Notre Dame

Italien, 1957

  • Originaltitel: I vampiri
  • Alternativtitel:

    Los vampiros (ESP)

    Les vampires (FRA)

    Lust of the Vampire (USA)

    The Devil's Commandment (USA)

    Evil's Commandment

    The Vampires

  • Deutsche Erstaufführung: 28. November 1958
  • Regisseur: Riccardo Freda, Mario Bava
  • Kamera: Mario Bava
  • Musik: Roman Vlad, Franco Mannino
  • Drehbuch: Piero Regnoli, Rijk Sijöstrom, Riccardo Freda
  • Inhalt:

    Seit Monaten werden in Paris immer wieder Leichen von Mädchen gefunden – Jung, schön, und keinen Tropfen Blut mehr im Leib. Der Journalist Pierre Lantin ist auf der Spur des Vampirs, wie die Presse das Monster nennt, aber alle Versuche den Mörder zu finden scheitern an mangelnden Beweisen sowie einer Polizei, die partout nicht einzusehen scheint, dass die Ideen eines rasenden Reporters in solch einem Film zwangsläufig zielführend sein müssen. Lantins Freundin verschwindet spurlos, sein Kollege löst sich in Luft auf, und irgendwie scheint sich alles um das unheimliche Schloss der du Grands zu drehen, deren jüngster Spross, die Herzogin du Grand, Lantin sehr beharrlich nachstellt. So wie ihre Mutter bereits seinem Vater nachgestellt hatte und dessen Leben zerstört hat. Könnte da ein Zusammenhang existieren? Warum stirbt ausgerechnet Professor du Grand, der Spezialist für das Aufhalten von Alterungsprozessen, einen sehr plötzlichen Tod? Und warum sind die junge und die alte Herzogin niemals gleichzeitig zu sehen?

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Also, die Geschichte geht so: Riccardo Freda und Mario Bava, beide schon seit einigen Jahren eng befreundet, möchten den ersten italienischen Horrorfilm seit 1920 drehen. Das Drehbuch wird innert einer Nacht auf Tonband gesprochen, und damit geht es zum Produzenten Goffredo Lombardo, der damals der großen Titanus vorstand. Lombardo wird versprochen, dass keine inbrünstigen Küsse zu sehen sind, Tod nur im Offscreen stattfindet, die Geschichte in Paris spielt (weit weg von Italien), dass kein Blut getrunken und das ganze in 12 Tagen abgedreht wird. Freda und Bava fädelten das ganze als Wette ein, und Lombardo ging auf diese Wette ein.

     

    Nach 10 Tagen Drehzeit war Freda allerdings nur zur Hälfte durch das Skript durch, und er erbat eine Verlängerung. Unter den ausgemachten Bedingungen der Wette verweigerte Lombardo diesen Wunsch, und Freda verließ das Projekt mit einem fürchterlichen Wutausbruch. Daraufhin schaute sich der Kamera- und Effektespezialist Bava den verbliebenen Teil des Drehbuchs an – und drehte, mit leicht veränderter Story, den Rest als sein Regiedebüt in 2 Tagen!

     

    Was dann halt zu einigen Inkonsistenzen führte. Paul Mullers Charakter hätte im Originalskript unter der Guillotine geköpft und später wiederbelebt werden sollen, was bei Bava dann zwar wegfiel, bei Mullers Verhör bei der Polizei ist aber ganz deutlich die große Narbe der Hinrichtung zu sehen. Auch mäandert die Story vor allem in der ersten Hälfte manchmal geradezu hilflos hin und her, aber an solchen Kleinigkeiten muss man sich ja nicht aufhängen. Immerhin reden wir hier doch vom ersten italienischen Horrorfilm der Nachkriegszeit, der zwar kein kommerzieller Erfolg war, dafür aber a) Mario Bava mehr oder weniger den Weg ebnete zu weiteren Regiearbeiten, und b) den Grundstein legte für die Welle der Gothic-Grusler, die dann ab etwa 1960 recht erfolgreich in die Kinos schwappte.

     

    Denn sind wir mal ehrlich: Etwas wirklich Umwerfendes ist der Streifen inhaltlich erstmal nicht. Eher so das, was die Vorgenerationen abfällig als Kintopp bezeichnet haben: Ein hölzern agierender Reporter hat zwar keinen Plan, dafür aber jede Menge Ehrgeiz, mit welcher er die ebenfalls planlose Polizei nervt. Sein Love Interest wird so unauffällig in die Handlung eingebaut, dass man sich ob seines Engagements, das Mädel zu retten, schon etwas wundert, und am Schluss passt wie durch ein kleines Wunder alles so richtig perfekt zusammen. Die wunderschöne Gianna Maria Canale als Herzogin du Grand ist eine atemberaubende Frau, taugt aber als Identifikationsfigur genauso wenig wie Carlo D’Angelo, der als Pierre Lantin häufig da sitzt oder steht, die Hände in den Taschen seines Trenchcoats vergräbt, und trotzig vor sich hinstarrt, weil eh keiner seinen wilden Theorien glauben mag. Das Aufregendste ist dieser Hauch von Elisabeth Bathory, der durch den Film zieht.

     

    Wie gesagt, inhaltlich eigentlich nichts besonders Besonderes. Aber auf technischer Ebene, mein lieber Herr Gesangsverein, da gibt es so einiges zu bestaunen. Die Höhepunkte sind natürlich, und da muss ich jetzt leider ein wenig spoilern damit ich besser schwärmen kann, die Höhepunkte sind natürlich die Verwandlungsszenen der Herzogin, bei sie ohne Schnitte und ohne Überblendungen rapide altert (beziehungsweise sich einmal auch verjüngt). Ein gigantischer Effekt, den Bava ausschließlich mit farbigem Licht und geschickt aufgebrachter Schminke erzeugte, und der den Zuschauer auch heute noch in Erstaunen versetzt.

    Und dann ist da diese Stimmung, diese sinistre und unheimliche Stimmung, vor allem bei den Gothic-Parts. Das Schloss der Herzogin atmet pure Finsternis und besteht scheinbar nur aus Teufelsfratzen, grauenhaften Figuren und Geheimgängen. Spätestens wenn dann eine dunkle Gestalt aus dem Kamin kommend durch die Halle schlurcht und die Vorhänge im Wind wehen, dann ist das schwarze Schauerromantik, wie sie schwärzer, schauriger und romantischer nicht sein könnte.

     

    Aber auch außerhalb dieser Teile bietet der Film optisch ungemein viel. Am vielleicht beeindruckendsten ist der Tod von Paul Muller, der schon mal mit einem Dr. Mabuse-Zitat beginnt. Es wird geredet, die Schatten an der Wand dräuen und versprechen Unheil, und richtig, der Butzemann kommt und würgt Muller zu Tode. Die Schurken beugen sich über die Leiche, ganz links am Bildrand, und nach rechts ist nur Raum, vollkommen leer bis auf die Schatten. Doch dann, ohne Schnitt, öffnet sich eine Türe und eine schwarze Gestalt taucht auf, nur dunkel umrissen, und böse Anweisungen flüsternd. Noir, Crime, Mystery - Alles was Gänsehaut erzeugt ist in dieser kurzen Sequenz enthalten, und geradezu meisterlich umgesetzt.

     

    Auch die Settings sind vom Feinsten. Gleich, ob das liebevoll eingerichtete Mad Scientist-Labor im Keller, der steingewordene Alptraum namens Schloss, oder einfach nur die Szenen mit Stimmungen der Pariser Straßen, die in Wirklichkeit für ganz wenig Geld mitten in Rom gedreht wurden. Der Treppenaufgang im Theater, der Familienfriedhof, … Freda und Bava greifen tief hinein in den Fundus sowohl des Grand Guignol wie auch der Lichttechnik aus mehreren Jahrzehnten Film- und Horrorgeschichte, um den Zuschauer zu beeindrucken. Und obendrauf dann die starke Musik von Roman Vlad, die auch den leichteren Szenen genügend Druck und Schwere zu geben vermag, und damit ein beeindruckendes Gesamtbild erzeugt, welches, wenn man mal darüber nachdenkt, so eigentlich gar nicht vorhanden ist.

     

    Film ist bekanntlich die Kunst der Illusion, und DER VAMPIR VON NOTRE DAME ist eine ganz wunderbare solche. Die Herzogin du Grand lebt die Illusion dass sie jung und schön ist, Freda und Bava schenken uns die Illusion eines Vampirs in Paris, und der Film gibt uns die Illusion eines großen Horrorfilms. Ein Vexierbild, das aus jeder Richtung anders ausschaut: Für den einen ist es ein gotischer Streifen par Excellence, für einen anderen ein Krimi mit übernatürlichen Elementen, und für den nächsten ein schwarzromantisches Märchen mit modernem Aufhänger. Film kann so schön sein. Dieser ist es!

  • Autor: Maulwurf
  • Veröffentlichungen:

    Gesehen wurde die US-DVD von Image, deren gravierendster Nachteil ein nicht so tolles Bild ist. Auf einem 55’’-Bildschirm jedenfalls wirken viele Einstellungen sehr grob, und auch die Kontraste hätten gerne noch einmal überarbeitet werden dürfen. Auf der Habenseite hat es einen hochinteressanten Text von Tim Lucas, erstklassige englische Untertitel zum italienischen Originalton, Bio- und Filmographien von Riccardo Freda und Mario Bava, eine Foto- und Postergalerie sowie einen Schwung weiterer Bava-Trailer.

     

    In Deutschland wurde der Film bislang nur von Anolis veröffentlicht, da er aber von Arrow in Großbritannien sogar als Blu-ray vorliegt, gibt es eigentlich keinen Grund sich dem Film zu verweigern.

  • Autor: Maulwurf
  • Filmplakate

    Links

    OFDb
    IMDb

     

     

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