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Tunnel Under the World

Italien, 1969

  • Originaltitel: Il tunnel sotto il mondo
  • Alternativtitel:

    Le tunnel sous le monde (FRA)

  • Regisseur: Luigi Cozzi
  • Kamera: Piergiorgio Pozzi
  • Musik: Claudio Calzolari
  • Drehbuch: Alfredo Castelli, Tito Monego
  • Inhalt:

    Ein Mann hat jede Nacht stets den gleichen Traum: am 32. Juli wird er von einem Unbekannten erschossen, mit einem Gewehr, von einem Kirchturm aus. Doch auch seine Tage unterscheiden sich wenig, und nach und nach wird ihm klar, dass es immer derselbe Tag ist. Während die Welt um ihn herum sich fortbewegt, scheint er selbst aus der Zeit gefallen.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    1955 erschien erstmals Frederik Pohls Kurzgeschichte „The Tunnel under the World“ im Sci-Fi-Magazin „Galaxy.“. Luigi Cozzis erster Spielfilm orientiert sich an Pohls Geschichte und verwendet sie als Grundlage für eine eigene Stilrichtung, die man wohl als gesellschaftskritischen Experimentalfilm mit Hommage an die Science Fiction-Literatur bezeichnen kann. Und um Cozzis Film - abseits von der Eigenerfahrung des Ansehens – überhaupt hier irgendwie beschreiben zu können, orientiert man sich am besten an Pohls Ur-Story und geht dann zu den Veränderungen über, die diese in Cozzis Film erfährt.

     

    In Frederik Pohls Originalgeschichte geht es um das Ehepaar Guy und Mary Burckhardt, die beide am Morgen des 15. Juni nach einem schrecklichen Alptraum erwachen, an dessen exakten Inhalt sie sich aber nicht erinnern können. Guy Burckhardt geht dann wie gewohnt zu seiner Arbeit in einer weitgehend von Robotern betriebenen Chemiefabrik. Sein Kollege Swanson versucht ihm etwas Dringendes mitzuteilen, zögert aber, da Guy nicht die erhoffte Bereitschaft zeigt. Am nächsten Morgen scheint Burckhardt denselben Traum gehabt zu haben wie in der Nacht zuvor, und es ist noch immer der 15. Juni. Außerdem scheint sein Keller umgebaut zu sein, anstelle des gewohnten Anblicks liegt vor ihm ein langer Tunnel. Schließlich spricht er mit seinem Kollegen Swanson, der ihm seine Theorie darlegt, dass ein Unbekannter die Stadt übernommen und ihre Erinnerungen manipuliert habe. Doch das trifft nicht ganz zu. Die Chemiefabrik ist explodiert, alle sind tot, doch der skrupellose Werbefachmann Dorchin hat alles als Miniatur wieder aufgebaut. Burckhardt selbst ist nur ein Miniatur-Roboter, der sich an die Person seines menschlichen Vorbilds erinnert.

     

    1969 verwendet Luigi Cozzi diese Geschichte als Vorlage für seinen ersten eigenen Regieversuch. Frederik Pohl erlaubt ihm, seine Geschichte unentgeltlich zu verwenden, kennt Cozzi von dessen Autoren- und Übersetzungstätigkeit für diverse italienische Sci-Fi-Magazine. Freilich gibt es kein Budget, Kameramann Piergiorgio Pozzi und Musiker Claudio Calzolari sind Bekannte von Cozzi, die Darsteller zumeist unbekannt. Lediglich Ivana Monti erlangte nach diesem Darstellerdebut einen kleinen Bekanntheitsgrad. Deutschen Genrefans ist sie wohl am ehesten durch Lucio Fulcis „Das Syndikat des Grauens“ bekannt. Das Drehbuch schrieben wohl Alfredo Castelli und ein gewisser Tito Monego, der Filmvorspann selbst credited zusätzlich Cozzi selbst, welcher ebenfalls die Endmontage übernahm sowie eine kleine Rolle als Darsteller. Cozzi selbst habe sich als Schauspieler aber so unwohl gefühlt, dass er seinem Auftritt in der Nachbearbeitung eine weibliche Stimme gab, um sein Unbehagen und seine Beschämung vor der Kamera auszudrücken. Die Drehzeit von „Il tunnel sotto il mondo“ betrug 4 Tage. Die Kameraarbeit ist an einigen Stellen ebenso wackelig wie an anderen Stellen genial. Der musikalische Soundtrack beginnt mit stampfenden experimentellen Klängen und driftet später in zeittypische Hippieklänge über. Alle Szenen wurden nachvertont, da es sich um einen Experimentalfilm handelt, nicht sehr sorgfältig. Viele Monologe, und Dialoge, die nicht den Lippenbewegungen der Darsteller entsprechen, aber das sollen sie auch gar nicht. Es geht um die Gedanken dahinter, nicht um das gesprochene Wort. Bei den Monologen sieht das freilich anders aus, denn hier finden sich zahlreiche Zitate und Referenzen, nicht nur von Pohl sondern auch von Ballard, Bradbury oder Vonnegut. Da Luigi Cozzi wusste, das es für eine originalgetreue Verfilmung Geld gebraucht hätte, belässt er es von Anfang an bei Motiven.

     

    So weit zu gut. Ich habe diesen Film wirklich gerade zum ersten Mal gesehen, deshalb wird die Beschreibung einiger Inhalte wohl eher fragmentarisch. Womöglich sogar falsch, weil missverstanden. Wo Pohls Originalstory stets den 15. Juni wiederholt, geht Cozzi gleich in die Vollen mit dem 32. Juli, einem Tag, der nicht existiert. Unser Hauptprotagonist erwacht aus einem Alptraum, ein blonder, bärtiger Mann hat ihn von einem Kirchturm aus mit einem Gewehr erschossen. Er frühstückt mit seiner Frau und geht zu seiner Arbeit in einem namenlosen grauen Kasten, wo er als Personalchef angestellt ist. Auf dem Weg zur Arbeit spricht er (wie auch an den folgenden sich wiederholenden Tagen) mit einem unsichtbaren Interviewer. Cozzi zeigt uns die Gleichförmigkeit des Alltags, Menschen, die ihre Arbeit tun, ohne sie zu mögen. Der Weg zur Arbeit ist gesäumt von Werbeplakaten, der unterschwelligen Aufforderung zu Konsumieren. Weniger unterschwellig sind die Erinnerungen an besondere Momente im Leben, die aber inmitten der Alltagsverrichtungen fern und distanziert scheinen. Die Kritik an der Überflutung der Gesellschaft durch Werbung – wie sie in Pohls Vorlage vorhanden ist – gibt es ebenso im Film, was Cozzi selbst aber als problematisch empfand. In Italien fehlte dafür der Zeitgeist, gerade erst gab es den ersten TV-Sender, eine Überflutung durch Werbung nahm die amerikanische Gesellschaft wahr, nicht jedoch die Italienische.

     

    Dann beginnt Cozzi, zwei Figuren zu verschmelzen. Der skrupellose Werbefachmann aus Pohls Vorlage manifestiert sich in unserem Hauptprotagonisten, der als Personalchef eine junge, unschuldige Frau als „Hostess“ für Kunden der Firma anstellt und mit ihr eine Affäre beginnt – unter den Augen ihres Vaters, in dem wir Zuschauer den Schützen vom Kirchturm erkennen. Dieses Abweichen von der Norm und dem Leben des Alltags kostet unserem Hauptprotagonisten seine Identität und seine Orientierung, er fällt aus der Zeit heraus. Von da an wird es schwierig. Zunächst wird er Protagonist von zwei bewaffneten Männern in Weihnachtsmannkostümen verfolgt und von Cozzi (als Darsteller) gerettet. Es folgt ein Strandspaziergang mit Bradbury- und Ballard-Zitaten über das Wesen der Zeit. Desweiteren gibt es einen Dialog mit einem Computer, der Gott finden will, um ihn überwachen zu können. Da der Computer programmiert wurde die Menschen zu schützen (Asimov lässt grüßen), könne er nur für deren Sicherheit garantieren, indem er deren unkontrollierbare Geißel Gott im Auge behält. Doch die Maschine hat noch andere Pläne, die weit darüber hinaus gehen.

     

    Das Interessante an Cozzis „Il tunnel sotto il mondo“ ist freilich nicht allein die (nur schwer verständliche) Handlung sondern die Umsetzung zahlreicher interessanter Ideen mit minimalistischen Mitteln. Es ist ein phantasievolles Filmexperiment, das seinerzeit auf dem Trieste Festival Internazionale del Film di Fantascienza gezeigt wurde, anschließend jedoch in einer Schublade der Publikumsunverträglichkeit verschwand, wo auch mehr als 10 Minuten der ursprünglichen Filmlänge schließlich nicht mehr zu retten waren, bevor die verbliebenen 56 schließlich ihren Weg auf eine italienische Videokassette fanden. Und irgendwie…schließt sich der Kreis zu Luigi Cozzis experimentellem Erstling mit dessen Spätwerk „Blood on Meliès‘ Moon“ (2016), der zwar deutlich professioneller gefilmt wurde aber mindestens ebenso progressiv verspielt daher kommt. Sehr sehenswert.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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