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Shining Sex

Belgien | Frankreich | Italien | Schweiz, 1977

Alternativtitel:

La fille au sexe brillant (FRA)

Regisseur:

Jesús Franco

Drehbuch:

Jesús Franco

Inhalt

Alpha (Evelyne Scott), ein Wesen aus einer anderen Dimension, kontaminiert den Körper der Striptease-Tänzerin Cynthia (Lina Romay) mit einer tödlichen Substanz. Diese soll allen den Tod bringen, die Kenntnis der Existenz von Wesen aus jener anderen Dimension erlangt haben, namentlich die Seherin Madame Pécane (Monica Swinn) und der Forscher Kallmann (Olivier Mathot). Doch auch der an den Rollstuhl gefesselte Dr. Seward (Jess Franco) weiß nicht nur um die außerdimensionalen Wesen, er kann mithilfe seiner besonderen Sinne gar an Cynthias Martyrium und den Morden teilhaben, die diese unter dem hypnotischen Einfluss von Alpha begeht. Doch wird er das Ganze auch stoppen können?

Review

Mit „Shining Sex“ beschreitet Franco mal wieder den Pfad des Surrealismus, dringt tief in diesen ein und präsentiert dem Zuschauer mit minimalistischsten Dialogen eine unglaubliche Geschichte. Tatsächlich scheint es als wären vor der Endbearbeitung gar noch weniger Dialoge vorgesehen, denn oft bewegt niemand die Lippen oder die Darsteller stehen gerade der Kamera abgewandt. Mehr noch: durch andere Dialoge erhielte man womöglich einen komplett anderen Film. Denn irgendwie erinnert vieles an Francos Succubus-Geschichten in „Necronomicon – Geträumte Sünden“ (1967) und insbesondere „Lorna… the Exorcist“ (Lorna, l'exorciste, 1974). Weiterhin findet sich das Mord-unter Hypnose-Motiv aus „Die nackten Augen der Nacht“ (Les cauchemars naissent la nuit, 1970). Aber ich will gar nicht viel heruminterpretieren, denn das schadet der mysteriösen Aura des Films nur.

 

„Shining Sex“ kommt mit Produktionsangaben zu vier Firmen und Ländern daher, doch die Wahrheit ist die: er ist ein Nebenprodukt von „Heiße Berührungen" (Midnight Party, 1976), wovon außer Franco zunächst niemand wusste. Nachdem die Darsteller Claude Boisson (Yul Sanders) und Pierre Taylou den Braten rochen, scheinen ihre Szenen für „Shining Sex“ entweder deleted oder gar nicht erst gedreht worden zu sein. Beide erscheinen in den Credits von „Shining Sex“, tauchen aber nur in „Heiße Berührungen“ auf. Yul Sanders habe sich aber während der Dreharbeiten beschwert, dass er nicht verstehe, warum sein Charakter zwei Mal sterben würde, was einen Anhaltspunkt dafür bietet, dass er für „Shining Sex“ vorgesehen war. Aber wie gesagt, er taucht dort nicht auf, ebenso wenig wie Taylou. Wie Franco deren Szenen noch unterbringen wollte, bleibt allerdings rätselhaft, denn die längste Fassung von „Shining Sex“ hat bereits eine Franco-unübliche Überlänge von 105 Minuten.

 

„Shining Sex“ ist sehr speziell. Gedreht in Alicante (wenig) und überwiegend Südfrankreich inklusive der Camargue ist es ein sehr heller Film trotz düsterer Stimmung. Man muss sich auf viel Weiß und noch mehr Hellgrün einstellen, sowie auf lange Einstellungen. Cynthias Begegnung mit Alpha und die nachfolgende lesbische Szene im Hotel machen nahezu die ersten 20 Minuten des Films aus. Wir werden Zeuge von unterschwellig gewalttätigen und kalt gefilmten Sexszenen, die mitunter zum Tod führen. Da ergeht es uns ebenso wie dem an den Rollstuhl gefesselten Dr. Seward (Franco), der zum Voyeur jener Begegnungen wird. Dabei scheint er Höllenqualen zu leiden. Ob diese durch moralische Bedenken oder seinem Unvermögen physisch an derartiger Lust teilzuhaben entstehen, nun, drei Mal darfste raten. Es scheint sich zudem ein persönliches Dilemma Francos jener Zeit widerzuspiegeln, nämlich dem sich abzeichnenden Bruch zwischen Lina Romay und Ramon Ardid (aka Raymond Hardy, zu sehen in „Shining Sex“ als Alphas Diener Andros), denn bekanntlich waren Franco und Lina zu jener Zeit schon sehr heiß aufeinander, und schon bald würden sie sich gemeinsam aus dem Staub machen. Franco hatte einfach keine Lust mehr weiter ein unbeteiligter Voyeur von Linas Reizen zu sein, so wie sein Charakter des Dr. Seward in „Shining Sex“.

 

Und so hinterlässt „Shining Sex“ in seiner Gesamtheit den Eindruck eines sehr persönlichen Films. Für meinen Geschmack vielleicht zu persönlich. Ich habe „Shining Sex“ heute zum ersten Mal gesehen, und irgendwie fühle ich mich als Zuschauer noch nicht so recht abgeholt. Den französischen Kinozuschauern im Veröffentlichungsjahr 1977 dürfte es ähnlich gegangen sein, denn die zwei Hardcore-Fassungen, die damals in Pornokinos liefen, sind sicher nicht das, was derartige Zuschauer erwartet haben. Wenn ich richtig gezählt habe, enthalten diese Hardcore-Versionen genau zwei sehr kurze Close-ups von Penetration und einen ebenso kurzen Cunnilingus zwischen Lina Romay und Monica Swinn. Alles übrige – Großaufnahmen von Vagina und Penis – ist auch in der regulären Fassung vorhanden, und diesbezüglich hat Franco wohl eine Fingerübung veranstaltet, wie weit man in einem Erotikfilm gehen kann, ohne in den Pornobereich einsortiert zu werden.

 

Erwähnenswert ist in jedem Fall noch der Soundtrack von Daniel White, in dem man gelegentlich Francos Orgelei heraushören kann. Sind ein paar sehr schöne Stücke dabei.

 

Zu den Fassungen: ich gebe auf. Zwei französische Kinoversionen, eine anscheinend nur 69 Minuten lang (ist eine Vermutung, diese erste Version ist nicht auffindbar), die Zweite findet man im Internet, 81 Minuten lang. Eine Langfassung (ohne die drei Hardcore-Szenen) erschien in Japan von Toei-Video, leider mit zahlreichen geblurrten Genitalien. Diese Fassung scheint dem spanischen TV-Rip zu entsprechen (nicht geblurrt natürlich), welcher seit längerem ebenfalls durchs Internet geistert, leider im Vollbild-Format – dafür aber mit englischer Tonspur, deren Herkunft/Entstehungsjahr mir ein Rätsel ist. Zudem scheint es eine italienische Kinofassung gegeben zu haben, über deren Art oder Lauflänge mir gar nichts bekannt ist.

Veröffentlichungen

Severin Films veröffentlichte „Shining Sex“ im August 2020 auf Blu-ray im richtigen Bildformat und in ansehnlicher Farbqualität. An Bord ist ausschließlich der „Director’s Cut“ mit einer Lauflänge von 105 Minuten, ausschließlich mit dem englischem Dubbing. Keine Alternativ-Versionen, keine weiteren Sprachfassungen. Neben einem Audiokommentar mit Robert Monell and Rod Barnett findet sich im Bonusmaterial Teil 3 der Doku „In the Land of Franco“ mit Stephen Thrower und Antonio Mayans, sowie die Interview-Features „Shining Jess“ mit Stephen Thrower, „Never Met Franco“ mit Gerard Kikoine und „Franco At Eurociné“ mit Daniel Lesoeur. Und wer keine Lust hat sich das Geschwafel von Christophe Gans zu Franco anzuhören, kann sich stattdessen im „Very NSFW Outtakes“- Feature noch mal alle Genitalien aus „Shining Sex“ anschauen. Die Erstausgabe der Blu-ray, ein Mid Year Sale Exclusive, enthielt zudem eine Daniel White CD mit 14 Stücken aus 6 Jess Franco-Filmen, eine weitere CD scheint noch für dieses Jahr in Planung, ebenso wie weitere Franco-Veröffentlichungen.

Links

OFDb
IMDb

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