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Der Richter und sein Henker

Deutschland | Italien, 1975

  • Originaltitel: Der Richter und sein Henker
  • Alternativtitel:

    Assassinio sul ponte (ITA)

    El puente sobre Estambul (ESP)

    Murder on the Bridge (USA)

    End of the Game (USA)

    The Judge and His Hangman

  • Deutsche Erstaufführung: 05. Mai 1978
  • Regisseur: Maximilian Schell
  • Kamera: Roberto Gerardi, Ennio Guarnieri, Klaus König
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Friedrich Dürrenmatt, Maximilian Schell, Roberto De Leonardis
  • Inhalt:

    Der Schweizer Kommissar Hans Bärlach (Martin Ritt) steht nach jahrzehntelangen Dienstjahren vor dem Ende seiner Laufbahn, denn er ist mittlerweile nicht nur alt, sondern auch schwer erkrankt. So bleibt ihm nicht mehr viel Zeit, eine 30 Jahre alte Wette zum Abschluss zu bringen. Hierbei ging es darum, dass sein Gegenspieler, Richard Gastmann (Robert Shaw), einst behauptete, dass er ein Verbrechen begehen könne, ohne dass er dafür zur Verantwortung gezogen würde. Im Beisein von Bärlach stieß er eine gemeinsame Freundin namens Nadine (Rita Calderoni) von einer Brücke. Bei der Tat kam die junge Frau ums Leben, die Kommissar Bärlach nie vergessen konnte. Etliche Jahre später schickt er Gastmann dessen eigenen Henker, denn der Kriminelle soll für einen Mord angeklagt werden, den er dieses Mal jedoch nicht begangen hat...

  • Autor: Prisma
  • Review:

    Bereits im Jahr 1957 wurde ein Fernsehfilm unter der Regie von Franz Peter Wirth nach der gleichnamigen Romanvorlage "Der Richter und sein Henker" hergestellt, bis Dürrenmatt im Jahr 1975 wieder das Drehbuch für eine Adaption schreiben sollte, dieses Mal allerdings unter der Regie von Maximilian Schell. Da es sich um einen Spielfilm fürs Kino handelt, wurde nicht nur wegen der internationalen Besetzung gleich in Englisch gedreht, sondern man wollte augenscheinlich einen Zuschnitt für den Weltmarkt hinbekommen. Maximilian Schells sehr aufwändig inszenierter Psycho-Thriller brachte es nach seiner Entstehung zu einigen Auszeichnungen und fand naturgemäß eine breitere Beachtung als das beinahe zwanzig Jahre zuvor entstandene Fernsehspiel, das vergleichsweise sehr altbacken und starr wirkt. In diesem Zusammenhang findet man sehr schnell die Stärken dieses Beitrags, denn er wurde einer inszenatorischen Frischzellenkur unterzogen, sodass ein moderner Spielfilm mit Strahlkraft wahrzunehmen ist, der sich seiner Maxime jedoch vollkommen bewusst bleibt. Sicherlich liegt es vor allem daran, dass sich Friedrich Dürrenmatt (unter Mitwirkung von Regisseur Marimilian Schell) selbst für das Drehbuch verantwortlich zeigte. So lässt sich eine enge Anlehnung an die Novelle feststellen, in der sogar Passagen zu finden sind, die originalgetreu übernommen wurden. Der Verlauf beginnt mit einer sehr atmosphärischen Rückblende, die zum frühen Verständnis beitragen wird, falls man "Der Richter und sein Henker" nicht als literarische Version kennt. Ennio Morricones Musikstücke veredeln die ohnehin hervorragende Bildgestaltung, und die Interpreten aus zahlreichen Herkunftsländern sorgen für Intensität und Irritation, Abscheu und Sympathie. Alleine aufgrund der hochwertigen Entourage hinter und vor der Kamera kann sich der interessierte Zuschauer auf einen sehr spannenden und gut ausbalancierten Verlauf freuen, der es schafft, ohne allzu viele Barrieren und dramaturgische Klippen auszukommen.

     

    Die große Stärke dieser Produktion ergibt sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass der Film sich auch ohne großartiges literarisches Interesse oder gar Vorkenntnisse spielend etablieren kann, da zeitgenössische Zutaten nicht fehlen. Maximilian Schell achtet darauf, eine clever durchdachte Publikumswirksamkeit zu kreieren, um - an normalen Sehgewohnheiten gemessen - nicht überqualifiziert zu wirken. Ein offensiver Fischzug nach mehreren möglichen Zielgruppen entsteht unterm Strich allerdings nicht. Die Thematik um Wettschulden, die normalerweise Ehrenschulden sind, nimmt unter der fachmännischen Bearbeitung des gebürtigen Österreichers teils groteske, wenn nicht sogar bizarre Formen an. Die Unterstützung durch ein ebenso aufmerksames wie variables Auge der Kamera lässt Momente der Formvollendung aufkommen, die in schnellen Wechseln wieder mit der bitteren Realität gekreuzt werden. Als reiner Kriminalreißer möchte sich diese Version von "Der Richter und sein Henker" erst gar nicht verstehen, denn viele andere Elemente kommen zum tragen, die ein wenig nach Thrill aussehen möchten. Auch an Doppelbödigkeit fehlt es dieser Veranstaltung nicht, wenngleich es hin und wieder Unstimmigkeiten im Rahmen der psychologischen Tiefe zu geben scheint, da diverse Inhalte offenlegen, dass sie lediglich schleppend choreografiert sind. Dennoch entwickelt das Tauziehen zwischen Kommissar Bärlach und seinem Kontrahenten Gastmann eine bemerkenswerte Eigendynamik, die von Schockmomenten bis trügerischer Idylle noch vieles mehr zu bieten hat. Die beiden Herren weisen äußerst unterschiedliche Werdegänge auf, obwohl man auf eine gemeinsame Vergangenheit zurückblickt. Bärlach machte Karriere bei der Berner Polizei, wo hingegen Gastmann kriminelle Wege eingeschlagen hat. Das Dilemma des Kommissars setzt sich daher aus mehreren Komponenten zusammen: eine derartig bedeutende Wette zu verlieren verletzt die Eitelkeit des Polizeimanns erheblich, außerdem höhlt die Gewissheit aus, ihm nicht mit Mitteln und Wegen gegenüber treten zu können, die das Gesetz vorschreibt.

     

    Der amerikanische Regisseur Martin Ritt und der britische Schauspieler Robert Shaw brillieren in diesen sehr unterschiedlich angelegten Rollen, demonstrieren dabei ein Kräftemessen der unterschiedlichsten Mittel. Interessant hierbei ist der angewandte Seitenwechsel des Kommissars, da ihm die Hände durch die ihm zur Verfügung stehenden Mittel des Gesetzes gebunden sind. Sein gefährlichster Gegenspieler ist allerdings die Zeit, da er erkrankt ist und sein Vorhaben zu Ende bringen muss. Gute Voraussetzungen für Gastmann, der eigentlich nur abwarten müsste. Durch das Demonstrieren seiner vermeintlichen Überlegenheit wird er allerdings unvorsichtig, sodass seine eigene Überheblichkeit ihn zu Fall bringen wird; natürlich in Kombination mit der Cleverness des Kommissars. Als weitere Figur in diesem Fall sieht man Jon Voight als Kriminalbeamten Tschanz, der durch den mysteriösen Tod eines Kollegen in eine bessere Position rutscht, um gegen Gastmann zu ermitteln. Interessant bei diesem Schachspiel ist der permanente Wechsel vom Offizier zum Bauern, und Bärlach ist der Spielleiter. Weitere sehr intensiv gefärbte, beziehungsweise eigentümliche Interpretationen geben beispielsweise eine immer bezaubernde Jacqueline Bisset, Helmut Qualtinger, Rita Calderoni, Donald Sutherland oder Friedrich Dürrenmatt zum Besten, außerdem ist Stummfilm-Ikone Lil Dagover in einer ihrer letzten Rollen als Gastmanns Mutter zu sehen. Die Kraft der Bilder unterstützt die ohnehin starke Vorlage bemerkenswert gut und es kommt dementsprechend zu einem nicht nur eleganten Gesamtergebnis, sondern einer ernstzunehmenden Adaption eines literarischen Klassikers. Wenn alle Kräfte mobilisiert sind und man auf das unausweichliche Finale zusteuert, lockt der Genuss gleich mehrerer inszenatorischer Überraschungen, sodass unterm Strich zu sagen bleibt, dass Maximilian Schell und Friedrich Dürrenmatt es in einer überaus harmonischen Allianz geschafft haben, Klassik, Publikumswirksamkeit und moderne Ansätze in Einklang zu bringen. Alles in allem ist "Der Richter und sein Henker" in vielerlei Hinsicht ein kleiner Geheimtipp geworden.

  • Autor: Prisma
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