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Nackt und zerfleischt

Italien, 1980

Originaltitel

Cannibal Holocaust

Alternativtitel

Holocausto caníbal (ESP)

Cannibal Massaker

Cannibale Omega

Jungle Holocaust

Die letzten Kannibalen

Deutsche Erstaufführung

16. Januar 1981

Regisseur

Ruggero Deodato

Inhalt

Professor Harold Monroe (Robert Kerman) wird im Auftrag eines Fernsehsenders ins Gebiet des Amazonas geschickt, um dort das vermisste Team um den Dokumentarfilmer Alan Yates (Carl Gabriel Yorke) aufzufinden, welches als vermisst gilt. Gemeinsam mit dem Dschungelführer Chaco (Salvatore Basile) und dem Einheimischen Miguel folgen sie der Fährte von Alan Yates - einer blutigen Fährte, die sie schließlich zum Filmmaterial der Crew führt, welches unerwartete menschliche Abgründe offenbart.

Review

Ruggero Deodatos „Cannibal Holocaust“ ist längst Legende, und wie es mit Legenden so ist, enthalten sie Körnchen von Wahrheit und viele Seitenarme, die zu Falschinformationen führen. Als Hobby-Reviewer steht man da auf verlorenem Posten, denn man hat kaum die Möglichkeit, dem Wahrheitsgehalt solcher Informationen auf den Grund zu gehen und diese faktisch zu untermauern oder zu verwerfen. Aber wer will schon Legenden entlarven? Stellen wir also lediglich ein paar verschiedene Versionen der Legenden gegenüber.

 

Doch zuerst - ganz kurz - zu etwas Unwichtigem, nämlich meiner Meinung zum Film. „Cannibal Holocaust“ ist niederschmetternd, auch heute noch. Auf der einen Seite sehen wir die kalte Welt der TV-Sender (und des Films), die bereit ist, für sensationelle Bilder über Leichen zu gehen: die Produzenten. Wir sehen das Filmteam, das bereit ist, das Bestellte zu liefern und gegebenenfalls selbst Hand anzulegen - Verbrechen zu beauftragen oder selbst zu verüben. Dies tun sie manchmal kalt und distanziert, ein anderes Mal zum persönlichen Lustgewinn: die Filmemacher. Auf der anderen Seite wird der Zuschauer mit „Wilden“ konfrontiert, deren Grausamkeit teils aus ihrer Lebenssituation heraus geboren ist und teils eine Reaktion auf die (negative) Begegnung mit Geschöpfen der „Zivilisierten Welt“: die Opfer. Und am Ende dieser Nahrungskette stehen letztendlich jene Kreaturen, die bereit sind, für diese Abscheulichkeiten zu zahlen, nämlich wir: die Konsumenten. Aber wir bekommen einen Ausweg aufgezeigt, personifiziert durch die Figur von Prof. Monroe: einen letzten Rest Menschlichkeit bewahren, nicht alles konsumieren, was man uns vorsetzt. Es ist eine leise Stimme, und effektiv ist sie nicht, schließlich haben wir gebannt bis zur letzten Minute Deodatos Film konsumiert – wieder und wieder und wieder. Kann man das moralisch verurteilen? Klar kann man, aber die Welt kann mich mal. Die Bestie Mensch will Deodato sehen. „Cannibal Holocaust“ ist ein verstörender Film und somit ein effektiv umgesetztes Meisterwerk mit einem Augenzwinkern: denn während Deodato uns das Schicksal der verschwundenen Dokumentarfilmer als Real verkaufen will, werden dagegen die realen Tötungsszenen – aus dem Film-im-Film „„The Last Road to Hell“ - als Fake verkauft, zumindest in der englischsprachigen Originalfassung.

 

Erinnern wir uns zurück an die Zeit, wo in Deutschland über die Einführung des Paragraphen 131 diskutiert wurde. Verleiher und Kinobesitzer verteidigten sich schroff, dass sie doch gar nichts dafür könnten, dass solche Filme in den Verleih gerieten. Eine besonders abenteuerliche These war die Behauptung, um an große Hollywood-Filme zu kommen, müsse man drei italienische B-Movies ins Programm nehmen, da diese als Paket mitgeliefert würden. Quatsch mit Soße. Und deshalb liebe ich auch die Entstehungsgeschichte von „Cannibal Holocaust“, die keineswegs einmalig ist, sondern gang und gäbe in jener Zeit. Man ging mit dem Konzept und einem Poster auf einem Festival hausieren. Italiener hatten gern eine substanzielle Vorfinanzierung, noch bevor sie überhaupt anfingen zu drehen. So manches Projekt starb mangels Interesse ausländischer Verleiher. Das Interesse an einem weiteren Kannibalenfilm von Ruggero Deodato – nach „Mondo Cannibale 2 - Der Vogelmensch“ (Ultimo mondo cannibale, 1977) - war groß. Und so stellte ein deutscher Verleiher hierfür Gelder aus Deutschland und Japan (genauere Quellen unbekannt) zur Verfügung. Deodato ging mit diesem Geld zu Franco Palaggi, welcher im weiteren Verlauf als Organisator in Erscheinung trag und den fertigen Film schließlich für F.D. Cinematografica als italienische Produktion registrieren ließ. Eigene Gelder scheint Palaggi nicht zur Verfügung gestellt zu haben, wobei man eine finanzielle Beteiligung am Post-Production-Prozess nicht ausschließen kann.

 

Zurück zum ursprünglichen Konzept, welches Ruggero Deodato gemeinsam mit Gianfranco Clerici schrieb. Ursprünglich war vorgesehen, dass das verschwundene Filmteam vier Studenten von Prof. Monroe sein sollten, welcher sich dann, nach deren Verschwinden, auf die Suche nach ihnen begibt. Davon abgewichen scheint man erst während des Drehens. Überhaupt scheint vieles vor Ort improvisiert worden zu sein. Grundlage für die Außenlocations beim Dreh bildete Leticia in Kolumbien. Palaggi hatte zunächst Cartagena vorgeschlagen, doch Deodato war dort der Amazonas-Dschungel nicht nah genug. Während der Regisseur von seiner Wahl begeistert war, sollen die Darsteller ihm die erste Drehwoche noch recht übel genommen haben. Dass das Ganze äußerst strapaziös gewesen sein muss, steht außer Frage. Die Dreharbeiten begannen am 4. Juni 1979 und dauerten 9 Wochen. Innenszenen entstanden in den de Paolis-Studios.

 

„Cannibal Holocaust“ wurde in Englisch gedreht und zunächst wollte Deodato die Rollen auch komplett mit Amerikanern besetzen. Doch da waren die lockenden Gelder der Filmförderung. Mindestens die Hälfte der Darsteller mussten laut deren Regeln Italiener sein, und so engagierte er Francesca Ciardi und Luca Barbareschi vom Actor’s Studio, welche beide fließend Englisch sprachen. Salvatore Basile, welcher die Rolle des Dschungelführer Chaco spielt, ist gemeinsam mit Lamberto Bava als Regie-Assistent gelistet. Deodato bestreitet Bavas Teilnahme am Film. Bei „Mondo Cannibale 2 – Der Vogelmensch“ dagegen war Bava nachweislich dabei, wie Fotos belegen. Für die Nacktbadeszene mit Robert Kerman engagierte man eine Handvoll kolumbianischer Prostituierte – so die Legende. Womit wir endlich beim angekündigten Thema Legenden wären. Da fasse ich mich (voraussichtlich) kurz.

 

Die Bestrafung der Ehebrecherin: Deodato sagt, die Dame wurde von der Kostümdesignerin Lucia Costantini gespielt, da sich einheimische Mädchen weigerten. Später hat er das in einem Audiokommentar widerrufen. In einem noch späteren Interview wiederholt. Vielleicht weiß er es einfach nicht mehr, soll ja vorkommen.

 

Die Leone-Geschichte: die existiert in zwei Versionen. In einer habe Sergio Leone nach Sichtung von „Cannibal Holocaust“ einen Brief an Deodato geschrieben, in dem er den Film als Gesamtes lobt, aber eine Menge Ärger prophezeit. In Version 2 fand diese Begegnung persönlich statt und Leone habe die erste Hälfte des Films gelobt und für die zweite Hälfte Ärger vorausgesagt. Nur ein kleiner, aber feiner Unterschied.

 

Der Prozess: schwierig. Ohne Original-Presse jener Zeit vorliegen zu haben, ist es verdammt schwierig nachzuvollziehen, was nun tatsächlich wie gelaufen ist. Zunächst die Vereinbarung, die Deodato mit den Darstellern getroffen hatte. Version 1: den Darstellern war es untersagt, für ein Jahr andere Filmprojekte anzunehmen. Für Deodato seien die Darsteller damit „wie tot“ gewesen. Version 2: Die Darsteller sollten für ein Jahr komplett untertauchen, damit der Eindruck entstünde, sie seien tatsächlich tot. Version 2 scheint mir ein kurzsichtiges Konzept, bei dem rechtliche Probleme vorprogrammiert waren. Zu diesen (massiven) „rechtlichen Problemen“ gibt es einige Darstellungen, die meisten vom Regisseur selbst. Hier lasse ich mich auf eine Eigeninterpretation ein. Deodato spricht gelegentlich von einer Mordanklage. So weit scheint es aber nie gekommen zu sein.

 

Premiere in Italien war am 7. Februar 1980 in Mailand. Deodato gibt an, dass der Film nach 12 Tagen eingezogen wurde und bis dahin sehr erfolgreich gelaufen wäre. Ein Irrtum, der wohl auf den besagten 12 Tagen beruht. „Cannibal Holocaust“ wurde am 12. März 1980 eingezogen also erst nach gut einem Monat. Bis dahin hatte er 360 Millionen Lire eingespielt, also in damalige deutsche Währung umgerechnet etwa 360.000 DM. Geht so. In den USA startete „Cannibal Holocaust“ – den Legenden zufolge – mit stolzen 89 Kopien und spielte schließlich weltweit 200 Millionen Dollar ein, davon 12 Millionen allein in Japan. Das lass ich mal so stehen.

 

Doch zurück zum Prozess. Nach Einzug des Films fand zunächst ein Ermittlungsverfahren statt, in dem auch von der realen Tötung von Darstellern die Rede war. Bereits während dieses Ermittlungsverfahrens gelang es Deodato, dies zu entkräften, auf welche Weise, dazu gibt es mindestens drei Versionen. Aber langsam tun meine Finger vom Tippen weh – Stichworte: Fahrradsattel, Auftritt einer „toten“ Darstellerin vor Gericht, Auftritt aller „toten“ Darsteller in einer TV-Show. Nachdem eine Mordanklage also (vermutlich) gescheitert war, folgte eine Anklage mit Verurteilungen wegen Verbreitung und Herstellung eines „Obszönen Films“ (unter Berufung auf reale Tiertötungen). Das Urteil: vier Monate Haft für Deodato, 400.000 Lire Bußgeld (pille palle) für Drehbuchautor Clerici, ein Monat Haft für Produzenten und Verleiher – alles ausgesetzt auf Bewährung.

 

Noch eine Legende: Deodato glaubt, damals gute Kritiken gelesen zu haben. Nun, in Italien eher nicht.

 

Und noch eine: in 50 Ländern verboten? Nö. Nur in einigen rückständigen Staaten.

 

Und als Letztes: Deodato sagt, Komponist Riz Ortolani habe nach Erstsichtung des Films gesagt, er - Deodato - wäre ein Genie. Im Zuge der Gerichtsverhandlung gegen den Regisseur äußerte sich Ortolani deutlich zurückhaltender. Er sagte, man habe Deodato ungerecht behandelt, denn dieser sei noch ein sehr junger Regisseur und habe die Folgen seines Tuns nicht so richtig einschätzen können. Wobei Version 2 natürlich Version 1 nicht ausdrücklich ausschließt.

 

Nach „Cannibal Holocaust“ hatte Deodato bereits mit Franco Palaggi die Produktion von „Der Schlitzer“ (La casa sperduta nel parco, veröffentlicht 1981) laufen, doch danach wurde es drei Jahre ruhig um ihn. Italienische Produzenten hatten ihn als Troublemaker eingestuft, und Deodato hatte es schwer, neue Geldgeber zu finden. Erst 1983 traten die Amati-Brüder an ihn heran, da Imelda Marcos (Ehefrau des philippinischen Diktators Ferdinand Marcos) Finanzierung für „Atlantis Inferno“ (I predatori di Atlantide, 1983) zugesagt hatte, wenn man den Film auf den Philippinen drehen würde. Angeblich hat sie persönlich Deodato als Regisseur verlangt – so die Legende…

 

P.S. Alle Angaben wie immer ohne Gewähr 😊

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Kommentare (1)

  • Thomas Hortian

    Thomas Hortian

    04 Juli 2019 um 18:31 |
    Sehr geil aufgedröselt, das war mir selbst immer viel zu arbeitsintensiv. Und liest sich sehr unterhaltsam.
    CH ist natürlich ein Meisterwerk, und jeder, der behauptet, dass der ihn kalt lässt, während die Lenzis der top-shit seien, ist ein empathieloser Gorebauer.

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