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Midnight Blue

Italien, 1979

Originaltitel:

Midnight Blue

Alternativtitel:

La domenica del diavolo

Inhalt

Drei Frauen und drei Männer. Die Frauen sind Rita, Elena und Francesca. Junge Sportlerinnen, die sich für ein Wochenende abseilen, um in der Villa der Mutter zu relaxen und sich am Meer vom harten Trainingsalltag zu erholen. Die Männer sind Pier Luigi, Mario und Bruno - Mehr oder weniger attraktive und anständige Männer, die zufällig am Strand waren wie die Mädels dort gebadet haben, und man hat sich dann halt angefreundet. Vor allem haben die Herren der Schöpfung nicht gar zu unanständig-penetrant auf die nackten Brüste der Schönheiten gestarrt, darum durften sie mit in die Villa, wo es dann auch schnell zu zarten und durchaus erwünschten Kontakten kam.
Doch durch einen dummen Zufall kommt heraus, dass die drei Männer mitnichten anständige Urlauber oder Traumstecher für das ersehnte Kuschelwochenende sind, sondern aus dem Gefängnis geflüchtete Verbrecher. Schluss mit der Idylle, ab sofort wird der Sex mit Waffengewalt erzwungen. Und was passieren wird, wenn Enzo mit den neuen Pässen kommt und die Abreise ins Ausland bevorsteht, das weiß noch niemand so genau …

Autor

Maulwurf

Review

Wie aus der Inhaltsangabe klar zu erkennen ist, wandeln wir auf den Spuren von Filmen wie JUNGE MÄDCHEN ZUR LIEBE GEZWUNGEN oder KILLER SIND UNSERE GÄSTE: Eine Gruppe Männer, die absolut nichts zu verlieren hat, nistet sich bei freundlichen Durchschnittsitalienern ein und terrorisiert diese. Was allerdings bei den genannten Filmen in Psychoterror der gehobenen Art und in exzessiver Gewalt mündet, wird bei MIDNIGHT BLUE eher ein wenig … ich möchte mal sagen familienfreundlicher dargestellt, der Sleaze bleibt hier deutlich außen vor. Stattdessen behält der zumindest halbwegs anständige Pier Luigi im Wesentlichen immer die Übersicht, und Mario und Bruno haben seinen Befehlen zu gehorchen, Punkt. Der erste versuchte Übergriff Marios auf Rita wird von Pier Luigi gnadenlos unterbunden – Es gibt keinen erzwungenen Sex im gemeinschaftlichen Wohnzimmer! Erst später, wenn Wein und Whisky ihre Wirkung getan haben, gibt Pier Luigi nach und gibt den Zugang zum Schlafzimmer der drei Mädchen frei. Aber auch hier findet dann nicht das erwartete Sleaze-Massaker statt, sondern Regisseur Raimondo Del Balzo versucht einen Weg zwischen der stattfindenden körperlichen Grausamkeit und dem damit einhergehenden seelischen Drama zu finden. Ob das dem Film gut tut sei mal dahingestellt, der Voyeur jedenfalls wird nicht wirklich befriedigt. MIDNIGHT BLUE ist vieles, aber sicher kein reinrassiger Rape and Revenge-Film.

 

Wobei besagter Voyeur sich andererseits zumindest in den ersten 40 Minuten über jede Menge ansprechend gefilmter nackter Frauen und schön dargestellten Sex unter der Dusche freuen kann. 40 Minuten bei einer Gesamtlänge von 73 Minuten – Ups, das ist mehr als die Hälfte der Laufzeit, die der Film mit einer Heile Welt-Idylle und ansprechenden Gefühlen füllt. Erwähnte ich schon, dass MIDNIGHT BLUE eher in Richtung eines Dramas tendiert? Raimondo Del Balzo war ganz allgemein eher dem anspruchsvollen Film zugeneigt, seine bekanntesten Arbeiten DER LETZTE SCHNEE DES FRÜHLINGS und BIANCHI CAVALLI D’AGOSTO sind beides reinrassige Dramen, die „beim Zuschauer Emotionen wecken sollen“, wie es die italienische Wikipedia so hübsch ausdrückt. Schmuddel ist also bei MIDNIGHT BLUE tatsächlich nicht zu erwarten, und die ein wenig ruppigere zweite Hälfte könnte dann wahrscheinlich eher dem Einfluss des Produzenten zuzuschreiben sein als der Absicht des Regisseurs.

 

Emotionen wecken, das funktioniert hier allerdings ziemlich gut. Schon zu Beginn, wenn die Mädchen die Villa entern, wähnt der Zuschauer sich tatsächlich in einem wunderbaren und perfekten Italienurlaub. Die Hitze ist geradezu spürbar und der Schatten tut gut, gerade dass das Planschen im Meer kein Salz auf der Haut des Zuschauers hinterlässt. Del Balzo schafft es mit einer geschickten Kamera, erstklassigen Darstellern und einem träumerischen Score von Stelvio Cipriani mühelos, den Zuschauer in die Geschichte hineinzuziehen. Der Auftritt der Männer lässt von vornherein nichts Gutes ahnen, aber durch die langsame Erzählweise wird auch die Spannung sehr allmählich aufgebaut. Ständig wartet der Zuschauer darauf, dass die Mädchen die Wahrheit über die Männer erkennen oder erfahren, und ständig wird diese Erwartungshaltung noch ein wenig verlängert.

 

Umso brachialer ist dann der Bruch nach dem Verkünden der Wahrheit. Schluss mit Lustig, das Knutschen ist vorbei, die Waffen werden gezückt und die Gewalt beginnt. Kein Schockmoment, sondern geschickt und flüssig in die Story eingebaut, was dann aber in der Folge dazu führt, dass MIDNIGHT BLUE ein wenig der Biss fehlt. So interessant der Film aufgebaut ist, so schön er anzusehen ist, und so abgrundtief böse der Schluss ist, aber in Summe fehlt einfach ein klein wenig. Das Quäntchen Härte, dass aus einem nett anzuschauenden Filmchen einen ernsthaften Film macht. Und dieses Quäntchen Härte müsste ja beileibe nicht im Bereich der Exploitation gesucht werden, es hätte auch gereicht, wenn den Männern ein wenig mehr Brutalität in den Charakter geschrieben worden wäre. Immerhin sind das gesuchte Mörder und Vergewaltiger, die nach einer unbekannten Zeit im Knast sicher ausgehungert sind nach jungem Fleisch. Die Weinflaschen köpfen sie auch entsprechend, aber selbst die erwähnte Vergewaltigung schaut eher nach einer Kissenschlacht aus denn nach dem Schlimmsten, was einer Frau passieren kann. Antonio Cantafora hat einige erstklassige Momente, in denen seine Augen in Großaufnahme böse-nachdenklich in die Welt schauen, und da kann einen schon das Frösteln überkommen. Aber Giancarlo Prete macht diesen Eindruck dann wieder zunichte, wenn er sich einen Stuhl nimmt und Monica Como beim Duschen zuschaut, sichtlich immer aufgeheizter wird – und doch nichts passiert. Das Drehbuch schafft es problemlos, Marios ungenutzte Geilheit zu unterdrücken, und die Erwartungshaltung des Zuschauers, dass da gleich brutaler Sex auf ihn zukommen wird, ad absurdum zu führen. Gut gemeint, aber ob das filmisch auch wirklich sinnvoll ist?

 

Filmisch gut gemacht ist auf jeden Fall der Revenge-Teil. Auch wenn das alles leider im Halbdunkel spielt, und damit die Optik ein wenig leidet, so ist die Idee, dass Francesca als Speerwerferin sich mit ihren Sportinstrumenten an den Männern rächt sehr schön umgesetzt. Wie sie da am Strand steht, in wunderschönster Leni Riefenstahl-Pose, bereit zum Wurf auf den heranrennenden Schänder, das ist eindrucksvoll und, da haben wir es wieder, emotionsgeladen. Auch der Tod von Pier Luigi ist reine Emotion, denn er stirbt nicht nur einfach, nein, sein toter Körper wird zur Projektionsfläche für die ganze durchstandene Angst und für alle erlittenen Demütigungen. Stark gemacht, allerdings mit einem klitzekleinen Problem behaftet: So bösartig waren die Männer überhaupt nicht! Gerade im Vergleich zu dem im Vorjahr entstandenen JUNGE MÄDCHEN ZUR LIEBE GEZWUNGEN fällt auf, wie vorsichtig und letzten Endes harmlos Del Balzo seine Schurken ausgestattet hat. Auch wenn die Mädchen am Ende so tun als ob, die erwartete Gewaltorgie ist MIDNIGHT BLUE definitiv nicht.

 

In Summe ist MIDNIGHT BLUE ein guter Film, der vor allem auch dank seines bösen Schlusses im Gedächtnis haften bleibt. Aber ein klein wenig mehr Härte hätte ihm gut gestanden, und hätte ihn wohlmöglich sogar aus der Geheimtipp-Ecke herausgeholt.

Autor

Maulwurf

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