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Das Messer

Italien, 1971

  • Originaltitel: Una farfalla con le ali insanguinate
  • Alternativtitel:

    Una mariposa con las alas ensangrentadas (ESP)

    Un papillon aux ailes ensanglantées (FRA)

    The Bloodstained Butterfly

    Edgar Wallace: Das Geheimnis der schwarzen Rose

    Blutspur im Park

  • Deutsche Erstaufführung: 31. August 1972
  • Regisseur: Duccio Tessari
  • Kamera: Carlo Carlini
  • Musik: Gianni Ferrio
  • Drehbuch: Gianfranco Clerici, Duccio Tessari, Edgar Wallace
  • Inhalt:

    Die Studentin Françoise Pigaut (Carole André) wird tot in einem Park aufgefunden. Die Untersuchungen der Polizei ergeben, dass es sich eindeutig um einen brutalen Mord handelt, für den auch schnell ein Tatverdächtiger gefunden ist. Aufgrund der erdrückenden Beweislage wird der Fernsehmoderator Alessandro Marchi (Giancarlo Sbragia) verurteilt und muss ins Gefängnis. Seine Frau Maria (Ida Galli) und der Familienanwalt Cordaro (Günther Stoll) sind schockiert. Wenige Zeit später ereignen sich jedoch zwei weitere Morde nach dem gleichen Muster. Bei Inspektor Berardi (Silvano Tranquilli) und anderen kommen erhebliche Zweifel auf, ob man nicht einen Unschuldigen verurteilt hat. Schließlich zerbricht das Kartenhaus aus Indizien und Marchi kommt wieder auf freien Fuß, doch das Blatt wendet sich erneut, da der soeben Rehabilitierte offenbar von dem unbekannten Mörder erpresst wird...

  • Autor: Prisma
  • Review:

    Für eine Mehrzahl von Filmen wurde generell ein Opener - oder wenn man so will - Aufhänger gewählt, um thematisch auf den bevorstehenden Verlauf hinzuführen. In Duccio Tessaris 1971 entstandenem Beitrag "Das Messer" setzt der Vorspann ein, noch bevor man als Zuschauer erste Szenen des Hauptfilms geboten bekommt. Eigentlich muss man sagen, denn im Inneren einer einfachen, aber sehr wirksamen Titelgrafik, in Form eines negativ ausgeschnittenen Schmetterlings, spielen sich Szenen ab, die gleich in mehrere gelungene Einfälle münden werden. Die Hauptattraktion hierbei ist allerdings das weltbekannte 1. Klavierkonzert op. 23 in b-Moll von Peter Tschaikowski, dessen Opulenz und volle Wucht eine immense Durchschlagskraft sowie einen der vielen Schlüssel des Verlaufs bietet, mit denen jedoch zunächst noch nichts anzufangen ist. Nach einer gewissen Zeit ändern sich die Klänge merklich, denn unter Gianni Ferrios Ideenreichtum entwickelt sich daraus ein typischer Easy-Listening-Track des bestehenden Zeitfensters, sodass die Darsteller bei dieser Gelegenheit mit ihren Realnamen vorgestellt werden, aber gleichzeitig auch deren Rollennamen für die Story. Seinerzeit war das Projekt als 33. Beitrag der ausklingenden Edgar-Wallace-Reihe geplant, doch sowohl von Rialto Film als auch vom Großverleih Constantin abgelehnt worden. Fluch oder Segen? Es kommt hierbei bestimmt auf die jeweiligen Lager der Interessenten an, denn einerseits hat das Ergebnis in all seiner Perfektion sicherlich keinen Wallace-Banner nötig gehabt und besitzt genügend Eigenständigkeit, um zu überzeugen. Auf der anderen Seite ist diese Entscheidung für progressive Fans der Serie jedoch recht schade, denn es bedeutete das faktische Aus für die 1959 gestartete Reihe, die in ihrer kompletten und vielfältigen Entwicklung beispiellos geblieben ist.

     

    Daher kann spaßeshalber darüber spekuliert werden, wie "Das Messer" unter Rialto, Constantin und etwaigen Produktionspartnern ausgesehen hätte. Diese hypothetische Einschätzung gestaltet sich als recht schwierig, doch unterm Strich ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu sagen, dass das Ergebnis wohl vollkommen anders ausgesehen hätte, im Sinne einer angepassteren Präsentation. Großer Pluspunkt ist und bleibt die außergewöhnliche Erzählstruktur dieses Beitrags, der die typische Handschrift des routinierten Regisseurs Duccio Tessari trägt. Eine Geschichte, die quasi als Blick zurück nach vorn angelegt ist, verlangt dem Zuseher naturgemäß mehr ab als Filme, die narrativ eine legitime Berieselungsstrategie verfolgen. In diesem Zusammenhang wird man hier glücklicherweise nicht fündig werden und der Verlauf ebnet sich seinen Weg unaufdringlich,wenn auch resolut; vom Abwechslungsreichtum, der hohen Twist-Dichte und den raffinierten Pointen ganz zu schweigen. Der anfängliche Mord ist dramaturgisch hervorragend kalkuliert worden, da er Teil einer Assoziationskette darstellt, die den Verlauf unausweichlich dominieren wird. Schnelle Indizien geben der akribisch arbeitenden Polizei Aufschluss darüber, wer als Täter in Frage kommen könnte, doch der Zuschauer traut dieser Verdichtung von Zufällen nicht, da alles viel zu sehr konstruiert wirkt und nach einem waschechten Komplott riecht. Hervorragend - da absolut real wirkend - ist die Polizeiarbeit dargestellt und prominent in den Fokus gerückt, die ihre Vollstreckung am Gericht erfahren soll, wenn es zum aggressiven Tauziehen zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft kommt, bei dem der Angeklagte selbst wie das Tau wirkt. Stakkatorartige Rückblenden tragen zu einer beeindruckenden Transparenz bei, was die laufenden Sequenzen jedoch nicht unterbricht, da ein ungewöhnlich guter Aufbau zu bemerken ist.

     

    Somit wirkt die Handlung gleichermaßen flüssig erzählt und variantenreich dargestellt, aber auch bestens strukturiert und darüber hinaus blendend assoziiert. Eine weitere Stärke baut sich über das interessante Wechselspiel zwischen Charakteren, Polizei sowie Medien und Öffentlichkeit auf, die zur Lösung des Falls mit einbezogen werden. Dadurch steht nicht nur ein zeitgemäßer, wenn nicht sogar moderner Eindruck, sondern auch ein Gleichgewicht im Sinne einer breiten Palette von Angeboten, was den Zuschauer fordert und ihm mehrere Möglichkeiten bietet, das verwirrende Element zu entschlüsseln. Parallel laufende Handlungsstränge sind zeitweise irritierend, aber es sei vorausgeschickt, dass man angesichts des lückenlosen Zusammenfügens bestimmter Geschichten bei einem Routinier wie Duccio Tessari auf der sicheren Seite ist. Große Beachtung muss auch der über die Grenzen Italiens vermaktbaren Besetzung zukommen, die nicht nur auf die Bedürfnisse des Produktionslandes, sondern internationale Präferenzen abgestimmt wurde. Helmut Berger konnte bereits unter Vittorio De Sica, Massimo Dallamano oder Luchino Visconti Erfahrungen sammeln und ein breites Publikum erreichen. Sein Einsatz als männliche Hauptrolle erscheint auf den ersten Blick vielleicht etwas unorthodox zu sein, doch überzeugend wird es vor allem, wenn seine besondere Ausstrahlung zur Geltung kommt und einen festen Platz im Szenario findet, beziehungsweise seine Position preisgeben darf. Umweht von einer empfundenen Rastlosigkeit, die seltsame Allianzen mit Zuständen der mentalen Abwesenheit und geheimnisvollem Agieren eingehen, bietet Berger ein interessantes Wechselspiel an, das die Komplexität seines dargestellten Charakters unterstreichen kann. Familiäre Hintergründe und die Gewissheit des Zuschauers, dass so gut wie jeder im Szenario eine Schuld auf sich geladen haben könnte, lassen eine besonders stimmige Atmosphäre aufkommen; sowie den Eindruck von leistungsstarken Darbietungen.

     

    Giancarlo Sbragia interpretiert einen Charakter, der offensichtlich früh in der Geschichte die Kontrolle über Sachverhalte und über sich selbst verliert, schließlich erdrücken ihn die Indizien wenig später so sehr, dass er sich im Gerichtssaal wiederfindet; und zwar auf der Anklagebank. Wortkarg und förmlich teilnahmslos, lässt er die überaus demütigenden und aggressiv vorgetragenen verbalen Torpedos über sich ergehen und er erweckt eine Art Mitleid, die den Zuschauer dazu animiert, ihn noch mehr als als unschuldiges Opfer eines doppelten Spiels zu identifizieren. Oder doch nicht? Die Architektur der Geschichte behält sich berechtigte Zweifel vor, was der Spannung immens zugute kommt, sodass sich ein klassisches Verwirrspiel entwickeln darf, das noch mehrere Beteiligte aufs Tableau bringt. Die Daumenschrauben legt übrigens kein Geringerer als Wolfgang Preiss als Staatsanwalt an, der einmal mehr zeigt, welch brillanter Darsteller in ihm steckt, obwohl sich viele Produktionen seiner Schablonenhaftigkeit bedienten. Tessari tut es ebenso unverblümt wie effektiv, mir einem ausgezeichneten Ergebnis. Wolfgang Preiss' beruflicher Kontrahent vertritt die Verteidigung vehement in persona von Günther Stoll, der hier ganz neue Seiten offerieren darf und einen absolut sicheren Eindruck im Haifischbecken namens Gerichtssaal macht. Selten genug war der Deutsche in derart offensiv angelegten Rollen zu sehen, der unlängst durch seine Wallace-Auftritte des letzten Drittels der Reihe präsent war. Hier präsentiert er sich  als aalglatter Hardliner, sowohl bei Gericht, als auch im Privatleben. In die Riege der eindrucksvollen Leistungen reiht sich auch Silvano Tranquilli ein, der das Aushängeschild der Polizei repräsentieren darf. Dies geschieht allerdings nicht so reibungslos, wie man sich es vorstellt, denn der Beamte, der sich wohl so fühlt als sei er bereits an die 100 Jahre im Dienst, hat Erfahrung und eine gute Auffassungsgabe, präsentiert aber auch Macken und Unzulänglichkeiten.

     

    Die Liste der beteiligten  Damen bringt ebenfalls prominente Gesichter zutage, wie beispielsweise Dana Ghia, die stets gerne gesehen ist, auch wenn es sich hier nur um einen kurzen Gastauftritt handelt. Wendy D'Olive in einer ihrer vielleicht leidenschaftlichsten Rollen und die schöne Carole André, die durch sehr eindringlich inszenierte Momente auffällt, bleiben lebhaft im Gedächtnis. Das Ass der weiblichen Seite ist und bleibt allerdings die wie so oft traurig erscheinende Ida Galli. Die Italienerin bleibt auch hier ihrem Stil treu, gerade nur so viel von sich preiszugeben, dass sie noch genügend Geheimnis umgeben kann. Transparent in der Darstellung ihrer Emotionen wird sie zur unfreiwilligen Zeugin der Anklage und obendrein empfindlich von der Staatsanwaltschaft vorgeführt. Galli transportiert in "Das Messer" eine nahezu bizarre Attraktivität, da sie es schafft, ihre teils abweisende Aura umkehren zu lassen; und zwar vom Zuschauer selbst - vorausgesetzt man hat auch ein gewisses Faible für sie. Sicherlich handelt es sich hier um eine ihrer intensivsten Rollen dieses Zeitfensters und es bleibt eine kultiviert und elegant wirkende Frau in Erinnerung, deren Maske lediglich fällt, wenn die Schlafzimmertür zufällt. Darstellerisch gesehen wird Duccio Tessaris Arbeit letztlich zum besonderen Vergnügen, nicht zuletzt wegen der exzellenten Schauspieler-Führung. Unter dieser günstigen Voraussetzung zeigt jeder einzelne Interpret die volle Bereitschaft, das Beste zu bieten, sodass sehr ausgefeilte charakterliche Darstellungen zustande kommen. Insgesamt gesehen handelt es sich bei "Das Messer" um einen besonders intensiven Giallo, der nicht nur narrativ Besonderes zu bieten hat, sondern in so gut wie allen Bereichen höchsten Qualitätsansprüchen Genüge tut. Die herrliche Bildkomposition in Allianz mit der herausragenden Musik sorgt für formvollendete Momente. Am Ende wird diese Geschichte so minutiös aufgerollt, dass das Potential optimal genutzt ist, den Zuschauer zu begeistern und das im Endeffekt tragische Thema nachhallen zu lassen. Filmkunst vom Feinsten!

  • Autor: Prisma
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