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Lady Frankenstein

Italien, 1971

  • Originaltitel: La figlia di Frankenstein
  • Alternativtitel:

    A Mulher de Frankenstein (BRA)

    Lady Frankenstein, cette obsédée sexuelle (FRA)

    Daughter of Frankenstein

    Madame Frankenstein

  • Deutsche Erstaufführung: 28. Januar 1972
  • Regisseur: Mel Welles, Aureliano Luppi
  • Kamera: Riccardo Pallottini
  • Musik: Alessandro Alessandroni
  • Drehbuch: Dick Randall, Edward Di Lorenzo
  • Inhalt:

    Baron Frankenstein widmete sein gesamtes Leben der Erschaffung eines menschenähnlichen Wesens. Doch Ehrgeiz schützt vor Torheit nicht, denn der Baron pflanzt seiner Kreatur ausgerechnet das Gehirn eines Massenmörders ein und wird postwendend dessen erstes Opfer. Das Monster kann aus dem Laboratorium entkommen und befriedigt seinen Mordtrieb fortan in freier Wildbahn. Derweil führt Frankensteins Tochter, Tania, die Experimente ihres Vaters fort. Dabei geht ihr der Freund des Hauses, Doktor Marshall, eifrig zur Hand und verliebt sich in die frisch gebackene Ärztin. Da der Doktor deutlich älter als seine Angebetete ist, entschließt sich das Paar den hübschen, aber geistig zurückgebliebenen Hausdiener, Thomas, zu töten, um ihm Marshalls Gehirn einzupflanzen. Werden die Liebenden erfolgreich sein? Schließlich tobt vor dem Schloss bereits der aufgebrachte Dorfmob, der dem Wahnsinn ein Ende bereiten will…

  • Autor: Frank Faltin
  • Review:

    „Auf Erden ist der Mensch Gott!“ (Baron Frankenstein)

     

    Wenn die Mädels im Italo-Western aufgemuckt haben, dann gab es schwuppdiwupp was auf die Finger. Die Ladies hatten (bis auf ganz wenige Ausnahmen) untertänigst die Fresse zu halten. Diese einfache Formel griff natürlich nicht in allen Filmgenres, die im Stiefelland fürsorglich gepflegt wurden. Zwecks einer Bestätigung muss der Filmjunkie nicht unbedingt in der exploitativen Filmkiste kramen, denn es reicht bereits ein Griff in die altehrwürdige Horrorfilmtruhe, um dort z. B. Mel Welles´ „Lady Frankenstein“ zu entdecken. Ein Film, der sich (wer hätte das gedacht?) an Mary Shelley's Frankenstein-Roman, dem gotteslästernden Vorbild für unzählige Monster- und Mad Scientist Filme, orientiert. Und dieses, von zarter Frauenhand kreierte Sujet, besitzt reichlich Adaptionspotenzial, um auch von einer Darstellerin dominiert zu werden, sodass sich der Vorhang für einen facettenreichen weiblichen Charakter öffnete, der diesmal die männliche Belegschaft untertänig kuschen ließ:

     

    Lady Frankenstein.

     

    Eine derart selbstbewusste, ja, souveräne Rolle besitzt selbsterklärend den Anspruch von einer besonders charismatischen Protagonistin verkörpert zu werden, von einer attraktiven und zugleich boshaft wirkenden Persönlichkeit wie sie Rosalba Neri jederzeit transportieren konnte. Demzufolge geht Neri auch als Lady Frankenstein mit dem erwarteten Enthusiasmus zu Werke und mimt die Rolle einer frisch gebackene Ärztin, die in ihr Geburtshaus, das schaurig schöne Schloss Frankenstein zurückkehrt, um dort ihrem Vater zur Hand zu gehen. Schließlich stellen das geheime Laboratorium sowie die dort praktizierten Arbeiten keine Überraschung für die Neumedizinerin dar. Bereits im Kindesalter durchschritt sie die Geheimtür zum Laboratorium, um das dort verborgene Geheimnis zu ergründen. Folglich lädt der Film zu keiner Dechiffrierung eines Rätsels ein, zentralisiert stattdessen den Charakter, Tania Frankenstein, und spielt mit deren (wie bereits erwähnt) Facettenreichtum. Die wissbegierige Tochter, die Hochachtung vor der Arbeit ihres Vaters empfindet, einhergehend allerdings eindringlich auf ihre eigenen Fähigkeiten hinweist. Eine Person, die sich von der Tochterrolle lösen will, um mit dem Vater auf einer Ebene zu stehen. Doch mit dem Ableben des Barons treten an die Stelle von Neugier und Begeisterung - Besessenheit und Rücksichtslosigkeit. Diese (zwei) sich ergänzenden Charaktereigenschaften transformieren wiederum zu einem unerschütterlichen Fanatismus, der den des Barons in den Schatten stellt. Zudem provoziert Tanias simultanes Streben nach Vollkommenheit und Souveränität  ihren Ansporn Doktor Charles Marshall in eine Hörigkeit zu diktieren, sodass dieser bereit ist, seinen Körper zu verlassen, um per Gehirntransplantation in den Körper des attraktiven, aber geistig zurückgebliebenen Thomas einzuziehen. Tania konstruiert auf diese Weise ihren Idealmenschen, ein harmonisches Hybrid aus körperlicher Attraktivität und geistiger Größe. Sie hat eine Souveränität erreicht, die sie befähigt: Leben zu nehmen, um Leben zu schaffen. Lässt man diese Ein- und Ausdrücke reflektieren und betrachtet anschließend den von Tania diktierten (und von Doktor Marshall praktizierten) Mord an Thomas, so bietet die dabei ersichtliche sexuelle Erregung Tanias dem Publikum keinen Interpretationsspielraum. Folglich wird das dechiffrierte Genießen der Souveränität zu einem wichtigen Gefährten einer Inszenierung, die konsequent auf ein finales „Eros und Thanatos Modell“ hinarbeitet.

     

    Der Todeskuss ist süß, und er ist infektiös; wer einmal davon berührt worden ist, kann nicht mehr davon los. Man kann in die Todeserotik nicht beliebig ein- und wieder aussteigen. Wer sich einmal darin befindet, gelangt unweigerlich hin zu jenem Liebestod, der als eine letzte und endgültige Vereinigung zweier Liebender verstanden wird.
    (Hagner, Michael: Wie Eros und Thanatos in die Wissenschaften gerieten. Festspiel-Dialoge, 2008.)

     

    Nebst den umrissenen Filmmomenten bietet „Lady Frankenstein“ natürlich primär ein Gruselkino, welches die geliebten Versatzstücke eines solchen ausgiebig auskostet. Denn wenn es urplötzlich zu donnern beginnt, Blitze vor den Schlossfenstern tanzen und als Spielgefährten einer antinaturalistischen Farbgebung agieren - wenn sich Caligarismus, ein besonders hässliches Monster sowie Liebe, Tod und Leidenschaft innig die Hände reichen und zu einem harmonischen Miteinander ansetzen, dann schwebt der Wohlfühlfaktor fortwährend in immensen Höhenlagen.

  • Autor: Frank Faltin
  • Veröffentlichungen:

    „Lady Frankenstein“ ist seit Ende April 2018 (in einer sehr guten HD-Auswertung) als eine ganz besondere (erstmals ungeschnittene) Filmveröffentlichung (Zusammenarbeit - EDITION HÄNDE WEG! und Anolis) auf Blu-ray erhältlich. Bedeutet es werden Extras en masse geboten, denn die unerschütterlichen Recken des „Geheimnisvollen Filmclubs Buio Omega“ haben ca. 16 Jahre Arbeit investiert, um uns Unwürdige mit diesem bombastischen Gesamtpaket zu beglücken. Um welche Features es sich handelt könnt ihr z. B. auf der Homepage der OFDb erspähen. Detaillierte Infos rund um die Abtastung der 35mm Kopien sowie die Verwirklichung der Extras erfahrt ihr innert des attraktiv gestalteten Booklets anhand der detaillierten Ausführungen von Herrn Klett.

     

    Neben den Klarstellungen vom Heinz sowie Abbildungen von Aushangfotos und Filmplakaten bietet das Büchlein einen unterhaltsamen Text von Pelle Felsch, der einerseits über Filmhistorisches, andererseits über seine persönlichen Erfahrungen mit dem Mythos Frankenstein-Monster und dem Bahnhofskino, sprich über eine durchweg verkorkste Jugend berichtet.

     

    Wer sich die Veröffentlichung nicht rechtzeitig gesichert hat, der muss auch in Zukunft in die Röhre schauen, denn ich habe das allerletzte (noch zum Normalpreis angebotene) Exemplar erworben. Wer jetzt in tiefe Depressionen verfällt, Kopf hoch, das Leben geht weiter, zumindest beim „Geheimnisvollen Filmclub“, der jeden dritten Samstag im Monat  – auch für dich, der du in die Röhre schauen musst – seine Pforten öffnet. Also, bis denn.

  • Autor: Frank Faltin
  • Filmplakate

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