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Jack Clifton jagt Wostok III

Frankreich | Italien | Spanien, 1964

Originaltitel

Coplan, agent secret FX-18

Alternativtitel

Uccidete agente segreto 777 - stop (ITA)

Acción en Mallorca (ESP)

Orden: FX 18 debe morir (ESP)

FX 18, Secret Agent (USA)

FX 18 im Agentennetz

Deutsche Erstaufführung

08. Januar 1965

Regisseur

Maurice Cloche

Inhalt

Seltsame Morde, bei denen das Gift Curare eingesetzt wurde, sorgen für große Besorgnis. Die ominösen Geschehnisse benötigen schnelle Aufklärung und rufen demzufolge das FBI auf den Plan. Die Sicherheitsbehörde der Vereinigten Staaten ist bekanntlich schnell von Begriff und bringt schnurstracks drei mögliche Täter ins Gespräch, von denen jedoch zwei bereits verstorben sind. Übrig bleibt der mit allen Wassern gewaschene wie brandgefährliche Schurke Luis Noreau. Um dem Supervillain einen gleichwertigen Gegner entgegenzustellen, setzt das FBI auf Jack Clifton, der umgehend Carla Manotti, eine nähere Bekannte von Noreau, aufsucht und während der Zusammenkunft - der Zufall erzwingt es - Spuren findet, die auf den Fall Mendubia verweisen und nach Marseille führen. Jack macht sich, als amerikanischer Tourist getarnt, gemeinsam mit der Agentin Patricia, die sich ab sofort als seine Ehefrau vorstellt, sowie zwei männlichen Kollegen auf den Weg ins sonnige Frankreich, um Noreau zu stellen und der NATO viel Ärger zu ersparen.

Review

Wenn man die „Spaghetti-Agentenfilme“ betrachtet, fällt unweigerlich auf, dass die Regisseure selten (immo fällt mir gar kein gegenteiliges Beispiel ein) die inländischen Geheimdienste ansprechen, was wahrscheinlich (ähnlich wie bei den Franzosen) einer mangelnden Identifikation (mit den Sicherheitsdiensten) innert der Bevölkerung geschuldet ist. Stattdessen schickten die italienischen Filmregisseure in den 1960ern zahlreiche FBI- und CIA-Männer ins Rennen, die sich teilweise innerhalb jener Dekors bewegten, welche die amerikanischen Filmcrews in Cinecittà hinterließen. Freilich wurde bei den amerikanischen wie englischen Kollegen auch handlungstechnisch fleißig abgekupfert, so dass sich die Filme meist um den Kalten Krieg, entführte Forscher und x-beliebige Wunderwaffen drehen.

 

Schade, denn fernab dieser bewährten Themen offeriert(e) Italiens Geschichte, im Besonderen die des 20. Jahrhunderts und zwar nach (!) Beendigung des Zweiten Weltkriegs, reichlich brisanten Stoff, der sich nahezu aufdrängte, um auf die Eurospy-Leinwände projektiert zu werden. Schließlich werkte die CIA im Zuge des Kalten Kriegs und einem begleitenden McCarthyismus emsig im Stiefelland, um einen möglichen politischen Linksrutsch zu verhindern. Die CIA zog die Strippen beim Wahlkampf, nutze Verbindungen zu Licio Gellis Loge P2, der nicht nur hochrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und dem Vatikan, sondern auch italienische Geheimdienstler (!) angehörten. Die CIA bediente sich der Mafia sowie, wann immer es nötig war, um eine Destabilisierung in Bella Italia zu provozieren, links- wie rechtsextremistischer Terrororganisationen, und zeichnet als einer der Urheber der Stay-Behind-Organisation, Gladio, verantwortlich. Doch um die braunen Flecken wie die versifften Sterne und Streifen der arg verschmutzten weißen Weste zu behandeln, verzichteten die Italiener auf die Waschprogramme 077, 177, FX18, etc. und sprachen die Themen genreübergreifend an. Aber das ist eine andere, anderorts schon x-mal erzählte Geschichte, sodass ich flink zur Tagesordnung übergehe und kieke, was der Kollege Clifton so im Schilde führt.

 

Bei „Jack Clifton jagt Wostok III“ handelt es sich (im Original!) um einen Beitrag aus dem Œuvre der Francis Coplan-Verfilmungen. Das Gütesiegel, FX18, blieb dem Agenten, auch wenn der bundesrepublikanische Verleih ihn (Francis Coplan) zu Jack Clifton transformieren ließ, erhalten. Demzufolge besitzt der Film auch keine Berechtigung sich in die Agent 077-Filme („Vollmacht für Jack Clifton“, „Jack Clifton - Operation Bloody Mary“ sowie der vorzügliche „Im Netz der goldenen Spinne“), in denen eigentlich Dick Malloy und nicht Jack Clifton (der Name ist einzig dem hiesigen Verleih geschuldet) auf geheime Mission geht, einzureihen. Eiapopeia, was raschelt im Stroh? Das Agentenfilmfansein könnte so unkompliziert sein, hätten sich die einstigen Titelschmiede/innen einfach nur an die schlichten Originalfirmierungen gehalten, denn diese ausufernde Kreativität evoziert(e) in letzter Konsequenz pure Konfusion.

 

Jack Clifton, der also eigentlich Francis Coplan ist, wird für seinen neuen Fall aus dem Urlaub zurückbeordert und auf den Supervillain, Luis Noreau, angesetzt. Währenddessen lernen wir den Agenten als brustpelzigen Schwerenöter kennen, der hinter jedem Weiberrock herstolziert und von Rainer Brandt in nahezu vorzüglicher Weise synchronisiert wurde. Die deutsche Bearbeitung, welche von der Internationalen Film-Union GmbH Remagen erstellt wurde, liefert insgesamt ein tolles Dialogbuch (Weißwein wird beispielsweise als Proletarierwhiskey bezeichnet), das mit weiteren großartigen Synchronsprechern wie Ursula Herwig, Christian Marschall und Horst Naumann, den ich 2019 persönlich kennen lernen und dabei als einen rüstigen und überaus sympathischen Menschen erleben durfte, zu begeistern weiß. Infolgedessen kann man (ich zumindest) über einen ab und an aufkeimenden Leerlauf großzügig hinwegsehen.

 

Was an den italienischen (oftmals mit Frankreich und/oder Spanien coproduzierten) Eurospy-Vehikeln immerzu auffällt, ist eine Flut kodierter Informationen, welche innert der ca. ersten 15 Minuten an den Rezipienten vermittelt werden. Da macht „Jack Clifton jagt Wostok III“ keine Ausnahme. Diebstahl und einhergehender Mord rufen die Sicherheitsbehörde auf dem Plan, dessen Chef die Fäden in mehrere Richtungen spinnt, zahlreiche Namen (von denen ungefähr 80% ohne Belang sind) ins Gespräch bringt und schlussendlich den Geheimauftrag an seinen Topgeheimagenten überträgt. Anschließend passiert eigentlich nicht viel Bedeutendes, sodass jenes Spionagefeld fortan reichlich Spielraum für schöne Frauen und rasante Actionsequenzen zur Verfügung stellt. Dem ersten Attraktionspart (die attraktiven Mädels) werden, auch wenn keine von ihnen - nicht einmal ansatzweise - die Klasse einer Daniela Bianchi besitzt, Cristina Gaioni, Astrid Caron, Margit Kocsis und Jany Clair sehr wohl gerecht. Part Zwei, das Actionspektakel, lässt allerdings zu wünschen übrig, denn die ohnehin überschaubaren Actionmomente können herzlich wenig Explosivität versprühen. Die Prügeleien wirken unbeholfen und werden in einer Situation gar von einer schrecklichen Slapstickmusik begleitet, sodass die Ton- und Bildkompositionen bewusst in die Güteklasse Blöd abdriften. Ich bin der Meinung, das Slapstickelemente, sei es auch nur die Musik, nichts in einem Eurospy-Film, auch wenn er sich nicht ernst nimmt, zu suchen haben. Im Kontext der Filmmusik möchte ich noch ergänzen, dass jenes im Stil der Bond-Filme zu Beginn eingesetzte und von Franc Alamo interpretierte Leitmotiv, „Coplan Song“ richtig gut klingt.

 

Ich hoffe, das ist soweit angekommen (!), denn der Löwenanteil des Films bereitete mir, dank seiner tollen Synchronisation und der überkandierten Verhaltensweise seines Superagenten, einiges an Freude. Wer sich im Genre zuhause fühlt, der ist es ja gewohnt, gelegentlich ein Auge zuzudrücken, um diverse Filmmankos zu tolerieren, sodass der Eurospy-Fan mit dem Coplan, der kein Coplan ist, keine kostbare Zeit verschwenden wird.

 

PS: Sofern Sie noch kein Eurospy-Fan (auch -Freak oder -Freund genannt) sind, aber partout einer werden wollen, sollten Sie vorher unbedingt beachten, das Sie zukünftig als ein Pariah, als ein Aussätziger gesehen werden, als das alleinige Übel des italienischen Genrekinos! Demnach wird man* Sie, auf welchem Genrefilmfestival Sie auch immer aufkreuzen, abgrundtief hassen!

 

*Mit „man“ sind die Gialli SS, die Poliziotteschi SA, der Gore-Bauernverband und sonstige „elitäre“ Vereinigungen gemeint.

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