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Frauen bis zum Wahnsinn gequält

Italien | Spanien, 1970

  • Originaltitel: Le foto proibite di una signora per bene
  • Alternativtitel:

    Días de angustia (ESP)

    Photo interdite d'une bourgeoise (FRA)

    Days of Anguish

    The Forbidden Photos of a Lady Above Suspicion

  • Regisseur: Luciano Ercoli
  • Kamera: Alejandro Ulloa
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Mahnahén Velasco
  • Inhalt:

    Minou wird bei einem nächtlichen Spaziergang von einem Unbekannten angegriffen, der ihren Ehemann, Peter, als Mörder bezeichnet. Der Unhold verschwindet zwar ebenso schnell wie er aufgetaucht ist, doch die Zusammenkunft wirkt sich nahezu katastrophal auf ihr Selbstbewusstsein und ihre (ohnehin angeknackste) Psyche aus. Kurze Zeit später erhält die junge Frau einen Anruf von dem ominösen Fremden, der ihr eine Tonaufnahme vorspielt, auf der sich Peter als Mörder zu erkennen gibt. Minou triff sich mit dem Fremden und hofft, dass sie diesen mit Geld und einer heißen Liebesnacht zum Schweigen bringen kann, aber Pustekuchen, denn das ist erst der Anfang eines stets eskalierenden Psychoterrors. Wer ist der Fremde und was bewegt ihn zu seinem erbarmungslosen „Stalking“?

  • Autor: Frank Faltin
  • Review:

    Ungeachtet des Film Noir, der nicht nur die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwinden ließ, sondern auch die Rolle der weiblichen Protagonisten mit tief verankerten Bösartigkeiten ausstattete, welche sie zur Verwirklichung ihrer Ziele rigoros einsetzten, manövrierte der Thriller der 1950er Jahre, die Frau wieder vermehrt in eine Opferrolle. Daraus resultierte die Zentralisierung des schutzbedürftigen Wesens, das von einem Fremden oder gar vom eigenen Ehemann bedroht wird. Meist mit dem Makel versehen, dass weder Freunde noch die polizeilichen Ermittler ihr Glauben schenken. Der Produzent einiger Westernperlen wie „Eine Pistole für Ringo” und „Der lange Tag der Rache”, Luciano Ercoli, setzte sich in den ganz frühen 1970ern erstmals selbst auf den Regiestuhl, um umrissene Konstellation auszukosten. „Le Foto proibite di una signora per bene“, so der Name seines Regiedebüts, welches in Deutschland mit der wesentlich markanteren Firmierung „Frauen bis zum Wahnsinn gequält“ ausgestattet wurde.

     

    „Dein Peter ist ein Halunke, aber nicht nur das: ER IST EIN MÖRDER!"

     

    Ercoli startet seinen Film mit einer Präsentation der Hauptprotagonistin. Ein wunderschönes Geschöpf, das allerdings dem Konsum von Psychopharmaka (von der deutschen Synchronisation als Beruhigungsmittel suggeriert) verfallen ist. Die junge Dame lebt in den besseren Kreisen, himmelt ihren Ehemann, Peter, förmlich an und greift (parallel zum Antidepressivum) auch gern zum flüssigen Problemlöser, da sie sich von ihrem Herzallerliebsten deutlich vernachlässigt fühlt. Während die Kamera genüsslich, von einem imposanten Leitmotiv (Ennio Morricone) begleitet, durch die urgemütlichen Räumlichkeiten streift und einhergehend Edda Dell'Orsos Gesang unsere Sinne verzaubert, wird unser Blick stets zu den Spiegeln geleitet, die innert der Räumlichkeiten installiert sind und in denen sich Minou immerzu betrachtet. Der Rezipient sollte demnach schnell die Metaphern tapsen hören und synchron zum Erfassen der Spiegelreflexion an einer Identitätsproblematik des Hauptcharakters tüfteln.

     

    Nach einem erholsamen Bad, folgt Minous nächtlicher Spaziergang entlang des Strands sowie über einen menschenleeren Platz. Da Zweitgenanntes ein beängstigendes Szenarium, sprich Zeichen von Agoraphobie erkennen lässt, wird die Bedrohung durch einen plötzlich auftauchenden Fremden deutlich maximiert. Die Konfrontation Täter/Opfer kann dementsprechend zünden und den Zuschauer bereits in dieser frühen Phase (des Films) ködern. Überdies werden mit dem stetigen Chargieren des Blickwinkels (Sicht: Täter / Sicht: Opfer) Minous Angst und die Souveränität des Unbekannten zu einer Einheit, deren Dominanz nach dem Zuschauer greift, um ihn für sich zu gewinnen. Diese Erstkonfrontation liefert gleichzeitig den Nährboden, aus dem „Frauen bis zum Wahnsinn gequält“ seine Kräfte zieht.

     

    Nebst dem Fremden und Minou werden im weiteren Filmverlauf die Personen Peter (Minous Ehemann), Dominique (Minous Freundin) sowie der ermittelnde Kommissar in die Story eingeführt. Minou steht zu beiden Personen (den Kommissar ausgeklammert) in einem besonderen Verhältnis, was dem Rezipienten diverse Betrachtungsaspekte offeriert. So blickt sie ehrfürchtig auf ihren Ehemann und will ihn davor schützen (ohne ihn darüber zu informieren, die Logiker werden sich die Haare raufen), dass sein angeblich praktizierter Mord nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Doch zu diesem Zweck muss sie sich intensiver mit dem Erpresser einlassen, der allerdings nicht mit Geld abzuspeisen ist und einzig die naturelle Währung akzeptiert. Infolgedessen ist für einen kleinen Anteil von Sexmomenten gesorgt, welche einhergehend die sadistische Ader des Fremden vermitteln. Doch obwohl Minou - wie bereits angerissen - zu einer Unterwürfigkeit neigt, gibt sie sich dem Akt unter Zwang hin, demnach sollte man sehr vorsichtig mit einer - immer wieder gern zitierten - sadomasochistischen Skizzierung umgehen. Stiglegger weist innert „SadicoNazista explizit darauf hin, dass „eine erzwungene Situation, die nur jeweils einen der Partner ohne Einverständnis des anderen in die aktive Position versetzt, in keinem Fall als sadomasochistisch gewertet werden kann“ und das „die auswegslose Zwangssituation eher einer banalen Henker Opfer Konstellation gleicht, die in den wenigsten Fällen bewusst sexuell motiviert sein dürfte“.

     

    Im Gegensatz zu Minou zeigt sich ihre Freundin, Dominique, weniger schüchtern und naiv und steht der Entdeckung neuer Liebespraktiken stets aufgeschlossen gegenüber. Sie verzichtet auf etwaige Verschleierungen hinsichtlich ihres Liebeslebens und frönt wie beispielsweise auch Rosalba Neri (in ihren Filmrollen) eine offensive Sexualität. Dieser rassige und dekadent angehauchte Charakter entpuppt sich einerseits als ein Pendant zu der schutzbedürftigen Minou, andererseits als die mysteriöse Verdächtige, der man den viel zitierten Gang über Leichen jederzeit zutraut. Sexy und gerissen - der Bestseller unter den gialloesken Cocktailgruppen. Eine Schönheit, die sich die beste Seite des Lebens greift und ihre wechselnden Liebschaften in vollen Zügen genießt, anstatt mögliche Anflüge von Moral zu hinterfragen. Minou setzt hingegen auf einen Abwehrmechanismus, lässt niemanden, ungeachtet Dominique und Peter, an sich herantreten, vegetiert in ihrem goldenen Käfig, und ist ein gefundenes Fressen für den unbekannten Erpresser.     

     

    Inmitten dieser Belegschaft gilt es nun für den Zuschauer nach Lösungen zu suchen.

     

    Was beabsichtigt der Fremde?
    In welchem Verhältnis steht Dominique zu ihm?
    Könnte Minou unter Wahnvorstellungen leiden?
    Hat sie die Begegnungen mit dem Fremden vielleicht nur imaginiert?

     

    So lauten die grundlegenden Fragen innert eines Ratespiels mit kleinen Wendungen und falschen Fährten, denen die ganz Abgewichsten natürlich nicht auf den Leim gehen. Gespickt ist diese Kopfnuss mit den üblichen Gialli-Begleitern wie Unwetter, knalligen (Signal)Farben, Irritationen und dem Gesicht am Fenster, das ebenso plötzlich verschwindet wie es auftauchte.

     

    Fazit: Gialli sind bunt, Gialli sind ästhetisch! Gialli sind verführerisch! Denn Gialli fesseln ihre Beobachter und entführen sie in eine andere Welt - da bildet „Le Foto proibite di una signora per bene“ keine Ausnahme. Und obwohl das whodunnit-Schema nur zeitweise einen Mord in den Fokus rückt, sorgen schöne Kulissen und Requisiten sowie noch schönere Frauen und ein charismatischer Oberschuft für viel Geborgenheit und spannende Unterhaltung.

  • Autor: Frank Faltin
  • Veröffentlichungen:

    „Frauen bis zum Wahnsinn gequält“ erschien 2012 als die Nummer 9 der „Italian Genre Cinema Collection" von Camera Obscura erstmals in Deutschland auf DVD (sehr gutes Bild mit gut dosierter Körnung und kräftigen Farben sowie feinen Extras).

     

    Aufgrund der starken deutschen Synchronisation bin ich überrascht, dass sich kein deutscher Kinoeinsatz nachweisen lässt, denn die Aufnahmen hören sich in keiner Phase nach einer lumpigen Direct-to-Video Synchro an.

  • Autor: Frank Faltin
  • Links

    OFDb
    IMDb
    Film Maniax

     

     

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