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An seinen Stiefeln klebte Blut

Italien | Spanien, 1966

  • Originaltitel: Navajo Joe
  • Alternativtitel:

    Joe, el implacable (ESP)

    Navajos Land (USA)

    Red Fighter (USA)

    Savage Run (USA)

    Kopfgeld: Ein Dollar

  • Deutsche Erstaufführung: 27. April 1966
  • Regisseur: Sergio Corbucci
  • Kamera: Silvano Ippoliti
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Ugo Pirro, Piero Regnoli, Fernando Di Leo
  • Inhalt:

    Eine erbarmungslose Bande von Desperados zieht durch das Land, um friedliche Indianer zu massakrieren, sie ihrer Skalps zu berauben und dafür stattliche Prämien zu erzielen. Doch die Zeiten haben sich geändert, denn die Regierung will dem Abschlachten ein Ende bereiten. Folglich werden Duncan und seine Halunken zu Gejagten, auf die ein Kopfgeld ausgesetzt ist. Zudem ist ihnen ein junger Indianer auf den Fersen, welcher der Bande stets einen Schritt voraus ist. Wer ist dieser Fremde und was sind seine Absichten?

  • Autor: Frank Faltin
  • Review:

    Sergio Corbucci liefert (neben Castellaris Keoma) den bekanntesten indianischen Antihelden der italienischen Westernlandschaft: (Navajo) Joe, der „rote“ Rächer innert einer IW-Rakete, die für den deutschen Kinoeinsatz auf den Namen „An seinen Stiefeln klebte Blut“ getauft wurde. Dieser, auch unter dem Namen „Kopfgeld: Ein Dollar“ geläufige Western, startet mit den Bildern einer Indianerin, die als Teil eines harmonischen Miteinanders ihrer Arbeit nachgeht. Als Teil einer indianischen Gemeinschaft, die vom „Weißen Vater“ in ein nahezu vegetationsloses Gebiet zwangsumgesiedelt wurde. Die einst tapferen Krieger sind des Kämpfens müde, haben sich längst ihrem Schicksal ergeben und pflegen innert der Reservation ein ruhiges Leben. Doch diese Ruhe und Harmonie wird mit dem Eindringen einiger Desperados schlagartig zerstört. Ein mordender Haufen, der - trotz der längst abgeschlossenen Eroberung des Wilden Westens - das Sand-Creek-Massaker sowie das Massaker von Wounded Knee wieder aufleben lässt. Infolgedessen wird dem Zuschauer schnell vermittelt, dass der Film neben seinem Rachemotiv auch den Themen Rassismus und Vorurteile ein Plätzchen gewährt. Dabei gestaltet sich die Konstruktion des Bösewichts, Duncan, besonders raffiniert. Ein von fanatischem und abgrundtiefem Indianerhass erfüllter Charakter, dessen Aversion sich darin begründet, dass er - der Sohn eines Pfarrers und einer Indianerin - ein Halbblut ist.

     

    „Du glaubst wohl gescheiter zu sein als wir alle, typisch für einen Mischling.“
    (Jeffrey zu Duncan)

     

    Das kann Duncan natürlich nicht so stehen lassen, sodass er die Spitzfindigkeit in Jeffreys Gesichtszügen mit einem gezielten Faustschlag ins Exil schickt. Ein solch primitives Verhalten unterscheidet Duncan deutlich vom Hauptcharakter, unserer Reflektorfigur, Joe, der trotz seiner Wortkargheit sehr wohl mit den Vorurteilen sowie rassistischen Anfeindungen, die ihm von einigen Bürgern der Stadt Esperanza entgegengebracht werden, umzugehen weiß. Joe reagiert auf diese verbalen Angriffe nicht gewalttätig, sondern mit Coolness und Wortgewandtheit. Auf diese Weise gelingt es ihm gar den Sheriff, der sich hochtrabend als wahrer Amerikaner definiert, als einen kleinen, dummen Jungen mit schottischen Wurzeln zu entlarven. Keines von Joes unverblümten und aufrichtigen Worten wirkt verschwenderisch, sondern ebenso effektiv wie die Kugeln seiner Winchester.

     

    Als eine der wenigen Bewunderer(innen) dieses (wahren) Mannes zeigt sich Estella (Nicoletta Machiavelli), eine Indianerin die im Dienste von Dr. Chester Lynne steht und dessen Frau mit Herrin anredet. Ungeachtet dieser fügsamen Verhaltensweise agiert Estella als eine enorm charismatische und zugleich überaus attraktive Erscheinung, die in Joe einen Messias sieht, der die Regeln in der Zweiklassengesellschaft Esperanza reformieren könnte. Schließlich ersetzt, laut Joes eigener Aussage, ein Mann viele Männer, wenn er weiß, was er wert ist. Und Joe weiß wovon er redet, denn er kennt keine Angst, handelt mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks und eliminiert jeden, der sich ihm in den Weg stellt. Im Prinzip fungiert er als ein Prototyp für die in den 1980ern folgenden Kampfmaschinen, von denen eine mit einer ganz besonderen (von Friedrich W. Bauschulte gesprochenen)  Liebeserklärung suggeriert wurde.

     

    „Eine fehlerfreie Kampfmaschine mit nur einem Gedanken:
    Einen Krieg zu gewinnen, den andere schon verloren haben.“

     

    Corbuccis einfach gestrickte Erzählweise kann den Zuschauer auch während der actionfreien Momente fortwährend fesseln. Denn obwohl der Regisseur den Rezipienten nicht mit der Dechiffrierung einer Intrige beordert und ihm die Lösung sehr früh offeriert, bleibt die Bedrohung durch Duncan und seinen Gesetzlosen allgegenwärtig. Einerseits könnten sie jederzeit zuschlagen, andererseits könnten sie weitere Intriganten innert der Bürgerschaft angeworben haben. Folglich wirkt das stetige Chargieren zwischen Handlungsabläufen und Actionmomenten durchweg spannungsfördernd, sodass der Film in keiner Minute am gefürchteten Riff des Leerlaufs kentert und sicher sowie gewandt durch die Meere segelt. Simultan zur Kurzweiligkeit liefert die Kamera von Silvano Ippoliti einige großartige Bildkompositionen, denn wenn Joe vor der untergehenden Sonne (in Low Key Fotografie getaucht) auf einer Anhöhe zu sehen ist, dann ist dieses Wahrnehmungsbild ein Freudenfest für die Augen.  

     

    Doch beachte: Bevor „Direktor Knauer“ die (Kamera)Schüler loben konnte und die „Feuerzangenbowle“ zum Besäufnis freigab, sprang „Musiklehrer Fridolin“ in die Klassenmitte und präsentierte stolz eine Partitur, deren musikalische Umsetzung dem Hörer angeblich eine Gänsehaut nach der anderen garantieren sollte. Und siehe da, der Mann hatte Recht, denn nebst den tollen Bildkompositionen schenkte Morricone „Navajo Joe“ einen Score, der die drei(faltigen) Kompositionstechniken der Filmmusik jederzeit vorbildlich transportieren konnte und kann.

     

    Fazit: Christoph Kolumbus´ späte Erben fallen zum x-ten Male über Amerikas Ureinwohner her. Die Ein-Mann-Armee, Joe, zahlt es ihnen mit gleicher Währung heim, denn Gewalt kann man in Corbuccis Western nur mit Gewalt bekämpfen. Doch ungeachtet der Wurst hat irgendwann alles ein (!) Ende - und wie so oft liefert es auch diesmal eine reinigende Wirkung.

     

    In Erinnerung bleibt ein starker und äußerst brutaler Western, der mit gut inszenierten Actionmomenten, einem klasse Showdown, sowie einem phänomenalen Soundtrack zu glänzen weiß.

  • Autor: Frank Faltin
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