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Necronomicon - Geträumte Sünden

Deutschland, 1968

Alternativtitel:

Necronomicon - Dreamt Sin

Necronomicón (ESP)

Les yeux verts du diable (FRA)

Delirium (ITA)

Succubus (USA)

Deutsche Erstaufführung:

18. April 1968

Regisseur:

Jesús Franco

Inhalt

Der Nachtclub-Choreograph Bill Mulligan (Jack Taylor) trifft in Lissabon auf die geheimnisvolle Lorna Green (Janine Reynaud), die künftig nicht nur das Bett mit ihm teilt, sondern auch in seiner Show in einer Art S/M-Nummer auftritt. Niemand weiß, woher Lorna wirklich kam, einschließlich ihr selbst. Immer wieder wird sie von Fremden „die Gräfin“ genannt, doch sie erinnert sich an keinen von ihnen, außer in ihren Träumen. Der Psychiater Drawes (Adrian Hoven) versucht dem Geheimnis auf den Grund zu gehen, aber ohne Erfolg. Und wer ist der geheimnisvolle Fremde (Michel Lemoine), der einen hypnotischen Einfluss auf Lorna zu haben scheint? In West-Berlin kommt es schließlich zur Eskalation – doch nicht zu einer Erklärung.

Review

„Spinnenfuß und Krötenbauch

Und Flügelchen dem Wichtchen!

Zwar ein Tierchen gibt es nicht,

Doch gibt es ein Gedichtchen.“

 

Noch während der Dreharbeiten zu LUCKY M. FÜLLT ALLE SÄRGE (Lucky, el intrépido, 1967) sinnierten Jess Franco, Karl Heinz Mannchen und José Frade über ein Projekt namens „Green Eyes of the Devil/Green Eyes“ nach, und Franco reichte in Spanien ein Drehbuch ein, das absichtlich sehr simpel gehalten war, um es an den Zensoren vorbeizubekommen. Doch nichts da. Die Zensoren hatten so viel zu beanstanden, dass allen Beteiligten klar wurde, dass der Film in Spanien nicht zu realisieren wäre. Karl Heinz Mannchen brachte Franco daraufhin mit Adrian Hoven zusammen, der just in Berlin zusammen mit Schauspieler Michel Lemoine die Aquila Film gegründet hatte, im Hintergrund Siemens-Erbe Pier Andrea Caminneci. Apropos – Franco hatte einmal bemerkt, der reichste Mann, den er je getroffen habe, sei Artur Brauner gewesen. Offenbar hat er das damalige Finanz-Potenzial von Caminneci unterschätzt. Dies ist nur insofern interessant, dass Franco weitere Projekte – unter anderem eine geplante Fortsetzung von NECRONOMICON – in den Wind schlug, um im Anschluss für Harry Alan Towers und danach für Artur Brauner tätig zu werden.

 

Allzu viel ist über die Entstehung von NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN nicht verifiziert, weshalb ich es wie Franco halte. Kleine Legenden fördern nur die Faszination. Ein endgültiges Drehbuch entstand in Zusammenarbeit von Jess Franco mit Adrian Hoven, glaubt man Adrian Hoven. Franco wiederum erzählte, Hoven habe ihm völlig freie Hand gelassen. Das abschließende Editing erfolgte – laut Hoven – durch Hoven. Das ist nicht ganz schlüssig, wie ich im Teil zur Filmmusik erläutern möchte und widerspricht auch Francos Darstellung. Fürs Klatschpotenzial sei noch erwähnt, dass Pier A. Caminneci eine Affäre mit Janine Reynaud begann, wogegen ihr Ehemann Michel Lemoine offenbar nichts einzuwenden hatte. Schließlich arbeitete man weiterhin in friedlicher Eintracht zusammen bis ins Jahr 1970. Der zuletzt gedrehte und eigentlich als Necronomicon-Fortsetzung konzipierte WIE KURZ IST DIE ZEIT ZU LIEBEN (1970) fand jedoch keinen Verleih und wurde erst in den Achtzigern auf Video veröffentlicht. Erst kürzlich (Stand 2021) tauchte eine analoge Kopie des Films auf, so dass sich veröffentlichungstechnisch und hoffentlich in naher Zukunft etwas tun könnte. Mal schauen. Nach Ansehen des Trailers auf dem 7. Terza Visione vermute ich allerdings, dass von der Grundidee (Necronomicon-Fortsetzung) am Ende nicht viel übrigblieb.

 

NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN könnte man als Wendepunkt in Francos Karriere verstehen, denn mehr als je zuvor verlässt er den Boden der Genregrenzen und stürzt sich in surreale Bilderästhetik. Franco-Chronist Stephen Thrower versucht in „Murderous Passions: The Delirious Cinema of Jesus Franco“ eine Filmanalyse, um auszuloten, ob hinter der Bilderästhetik wirkliche Tiefe steckt. Sein Fazit ist durchaus zwiespältig, unabhängig davon, wie schön der fertige Film ist. NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN deutet eine Story um die Schizophrenie seiner Hauptprotagonistin an, lässt die Motive seiner Figuren aber verschleiert. Wortassoziationen und Referenzen an Godard, Robbe-Grillet oder Alain Renais versuchen eine Nähe zum Arthouse-Film zu suggerieren, und doch scheint es Thrower als habe Franco eine Persiflage auf eben jene Arthouse-Filme inszeniert. Genre-Grenzen verschwimmen, Franco verweigert ein schlüssiges Narrativ. Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Realität, alles ist eins. Spätestens wenn Bill Mulligan und der geheimnisvolle Pierce sich verbünden, um Lorna zu töten, weiß der Zuschauer endgültig, dass der Film unverständlich ist und unverständlich sein soll. Und natürlich ist Lorna nicht tot, zu dem Teil kommen wir erst in LORNA…THE EXORCIST (Lorna, l'exorciste, 1974).

 

Es gibt aber eine einfachere Methode, NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN zu erschließen als die Filmanalyse. Da ich zu letzterer eh nicht fähig bin, bevorzuge ich einfache Methoden. Vergessen wir nicht, dass Jess Franco begeisterter Comic-Fan war. Französische Erwachsenencomics wie von Guido Crepax, italienische Fumetti und Fumetti Neri, damit kannte er sich bestens aus und deren Einflüsse finden sich stets in seinen surrealen Arbeiten wie etwa DAS GRAUEN VON SCHLOSS MONTSERRAT (La nuit des étoiles filantes, 1973), EINE JUNGFRAU IN DEN KRALLEN VON FRANKENSTEIN (La maldición de Frankenstein, 1973) oder – bleiben wir in den 60er Jahren – in eher humoristischer Form im LUCKY M. FÜLLT ALLE SÄRGE (Lucky, el intrépido, 1967) und dem Necronomicon folgenden ROTE LIPPEN – SADISTEROTICA (El caso de las dos bellezas, 1969). Also auch wenn NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN kompliziert daherkommen mag, Franco ist hier mitten in seinem comicartigen Element. Das Thema Gedankenkontrolle, welches in NECRONOMICON eine wichtige Rolle spielt, hat er bereits in DAS GEHEIMNIS DES DR. Z (Miss Muerte, 1966) ausgeschnitten und würde dies noch viele Male tun.

 

Die Dreharbeiten zu NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN fanden im Frühjahr 1967 statt und bereits im Sommer 1967 wurde der fertige Film auf einer Messe zeitgleich zur Berlinale Verleihern angeboten. Der Verleih erfolgte durch Constantin Film, mit ein paar Schnittauflagen der FSK. Wer sich noch an das alte VHS-Tape von Monte Video erinnert, es wurde die S/M-Darbietung von Lorna leicht entschärft, auch der Kuss mit Nackenstich war, wenn mich nicht alles täuscht, etwas verkürzt. Kinostart der deutschen Verleihfassung war im April 1968. Janine Reynaud wurde von Rosemarie Fendel synchronisiert, Jack Taylor von Gert Günther Hoffmann und Michel Lemoine von Michael Chevalier. Adrian Hoven und Howard Vernon dubbten sich selbst. Die deutsche Schnittfassung – so wie sie auf der DVD von Laser Paradise zu finden ist – kann als uncut bezeichnet werden, da sie der Aquila-Originalfassung entspricht. Zwar hatte Franco etwa 14 Minuten mehr in petto (einschließlich einer Auflösung), sich aber überreden lassen, diese zu verwerfen. Diese Szenen wurden nach Abschluss des Editing vernichtet, sind also unwiederbringlich verloren.

 

Die Dreharbeiten fanden größtenteils in Portugal statt, sowie in Berlin. Das scharfe Auge Stephen Throwers bemerkt zudem, dass in der Bar-Szene mit Janine Reynaud und Howard Vernon ausschließlich italienisch-sprachige Schilder an den Wänden hängen. Interessant ist ebenso, dass Dante Posani aus LUCKY M. FÜLLT ALLE SÄRGE kurz als Statist auftaucht. Diese Szene könnte also in Italien entstanden sein. Thrower will auch Antoine Saint-John (DIE GEISTERSTADT DER ZOMBIES, 1981) entdeckt haben, aber dafür muss man wohl die Zoom-Funktion am TV aktivieren, ich finde ihn nicht. Den Kleinwüchsigen in der Partyszene kann man in Philippe Brottets HEISSE HÖLLE EROTIK (Endless Night, 1972) wiederentdecken, ein Name ist aber nicht bekannt. Die IMDb benennt Daniel White als „Piano Player“ in Lorna Greens Schloss, aber das ist absoluter Quatsch.

 

Lorna Greens Schloss ist von außen natürlich der Torre de Belém in Lissabon, nicht jedoch das Innere. Hier mischt Franco, wie auch beim späteren Spaziergang von Lorna und Bill durch die wundervollen Gärten Sintras, verschiedene Locations in Sintra und Lissabon. Bemerkenswert an NECRONOMICON ist selbstredend die musikalische Untermalung. Als Arrangeur vermischt Jerry van Rooyen ein paar eigene Tracks mit der Friedrich Gulda LP „Music For 4 Soloists And Band No.1“, welche eine gekonnte Mischung von Euro-Jazz mit klassischen Motiven darstellt. Neben Pianist Friedrich Gulda hört man dort drei weitere Jazz-Größen: J. J. Johnson (Posaune), Freddie Hubbard (Trompete) und Sahib Shibab (Querflöte und Saxophon). Das Album erschien erstmals 1965 und das Original steht auch noch – leicht zerkratzt – bei mir rum. Für Francos Behauptung, beim Editing Adrian Hovens dabei gewesen zu sein, sprechen ein paar mitgebrachte Tracks während der S/M-Szenen, welche zu DER SCHRECKLICHE DR. ORLOFF (Gritos en la noche, 1962) entstanden. Die Stücke von Jerry van Rooyen erschienen erstmals auf einer LP im Jahre 1971, vertrieben von Aquila Film Enterprises. Die Tracklist ist nicht identisch mit der späteren Compilation „At 250 Miles Per Hour“ von Crippled Dick Hot Wax.

 

Obwohl die IMDb neben Deutschland auch Spanien und Portugal als Co-Produktionsländer listet, habe ich oben erläutert, dass NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN am Ende eine rein deutsche Produktion war. Kommen wir zum Schluss also zu den Alternativfassungen.

 

Stephen Thrower zählt 18 signifikante Unterschiede in der US-Fassung „Succubus“ von Trans American Films. Die meisten davon betreffen das Dubbing. Insbesondere während der Wortassoziationen aber auch während der Lesung Adrian Hovens aus Faust, wurden Texte verändert. Als Janine Reynaud im Traum mit der Straßenbahn durch Lissabon fährt, glaubt sie, sie wäre in San Francisco. Das englische Dubbing verkackt das komplett. Die kurze Szene als Lorna Green in Bills Apartment die Möbelliste vorsingt, fehlt. Als Bill Lissabon ohne Lorna verlassen hat, fehlt, wie sie mit einer Puppe im Arm auf dem Stuhl kauert. Zwei Einstellungen sind nicht in der deutschen Fassung: die Ansicht eines Pin-up Posters während der LSD-Party sowie am Ende eine 20 Sekunden lange Autofahrt als Pierce Lorna zum Schloss bringt. Bei der Party fehlt dafür der Monolog des Transvestiten.

 

Interessant ist die italienische Fassung „Delirium“, wobei mir nicht ganz klar ist, ob diese Schnittfassung bereits bei der Uraufführung in Italien 1968 existierte oder erst für die Wiederaufführung 1971 angefertigt wurde. Das alternative Ende hat klaren Bezug zu Jean Brismées THE DEVIL'S NIGHTMARE (La plus longue nuit du diable, 1971), wer jetzt wen inspiriert hat, ist mir aber nicht bekannt. Insgesamt gibt es zwei Alternativszenen: Am Anfang sieht man dichtgedrängte Körper von Babys, mit einem Voice-Over unterlegt. Eines hat eine Nadel im Auge, also ähnlich wie in der Szene als Lorna Admiral Kapp (Howard Vernon) tötet. Und die erwähnte Schlussszene, beide stammen nicht von Franco, sondern wurden in Italien von einem unbekannten Meister eingefügt.

 

Ansonsten hat man in Italien das Unmögliche versucht: Francos Originalfilm, der sich wie gesagt jedem Narrativ entzieht, ein solches aufzuzwingen. Durch zahlreiche Umschnitte, Kürzungen, ein gialloeskes Dubbing und jene zwei neu eingefügten Szenen versuchte man, eine verständliche Geschichte zu erzählen. Der Versuch scheitert mit Pauken und Trompeten, denn NECRONOMICON ist viel zu komplex, als dass man ihn einfach neu zusammenwürfeln könnte. Genau so wirkt die Fassung, wie ein verunglücktes Puzzle, deren Teile jemand an die falschen Stellen zu zwingen versuchte. Die Fassung ist aber dennoch sehr amüsant.

 

Hatte ich es schon erwähnt? NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Für Jess Franco war er sowohl ein Achtungs- als auch ein kommerzieller Erfolg. Die deutsche Kritik – die üblichen Verdächtigen – warfen ihm natürlich vor, einen intellektuellen Film vorzugaukeln, nur um Nacktszenen an der FSK vorbeizubekommen. Und vielleicht haben sie damit sogar recht. Aber wen stört das?

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Kommentare (1)

  • Stephan

    Stephan

    29 September 2021 um 15:21 |
    "Adrian Hoven (...), der just in Berlin zusammen mit Schauspieler Michel Lemoine die Aquila Film gegründet hatte."

    Mit Aquila hatte Lemoine nichts zu tun (bei Thrower steht das glaube ich auch falsch), der kam erst im Schlepptau von Janine Reynaud mit ins Spiel.

    Hovens Aquila-Kompagnon war Caminneci, den Hoven wohl 1965 bei gemeinsamen Dreharbeiten an dem Western "Der Sohn des Jesse James" kennen gelernt hatte.

    Caminneci, Reynaud und Lemoine wohnten dann Ende der 1960er tatsächlich zeitweise gemeinsam in Berlin. (Wo genau ich das gelesen hab, weiß ich leider nicht mehr. Dürfte ein französischer Text über Lemoine gewesen sein.)

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