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Sex Charade

Liechtenstein, 1969

Originaltitel

Sex Charade

Alternativtitel

Le Labyrinthe

A comme apocalypse

El laberinto

Regisseur

Jesús Franco

Drehbuch

Jesús Franco

Inhalt

Anna (Soledad Miranda) lebt in einer abgeschiedenen Villa in Berlin und hört im Radio, dass ein Wahnsinniger, der bereits einige Menschen auf dem Gewissen hat, aus einer nahegelegenen Klinik für geistesgestörte Triebtäter ausgebrochen ist. Gerade als sie anfängt sich wieder zu beruhigen, dringt eben jener Verrückte (Paul Muller) durch ein Fenster ein. Er beteuert, dass er ihr nichts zuleide tun würde, er wolle lediglich die Nacht bei ihr verbringen, um auf seine Freunde zu warten, welche ihm bei seiner Flucht halfen. Damit er nicht einschläft und sie versucht zu fliehen, soll sie ihm eine Geschichte erzählen, und Anna spinnt eine Charade um vier Charaktere, denen zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Situationen stets dasselbe ausweglose Schicksal zugedacht scheint. Oder? Gibt es am Ende doch eine Chance für Anna?

Review

Meine erste „Review“ zu einem Film, den ich nie gesehen habe, und anscheinend auch sonst niemand. Jess Francos „Sex Charade“ gilt als verschollen, und die wenigen Hinweise auf die Existenz dieses Films sind voller Widersprüche, denn nichts davon ist aus erster Hand. Existiert dieser Film so, wie ich ihn hier beschreiben werde? Wer weiß. „Sex Charade“ scheint ein fertiger Film gewesen zu sein, nichtsdestotrotz gibt es durchaus Hinweise, die auf Fragmente schließen lassen und keineswegs auf ein fertiges Endprodukt. Bis also jemand tatsächlich auf eine Kopie dieses Filmes stößt, bleibt es also spannend, wie „Sex Charade“ also letztendlich aussehen wird. Und womit habe ich also vor, diesen Text zu füllen? Nun, es gibt ein Drehbuch, welches man in kompletter Form in dem Buch „The Jess Franco Files Vol. 1“ von Francesco Cesari und Roberto Curti nachlesen kann.

 

Kein echter Franco ohne Widersprüche. Anfang 1969 schrieb Franco das Drehbuch zu „El Laberinto.“ Am 4. Juni 1969 reicht er selbiges bei der spanischen Zensurbehörde ein, und hierzu muss man wissen, dass in Spanien kein Film ohne Genehmigung dieser Zensurbehörde gedreht werden durfte. Aber… der Film ist längst abgedreht. Vom 25. Mai bis 4. Juni 1969 (?) soll Franco diesen gedreht haben, ohne Genehmigung, mit Geldern von Arturo Marcos‘ Fenix Films. Die Zensurbehörde lehnt ab, was angesichts des Drehbuchs zu erwarten war. Zu viele Szenarien werden beanstandet, insbesondere die multiplen Folterszenen mit teils sexuellem Kontext. Was ich nicht verstehe ist, warum Franco das Drehbuch so eingereicht hat, denn es muss ihm doch aus bisheriger Erfahrung mit den spanischen Zensoren klar gewesen sein, dass es in dieser Form keine Chance hatte. Und so liegt „El Laberinto“ erst mal auf Eis, bis Franco 1970 die Rahmenhandlung (Anna und der Wahnsinnige) mit Soledad Miranda und Paul Muller nachdreht und hinzufügt, und daraufhin den fertigen (?) Film unter dem Titel „Sex Charade“ auf die Prodif Ets. In Liechtenstein registrieren lässt. Dass das Geld für den Film von Arturo Marcos kam, hatte er bis dahin anscheinend längst erfolgreich verdrängt.

 

„El Laberinto“ erzählt vier Geschichten mit denselben Hauptdarstellern – Diana Lorys, Maria Rohm, Jack Taylor und Howard Vernon – die in den einzelnen Episoden nahezu gleichartige Charaktere darstellen. Der Film funktioniert dabei als Kreis: er beginnt im Grunde mit dem Abschluss. Diana Lorys, welche vier Mal eine Opferrolle einnimmt, tötet in der Anfangsepisode (ein Dschungelszenario) ihre Peinigerin und wird selbst zur Anführerin des Stammes. Dies ist vermutlich für die später gedrehte Rahmenhandlung mit Soledad Miranda und Paul Muller von Bedeutung. Die zweite Episode dreht sich um einen Nachtclub mit de Sade’schen Charakteren, Diana Lorys wiederum in der Opferrolle. Die dritte Episode beginnt mit einer Party und endet mit dem tödlichen Ritual eines Kultes. In der vierten Episode gibt es eine Spionage-Story. Und schließlich folgt wiederum die Anfangsepisode. Ein interessanter Aspekt ist ebenso, dass keine der mittleren Episoden einen Abschluss hat. Anscheinend hat Franco sich hier an den sogenannten Serials der 30er und 40er Jahre orientiert. Wenn es am Spannendsten ist aufhören, und jede Szene wird in der nächsten zu einem Film im Film. Das klingt als wäre Franco hier ein ganz großer und interessanter surrealer Wurf gelungen – falls der Inhalt dem eingereichten Drehbuch entspricht. Man weiß es nicht, Francos Drehbücher sind teils interessanter als die Endprodukte, da er beim Drehen meist auf budgetbedingte Grenzen stieß.

 

Was existiert also tatsächlich von „Sex Charade?“ Das einzige Poster trägt den Namen des kanadischen Verleihers Cinepix, also der Firma von John Dunning und André Link. Seltsamerweise ist als André Links Kontakt ein Hotel in Cannes angegeben, es könnte sich also ebensogut um ein Promotion-Poster für einen geplanten (nicht vollzogenen) Deal am Rande des Cannes-Festivals handeln. In den Datenbankeinträgen von Cinepix findet sich „Sex Charade“ jedenfalls nicht. Ebensowenig die Kopie, die angeblich Eurociné in ihrem Archiv haben wollte, dann aber feststellten, dass sie sich geirrt haben. Tatsächlich gesehen hat ihn (höchstwahrscheinlich) „Sex Charade“ Filmkritiker und mehrfacher Franco-Darsteller Jean-Pierre Bouyxou. Er gibt an, „Sex Charade“ in einer seltenen Aufführung in Brüssel gesehen zu haben, allerdings in verstümmelter Form. Von Francos Laberinto war nur wenig übrig, das Meiste war Fremdmaterial, dass der Verleiher eingefügt hatte. Oder? Haben wir es womöglich nur mit einem Filmtorso zu tun? Es bleibt spannend und für mich ist „Sex Charade“ das wohl begehrteste Filmobjekt, dass ich gerne vor die Linse bekäme.

 

Einzelne Ideen aus „Sex Charade“ verwendete Franco 1981 in seinem Film „El sexo está loco“ wieder.

 

Wer das komplette Drehbuch lesen will, dem kann ich nur das bereits erwähnte Buch „The Jess Franco Files Vol. 1“ von Francesco Cesari und Roberto Curti ans Herz legen. Neben „Laberinto“ enthält der Band die Drehbücher zu „La noche tiene ojos“, aus dem „Die nackten Augen der Nacht“ (Les cauchemars naissent la nuit) wurde, „El Castillo de Frankenstein“, welches später zu „Dr. M schlägt zu“ (La venganza del Doctor Mabuse) umgeschrieben wurde, „Un tiro en la sien“, welches das Drehbuch zum unveröffentlichten/unfertigen „Relax Baby“ darstellt und eine Synopsis zu dem nie gedrehten „Orloff 2001.“ Das Buch ist zweisprachig, Spanisch und Englisch.

Links

OFDb
IMDb

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