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Karten auf den Tisch

Frankreich | Spanien, 1966

  • Originaltitel: Cartes sur table
  • Alternativtitel:

    Le carte scoperte (ITA)

    James Clint sfida Interpol (ITA)

    Cartas boca arriba (ESP)

    Attack of the Robots (USA)

  • Deutsche Erstaufführung: 29. April 1966
  • Regisseur: Jesús Franco
  • Kamera: Antonio Macasoli
  • Musik: Paul Misraki
  • Drehbuch: Jesús Franco, Jean-Claude Carrière
  • Inhalt:

    Seltsame robotgleiche Kreaturen mit dunkler Haut und einheitlichen Hornbrillen begehen Attentate auf hochgestellte Persönlichkeiten. Gleichzeitig häufen sich die Vermisstenfälle von Männern und Frauen mit dem seltenen Rhesusfaktor Null. Das Verschwinden eines Musikers dieser Blutgruppe in Alicante will Interpol nutzen und setzt den ehemaligen Agenten Al Pereira (Eddie Constantine) auf den Fall an. Doch bereits zuvor nimmt eine chinesische Organisation Kontakt zu Pereira auf und bietet ihm viel Geld, wenn er das Rätsel für sie löst. Und das Angebot ist verlockend, denn die Chinesen bieten ihm das Doppelte wie Interpol für seine Dienste. In Alicante kommt Pereira dem Geheimnis auf die Spur.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Über Eddie Constantine muss ich hoffentlich nicht viel schreiben. Von 1953 – beginnend mit „Im Banne des blonden Satans“ (La môme vert de gris, 1953) von Bernard Borderie - bis 1965 war er der Star zahlreicher französischer Agentenkomödien mit Hau Drauf-Action und Hoppla-Humor. 1965 kam dann „Lemmy Caution gegen Alpha 60“ (Alphaville, une étrange aventure de Lemmy Caution) von Jean-Luc Godard in die Kinos, und Constantine strebte fortan eine etwas seriösere Schauspielkarriere an. Doch zuvor war es an Jesús Franco, Ende 1965 die letzten beiden „typischen“ Eddie-Filme zu drehen – einen Guten und einen… nun, da sind die Kritiker und ich uns uneins, welcher davon welcher ist.

     

    Ich habe mich selten so gelangweilt wie bei „Residencia para espías“ aka „Golden Horn.“ Den deutschen Co-Produzenten ging es wohl ähnlich, denn dieser zweite Franco/Eddie Constantine-Film wurde nie in Deutschland gezeigt. Anders als „Karten auf den Tisch“, welcher zumindest eine deutsche Kinopremiere erfuhr, der seitdem aber irgendwie von der Bildfläche verschwunden scheint. Wenn es einen gelungenen Abschluss für Constantines Eddie-Karriere gab, dann ist es genau dieser: „Karten auf den Tisch.“

     

    Jesús Franco hatte gerade die Dreharbeiten für „Das Geheimnis des Dr. Z“ abgeschlossen, dessen Drehbuch er gemeinsam mit Jean-Claude Carrière verfasst hatte. Vom gleichen Produzenten-Team (Serge Silberman, Henri Baum, Michel Safra) und ebenfalls mit Carrière als Co-Autor folgten von Oktober bis November 1965 die Dreharbeiten zu „Cartes sur table“ in Alicante. Für mich ist Franco hier in absoluter Hochform. Sicher mag vieles davon der Professionalität der Produktion, der Crew und der Darsteller zuzuschreiben sein. Die Geschichte sprüht vor Abwechslung und Witz, Darsteller sind selbst in Dialogszenen in Bewegung. Niemand steht teilnahmslos im Raum, während er seine Dialoge aufsagt, denn auch das kennt man von Franco.

     

    Faszinierend ist vor allem die gelungene S/W-Photographie, welche mithilfe sorgfältiger Beleuchtung, ausgesuchten Locations und phantasievollen Settings ein paar kleine Wunder vollbringt. Kameramann war Antonio Macasoli, welcher 1960 bereits für Franco tätig war, bei dem Farbfilm „La reina del Tabarín.“ Filmkomponist Paul Misraki konnte bereits Eddie-Erfahrung aufweisen und steuert somit einen swingenden Jazz-Soundtrack bei. Ja, das mag nicht so sophisticated sein, wie seine Arbeit für „Lemmy Caution gegen Alpha 60“, aber es ist passend. Ebenfalls punkten kann „Karten auf den Tisch“ mit weiteren prominenten Gesichtern, und wer findet, diese würden rollentechnisch ein klein wenig unter Wert gehandelt, hat den europäischen Film nicht verstanden. Diese Darsteller waren Arbeiter, sind von Rolle zu Rolle und Set zu Set getigert, mal mit größeren, mal mit kleineren Parts. Wichtig ist die Anwesenheit der Gesichter und dass die Rollen ihnen stehen.

     

    Eddie Constantine hat in diesem zweiten Al Pereira-Abenteuer (das Erste war „Death whistles the Blues“ aka „La muerte silba un blues“, 1962, mit Conrado San Martín als Pereira) mit zwei weiblichen Interessentinnen zu tun. Auf der Seite der Guten scheint Cynthia Lewis, gespielt von Sophie Hardy, zu stehen. Seine Gegenspielerin dagegen wird von Françoise Brion dargestellt. Als Lady Cecilia Addington Courtney arbeitet sie für eine verbrecherische Geheimorganisation, unterstützt von ihrem Ehemann Sir Percy, gespielt von Fernando Rey, der tatsächlich nur eine kleine Rolle hat, ist mir aber egal. Das, was er macht, macht er gut. Es muss nicht immer Hauptrolle sein. Als sogenannte Franco-Regulars fallen besonders Marcelo Arroita-Jáuregui und Antonio Jiménez Escribano auf, waren ebenso im gerade fertig gestellten „Das Geheimnis des Dr. Z“ dabei. Franco selbst ist als Organist in zwei (unvermeidlichen) Nachtclub-Szenen zu sehen.

     

    Für eine Art von Running-Gag ist in „Karten auf den Tisch“ ein noch sehr junger Ricardo Palacios zuständig. Als mexikanischer Tourist Hermes will er unserem Haudrauf-Agenten unbedingt eine reinhauen, scheitert aber wiederholt. Ein Cameo hat zudem Constantines Sohn kleiner Sohn Lemmy als Agent X-3, welchem ein Spielzeugauto als getarntes Funkgerät dient. Apropos Gimmicks – in bester James Bond-Manier wird Al Pereira von Interpol mit allerlei Gadgets ausgestattet, von denen allerdings kaum eines funktioniert. Es ist himmelschreiend lustig, wenn Pereira in Gefangenschaft der Chinesen eine Zigarre auf den Tisch wirft und anfängt auf einer Piccolo-Flöte zu spielen, in Erwartung, irgendetwas würde explodieren, so wie man es ihm versprochen hat. Wenigstens funktioniert der Schirm.

     

    Das Thema Gedankenkontrolle hat Franco freilich direkt aus „Das Geheimnis des Dr. Z“ und „El secreto del Dr. Orloff“ aka „Die Lebenden Leichen des Dr. Jekyll“ (1964) importiert. Teile der Story würde Franco 1985 in „Viaje a Bangkok, ataúd incluido“ wiederverwenden. Auch das Thema Gedankenkontrolle durch Empfänger in Sonnenbrillen haben Franco-Fans in „Karten auf dem Tisch“ nicht zum letzten Mal gesehen.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Veröffentlichungen:

    Gesichtet wurde die Blu-ray von Gaumont, welche leider ausschließlich für französischsprachiges Publikum geeignet ist. Der Transfer des Hauptfilms ist traumhaft, die Bildqualität bringt die herausragende S/W-Photographie perfekt zur Geltung, bis hin zu Spiegelreflexen auf dem Wasser und minimalsten Beleuchtungseffekten in abgedunkelten Räumen und Gassen. Perfekt! Leider liegt der Hauptfilm aber eben ausschließlich in französischer Sprache vor, wahlweise mit französischen Untertiteln für Hörgeschädigte. Es gibt drei Interview-Features im Bonusmaterial, ausschließlich in Französisch ohne Untertitel.

     

    Da diese Originalfassung länger ist als die englischsprachige (und qualitativ ausgesprochen minderwertige) DVD und es zudem auch vertauschte Szenen gibt, wird es für Eigenbastler schwierig, diese Zwei zu kombinieren. Ich hoffe ja immer noch auf eine deutschsprachige Veröffentlichung, ein schönes HD-Master gibt es nun.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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    IMDb

    Kommentare (1)

    • Stephen

      Stephen

      29 März 2019 um 02:17 |
      Eine deutsche VÖ wäre traumhaft, aber vermutlich ist der Film "normal" für unsere Nischenlabels und zu unbekannt für die größeren...

      Es hieß aber mal, dass Kino/Redemption eine BD bringen will. Ich hoffe mal, das ist noch aktuell.

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