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Venusberg

Deutschland, 1963

Alternativtitel:

Suspect (ITA)

Deutsche Erstaufführung:

26. April 1963

Regisseur:

Rolf Thiele

Kamera:

Wolf Wirth

Drehbuch:

Rolf Thiele

Inhalt

Sechs junge Frauen treffen sich in einer feudalen Bergvilla, um ihren Alltagsproblemen zu entfliehen, die vornehmlich mit dem vermeintlich starken Geschlecht in Zusammenhang gebracht werden können. Dem Anschein nach haben die Damen jedoch eines gemeinsam, denn sie kennen einen Herren namens Alphonse, den sie dort offensichtlich erwarten. Die Frauen haben die räumliche Nähe allerdings unterschätzt, denn schon bald kommt es zu ersten Streitigkeiten, bis die Situation durch einem Suizid-Versuch eskaliert. Während die vollkommen unterschiedlichen Gäste de Villa weiter über die Männerwelt philosophieren, taucht eine geheimnisvolle, schöne Frau namens Florentine (Marisa Mell) im Haus auf dem Venusberg auf, sorgt für merkliche Verwirrung und tiefes Misstrauen, doch auch ein unbekannter Mann schleicht um das Haus herum und scheint alles zu beobachten...

Autor

Prisma

Review

Rolf Thieles "Venusberg" gilt als einer der Skandalfilme der Saison 1963, was in der Retrospektive nur noch schwer nachvollziehen sein mag, allerdings herrschten andere Zeiten und Moralvorstellungen. So hatte sich die Produktion ausgiebig mit der Zensur auseinanderzusetzen. Beanstandet wurden seinerzeit etwa 20 Textstellen, die bei der Prüfung durch die FSK durchgefallen waren, da sie als zu schlüpfrig eingestuft wurden, außerdem musste eine Szene mit einem nackten Mädchen in der Frontale entfernt werden. Einige Passagen oder Gespräche wurden mit trickreichen Mitteln entschärft, wie beispielsweise durch das Übertönen mithilfe alltäglicher Geräusche, sodass man an dem Problem signifikanter Kürzungen vorbei mogeln konnte. Der Witz bei dieser Technik besteht in der einfachen Tatsache, dass der Zuschauer dennoch ganz genau weiß, worüber sich die Damen eigentlich unterhalten, auch ohne es explizit zu hören. So wirkt diese aus dem Zwang entstandene Idee rückwirkend wie ein extravagantes Stilmittel. Das Lexikon des Internationalen Films versuchte die Produktion beispielsweise wie folgt zu entlarven: "Der fast handlungslose Film versucht, in der entkonventionalisierten Situation gleichgeschlechtlicher Einsamkeit 'das wahre Ich' der Frau zu enthüllen."  Diese im Auszug zurückhaltende und vergleichsweise schmeichelhafte Kritik wird dem Film allerdings nur teilweise gerecht, denn unter all der offen zur Schau gestellten Oberflächlichkeit brodelt ein Vulkan des schemenhaften Tiefsinns, den zu enträtseln beinahe einzig und alleine dem Zuschauer auferlegt wird. Erneut kristallisiert sich also ein häufig benanntes Thiele-Problem heraus, da der 1918 in Böhmen geborene Regisseur seine Progressivität zwar im Bilde festhalten, diese allerdings nicht nachhaltig genug bündeln und sie für den Zuseher verständlich machen kann.

 

"Venusberg" ist ein Film, den man daher vielleicht mehrmals gesehen haben müsste, um ihm guten Gewissens gerecht zu werden. Dass es sich um eine von Thieles interessantesten Arbeiten handelt, kann ohne jeden Zweifel festgehalten werden. Wirft man einen Blick auf die Produktionskosten und die geschäftlichen Filmecho-Benotungen, so sieht das Fazit allerdings eher nüchtern aus. Die Herstellungskosten für "Venusberg" beliefen sich auf rund DM 500.000 und man musste weit über ⅙ der Kosten wieder abschreiben, etwa mit einem Verlust von 80.000 Mark. Nebenbei erwähnt, soll der Konkurs des Schorcht Filmverleihs hier zusätzlich eine entscheidende Rolle gespielt haben. Auch die Filmecho-Benotung war mit 4,1 kaum zufriedenstellend. Gegenteilige Angaben waren fast dreißig Jahre später von Marisa Mell, der nominellen Hauptdarstellerin des Films, höchstpersönlich zu vernehmen. In ihrer kaum wahrgenommenen Biografie "Coverlove" wurde in diesem Zusammenhang kurz und knapp erwähnt, dass der Film ein Riesenerfolg gewesen sei, auch international. Große Probleme gab es bereits mit der geplanten Terminierung zur Uraufführung, da die Freiwillige Selbstkontrolle sich offenbar an der in ihren Augen nicht feiertagsfreien Produktion festgebissen hatte. Der Nora Filmverleih musste den Starttermin verschieben, da man aufgrund gewisser Änderungswünsche gezwungen war, ihn doch kurzerhand zurückzuziehen. Es wurde außerdem kategorisch untersagt, ihn in der Karwoche, beziehungsweise rund um Ostern anlaufen zu lassen. Diese Prozedur wirkt heute beinahe unfreiwillig komisch, spiegelt aber wohl lebhaft den damaligen Zeitgeist wider, aber konnte nicht für eine kostenlose Reklame sorgen, da dieser auch heute noch ungewöhnlich wirkende Film nur mit mäßigem Erfolg lief.

 

"Venusberg" ist insgesamt dennoch als gelungen zu bezeichnen und überrascht mit dem Unvorhergesehenen. Bemerkenswert elegant und stilvoll bekommt man wunderbare Bildkompositionen angeboten, wodurch sich mitunter der besondere Charakter dieser geheimnisvoll konturierten Geschichte. Hinzu kommt die ungewöhnliche Thematik, die als Konglomerat aus Oberflächlichkeiten, Groteske, Tiefgang und Symbolik besteht, somit einen unberechenbaren Reiz ausüben kann, sodass oft kaum zu unterscheiden ist, ob es sich um ein Märchen im Wahrheitsgewand oder um einen Tatsachenbericht im Märchenformat handelt. Allgegenwärtig ist, dass man die nicht immer greifbare Atmosphäre durch die exzellente Kamera-Arbeit von Wolf Wirth transparent geschildert bekommt, sie jederzeit spüren kann, auch wenn das Wahrgenommene oftmals eben nicht greifbar ist. Für heutige Begriffe bleibt ein sagenhafter Jahrmarkt der Frivolitäten allerdings erwartungsgemäß aus. Was die Gemüter seinerzeit - in welcher Form auch immer – erregen konnte, wirkt heute schon fast zu bieder, brav und unspektakulär, außerdem irritiert eine in eigenartige Intervall-Komik gehüllte Strategie des Verlaufs nachhaltig. Eine Klassifizierung mit FSK 18, die nach wie vor Bestand hat, verspricht daher zu viel des Guten. Angesichts ihrer erotischen Inhalte ist bei dieser Produktion im Rückblick kaum mehr Beispielloses zu erkennen, zumindest nicht auf den ersten Blick. Was sich damals in der Zeit des Wirtschaftswunders jedoch in einigen Köpfen abgespielt haben dürfte, ist - wenn überhaupt - nur noch zu erahnen. Rolf Thiele war bestimmt kein Film-Vandale, denn das spiegelt seine eigenwillige oder eigenmächtige Art Kino zu machen nicht wider. Ihn als einen Visionär zu beschreiben, kann auch nur eine Halbwahrheit darstellen, kommt der Sache ganz allgemein und vergleichsweise betrachtet aber relativ nah.

 

Mehrere Schritte zusätzlich gehend, den Unterhaltungswert und die anvisierte Exposition nie aus den Augen verlierend, machte er Kino, das die Leute sehen, oder angeblich natürlich nicht sehen wollten. Ein Film über Frauen, für jene oft wenig schmeichelhaft, sondern augenscheinlich für Männer gemacht und von ihnen durchdacht ist, spricht auf vielen Ebenen an, verteilt darüber hinaus bizarre bis nachvollziehbare Rundumschläge auf abgezielt unterschiedlichem Niveau. Stellt "Venusberg" unterm Strich tatsächlich den zitierten »politischen Film des neuen Deutschland« dar, ist er durch die fast vollkommen fehlende männliche Präsenz ein »feministischer Film aus weiblicher Perspektive«, transportiert er einen surrealistischen Touch, oder befindet sich unter dem verwirrenden Deckmantel der Geschichte nur ein Sensationsfilm ohne anspruchsvolle Ambitionen? Auf den ersten Blick lässt sich von allem etwas finden, und daher steht und fällt der Film auch nicht mit seinem Verlauf, sondern erst mit dem Wort »Ende«. Die Bandbreite der Einschätzungen war von »politischer Film« bis »Schweinkram« jedenfalls sehr ausgeprägt. Erste Szenen, dieses in Vergessenheit geratenen Beitrags, wirken nahezu wegweisend für das weitere Geschehen: »Achtung, Achtung auf Bahnsteig zwo fährt der Schnellzug aus Hamburg-Altona. Planmäßige Ankunft 11.35 Uhr erhält voraussichtlich vierzig Minuten Verspätung. Sie müssen warten! Sie werden warten wie auf allen Bahnhöfen, stehend, gehend, zurücktretend. Treten Sie zurück! Lassen Sie sich zu Abschied und Wiederkehr die richtigen Worte einfallen! Wahre Worte. Verlogene Worte. Es ist nicht schwer, nicht verwerflich die Unwahrheit zu sagen, wenn man damit Freude bereitet, Hoffnungen erweckt, die nie erfüllt werden. Alle bleiben wartend, liebend, lügend, ungeschönt, zögernd, da sie hoffen. Wie lange? Vergleichen Sie! Und vergleichen Sie die Zeit! Treten Sie zurück, Sie gefährden sich! Zurück! Zurück! Hoffnungen. Lügen. Worte, Worte, Worte...«

 

Mit dieser Durchsage an einem gut besuchten Bahnhof beginnt Rolf Thieles Verwirrspiel und zeigt unmittelbar auf, dass die Regie in eine komplexere Richtung führen möchte. Das Aufsparen von Musik lässt die Geräuschkulisse des Bahnhofes übermächtig erscheinen, doch die beschriebene Durchsage fällt dennoch auf, da sie recht seltsame Formen annimmt. Die Szenerie wird gleich zu Beginn von Marisa Mell vereinnahmt, die dem Empfinden nach ziellos am Bahnhof umhergeht, sich umschaut, als ob sie jemanden suchte, und letztlich durch eine bemerkenswerte Präsenz ins Auge fällt, die bereits damals nicht ungewöhnlich war. 90 Sekunden dauert diese Vereinnahmung der großen Bühne, bis die Österreicherin für lange Zeit im Nichts verschwindet, um plötzlich in der Villa am "Venusberg" erneut aufzutauchen. In dieser kurzen Sequenz ist unschwer zu erkennen, dass Thiele auf Marisa Mell als Schlüsselfigur setzen wird, wenngleich das Regiment auf dem "Venusberg" zwischenzeitlich von den übrigen sechs Damen übernommen wird. Marisa Mell soll hier übrigens die Einzige bleiben, deren Originalstimme zu hören sein wird, denn selbst ihre Landsfrau Ina Duscha wurde nachsynchronisiert, womöglich weil ihre eigene Stimme zu sanft für den darzustellenden Charakter war. Marisa Mells Auftrittsdauer ist im Vergleich zum Rest der Frauen die kürzeste im Film, jedoch auch die intensivste und faszinierendste. Insbesondere sie kann die die Fantasie und Erinnerung des Zuschauers anregen wenn nicht sogar beherrschen, denn die Regie platziert Mell als verwirrenden Kontrast zu den übrigen Beteiligten. Schlussendlich kann "Venusberg" als Grundstein für ihre bewegte sowie einschlägig bekannte Karriere als Erotik-Star betrachtet werden. Wo sie hier nach eigenen Angaben noch etwas genant agiert haben soll, stand in späteren Jahren wesentlich Eindeutigeres auf der Tagesordnung.

 

Die Faszination rund um ihre dargestellte Florentine überträgt sich mit Leichtigkeit auf den Zuschauer, denn sie wirkt unheimlich transzendent. Die abgründige Frau im Leopardenmantel, die offensichtlich niemand kennt, die über den Dingen zu stehen scheint, anziehend und gefährlich zugleich wirkt, wird über die Maßen beeindruckend dargestellt. Man darf es nicht nur betonen, sondern auch anerkennen, dass Rolf Thiele ihre Leinwand-Dominanz resolut erkannt und zwingend eingesetzt hat, wie es im Rahmen seiner Schauspieler-Führung nicht immer der Fall war. In Marisa Mells Buch "Coverlove" fand der Film folgende Erwähnung: »Mein nächster Film spielte in München, eigentlich in einer Villa in der Nähe. Er hieß "Venusberg". Regie führte Rolf Thiele. Es war ein Film mit sieben Frauen und keinem Mann. Ich spielte eine rätselhafte Schöne im Leopardenfell mit einer Rose in der Hand. Ich war so etwas wie ein Symbol des Todes und gegen Ende des Films wurde ich [...] Weil ich mich aber zu sehr genierte, die Szene, wenn auch unter Wasser, vor so vielen Männern (der Aufnahmestab bestand fast nur aus Männern, wie dem Aufnahmeleiter, den Kameraleuten, dem Produktionsleiter, Requisiteur u.a. vor allem auch dem Regisseur) zu spielen, hatte Thiele ein Einsehen. Er ließ die Szene ausnahmsweise komplett von seiner Regieassistentin drehen, und zwar so, dass kein einziger Mann zugegen war. Sogar die Kamera wurde so eingestellt, dass die Assistentin nur noch den Auslöser drücken musste. Es war wohl eine der wenigen Szenen im Film überhaupt, bei der weder der Regisseur noch irgendein Techniker persönlich anwesend waren.« Marisa Mells attraktive Kollegin Ina Duscha liefert als Inge eine ebenso erstaunliche Leistung ab. In "Venusberg" ist sie bereits in ihrem zwölften und letzten Film zu sehen, bevor sie sich mit dieser Schlussvorstellung ins Privatleben verabschiedete.

 

Die gebürtige Österreicherin zeigt zunächst die Facetten einer beruflichen Wandlung; es ist nichts mehr übrig geblieben von der jungen Frau, die immer wieder gerne plumpen Annäherungsversuchen auf den Leim gehen musste. Inge ist die Frau für jedermann, beziehungsweise die Frau des anderen, und wirkt wie ein oberflächlicher Prototyp der gewollt modernen Frau von damals, doch letztlich ist sie nur ein Abziehbild ihrer selbst. Egoistisch und ohne signifikante Sozialkompetenzen macht sie sich erst gar nicht die Mühe sich zu verstellen. Eine vergleichsweise sehr fordernde Rolle und gut gelöste Aufgabe für die attraktive Schauspielerin. Die 1940 geborene Niederländerin und Thiele-Star Nicole Badal hat lediglich fünf Filme in ihrer Karriere vorzuweisen, die sie von 1959 - 1967 alle unter Rolf Thiele drehte. Wo man sie ihrer Rolle noch genau zuordnen, und ihr eine angenehme Präsenz nicht absprechen kann, wird es bei den übrigen Beteiligten schon etwas schwerer. Monica Ekman alias Monica Flodquist darf auf 13 Filme blicken, die sie fast ausschließlich in Schweden spielte, Christina Granberg ist in ihrem zweiten und letzten, Claudia Marus in ihrem einzigen Film zu sehen, und Jane Axell war lediglich an sechs Produktionen beteiligt. Bemerkenswert erscheint, dass dieses zusammen gewürfelte Gespann aus eigentlich sechs Interpretinnen und Marisa Mell als Außenseiterin, ausgezeichnet funktioniert, da Leichtfüßigkeit, Charme, Witz und eine unverbrauchte Spiellaune wahrzunehmen ist. Was die Erzähl-Stimmen des Films anbelangt, so ist überliefert, dass Rolf Thiele selbst mit von der Partie gewesen sein soll. Andere Quellen geben ausschließlich den Wiener Schauspieler Oskar Werner an, wobei vielerorts auch die unverkennbare Stimme seines Schauspielkollegen und Regisseurs Richard Häussler zu hören ist.

 

Wie erwähnt, ist Rolf Thieles ambitionierter Film voller Symbolik und Metaphorik. Diese Komponenten gehen eine eigenartige aber ebenso beeindruckende Allianz mit der sich stets aufbäumenden Flatterhaftigkeit ein, die durch die beteiligten Personen konstruiert wird. Zusätzliche Akzente - meistens im visuellen und akustischen Bereich - stellen relativ hohe Anforderungen an die Kognition des Zuschauers, sodass sich "Venusberg" als eine intelligente Assoziationskette offenbart. Alle Mitwirkende des Films (ob vor oder hinter der Kamera) arbeiten mit Hochdruck daran, eine Scharade zu veranstalten, welche in dieser Form und vor allem im deutschen Film nicht alle Tage zu finden ist. Der Produktion wurde wohl hin und wieder eine latente Handlungsarmut vorgeworfen, was auf den ersten vagen Blick auch so aussehen mag, doch es wird hier eine Art Sinnhaftigkeit bleiben, die ihre Berührungspunkte mit dem Zuschauer sucht und bestenfalls auch findet. Der Blick auf die tatsächlichen Belange und Wünsche der Frau funktioniert in ihrer Überspitztheit gut, und der Zuschauer wird mit diversen Wehwehchen der Damen konfrontiert, die zunächst wie Luxusprobleme aussehen. Schließlich ist es der raffinierte Aufbau des Films, der eine deutliche Umkehrreaktion anbahnt. Die Charaktere scheinen nicht in ein ernsthaftes Konzept zu passen, jonglieren dabei gleichzeitig mit Worthülsen, die dem Publikum sicherlich vertraut sind. Gut gelungen hierbei ist, dass die Abhandlung an wichtigen Themen interessiert ist, sie aber optisch und akustisch in eine andere Richtung drängen möchte, wobei die Dialoge der Frauen die meiste Schützenhilfe leisten. Oberflächlichkeit und bewegende Themen werden sich also lange Zeit auf einem recht neutralen Nenner treffen, bis gegen Ende urplötzlich eine ungewöhnlich deutliche, sogar erschütternde Entscheidung getroffen werden muss.

 

Der Aufbau des Films erscheint überaus bestimmend und zwingt den Zuschauer förmlich in seine Fasson. Dabei sind die dominantesten Stilmittel quasi die beteiligten Frauen, in einer Umgebung, die ohne Männer funktioniert, dies dem Anschein nach nur so perfekt tut, weil es sich um Phantome handelt. Vielleicht sollte erwähnt werden, dass das Konzept "Venusberg" ebenso gut hätte variiert werden können, dass etwa nur Männer im Film auftauchen und von Frauen nur die Rede ist. In den Gesprächen untereinander hört, sieht und spürt man, dass sich womöglich bis zum heutigen Zeitpunkt kaum Grundlegendes verändert hat. Die Konversation der Damen untereinander wirkt intim, es kann über alles gesprochen und alles kann ganz deutlich verbalisiert werden. Nur Frauengespräche also? Nicht ganz. Es scheint, als gehe die Produktion davon aus, es sei auch kein einziger Mann bei den Zuschauern zugegen, Diskussionen werden regelrecht inszeniert, die womöglich für nicht wenige Herren unerträglich wären, man(n) aber doch gerne einmal Mäuschen spielen würde. Das überholte "Konzept Mann" wird genüsslich zerpflückt, um indirekt die offensichtliche Schwäche des "Konzeptes Frau" oder der "Frau von Heute" zu entlarven. So bekommt man es eigentlich mit einem versteckten Kampf der Geschlechter ohne Gegner zu tun, bis sich herausstellt, dass sich der Kampf eines Geschlechts untereinander entfacht hat. So besteht die hauptsächliche Intention der Regie darin, dass mit gängigen Gesellschaftsbildern in verschlüsselter Form abgerechnet wird. Interessant hierbei ist vor allem, dass mit diesem (beinahe geistreichen) Vorgehen jede Seite zu gleichen Teilen schuldig gesprochen, aber ebenso entlastet wird. Sechs Frauen beziehen die Bühne "Venusberg" nacheinander und es gibt zunächst keine schlüssigen Erklärungen, warum sie sich gerade dort zusammenfinden.

 

Da sich hier noch nicht viel in Wort und Tat tut, zeigt der Film auf klassische Art und Weise in Form der handwerklichen Inszenierung alle erdenklichen Vorzüge. Es sind herrliche Bilder einer Winterlandschaft zu sehen, und  überhaupt ist der Ort des Geschehens sehr großräumig dargestellt. Optische Finessen in Form von Spiegelungen, die beispielsweise in einem Panoramafenster stattfinden, in dem sich die Landschaft und die Darstellerinnen gleichzeitig abzeichnen. Interessant bleibt die Tatsache, dass die Geräuschkulisse erneut konträr zu den gezeigten Bildern eingesetzt wird, oder vollkommen in den Fokus gerückt wird. In einer der ersten Szenen auf dem "Venusberg"  erheben sich bebende Töne, man hört auch die Fußschritte, aber zum Beispiel nicht die Konversation oder das Fallenlassen eines Koffers. In einer späteren Sequenz hört man anstelle der aufgebrachten Streitgespräche nur das einkopierte Gackern von Gänsen, andernorts übernimmt wieder die Musik das Regiment. Eigentlich ist es so, dass immer ein Störfaktor auf akustischer, optischer oder kognitiver Ebene mit eingebaut ist, um irgend etwas anzubieten, das nicht zu passen scheint. Die Dialoge in diesem Film erscheinen überwichtig, gelangen aber nicht in die Sphären der Kopflastigkeit und wirken dennoch oft nebensächlich, weil ein Verwirr-Prinzip der Regie sehr gut greift, von der außergewöhnlichen Bebilderung ganz zu schweigen. Das hohe Niveau an zu transportierten Eindrücken ist flexiblen und progressiven Einstellungen zu verdanken, die sich wie ein roter Faden durch das Konstrukt ziehen und sogar in prickelnde Unterwasser-Sequenzen münden. Entgegengesetzte Spiegelungen, herrlich choreografierte Bewegungen, die durch Luftblasen und das Licht-Schattenspiel eine besondere Dynamik erhalten, nackte Körper, die diskret durch Hell und Dunkel die Fantasie anregen, aber fast nichts preisgeben. Falls sich also die Gelegenheit ergibt, sollte man sich Rolf Thieles "Venusberg" ohne zu zögern anschauen.

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