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Sinner - The Secret Diary of a Nymphomaniac

Frankreich, 1973

  • Originaltitel: Le journal intime d'une nymphomane
  • Alternativtitel:

    Diario íntimo de una ninfómana (ESP)

    Le giornate intime di una giovane donna (ITA)

    Diary of a Nymphomaniac

    Sinner

  • Regisseur: Jesús Franco
  • Kamera: Gérard Brisseau
  • Musik: Vladimir Cosma, Jean-Bernard Raiteux
  • Drehbuch: Jesús Franco
  • Inhalt:

    Linda (Montserrat Prous) arbeitet in einem Nachtclub als Performerin. Dort trifft sie auf den Kubaner Ortiz (Manuel Pereiro), den sie alkoholisiert und mit in ein Hotel nimmt. Dort verübt Linda Selbstmord, indem sie sich die Kehle durchschneidet und platziert das blutige Messer in der Hand des schlafenden Ortiz. Als die Polizei – die sie zuvor verständigt hat – eintrifft, macht Inspektor Hernandez (Jesús Franco) kurzen Prozess. Ortiz wird als Mörder verhaftet. Ortiz‘ eher verklemmte Ehefrau Rosa (Jacqueline Laurent) ist angewidert, glaubt aber an die Unschuld ihres Mannes. Sie beginnt nachzuforschen und stößt dabei schließlich auf Lindas Freundin Maria (Kali Hansa), welche im Besitz von Lindas Tagebuch ist. Und so lüftet sich ein dunkles Geheimnis um ein tragisches Leben.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Wem die Geschichte um Linda bekannt vorkommt, Franco hat sie später noch einmal verfilmt, für Erwin C. Dietrich in dem weitaus exploitativeren „Weiße Haut auf schwarzen Schenkeln“ (Schweiz, 1976). Umso nüchterner ist dagegen „Le journal intime d'une nymphomane“ geraten.

     

    Nachdem Franco im Herbst 1972 auf Gran Canaria und in Alicante an „Un capitán de quince años“ (veröffentlicht 1974) und „The Silence of the Tomb“ (Un silencio de tumba, veröffentlicht 1976) gedreht hatte, entstanden ungefähr von November 1972 bis Januar 1973 zwei Produktionen back-to-back: für Robert de Nesles CFFP inszenierte er „Les Ebranlées“ und „Le journal intime d'une nymphomane.“ Während Ersterer eine Geschichte um Privatdetektiv Al Pereira erzählt, geht es in Letzterem in Richtung düsteres Erotik-Drama. Beide Filme teilen sich Darsteller wie Howard Vernon, Montserrat Prous, Doris Thomas, Kali Hansa, Anne Libert und Manuel Pereiro. In „Le journal intime d'une nymphomane“ kommt die gebürtige Kanadierin Jacqueline Laurent hinzu, welche ein Jahr später noch einmal mit Franco drehen würde, in „Lorna the Exorcist“ (Les possédées du diable, 1974).

     

    Der hier besprochene „Sinner -The Secret Diary of a Nymphomaniac“ wird von Franco-Fans als eines seiner besten Erotik-Dramen gefeiert. Der Film ist sehr düster und hat ein schlüssiges Drehbuch, in dem Stephen Thrower eine weibliche Handschrift zu erkennen vermeint. Tatsächlich ist neben Franco auch eine Elisabeth Ledu de Nesle gelistet. Ob die Dame wirklich existiert oder ob es sich um ein Pseudonym von irgendwem handelt, vermag ich allerdings nicht zu sagen. Tim Lucas wiederum merkt an, dass das Thema des Films wohl auf den Erfolg von Max Pécas „Der Sex trinkt Champagner“ (Je suis une nymphomane, 1971) und Dan Wolmans „Maid in Sweden“ (1971) zurückgeht. Stilistisch und inhaltlich könnte der Film aber auch von Cesare Canevaris „A Man for Emmanuelle“ (Io, Emmanuelle, 1969) beeinflusst sein, in dem Canevari seine Emmanuelle – gespielt von Erika Blanc – ebenfalls eher als einen nymphomanisch-getriebenen und frustrierten Charakter darstellte.

     

    Weiterhin fragt sich Thrower, ob es der Tod von Soledad Miranda war, der Franco so eine düstere Richtung einschlagen ließ. Das ist schwer zu beantworten, denn man kann kaum nachvollziehen, bei welchen Filmen nach Soledads Tod Franco völlig freie Hand hatte oder ob die Richtung von den jeweiligen Produzenten vorgegeben war. Es ist ja nicht so, dass Franco nach Soledads Tod nur düstere Filme gemacht hätte, immerhin lagen unter anderem auch ein paar Komödien dazwischen. Eine Szene in „Sinner - The Secret Diary of a Nymphomaniac“ erinnert tatsächlich an Soledad Miranda. Als Rosa Ortiz der Countess Anna (Anne Libert) begegnet, spiegelt diese Szene optisch sehr stark die Begegnung von Linda Westinghouse mit der Countess Nadine Carody in „Vampyros Lesbos“ (1971) wider.

     

    Zum Spoilerteil: worum geht es also in „Le journal intime d'une nymphomane?“ Eine Frau namens Linda begeht Selbstmord, indem sie ihre gewaltsame Ermordung inszeniert und diese einem Mr. Ortiz anlastet. Seine Frau ist angewidert wegen dessen Besuch bei einer Prostituierten, lässt sich aber überzeugen, dass er kein Mörder ist. Sie will ihm helfen seine Unschuld zu beweisen, nicht weil sie ihn zurückwollte, sondern so, wie sie auch jedem dahergelaufenen Clochard helfen würde. Siehe Originaldialog im Film. Über Lindas frühere Bekanntschaften, der Countess Anna und der Prostituierten Maria erfährt sie vom traurigen Schicksal Lindas, welches mit einem Missbrauch auf einem Riesenrad begann. Der Täter: Mr. Ortiz. Von da an versucht Linda durch sexuelle Kontakte aller Art Zuwendung zu erfahren, doch das gewünschte Ergebnis (Liebe?) stellt sich nicht ein. Immer wieder wird sie betrogen, fällt schließlich auch Drogen anheim. Eine wesentliche Rolle spielt zudem ein dubioser Arzt (Howard Vernon), der ihr helfen will von Drogen und Sexsucht loszukommen, im Angesicht seines Scheiterns sie aber vergewaltigt. Das Ende ist nah – und als Linda den Mann widertrifft, mit dem ihr Abstieg begann (Ortiz), will sie ihrem Leben ein Ende setzen und ihn dabei gleichzeitig bestrafen. Und so endet „Le journal intime d'une nymphomane“ auch anders als sein Remake „Weiße Haut auf schwarzen Schenkeln.“ Denn Ortiz ist für das Schicksal Lindas verantwortlich, und so beschließt dessen Frau am Ende, ihn im Knast zu belassen und Lindas Tagebuch zu vernichten. Spoiler Ende.

     

    Als Kameramann ist Gérard Brisseau gelistet, viele Szenen tragen aber Francos Handschrift. Etwa die Missbrauchsszene im Riesenrad, bei der Franco selbst mit der Handkamera den Darstellern gegenüber saß. Wie bereits erwähnt, macht „„Le journal intime d'une nymphomane“ den Eindruck eines richtigen Drehbuchs, was Gérard Kikoine sicher die Endmontage erleichterte. Die musikalische vetrtonung trägt Kikoines Handschrift. Aus der Library von „Musique pour L’Image“ wählte er Stücke von Roger Davy, Jean-Bernard Raiteux, Vladimir Cosma und H. Tical. Neben der ca. 86-minütigen Originalfassung machten seit Ende der Siebziger sowohl eine kürzere französische Fassung mit Hardcore-Inserts die Runde, ebenso eine abweichende italienische Fassung mit Inserts.

     

    Für meinen persönlichen Geschmack ist „Sinner - The Secret Diary of a Nymphomaniac“ trotz guter Story zu minimalistisch geraten. Außerdem stören mich Szenen, in denen erwachsene Frauen versuchen, mit weißem Kleidchen und Zöpfen Minderjährige darzustellen, wie in der Missbrauchsszene im Riesenrad. Da ohnehin nichts Explizites stattfand und Linda in dieser Szene deutlich jünger sein sollte, hätte Franco eine andere Darstellerin nehmen können, das hätte es glaubwürdiger gemacht. Atmosphärisch gibt es kaum etwas zu bemängeln, aber die Budgetrestriktionen fallen doch sehr ins Auge. In vielen anderen Filmen ist es Franco weitaus besser gelungen, seine Zuschauer über geringe Budgets hinwegzutäuschen. Franco selbst muss dieser Film aber sehr am Herzen gelegen haben, denn entgegen seiner sonstigen Gewohnheit beschrieb ihn Darstellerin Jacqueline Laurent als sehr „demanding.“ War eine Szene nicht so, wie er es sich vorstellte, ließ er sie die Darsteller immer weiter wiederholen – dieser Franco ist nicht oft anzutreffen, denn zumeist vertraute er auf die Leistungen seiner Darsteller, mit denen er ja nicht nur ein- oder zweimal drehte. Außenaufnahmen entstanden in Las Palmas, Innenszenen weitgehend in Alicante.

     

    Ein interessanter Franco, aber keiner meiner persönlichen Favoriten.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Veröffentlichungen:

    Neben der bekannten DVD von Mondo Macabro erschien „Sinner“ unter dem Titel „Le Journal intime d'une Nymphomane“ als Blu-ray und DVD-Combo in Frankreich von Le Chat qui Fume. Der Film liegt dort in Französisch mit englischen Untertiteln (den französischen Dialogen entsprechend) vor, aber auch die englischsprachige Tonspur ist vorhanden. Das Bild der Blu-ray ist okay, dass es eine wesentliche Verbesserung gegenüber der DVD-Version darstellt, kann man eher nicht sagen. Im Bonusmaterial gibt es Interviews mit Alain Petit (41 Minuten), Gérard Kikoine (47 Minuten) und Darstellerin Jacqueline Laurent (25 Minuten). Leider gibt es nur für letzteres Interview englische Untertitel.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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