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Der Schlafwagenmörder

Schweden, 1967

  • Originaltitel: Mördaren - en helt vanlig person
  • Deutsche Erstaufführung: 02. Mai 1969
  • Regisseur: Arne Mattsson
  • Kamera: Lasse Björne
  • Musik: Georg Riedel
  • Drehbuch: Maj Sjöwall, Per Wahlöö, Arne Mattsson
  • Inhalt:

    Die Fahrgäste des Nord-Express ahnen noch nicht, welch chaotischer Nacht sie entgegen sehen werden. In einen unbeobachteten Moment stößt ein Killer eine junge Frau aus dem fahrenden Zug und niemand bekommt etwas von dem Vorfall mit, bis es zu einem weiteren Mord kommt. Das Opfer ist erneut eine junge, blonde Frau. Lena (Britta Pettersson) entdeckt die schreckliche Tat und betätigt die Notbremse. Aufgeschreckt von der allgemeinen Hysterie, kommen die Gäste des Zuges zusammen, und auch wenn sich gewisse Fraktionen unter ihnen bilden, blickt man sich gegenseitig überaus skeptisch an, denn jeder Einzelne von ihnen steht ab sofort unter Mordverdacht. Inspektor Holm (Erik Hell) untersucht den Fall, doch steht zunächst vor einem Rätsel, da das Motiv fehlt. Wer ist der Schlafwagenmörder..?

  • Autor: Prisma
  • Review:

    Arne Mattssons "Der Schlafwagenmörder" versucht, Krimi- und Thriller-Elemente miteinander zu vereinen; außerdem bietet das Vakuum Zug trotz des nur spärlich vorhandenen Platzes zusätzlichen Spielraum für erotische Einlagen, sowie verkappt wirkende Präsentationen rund um die Zwischenmenschlichkeit aller Couleur. Der deutsche Kino-Aushang kündigt in diesem Zusammenhang sogar vollmundig einen »Sex-Krimi« an, der in der Bundesrepublik erst 1969, also über zwei Jahre nach seiner Entstehung, in die Kinos kam. Viel zu spät für einen Film in Schwarzweiß, dessen eher konventioneller bis konservativer Stil keinen bedeutenden Transfer in die End-60er Jahre herstellen will, was insbesondere für die angebotene Exposition gilt, die seinerzeit bereits ganz andere Blüten trieb. Nichtsdestotrotz kann der Film bei bestehender Krimi-Affinität sehr gut unterhalten, da etliche Komponenten zusammenkommen, die sich über viele Jahre bewährt hatten. Bereits der Einstieg empfiehlt sich aufgrund seiner außerordentlich dichten Atmosphäre. Türklingen bewegen sich wie von Geisterhand, die schwarzen Handschuhe des Phantoms greifen nach einer attraktiven Blondine, deren Schreie wegen der typischen Akustik des Zuges im Fahrtwind verstummen, bis sie schließlich gegen die hohe Geschwindigkeit des Zuges den Kürzeren zieht und spurlos verschwindet. Die Kamera bleibt hierbei stets hoch aufmerksam. Interessant ist, dass dieser Mord unter den Fahrgästen völlig unbemerkt bleibt und sich die Inszenierung ab sofort sehr ausgiebig mit dem Vorstellen der Haupt- und Nebenpersonen dieser turbulenten Fahrt befasst.

     

    Lange Dialoge bestimmen die weitere Fahrt in einer Melange aus Monotonie und Raffinesse, und es dauert seine Zeit, bis der nächste inszenatorische Paukenschlag zu sehen ist. Die Regie legt ihr Augenmerk auf eine sehr intensive Vorstellung der Reisenden, bei der signifikante Unterschiede angesichts der Charaktere herausgearbeitet werden können. Zwar wirkt die Kreation der Verdächtigen hin und wieder allzu bemüht, aber es kann sich ein Whodunit-Krimi entwickeln, dessen Stärke es sein wird, den Zuschauer weitgehend im Dunkeln tappen zu lassen, da man zunächst überhaupt keine Hintergründe angeboten bekommt. Sicherlich hat der aufmerksame Kenner derartiger Formate schnell seine Hauptverdächtigen im Visier, doch das Motiv will sich einfach nicht in den Mittelpunkt stellen. Alle Personen kennen sich bis auf wenige Ausnahmen nicht, haben dem Empfinden nach auch nichts miteinander gemein, da man sozusagen Tops und Flops der Gesellschaft vorgestellt bekommt. Neben den Interpreten sieht man zeitgebundene Moralvorstellungen als zusätzlichen Fahrgast mit Stammplatz, sodass die teils gewagt angebahnte Bebilderung rund um Nacktheit, tatsächliche sowie vermeintliche Perversion und Libido im Schutzmantel der Prüderie fast ergebnislos zurück bleibt. So schildern Sequenzen beispielsweise die sogenannte wilde Ehe und das damit verbundene Versteckspiel eines jungen Pärchens, oder die harten Arbeitsbedingungen einer Prostituierten, die Bekanntschaft mit den exklusiven Wünschen eines Herren der gehobenen Klasse macht.

     

    Da der Zug nach dem zweiten Verbrechen zum Stillstand kommt, weil die Notbremse betätigt wurde, bekommt der bislang passable Erzählfluss dem Empfinden nach einen Knick, doch dieser Eindruck bestätigt sich nicht, da die Arena Zug gegen eine andere - nämlich das Haus eines Bahnhofsvorstehers - ausgetauscht wird ausgetauscht wird, und die Polizei nach der Hälfte des Films kompetent zum Zuge kommt. Die Inspektoren-Figur wird von Erik Hell sehr individuell gezeichnet und man wird mit einem ruhigen, unaufgeregten Zuhörer konfrontiert, dem man die Klärung der Vorfälle durchaus zutraut, wenngleich seine Arbeit rückblickend nicht besonders transparent geschildert wird. Allerdings ist es eine Wohltat, ihm dabei zuzusehen, wie theatralische Selbstinszenierungen, falsche Fährten oder Tendenzen der Selbstjustiz an ihm abprallen, beziehungsweise von ihm abgeschmettert werden. Am Ende besitzt er natürlich den richtigen Riecher, den er alleine schon vom Drehbuch zugebilligt bekommt, allerdings kann das Finale - mit oder ohne Vorhersehbarkeit - überzeugend bis überraschend wirken. Der ausschließlich schwedische Cast kann ohne ausnahmen überzeugen; vor allem Allan Edwall, Lars Ekborg und Heinz Hopf spielen sich immer wieder gekonnt in den Vordergrund. Erwähnenswert ist außerdem Ewa Strömberg, der hier so anders als in ihren wesentlich bekannteren Auftritten wahrzunehmen ist. Zwar ist sie innerhalb ihrer bereits vorgefertigten Rollen-Schablone schon komplett textilfrei zu sehen, aber sie hat zusätzlichen Raum zur Verfügung, der über die bloße Beschau und Großaufnahme hinausgeht.

     

    "Der Schlafwagenmörder" lässt sich insgesamt in zwei Teile gliedern. Die erste Hälfte im fahrenden Zug handelt die plastische Darstellung des Filmtitels und die Vorstellungen, beziehungsweise Interaktion unter den Personen ab, um in der zweiten Hälfte eine ganz andere Dynamik anzunehmen. Außenaufnahmen mit der Suche nach der Leiche lockern das Geschehen auf, sogar ironische und karikaturistische Untertöne werden in sanfter Art und Weise laut. Auch für irritierende und aufwühlende Veranschaulichungen wird sich kurz Zeit genommen, sodass man der Regie einen gewissen inszenatorischen Ideenreichtum nicht absprechen kann, wenngleich die Produktion ihre weitgehend konventionelle Schiene nie wirklich verlassen möchte. Ein paar Personen schüren gegen Ende zusätzliche Zweifel und versuchen den Verdacht abermals auf sich zu lenken. Selbst ein weiterer Mord lässt nicht auf sich warten. Die mittlerweile entstandene Vernetzung zwischen den Personen lässt einige Außenseiter als potentielle Mörder übrig, auch simple Indizien veranlassen selbsternannte Hobbydetektive dazu, sich zu Richtern aufzuplustern. Dass Inspektor Holm dem Anschein nach zu oft aus der zweiten Reihe zusieht wie sich die Situation entwickelt, nimmt der Geschichte ein wenig an kriminalistischer Struktur, um letztlich einen psychologisch motivierten Schatten zu zeichnen. Das Finale des Films ist unterm Strich gelungen, obwohl es alles zwischen Unglaubwürdigkeit und Überraschung anbieten möchte. Alles in allem ist "Der Schlafwagenmörder" jedoch als gelungen zu bezeichnen und richtet sich ganz offensiv an Fans klassischer Kriminalgeschichten.

  • Autor: Prisma
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