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Rosemaries Tochter

Deutschland, 1976

  • Originaltitel: Rosemaries Tochter
  • Alternativtitel:

    Jet-Set per Rosemaries Tochter (ITA)

  • Deutsche Erstaufführung: 19. November 1976
  • Regisseur: Rolf Thiele
  • Kamera: Charly Steinberger
  • Musik: Kristian Schultze, Norbert Schultze
  • Drehbuch: Joe Berger, Friedhelm Lehmann, Ted Rose, Helmut Ruge
  • Inhalt:

    Der Mord an der bekannten Frankfurter Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt hielt die Bundesrepublik seinerzeit in Atem, doch das Verbrechen konnte nie aufgeklärt werden. Obwohl mittlerweile beinahe zwanzig Jahre vergangen sind, kommt die unliebsame Angelegenheit für die damaligen Beteiligten wieder aufs Tableau, denn Annemarie Meier-Wippertal (Lillian Müller), die Tochter der Ermordeten, sorgt für Unruhe, da sie den Mord an ihrer Mutter aufklären will. Bislang wurde sie in einem Schweizer Internat unter Verschluss gehalten, die Ausbildung von einem Unbekannten finanziert, doch die Zahlungen werden plötzlich eingestellt. Annemarie, die Journalistik studiert hat und diese Voraussetzungen gewinnbringend einsetzen will, reist nach Deutschland, um auf eigene Faust zu recherchieren. Sie hofft, die Schuldigen aufzuspüren und sinnt nach Rache. Doch noch ahnt sie nicht, in welches Wespennest sie gestochen hat...

  • Autor: Prisma
  • Review:

    »Es wird schon irgendwo einen Platz geben, wo man den Namen Nitribitt nicht kennt...« Diese Aussage aus Rolf Thieles Spätwerk mag wohl eher umfassend als auf den Orbit des Regisseurs zutreffen, da der Name der wohl bekanntesten deutschen Prostituierten seine Karriere durch seinen großen Spielfilm-Erfolg mit "Das Mädchen Rosemarie" bis zum Schluss geprägt, wenn nicht sogar dominiert hat. Bei "Rosemaries Tochter" handelt es sich um den letzten Kinofilm von Regisseur Rolf Thiele, wobei der etwa ein Jahr zuvor gedrehte "Frauenstation" erst anschließend und ebenso erfolglos in die bundesdeutschen Kinos gebracht wurde. Die Flops hatten damit allerdings noch kein Ende, denn er fungierte 1978 noch als Produzent für das Millionengrab "Schöner Gigolo, armer Gigolo". Thiele kann auf eine lange, ergiebige und ohne jeden Zweifel erfüllte Karriere zurückblicken, denn er war einer der Regisseure, dem der geduldige deutsche Film dem Empfinden nach zahlreiche Privilegien einräumte, denn nur so lassen sich manche Verpflichtungen und vor allem Ergebnisse retrospektiv erklären. Seine Arbeiten schienen insbesondere ab Ende der 60er Jahre immer uniformer zu werden und es fand leider kein zeitlicher Transfer in die 70er Jahre statt, wie man anhand dieser Geschichte rund um die vermeintliche Nachkommenschaft der Frankfurter Edelhure Rosemarie Nitribitt beobachten kann. Eine Dekade zuvor vermittelten Rolf Thieles Filme zumindest noch den Eindruck von unkonventioneller Unterhaltung, doch leider ist es viel zu offensichtlich, dass der Regisseur sein eigenes Rad nie mehr neu erfinden konnte. Was der Zuschauer hier geboten bekommt, ist nur schwer zu begreifen, zumal das Ausgangsmaterial eine Bombe hätte sein können, denn so könnte der potentielle Stoff aus dem Erfolge gemacht werden aussehen; ob auf rein spekulativer Basis oder als ernsthafte Abhandlung.

     

    Was aber ist aus dieser Geschichte geworden, die bereits im Vorfeld für deutliches Aufsehen und Spannung sorgen möchte? Leider unwesentlich mehr als Nichts. Beim Blick auf das ungelenk und durch und durch diffus wirkende Ergebnis stellt sich zunächst die Frage, wie der Großverleih Constantin dieses Vehikel überhaupt in die Kinos peitschen konnte, denn ein möglicher Erfolg ist bei der Betrachtung bereits im Vorfeld komplett ausgeschlossen. Letztlich ist es sehr schwer in Worte zu fassen, was hier eigentlich passiert ist. "Rosemaries Tochter" präsentiert sich als Musterbeispiel einer hoffnungslosen Entgleisung und dokumentiert eine Art Mut der Verzweiflung, der nahezu beispiellos ist. Rolf Thiele trägt seine Vorstellung von Gesellschaftskritik erneut vor sich her wie eine Monstranz, die aber niemanden mehr zu Kniefällen bewegen kann. Sein Film und er werden schlussendlich Steigbügelhalter von all dem, was er ursprünglich karikieren oder kritisieren möchte. Die Geschichte einer möglichen Nachkommenschaft der Nitribitt ist wie gesagt alles andere als uninteressant, und zunächst werden die großen Erwartungen auch noch nicht zerschlagen, da man Hauptdarstellerin Lillian Müller durchaus zutraut, das Gebilde überzeugend genug auszubuchstabieren. Leider kommt der Angelegenheit aber niemand anderes als Rolf Thiele selbst in die Quere, denn es werden inszenatorische sowie stilistische Obskuritäten geboten, die leider so miserabel und ermüdend ausgefallen sind, dass sie im Umkehrschluss eben nicht fast schon wieder gut sein könnten. Es darf also in aller Deutlichkeit betont werden, dass es nicht nur penetrant und unfreiwillig komisch zugehen wird, sondern man sich nach kürzester Zeit schon so unglaublich peinlich berührt fühlt, dass man es auch lange nach Beendigung des Films nicht fassen will, was man hier zu sehen bekommen hat. Was mag also passiert sein? Dass ein derartiger Stoff vorzugsweise von Rolf Thiele bearbeitet werden sollte, versteht sich noch irgendwie von selbst.

     

    Dennoch bleibt das Gedankenspiel nicht aus, dass man sich einen anderen Regisseur für diese Inszenierung gewünscht hätte, wenngleich der Film unter diesen Umständen wohl nie auf die Leinwand gekommen wäre. Wie dem auch sei, "Rosemaries Tochter" ist Sex-Posse und kabarettistischer bis satirischer Zirkus in einem geworden, in dem die Darsteller ziellos in einer surreal wirkenden Manege umherstolpern und dementsprechend am laufenden Band in das von der Regie selbst gewetzte Messer laufen. Der schwerwiegendste Fauxpas der Produktion ergibt sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass sich Originalität und Eigenständigkeit im Vorfeld kategorisch über den Aufbau auf Ruinen ausschließen, denn der Film versucht in offensichtlicher, aber gleichzeitig aussichtsloser Form an alte Erfolge anzuknüpfen. Man glaubt seinen Augen nicht zu trauen, als Hans Clarin in seiner Erzählfunktion in einer Art Schneideraum über den laufenden Film berichtet und ihn überschwänglich, beinahe lyrisch kommentiert, während gleichzeitig einkopierte Originalszenen aus "Das Mädchen Rosemarie" laufen und man Nadja Tillers Paraderolle nochmals vor Augen geführt bekommt. Diese Schwarzweiß-Sequenzen aus dem angestaubten Klassiker sollen das Bindeglied darstellen, das der Film in dieser Form überhaupt nicht nötig gehabt hätte. Zusätzlich agieren Schauspieler wie Horst Frank, Hanne Wieder, Tilo von Berlepsch und Jo Herbst, die bereits damals mit von der Partie waren, und in origineller Weise bekleiden sie hier ähnliche Rollen wie damals, was eigentlich eine gute Grundvoraussetzung darstellt. Aber leider muss gesagt werden, dass man sich im Allgemeinen in unpräzise ausgeschnittenen Schablonen wiederfindet und das Potential verschenkt wird. Jeder einzelne Darsteller beugt sich dem unsäglichen Konzept der Regie und driftet in Karikaturen ab, deren Funktionen fragwürdig bleiben, obwohl sie auf der Hand liegen.

     

    Wie bereits in "Frauenstation" ging die weibliche Hauptrolle an die Norwegerin Lillian Müller, der man in ihrem offiziellen Leinwand-Debüt zunächst eine hohe Glaubwürdigkeit aus bloßen optischen Gründen bescheinigen möchte. Als unter Verschluss gehaltene Tochter der Rosemarie Nitribitt macht sie auch tatsächlich eine gute Figur, wenn sie nicht pausenlos gegen Windmühlen zu kämpfen hätte. Annemarie ist in einem Schweizer Internat aufgewachsen und erzogen worden, und sie möchte - da ab sofort der monatliche Scheck eines unbekannten Mäzens ausbleibt - nach ihrer verlorenen Vergangenheit suchen und bei dieser Gelegenheit auch den mysteriösen Mordfall Nitribitt aufklären, an dem sich der Polizeiapparat die Zähne ausgebissen hatte, oder möglicherweise einer rätselhaften Amnesie zum Opfer gefallen war; schließlich konnte das Verbrechen nie aufgeklärt werden. Zahlreiche Widerstände durch Zeitzeugen und gleichzeitig sich unmöglich verhaltende Personen suggerieren ein Weiterkommen im Dunkeln, allerdings verliert Rolf Thiele hier in Windeseile den roten Faden und es wird schnell einerlei, wie sich die von Beginn an zum Tode verurteilte Geschichte entwickelt. In diesem Zusammenhang hat es der gepeinigte Zuschauer mit einem Wirrwarr an Informationen und eklatanten Gedankensprüngen zu tun, sodass das Anschauen zur Zerreißprobe ausartet. Annemaries Rendezvous mit der Vergangenheit gestaltet sich als vollkommen uninteressant und die Erwartungshaltung des Zusehers gibt dieser hoffnungslosen Farce den Rest. Die attraktive Blondine wird erwartungsgemäß alles andere als freundlich aufgenommen, da gewisse Personen in dem Irrglauben verharrten, dass Tote nicht mehr zurückkehren werden. Daher soll erneut betont werden, dass die nahezu brillanten Grundvoraussetzungen absolut ungenutzt bleiben und Thiele seine Interpreten zu lächerlichen und extern gelenkten Selbstinszenierungen zwingt.

     

    Die Stars der Ur-Version scheinen nach diesem Fiasko nicht einmal mehr der Rede wert zu sein, sollen aber dennoch mit ihrem Thiele'schen Joch um den Hals beschrieben werden. Horst Franks Schlüsselfunktion verpufft leider im Nirgendwo, oder besser gesagt im Labyrinth jämmerlicher Drehbuchanweisungen. Es ist nahezu irritierend, in welche Rolle sich dieser gerne gesehene und profilierte Darsteller hineinzuversetzen hat. Eine Verknüpfung zur jungen Titelfigur wird zwar mühsam aufgebahrt, was sich aber immer wieder in schlecht durchdachten Szenen verliert, die weder informieren noch amüsieren. Weitere Fälle von schwerwiegender Deplatzierung erfahren Hanne Wieder und insbesondere die finnische Sopranistin und Opernsängerin Tamara Lund, deren künstlerisches Talent wie Perlen vor die Säue geworfen wirkt. In einem Korsett langweilender, kabarettistischer Einlagen, muss sie das tun, was rätselhafterweise von ihr verlangt wird. Aber als Zuschauer muss man das tatsächlich selbst erlebt haben, um es nicht verstehen zu können. Bei Hanne Wieder kann man von nichts anderem als einem klassischen Schwanengesang sprechen, und hin und wieder fängt man sich tatsächlich an zu schämen, über das, was hier geboten wird. Karl Schönböck, Jo Herbst und Tilo von Berlepsch werden verheizt, der gebürtige Ungar Béla Erny ist schnell wieder vergessen, was auch auf die übrige Entourage zutrifft. Der Rest ist sozusagen Schweigen. Alle Hoffnungen liegen somit noch auf Werner Pochath, der vielen Filmen zumindest Charisma einverleiben konnte. Ihn hier als unmotiviert handelnden Terroristen zu erleben, ist zwar weitgehend rollenspezifisch, aber im Rahmen der Veranstaltung mehr bedauerlich als erbaulich. In der Produktion sind übrigens viele weitere bekannte Namen aufzuspüren, die unter Thiele sozusagen kinematographisch diskreditiert werden, sodass alle Augen zurück zur Hauptdarstellerin gehen müssen. Zwangsläufig.

     

    Rolf Thiele entdeckte bei Lillian Müller einen wohl obligatorischen Entkleidungsdrang, den er ganz entsprechend seines durchaus vorhandenen ästhetischen Gespürs zum Einsatz bringt. In diesem Zusammenhang wird es daher nicht zu Strecken mechanisch arrangierter Sex-Szenen kommen. Die Hauptdarstellerin hat einfach oft textilfrei zu sein, woraus sich deutlich ergibt, dass der Regisseur nach Projektionsflächen am suchen war. Der beinahe manische Versuch, die vermeintliche Frivolität durch Entschärfungstaktiken und satirische Elemente umzukehren, ist der wohl älteste Hut im Repertoire des Rolf Thiele, den man finden kann. Sicherlich ist Lillian Müller geschmackvoll arrangiert worden, doch kommt sie nicht über den Status von Staffage hinaus. Ganz im Sinne der Dramaturgie will sich Annemarie Meier-Wippertal eben nicht zu der Prostituierten machen, die ihre Mutter einst gewesen ist, doch der Sinn des Ganzen erschließt sich nicht komplett, selbst wenn die Intention, dass die junge Frau nach dem Mörder ihrer Mutter suchen und Rache an allen Beteiligten üben möchte, eindeutig auf der Hand zu liegen scheint. Annemarie verkauft sich auf eine andere Art und Weise und macht sich daher dennoch zur Dirne, wenngleich Thiele sie mit dem Nimbus einer Heiligen versehen hat. Sich nicht hergeben, wegwerfen und standhaft zu bleiben, wird als Stil der hier Anfang Zwanzigjährigen verkauft, doch als Zuschauer sucht man vergebens nach Berührungspunkten, da das Interesse eines jeden nicht berücksichtigt wird. Hautbeschau gab und gibt es zur genüge und wird hier nur fahrig inszeniert. Racheschwüre und Aufklärung eines im Dunkeln liegenden Verbrechens hat man definitiv effektiver gesehen, da es zu tatsächlichen Ansatzpunkten kam. Was also bleibt dieser Geschichte, die klassisch heruntergewirtschaftet wurde? Nur die Erkenntnis, dass die Regie mit "Rosemaries Tochter" an ihrem absoluten Tiefpunkt angekommen war.

     

    Im Verlauf kommt es zu Fließbändern von Symbolik und Metaphorik; sogar die deutsche Sage wird ungelenk bemüht, ohne jedoch in einen verständlichen Rahmen gebracht zu werden. Bestimmt soll hier Vieles zwischen den Zeilen vermittelt werden, über das nachzudenken interessant wäre, doch leider schwindet das Interesse an der gesamten Konstruktion nach kürzester Zeit. Gestelzte Dialoge und überladen wirkende Szenen lassen es schwer werden, dem Film einen angemessenen Fokus zuzubilligen. Darstellerisch gesehen gibt es trotz Top-Namen fast nur beschämende Performances, und auch die breit angelegte Kritik an der Gesellschaft, politischen Seilschaften und eigentlich an allem anderen auch, wird innerhalb eines Rundumschlags zu einem Wettlauf der Gedankensprünge. Der eigentliche Leitfaden, dass Annemarie den Mörder ihrer Mutter finden möchte, wird irgendwann einfach fallen gelassen und es gibt immer nur ein vages Anknüpfen an diesen heißen Draht, der das Elixier der Produktion hätte sein müssen. Alberne Kapriolen der Charaktere verwässern die nicht stattfindende Recherche und das Personen-Karussell dreht sich in uninteressanter, gar abstruser Art und Weise, bis man schließlich noch ungläubiger Zeuge von Loreleys Klagelied werden muss. Der hier erwähnte "Nebel des Vergessens" wäre wohl Balsam für die geschundene Seele jedes Zuschauers von "Rosemaries Tochter" gewesen, doch auch Derartiges sollte man als interessierter Beobachter des deutschen Films ruhig einmal miterlebt haben. Nicht etwa, um die Intention von alledem und das abrupte Ignorieren der Thematik zu spüren, sondern um begreifen zu können, dass man das Gebotene einfach nicht komplett verstehen kann; schon gar nicht, dass dieses Experiment in dieser unbändigen Silhouette überhaupt existiert. Nach persönlichem Ermessen ist "Rosemaries Tochter" schließlich einer der miserabelsten deutschen Filme gewesen, die bislang gesichtet wurden.

  • Autor: Prisma
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