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Mitternachtsparty

Frankreich, 1961

  • Originaltitel: Le jeu de la vérité
  • Alternativtitel:

    Il gioco della verità (ITA)

    O Jogo da Verdade (POR)

    The Game of Truth

  • Deutsche Erstaufführung: 22. März 1964
  • Regisseur: Robert Hossein
  • Kamera: Christian Matras
  • Musik: André Hossein
  • Drehbuch: Robert Chazal, Robert Hossein, Louis Martin, Steve Passeur, Jean Serge
  • Inhalt:

    Der bekannte Schriftsteller Jean-François Vérate (Jean Servais) und seine Frau Solange (Nadia Gray) laden zu einer ihrer berühmt-berüchtigten Gesellschaften ein, bei der die Bekannten des Ehepaares aus den unterschiedlichsten Gründen nicht fernbleiben können. Sei es, um einen unkonventionellen Abend zu verleben, Geschäftliches zu klären, oder einfach nur nicht abwesend sein zu wollen, da man sonst von den anderen verbal auseinandergenommen würde, beziehungsweise nicht mehr auf dem Laufenden wäre. Die ausgelassene Stimmung wird getrübt, als die Gastgeberin beiläufig eine Anmerkung macht. Ein gewisser Portrant (Paul Meurisse) soll sich angekündigt haben, der wenig später mit seiner reizenden Begleitung (Thien Huong) auftaucht, die aber niemand kennt. Alle Anwesenden scheinen sich einig zu sein. Wenn sie Portrant nicht hassen, dann fürchten sie ihn aus diversen Gründen, und da er in dieser Nacht auch noch eine Information breittreten will, die angeblich 50 Millionen Francs wert sei und einen der Gäste schwer in Bedrängnis bringen würde, kommt es zu einer überaus nervösen Spannung. In der Zwischenzeit spielt man auf Portrants Empfehlung hin das sogenannte Wahrheitsspiel, bestehend aus kompromittierenden Fragen und Antworten. Bevor die Stimmung jedoch zu eskalieren droht, geschieht etwas Unerwartetes. Portrant wird im Schutze der Dunkelheit ermordet. Nun stellt sich eigentlich nur die Frage, wer für den Mord kein Motiv hatte...

  • Autor: Prisma
  • Review:

    Der französische Schauspieler und Regisseur Robert Hossein inszenierte mit seinem Film "Le jeu de la vérité" einen absolut beeindruckenden Schwarzweiß-Spielfilm, der eine intelligente Allianz mit Groteske, Gesellschaftskritik, subtilem Thriller und Kriminalstück eingeht. Neben der Kunst, das ganze Spektakel überzeugend und mitreißend in nur einem großen Raum stattfinden zu lassen, jonglieren die Darsteller mit angriffslustigen Dialogen auf allerhöchstem Niveau, die gut durchdachte Polemik, raffinierten Sarkasmus oder gemeinen Zynismus miteinander vereinen, sodass das Wort zur Waffe wird und einen spektakulären Verlauf garantiert. Manche Dialoge werden von ihrer Intensität her an schmerzhafte Peitschenhiebe erinnern. Das Konzept der "Mitternachtsparty" - ein sowohl subtiler als auch überaus zynischer Titel für diesen Film - ist ziemlich einfach, denn die sogenannte bessere Gesellschaft trifft zusammen, um sich aus Langeweile oder einfach nur aus pervertierter Freude gegenseitig zu brüskieren, zu demütigen und andere bloßzustellen, so wie es unter guten Freunden eben üblich zu sein scheint. Das Ganze soll nun auf spielerischer Ebene stattfinden, da man sich in aller Ehrlichkeit nicht viel zu sagen hat, und man nach einer Absolution sucht, um ungeniert Torpedos abzuschießen. Warum verbringen diese Leute, die sich offensichtlich wie die Pest hassen, also Zeit miteinander? Sie brauchen sich und sie gieren danach, ihre Spleens auf dieser Art Bühne auszuleben. Dabei sind die Rollenverteilungen zwischen Mann und Frau genauso in Schwarz und Weiß gehalten wie die Bildgestaltung an sich. Die Frauen genießen alle Annehmlichkeiten ihrer Männer, und haben ebenso für solche bei ihnen zu sorgen. Dass dabei ein diskretes Roulette im Rahmen eindeutiger Verbindungen und Liaisons entsteht, scheint zumindest den meisten klar zu sein. Das sogenannte Wahrheitsspiel, bei dem man einer beliebigen Person jede Frage der Wahl stellen darf, die sie dann ebenso wahrheitsgetreu beantworten muss, soll also Licht in das dunkle Netz aus Lügen und Heimlichkeiten bringen. Die erste Runde des Spiels läuten Françoise Prévost und Daliah Lavi ein, und bringen die Luft des Raumes, der mittlerweile einem goldenen Käfig gleicht, zum brennen:

     

    »Um Solo-Tänzerin an der Oper zu werden, was würdest du dafür tun?«
    »Nicht so viel wie du für 3000 Francs tun würdest!«

     

    Die Festspiele sind hiermit eröffnet und es entwickelt sich eine nicht zu kalkulierende Dynamik, die größter Gefahr gleicht. Als Zuschauer ahnt man, dass es - in welcher Form auch immer - zur unausweichlichen Eskalation kommen wird, was die Grundspannung enorm begünstigt. Dass es schließlich zu einem Mord kommt, unterstreicht die Brisanz der Geschichte enorm. Paul Meurisse, als Verhasster Gast Portrant, ist Zielscheibe dieses Verbrechens. Er kündigt unmittelbar nach seinem Ankommen bei den Gastgebern Vérate an, dass er einen Umschlag bei sich habe, dessen Inhalt er um Mitternacht platzen lassen wird. Dieser sei nach seinen Angaben ein Vermögen wert, und beziehe sich auf einen der anwesenden Gäste, was eine gewisse Schockstarre zur Folge hat. Grund genug für einen Mord? Das Ergebnis spricht für sich selbst. Die Raffinesse der Geschichte besteht darin, dass jeder der versammelten Mannschaft ein klares Motiv hätte ihn zu töten, auch ohne den Inhalt des Briefes zu kennen. Die Konversation mit eindeutiger Wortwahl über Portrant hat bewiesen, wie sehr alle ihn verachten und gleichermaßen fürchten, doch niemand kann das Verbrechen eigentlich begangen haben, da zum Zeitpunkt des Mordes alle unmittelbar beieinander waren. Obwohl das Licht bei dem passenden, draußen tobenden Gewitter für einige Zeit ausgefallen war, sieht man als Zuschauer nicht die Möglichkeit wie es einer der Gäste der "Mitternachtsparty" hätte anstellen können, die potentielle Gefahr zu beseitigen. Auch dass sich eine mörderische Allianz zur gegenseitigen Entlastung gebildet haben könnte, ist so gut wie ausgeschlossen. Nur die asiatische Begleitung von Portrant, die im gesamten Verlauf nicht ein einziges Wort sprechen wird, befand sich zur Tatzeit im Foyer, die man daher auch sofort als Hauptverdächtige ausmacht, sie vorverurteilt und sogar bedrängt, um sich letztlich selbst aus der prekären Affäre zu ziehen. Die skeptischen weiblichen Akteurinnen fahren hierbei schnellstens die Krallen aus:

     

    »Niemand weiß wo sie her ist...«
    »Aber sicher, vom Strich!«
    »Ausländerin ist sie auch noch!«



    Bei den herrlich bissigen Dialogen fällt ohnehin durch die Bank auf, dass es schließlich die Damen sein werden, die verbal wesentlich giftiger agieren und reagieren, als es die Männer tun. So fragt man sich bei diesem Spiel letztlich, wie es im Endeffekt richtig funktioniert. Haben diejenigen, die am lautesten bellen und am aggressivsten vorgehen am meisten zu verlieren, oder sind es die diskreten, ruhig und unschuldig wirkenden Personen, die am meisten zu verbergen haben? Als Zuschauer zieht man bei dieser illustren Runde wirklich alles in Betracht, und eigenartig am Verlauf bleibt, dass die Enthüllungen gar keine Geheimnisse bei denjenigen zu sein scheinen, die sie unmittelbar betreffen sollten. Man spricht im Endeffekt über Dinge, über die man eigentlich nicht spricht, oder bestenfalls einfach schweigt. Das Spiel macht sich schließlich selbstständig und es geht weiter mit Schuldzuweisungen, kompromittierenden Indiskretionen und Verdächtigungen, bis man eine andere Ebene der Konversation erreicht. Es wird privat, intim und man geht genüsslich unter die Gürtellinie. Kurz bevor der Eindruck entsteht, dass die Situation endgültig außer Kontrolle gerät und zu eskalieren droht, steht plötzlich der Initiator dieses Spektakels, Robert Hossein, als Inspektor der Polizei, im Raum, und bringt die angriffslustige Bagage zum schweigen. Der Polizist beunruhigt sowohl den Zuschauer, als auch die Gäste der Party über die Maßen, weil er in seiner Vorgehensweise sehr ungehobelt wirkt. Einsilbig stellt er Fragen, observiert neugierig die Räumlichkeit, bis er nicht etwa mit sachgerechten Befragungen fortfährt, sondern mit Durchsuchungen der Anwesenden, da man das verschwundene Couvert finden will, um gleichzeitig den Mörder ausfindig machen zu können. Als es von ihm dann plötzlich auch noch Ohrfeigen setzt, und der Inspektor die Damen abtasten will, fühlt man sich mehr als verwirrt und die Gäste werden rebellisch. Dass man sich kurz zuvor noch gegenseitig in der Luft zerreißen wollte, scheint somit vergessen zu sein, und die feinen Herrschaften solidarisieren sich gegen den rüpelhaft auftretenden Polizeimann. Doch auch diese Strategie scheint nichts zu helfen und das Verhör nimmt immer groteskere Formen an.

     

    »Zähle uns die Männer auf, mit denen du im Bett warst. Natürlich nur die Anwesenden, das erspart uns Zeit!«
    »Sie sparen mehr Zeit wenn Sie fragen, mit wem sie nicht im Bett war!«



    Inszenatorisch gesehen hat Robert Hossein ein kleines Meisterwerk geschaffen, welches ein absolut charakteristisches Aushängeschild des französischen Edel-Kinos geworden ist. "Le jeu de la vérité" entwickelt bei aller Ortsgebundenheit eine beeindruckende Eigendynamik, und es werden in keiner einzigen Sekunde Durchhänger zu finden sein. Besonders fällt die experimentierfreudige Kamera-Arbeit auf, die ein choreografisches Wechselspiel zwischen der Orientierung am Detail und Großaufnahmen präsentiert, mit Nähe und Distanz, sowie beispielsweise Karussell-Fahrten überrascht, und letztlich enorme Schützenhilfe beim charakterisieren der Personen leistet. Die Musik von André Hossein untermalt den Tanz auf dem Vulkan mit eleganten, aber auch trügerischen Klängen sehr passend. Schon der Beginn des Films präsentiert sich ziemlich extravagant. Alle Gäste stehen in einer Schlange und werden durch die Off-Stimme eines Polizisten befragt. Die Männer eher sachlich und die Damen sehen sich mit abschätzigen Kommentaren konfrontiert. Dieses kurze Verhör leitet den kompletten Film als eine Rückblende ein. Der Gastgeber spielt auf seiner Orgel und man darf die unterschiedlichen Reaktionen der Zuhörer sehen und hören. Zu Johann Sebastian Bachs "Toccata und Fugue" sind die einen ergriffen und hören gebannt zu, manche unterhalten sich währenddessen über Geschäftliches, und die anderen fragen beinahe gelangweilt, wie lange es noch dauert. Eine schnelle und ebenso einfache, aber durchaus effektive Charakterisierungstaktik. "Mitternachtsparty" stellt insgesamt französisches Star-Kino der exzellentesten Sorte dar, dessen Besetzung eine absolute Wucht ist. Der Kriminalfall an sich ist zugegebenermaßen nicht sonderlich weltbewegend und wurde der hochwertigen Inszenierung in allen Belangen untergeordnet, aber die ausgewogene Mischung hat wieder einmal bestätigt, warum Robert Hosseins Ausstattungsfilm im engeren Kreis der persönlichen Top-Beiträge zu finden ist. Daher bleibt nur zu betonen, dass es sich bei diesem packenden Cluedo um eine wirkliche Sternstunde handelt.

  • Autor: Prisma
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