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Im tödlichen Kreis

Frankreich | Deutschland, 1976

Originaltitel:

Police Python 357

Alternativtitel:

Policía Python 357 (ESP)

The Case Against Ferro

Ein Mann im Alleingang

Deutsche Erstaufführung:

09. September 1976

Regisseur:

Alain Corneau

Inhalt

Bei der Überführung von zwei Kunsträubern lernt Inspektor Marc Ferrot eine Italienerin namens Sylvia Leopardi kennen, die vorgibt, als Schaufensterdekorateurin jede Nacht mit dem Zug von Paris nach Orlèans zu kommen. Die Frau wahrt ein Geheimnis, das sie ihrem neuen Liebhaber nicht anvertrauen will und als sie ermordet wird, beauftragt Ferrots Vorgesetzter ausgerechnet ihn mit den Ermittlungen. Von Schuldgefühlen getrieben, verstrickt sich Ferrot in Widersprüche und sucht nach einem Weg, seine Bekanntschaft mit Sylvia zu vertuschen. Sein Kollege Inspektor Ménard wird misstrauisch und erzählt Kommissar Ganay vom seltsamen Verhalten des langjährigen Meisterschützen. Dieser fühlt sich bemüßigt, schnell zu handeln...

Review

Der Film erweist sich als waschechter Franzose, obwohl es sich um eine Kooperation mit der Münchner TIT Filmproduktion handelt. Er atmet förmlich Emotionen und nährt sich weniger von den harten Strukturen, die eine denkbar schlechte Ausgangsbasis für jede menschliche Beziehung in "Police Python 357" bieten, sondern von Denkmustern und Gefühlen, die komplizierte Sachverhalte schaffen. Je mehr man von den handelnden Personen sieht, desto weniger weiß man über sie. Der Zuschauer muss sich von Beginn an selbst einen Reim auf die Geschichte machen und lernen, seine antizipierte Meinung mehrfach zu ändern. Durch die geschmeidige Montage wechselnder Situationen, hat das Publikum den Eindruck, mit Sylvia Leopardi auf einem Karussell zu fahren, das keine Richtung und keine Herkunft kennt, sondern unentwegt für Bewegung sorgt und die weibliche Protagonistin immer nur für Augenblicke greifbar macht, bis sich das Rad des Lebens weiterdreht. Die Männer ihrer Gunst fühlen sich betrogen, getäuscht und verlassen, können jedoch nichts daran ändern, da Sylvia erst eine Inventur ihrer Gefühle vornehmen muss, um sich klar zu werden, wohin der Weg führen soll. Bei Inspektor Marc Ferrot und Kommissar Ganay handelt es sich jeweils um Männer, welche die Privilegien, die ihnen ihr Rang und ihre Stellung im Leben zugeteilt hat, weder aufgeben, noch schmälern wollen. Sie sind in einer Gesellschaft des Patriarchats aufgewachsen, das ihnen Frauen als Geliebte, Mütter und Fürsorgerinnen zuschanzte, wofür sie bezahlt haben - in harter Währung oder mit einem Ehegelöbnis. Nun wird abgerechnet: auf eine Provokation folgt die Destruktion. Unfähig, das Handeln des anderen zu reflektieren, wird nach Indizien gesucht, die Person zu enttarnen, zu demaskieren und zu entzaubern. Wirkliche Nähe zwischen den Figuren gibt es nur im Extremfall; so findet der Mörder Verständnis bei seiner klugen, aber gehbeeinträchtigten Frau. Sie verfügt über jene Empathie, die ihrem Mann fremd ist und ergreift die Chance, ihm wieder eine Stütze sein zu können, wie sie es bereits früher - in finanzieller Hinsicht - war. Sanfter Druck genügt und Kommissar Ganay fügt sich in den Ratschlag seiner Gattin, deren Weitsicht ihn vor mancher unüberlegten Handlung bewahrt. Inspektor Ferrot ist auf sich allein gestellt und büßt emotional für das Verbrechen seines Vorgesetzten. Obwohl er unschuldig ist, quälen ihn sowohl sein Gewissen, als auch die Furcht vor Entdeckung. Der Spießrutenlauf als Ermittler im Mordfall Leopardi lässt ihn zugleich Jäger und Gejagter sein - was in seinem Büro zunehmend für Irritationen sorgt.

 

Mit Yves Montand und Simone Signoret wirken gleich zwei Legenden des französischen Films mit. Sie verkörpern dabei jene Stärken, die ihr Bild nachhaltig in das Gedächtnis des Zuschauers eingebrannt haben: sich aus dem Herkunftskreis zu lösen, um ein neues Leben zu beginnen und dabei weiterhin für das zu kämpfen, was ihnen wichtig ist. Sie haben noch ihren Stolz, spüren jedoch, dass sich die Welt um sie herum verändert hat und Kompromisse verlangt. Anpassungsfähigkeit verdrängt die Egozentrik, Geduld reizt das unruhige Gemüt und Ausschließlichkeit gibt es nicht mehr. Die einst so unabhängigen Charaktere machen Zugeständnisse und versuchen damit, das Chaos in geordnete Bahnen zu lenken, wohlwissend, dass es sich im Grunde um eine Selbsttäuschung handelt, um eine Verlängerung des Schmerzes, der wie ein unendlicher Mahner an bessere Zeiten erinnert. Ihre gemeinsamen Szenen sind von Respekt geprägt und einer gewissen Scheu. Man achtet den Einflussbereich des anderen, bleibt jedoch auf Distanz, weil eine natürliche Ehrfurcht vor dem gesellschaftlichen Hintergrund dies so vorsieht. Inspektor Ferrot ist allein und hat sich schon lange in diesem Gefühlzustand eingerichtet. Seine spartanische Unterkunft, die einen markanten Gegensatz zur opulenten Innenausstattung von Madame Ganays Räumen bildet, zeigt seine Bescheidenheit, die wenig mehr verlangt als das Lebensminimum und eine klare Struktur der Dinge. Die Begegnung mit der launischen Sylvia irritiert ihn und überfordert seine Fähigkeit zur Toleranz, weil sein Beruf ihn lehrte, präzise Antworten einzufordern. Das Geheimnis um Sylvia zieht weite Kreise und verblüfft auch den Zuschauer, weil ihr Verhalten so ungewöhnlich war wie ihre Polizeiakte. Ein manipulierter Charakter, der sich nicht konform verhält und Spuren polizeigerecht aufbereitet statt sie einfach zu vernichten. Die Tote hat zu Lebzeiten an ihrer eigenen Legende gestrickt, was von Stefania Sandrelli in einer Mischung aus Zuneigung und Abweisung vermittelt wird. Ihr unbequemer Standpunkt, der ihr weder Zuflucht, noch Ausweg bietet, erschwert es, eine positive Verbindung zu ihrer Figur aufzubauen, was den demoralisierenden Ton des Films unterstreicht. Die Suche nach der Wahrheit erweist sich mehr und mehr als Treibjagd, bei welcher der Fuchs in der Menge untertauchen kann, während der Jäger über seine eigenen Füße stolpert. Die Grenzen zwischen Recht und Unrecht verschwimmen und betonen eine weitere Besonderheit des französischen Kinos: die Fähigkeit, nonverbal auf höchstem Niveau zu kommunizieren.

 

Der Actionanteil, der die legendäre Polizeiwaffe Modell Python 357 zum Fetisch stilisiert, ist wie ein Befreiungsschlag für angestaute Emotionen, die nun eruptiv in Erscheinung treten und alles niederwälzen, was sich phlegmatisch vor ihr aufbaut. Wo Worte nichts ausrichten konnten, soll nun ein Schuss für Klärung oder Erlösung sorgen, manchmal soll er auch simpel ein Leben auslöschen - abrupt und unwiderruflich. Inspektor Ferrot läuft hier zur Hochform auf, weil er lösungsorientiert denkt und er im Verlauf der Ermittlungen im Mordfall Sylvia Leopardi bisher gezwungen war, sich bedeckt zu halten und eine passive Schiene zu fahren. Umso mehr rückt sein Kollege Inspektor Ménard ins Zentrum, um den Fall voranzutreiben und jene Spuren zu verfolgen, die von Ferrot nachlässig behandelt werden. Mathieu Carrière tritt aus der zweiten Reihe hervor und genießt den Elan, den seine Figur während der Recherchen über Leben und Sterben von Signora Leopardi an den Tag legen kann. Sein zielstrebiger Ehrgeiz und der Wunsch, sich mit seinen Talenten zu profilieren, blieben bisher innerhalb der eng gesteckten Grenzen der Polizeihierarchie. Nun jedoch haben sich die Aufgaben verschoben und sein Vorgesetzter billigt ihm Kompetenzen zu, die er bisher selbst innehatte und exklusiv verwaltete. Blitzschnell ergreift der drahtige, intelligente Mann seine Chance und beschleunigt durch sein Verhalten das Tempo der Ermittlungen, die nun immer mehr in eine Sackgasse laufen, aus der es kaum noch ein Entrinnen gibt. Die Personen werden gezwungen, ihre Fehler und Unterlassungen offenzulegen und jene Konsequenzen zu ziehen, mit denen sie gedanklich schon lange gespielt haben, die jedoch jetzt akuter denn je zu sein scheinen, was rasches Handeln erfordert. Die Anspannung kann nur durch einen radikalen Schnitt gelöst werden, der ein Vakuum hinterlässt, das Betroffenheit, Trauer und Resignation zur Folge hat. Die Befreiung aus dem eisernen Käfig der emotionalen Umklammerung und Einengung tötet die Gefangenen, die dadurch zwar von ihrem langen Leiden erlöst werden, dafür jedoch den hohen Preis des eigenen Lebens bezahlen müssen. Das Darstellerensemble hat das Drehbuch mit intensiver Präzision aufgesogen und schafft nun Figuren, deren Spiel sich am Realismus der Welt orientiert, ohne gleichzeitig jene Eigenschaften aufzugeben, die den Beruf des Schauspielers so faszinierend machen: Anmut, Empathie, Verlässlichkeit und Spontanität. Der Nimbus, der die Personen umgibt, wertet die Handlung in hohem Maße auf und verleiht der Kriminalgeschichte eine Tragik, die ihren Ursprung in der Unfähigkeit, kommunikativ zum anderen durchzudringen, begründet.

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