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The Frenchman's Garden

Spanien, 1978

Originaltitel:

El huerto del Francés

Regisseur:

Paul Naschy

Inhalt

Wegen seines angeblichen Geburtsortes Agen nennt man Juan Andrés Aldije (Paul Naschy) auch den Franzosen. Er hat eine schöne Frau und betreibt in einem Landhaus nebst Garten einen illegalen Spielsalon mit Bordell. Doch nicht alle seine Kunden überleben die Nacht im Garten des Franzosen.

Review

Paul Naschys zweite Regiearbeit nach INQUISICIÒN (1977) war ihm ein Herzensprojekt. Er erzählt die Geschichte des ersten bekannten Serienmörders Spaniens, gedreht an Originalschauplätzen, wundervoll gefilmt, mit allerlei Lokalkolorit, welche insbesondere durch die folkloristische Filmmusik betont wird. Doch anstelle diese – in Spanien nun mal sehr bekannte – Geschichte auch historisch korrekt zu erzählen, nutzt er die Gelegenheit vielmehr, um die sich gerade lockernde spanische Zensur auszuloten. Vor näheren Einzelheiten sei also erwähnt, dass EL HUERTO DEL FRANCÉS ein aus cineastischer Sicht großartiger Film ist, von Kritik und Publikum allerdings eher wenig beachtet wurde.

 

Da es sich nicht um einen typischen Naschy-Film handelt, verzichtete er auf Postern und in Promo-Material auf die Nennung seines Namens als Darsteller, lediglich als Regisseur ist er unter seinem richtigen Namen Jacinto Molina genannt. Vielmehr überließ er die Hauptdarsteller-Credits den wichtigen drei weiblichen Rollen im Film.

 

In Naschys Adaption ist Juan Andrés Aldije mit einer wohlhabenden Bürgerlichen verheiratet. Sowohl seinen Schwiegereltern als auch seiner Frau Elvira (Julia Saly) ist sein „Garten“ ein Dorn im Auge. Dort können Einheimische und Geschäftsleute ihr Geld verspielen und sich mit Prostituierten vergnügen. Sein Partner José Muñoz Lopera (José Calvo) fungiert als ein Gehilfe, auch bei den Morden, von denen der Zuschauer später erfährt. Neben seiner Ehefrau hat Juan eine Affäre mit der Prostituierten Charo (Ágata Lys), die sich selbst als die eigentliche rechtmäßige treibende Kraft in Juans leben sieht. Dabei überschätzt sie ihre Rolle gewaltig. So führt es dann auch zu Charos Unmut als eine weitere Geliebte auftaucht, Andrea (María José Cantudo), die obendrein von Juan ein Kind erwartet.

 

Nachdem Juan vergebens versucht, den örtlichen Arzt zu einer Abtreibung an Andreas Fötus zu überreden, lässt er eine Hebamme kommen. Es folgt eine schwer verdauliche Szene, denn der Zuschauer weiß, dass Andrea das Kind eigentlich behalten wollte. Es ist schwer zu erklären, wie Juan die Frauen in seinem Leben so unter seiner Kontrolle hat. Natürlich ist er ein Soziopath, und als solcher versteht er es, auf seine Umgebung einfühlsam zu wirken, ohne wirklich etwas zu fühlen. Auch sein Verhältnis zu seinem Geschäftspartner José ist nur auf diese Weise zu erklären, denn José (der nette Silvanito aus Für eine Handvoll Dollar) träumt zwar vom großen Geld, scheint selbst aber nur zu Handlangerdiensten fähig. Ohne Juan wäre er nicht in der Lage, selbst einem der Opfer den Schädel einzuschlagen.

 

Damit zum Thema. Es sind schwere Zeiten, und Juan will nicht von der Familie seiner Frau finanziell abhängig sein. Und überhaupt kann er es sich gar nicht mehr leisten, seinen „Garten“ zu verkaufen, denn ein potenzieller Nachbesitzer würde unliebsame Knochenfunde machen. Wann immer Juan und José von einem Viehhändler erfahren, der gerade das große Geld gemacht hat, locken sie diesen zu einem Spiel zu sich, doch ein solches Spiel wird nicht geben, vielmehr einen eingeschlagenen Schädel und ein Grab im Garten.

 

In Naschys Adaption wird ihm schließlich Andrea zum Verhängnis. Bereits kurz nach der eigentlich ungewollten Abtreibung bekommt sie etwas von dem nächtlichen Treiben der beiden Männer mit. Das letzte Opfer des Duos ist mit den Lohngeldern der Salzminen-Arbeiter unterwegs, doch er steht weder auf Alkohol noch auf Frauen. Juan besorgt ihm den Sohn des örtlichen Töpfers, um ihn in seine Herberge zu locken. Andrea versucht den Unglücklichen zu warnen, vergeblich. Am nächsten Tag geht sie zur Polizei.

 

Dass Juan und José hingerichtet – genauer gesagt garottiert werden – ist kein Spoiler. denn so beginnt der Film, mit den beiden Männern bei der Henkersmahlzeit. Bevor ich auf die Unterschiede zwischen realem Fall und Naschys Adaption eingehe, schon mal die Abweichungen von der Realität in Bezug auf die Hinrichtung. Josè wird zuerst garottiert, sein Gesicht unter einer Maske verborgen. Juan – ganz der Soziopath – verzichtet auf die Maske. Er hat kein Gewissen, aber er weiß, dass Henker und Zuschauer eines haben. Er will, dass sich seine Qualen in ihr Gedächtnis einbrennen. Und doch gönnt Naschy den Zuschauern ein Augenzwinkern: während die Originalhinrichtung der beiden Männer sich qualvoll über mehrere Minuten pro Kopf hingezogen haben soll, sagt er zum Publikum:

 

„Keine Angst, diesmal wird es schnell gehen.“

 

Welche Grenzen hat Naschy also getestet? Wir schreiben das Jahr 1977, und die spanische Zensur befand sich noch am Anfang eines Lockerungsprozesses. Naschy präsentierte dem Zuschauer in EL HUERTO DEL FRANCÉS Prostitution, Glücksspiel, Homosexualität und eine Abtreibung, alles in General Francos Spanien ebenso verboten, wie zu Lebzeiten des „Franzosen“ im Film. Recht deutlich zeigt er das Garottieren als Todesstrafe, wie es in Spanien noch bis 1974 praktiziert wurde. Letztes Opfer dieser Art der Todesstrafe war übrigens ein Deutscher, der angeblich einen spanischen Polizisten erschossen haben soll, eine eher seltsame Geschichte.

 

EL HUERTO DEL FRANCÉS ist ein sehr wirkungsvoller Film, und trotz allen Dramas und Lokalkolorits vernachlässigt Naschy den Thriller-Anteil keineswegs – dafür aber die historischen Fakten dieses bekannten Falles. Der echte Juan Andrés Aldije und sein Kumpan José Muñoz Lopera töteten sechs Menschen zwischen 1898 und 1904. Der „Garten“ gehörte eigentlich nicht dem „Franzosen“, sondern befand sich auf Josés Grundstück, was wohl überhaupt erst zur Partnerschaft der Beiden führte. Ein Bordell gab es dort nicht. Schade eigentlich, denn die Frauen in Naschys Film sind alle wunderschön und ausgezeichnet fotografiert. Folglich ist auch die Aufdeckung der Verbrechen durch Andrea frei erfunden.

 

Dass Naschy aus dem letzten Opfer einen Homosexuellen gemacht hat, könnte man als kleine augenzwinkernde Boshaftigkeit bezeichnen, denn in der Realität erfolgte die Ergreifung des „Franzosen“ auf Betreiben der Ehefrau seines letzten Opfers. Ebenfalls gab es den „Showdown“ im Garten des Franzosen nicht. Denn Juan befand sich auf der Flucht, die Polizei fand lediglich José vor. Juan wurde an der portugiesischen Grenze aufgegriffen, und es folgte ein fast zwei Jahre andauernder Gerichtsprozess. Diesen lässt Naschy komplett außen vor. Die Mordmethode. Während Naschy variiert, töteten der echte Juan und José alle Opfer auf exakt die gleiche Weise. Mit einer Eisenstange wurde der Schädel zertrümmert, um auf Nummer sicher zu gehen, folgte anschließend ein Schlag mit einem Spitzhammer ins Gehirn.

 

Was noch? Naschy vernachlässigt komplett den politischen und sozialen Kontext jener Jahre in Andalusien, welche für die Motivation der beiden Killer durchaus relevant ist. Weshalb EL HUERTO DEL FRANCÉS wohl leider auch nicht die cineastische Bedeutung zukam, die seine wundervolle Inszenierung durchaus verdient hätte.

 

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OFDb

IMDb

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