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Eine Armee Gretchen

Schweiz, 1973

  • Originaltitel: Eine Armee Gretchen
  • Alternativtitel:

    Gretchen sans uniforme (FRA)

    Frauleins in Uniform (GBR)

    Fraulein in uniforme (ITA)

    SS Cutthroats (USA)

    She Devils of the SS (USA)

    The Cutthroats (USA)

    Fräuleins in Uniform

  • Deutsche Erstaufführung: 24. August 1973
  • Regisseur: Erwin C. Dietrich
  • Kamera: Peter Baumgartner
  • Musik: Walter Baumgartner
  • Drehbuch: Erwin C. Dietrich, Christine Lembach
  • Inhalt:

    In den letzten Tagen des 2. Weltkriegs entscheidet Dr. Felix Kuhn (Carl Möhner) über die Wehrtauglichkeit von Frauen für den Hilfsdienst und trifft dabei recht willkürliche Entscheidungen. Auf Betreiben der Gestapo werden er und die lesbische Offizierin Stein (Anne Graf) entlarvt und zum Kriegsdienst verpflichtet. Während Stein zum Kriegsdienst an die Front versetzt wird, werden seine Töchter ebenfalls zum Hilfsdienst eingezogen, wo auch Stein hinversetzt wurde. Trotz der Näher zur russischen Front haben Soldaten und weibliche Helfer jedoch viel Freizeit, welche sie für sexuelle Aktivitäten nutzen. Doch die Kampfhandlungen rücken immer näher, und aus Spaß wird bald bitterer Ernst.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Der Blitzmädchen-Report

     

    Am 15. März 2018 starb der Schweizer Filmpionier Erwin C. Dietrich, Drehbuchautor, Produzent, Produktionsleiter, Regisseur und Schauspieler. Allerhöchste Zeit, mal wieder einen Blick auf eine seiner bekanntesten Regiearbeiten zu werfen, „Eine Armee Gretchen.“ Doch zunächst – obwohl das natürlich in letzter Zeit desöfteren zu lesen war – ein kurzer Abriss über Dietrichs Werdegang.

     

    Erwin C. Dietrich wurde am 4. Oktober 1930 in Glarus geboren, wuchs aber in St. Gallen auf. Er wollte Schauspieler werden, doch zunächst gab es kurz nach dem 2. Weltkrieg dazu keine Möglichkeit. Nach einer Ausbildung als Textilkaufmann erfuhr er von der Eröffnung einer Schauspielschule in Zürich, wo er aufgenommen wurde und unter teils bekannten Lehrern wie etwa Gustav Knuth das Handwerk erlernte. Allerdings nicht bis zum Schluss, denn wegen ein paar unerlaubter Auftritte in Werbespots wurde er rausgeworfen. Bereits 1955 – also im Alter von nur 25 Jahren – gründete er seine erste Produktionsfirma Urania-Film und coproduzierte den von Alfred Lehner gedrehten Heimatfilm „Das Mädchen vom Pfarrhof.“ Da die zweite Heimatfilmproduktion „Der König der Bernina“ (1957) bereits weniger erfolgreich war, suchte Dietrich nach anderen Themen. Nach einigen wenigen Krimi-Produktionen, zu denen auch José Bénazérafs hervorragender S/W-Klassiker „St. Pauli zwischen Nacht und Morgen“ (1967) gehört, nahm er 1968 erstmalig auf dem Regiestuhl Platz.

     

    Dietrich sah den Erotikfilm im Kommen und so inszenierte er „Die Nichten der Frau Oberst“ mit Kai Fischer und Tamara Baroni, der Beginn einer ganzen Reihe von leichtfüßig inszenierten Softcore-Filmen und auch der Beginn eines langen Kampfes mit Moralpriestern und Zensoren. In den Siebziger Jahren kaufte Dietrich die 1928 als Verleih gegründete und erst 1952 zur Produktionsfirma avancierte Elite Filmproduktion AG, weiterhin die Ascot Film GmbH und die Avco Film GmbH. Als Tochterunternehmen gründete sein Geschäftspartner Peter Baumgartner zudem die Synchronisations-Firma Cinephon GmbH in Berlin. Letztere bearbeite zunächst nur Eigenproduktionen, erst Mitte der Achtziger synchronisierte man auch für andere Firmen. Was das Regieführen betrifft, so wurde Erwin C. Dietrich mit der Zeit ein wenig desillusioniert. Als er eigentlich bereits aufhören wollte, kam es zur finanziell überaus erfolgreichen Zusammenarbeit mit Jesús Franco, welche auch Dietrichs Zeit als Regisseur noch mal einen Auftrieb gab. Nichtsdestotrotz nahm er 1982 – mit Abflauen der langjährigen Erotikwelle – zum letzten Mal selbst im Regiestuhl Platz. Größeren Erfolg als Produzent konnte er noch einmal mit den Söldnerfilmen von Antonio Margheriti verbuchen. Bis 2005 betrieb Dietrich in Zürich die Kinos Capitol – welches er zum ersten Multiplex-Kino in der Schweiz umbaute - und das Cinemax, die er schließlich seinem damaligen größten Konkurrenten, der KITAG verkaufte.

     

    Mit Aufkommen der digitalen Medien kehrte Dietrich nach langer Pause schließlich zurück ins Geschäft, zahlreiche seiner Regierarbeiten und Produktionen erschienen zunächst auf DVD und später auf Blu-ray. Leider gibt es noch immer Veröffentlichungslücken, auch unter Dietrichs eigenen Regiearbeiten, anscheinend schoben seine Erben diesen Liebhaber-Veröffentlichungen irgendwann einen Riegel vor. So sagt jedenfalls die Gerüchteküche. Mit Erwin C. Dietrichs Tod sieht es nunmehr womöglich also eher schlecht mit neuen Publikationen seiner bisher noch unveröffentlichten Filme aus. Noch ein Wort zum Casting von Dietrichs Erotikproduktionen, ein Klassiker wie aus einem Report-Film. Dietrich selbst und einige seiner Mitarbeiter sprachen hierzu Frauen auf der Straße, in Cafès etc. an, um ihnen Nacktrollen anzubieten. So kam man unter anderem auch an Ingrid Steeger. Er selbst sei dabei immer ehrlich gewesen, seine Mitarbeiter dagegen eher weniger, so dass mitunter erst beim Drehen den Frauen ein Kleidungsstück nach dem anderen abgeschwatzt wurde. Mitunter wurden selbstverständlich aber ebenso professionelle Darsteller und Darstellerinnen gecastet, oft seien es aber größtenteils Laiendarsteller gewesen. Gerade für seine letzten Regiearbeiten engagierte er jedoch offenherzige (Porno-)Profis aus Frankreich, wie Brigitte Lahaie, France Lomay, Barbara Moose, Karine Gambier oder Élodie Delage.

     

    Bereits 1947 erschien erstmals Karl-Heinz Helms-Liesenhoffs vorgeblich autobiographischer Roman „Eine Armee Gretchen“ erstmals in der Schweiz. 1972 entschloss sich Erwin C. Dietrich diesen zu verfilmen, was man durchaus als gewagtes Unterfangen bezeichnen kann. Helms-Liesenhoff stand in der Kritik für seine relativ unreflektierte Darstellung gegenüber der Nazi-Zeit. Dietrich selbst ordnete „Eine Armee Gretchen“ als einen Ableger der Sexreport-Filme ein, was, wenn man sich diesen zu Gemüte führt, auch Sinn ergibt. Episodenhaft werden die Schicksale und Erlebnisse von vornehmlich Frauen – aber auch die Story um den Arzt Dr. Felix Kuhn – erzählt. Mindestens eine dieser Geschichten – die Story um die vergewaltigte und anschließend desertierte Flak-Helferin – habe zu bösen Briefen geführt. Eine Frau beschuldigte die Produktion, ihre eigene Geschichte erzählt zu haben, eine Klage erfolgte jedoch nicht. Doch zunächst von vorn.

     

    Nach dem Vorspann, in dem wir bereits erste Bilder des Blitzmädel-Lagers an der Ostfront sehen, untermalt von einem schmissigen Marsch-Walleri-Wallera-Trallala, werden wir Zeuge, wie eine Reihe mal mehr mal weniger junger Mädels zur Tauglichkeitsuntersuchung antreten. Der Arzt Dr. Kuhn verlangt, dass die Frauen bereits komplett entkleidet zum Rapport antreten und so vergehen nur wenige Minuten bis zur ersten Nacktszene des Films. Hierbei macht Karin Hofmann den Anfang. Und bei diesen ersten Minuten wird auch gleich die Basis für den episodenhaften Stil des Films geschaffen, durch ein paar erste Hintergrundgeschichten der Damen. Gleichzeitig entsteht die Rahmenhandlung für die Hauptprotagonisten. Dr. Kuhn trifft willkürliche Entscheidungen, erklärt manch taugliche Frau als gesundheitlich eingeschränkt oder bescheinigt ihr gar die Untauglichkeit. Hinzu kommt die Offizierin seines Stabs, die während eines anschließenden Fliegeralarms mit einer der Mädels beim…erwischt wird. Kuhn sitzt später beim Familienessen, und schon klopft die Gestapo an die Tür. Er muss als Strafmaßnahme für seine wehrkraftzersetzenden Handlungsweisen an die Front. Kurze Zeit später werden auch seine beiden Töchter Marga (Elisabeth Felchner) und Eva (Karin Heske) zum Kriegsdienst eingezogen.

     

    Auf dem Weg zum Dienst an der Front lernen sich Marga und Ulrike von Menzinger (Renate Kasche) kennen und werden bald Freundinnen. Beide werden zum Funkdienst auserkoren, Eva Kuhn hingegen muss als Flakhelferin an die Front. Während der Zugfahrt werden sie von einem Tiefflieger bombardiert, ein Soldat und eine Helferin sterben, kurz nachdem ebendieser Soldat sehr zum Ärger der Aufpasserin eine der weiblichen Rekruten auf der Zugtoilette beglückt hat. In Folge werden weitere Episoden angeschnitten. Ulrike von Menzinger heißt eigentlich Sigrid, hat den Platz ihrer Schwester eingenommen, da sie schwer leukämiekrank ist und hofft, sich in einen Soldaten zu verlieben. Ein Mal vor ihrem Tod möchte sie wissen, wie das ist. Doch sie wird nur ausgenutzt.  Marga ist ein wenig abgestoßen von dem bunten Treiben im Lager zwischen Frauen und Soldaten, beginnt aber später selbst eine Affäre mit einem zottelbärtigen russischen Waldschrat. Eva wird während des Flakdienstes verletzt und zieht sich in ihre Baracke zurück. Dort wird sie von einem deutschen Soldaten vergewaltigt und desertiert. Diese Geschichte wird später auch erzählerisch weiterverfolgt. Das letzte Drittel wird überwiegend vom weiteren Schicksal Dr. Kuhns beherrscht und wartet mit ein paar durchschnittlich guten Kampfszenen auf, welche man später auch in einigen Eurociné-Naziexploitern wiederentdecken konnte.

     

    Insgesamt ist „Eine Armee Gretchen“ ein leichtverdaulicher Spaß, was im Zusammenhang mit dem Handlungsort der Nazizeit wohl auch sein größtes Problem ist. Interessanterweise fand ich beim jetzigen erneuten Ansehen des Films, dass er in gewisser Weise sogar gut funktioniert, nämlich als Momentaufnahme aus Sicht der größtenteils ja freiwillig in den Krieg gezogenen jungen Damen. Auch ein wenig Ernst ist vorhanden, und auch der ist eben so, wie man es als damalige Einzelperson im Geschehen womöglich wahrgenommen hätte. Es gibt keinen großen Kontext, es wird auch kein Urteil gefällt. Es ist, wie es ist. Freilich gibt es ein paar Charaktere, die man als historisch zweifelhaft bezeichnen könnte, etwa der nette Offizier, der sich der desertierten Eva annimmt anstatt sie wegen Fahnenflucht an die Wand stellen zu lassen. In den Sexszenen geht es ebenso wenig handfest zur Sache, alles ist inszenatorisch leicht umgesetzt, viel bekommt man nicht zu sehen. Hier hat mir am ehesten die – leider nur kurze - Szene mit der neckisch dreinschauenden Marina Feldy zugesagt.

     

    Den größten Teil von „Eine Armee Gretchen“ drehte Dietrich in der Schweiz, was sich im Nachhinein auch als vorausschauend erwies. Denn für die anschließenden Drehs in Jugoslawien – mit Flakgeschützen, großen Suchscheinwerfern, Panzern, Straßenkampf – gab es ein Zeitlimit, und Dietrich hatte schon im Vorfeld gehört, dass in Jugoslawien nicht gerade schnell gearbeitet wurde. Zudem gab es mit den erwähnten Scheinwerfern und anderem Kriegsgerät technische Probleme vor Ort, man wurde aber rechtzeitig fertig. Im Vergleich zu späteren Nazi-Exploitationfilmen hebt sich „Eine Armee Gretchen“ durch seine Leichtigkeit ab, Folterungen und andere Sadismen bleiben aus. Der damalige weiblicher Poster-Headliner Birgit Bergen spielt übrigens eine eher kleine Rolle. Am Schluss passiert etwas ganz Seltsames, was ich bei Dietrich-Regiearbeiten aber schon oft empfunden habe: beim Betrachten der Einblendung „Ende“ hat man das Gefühl, dass die Geschichte eigentlich noch gar nicht komplett erzählt ist, das noch irgendetwas fehlt. Und irgendwie ist das wie im richtigen Leben. Woran macht man eigentlich fest, wann ein bestimmter Abschnitt beendet ist? Nein, es geht immer weiter – bis zum finalen Ende. Ruhe in Frieden, Erwin C. Dietrich.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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