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Zum Gedenken an Christopher Lee ...oder wie das KommKino der verstorbenen Leinwandlegende Tribut zollt

Ein kleines Resümee zum 35mm-Triple Feature vom 28. November 2015 in Nürnberg

Ein trauriger Tag für viele Filmfans war es gewesen, der 1. Sonntag im Juni diesen Jahres - denn mit Sir Christopher Frank Carandini Lee verabschiedete sich ein ganz Großer von der Bühne des Lebens, auch wenn die Erinnerungen an zahlreiche Stunden mit ihm vor dem Bildschirm dennoch auf ewig bestehen werden. So beschlossen die Nürnberger Filmbuben vom Kino im Komm e.V. der einstigen Ikone des Grauens ein ganzes Wochenende lang zu widmen und somit unvergessliche Momente erneut zu würdigen und genießen zu können. Nachdem vor über 3 Wochen schon das KARACHO-Festival durch die Kinosäle des KunstKulturQuartiers trümmerte, war es nun an der Zeit für ein kleines Creepy-Weekend mit verschiedenen europäischen Gruselklassikern, welche entweder mit kurzer oder längerer Präsenz des gebürtigen Briten veredelt wurden. Ich pickte mir den Samstag raus, da er für mich mit seinen drei 35mm-Features den interessantesten Tag der gesamten Zeremonie bildete, denn mit EIN TOTER SPIELT KLAVIER, DAS SCHLOSS DES GRAUENS und DAS GRAB DER LEBENDEN PUPPEN wurde nicht nur die Brücke vom Vereinigten Königreich zum heißgeliebten Stiefelland geschlagen, sondern auch in verschieden Genre-Archetypen des unterschlagenen Films innerhalb von dreizehn Filmjahren gewildert, währenddessen schon am Donnerstag + Freitag gekonnt mit Terror aus Großbritannien seitens der Veranstalter aufgetrumpft wurde. DRACULA - NÄCHTE DES ENTSETZENS und DER SCHÄDEL DES MARQUIS DE SADE standen nämlich an diesen Tagen auf dem Menüplan und Gerüchten zufolge entfachten diese beiden grauenerregenden Klassiker schon angenehme Grusellaune im neuen KommKino-Saal, womit ich auch gleich zum vielversprechenden Samstag überleiten werde, wo kurz nach 17:00 Uhr der Zelluloid-Akt des Gedenkens mit SCREAM OF FEAR eingeläutet wurde:


Ein Toter spielt Klavier (Taste Of Fear)
Großbritannien 1961, OV, 35mm, R: Seth Holt, D: Susan Strasberg, Ronald Lewis, Ann Todd, Christopher Lee, u.a.

Die an den Rollstuhl gefesselte Penny (Susan Strasberg) kehrt nach einigen Jahren zu ihrem Vater in das Familienhaus an der französischen Riviera zurück, auch wenn der Kontakt zwischen den Beiden schon seit Ewigkeiten auf Eis zu liegen scheint. Auf dem prunkvollen Anwesen wird Penny von ihrer Stiefmutter (Ann Todd) in Empfang genommen, welche sich zukünftig um das Kind ihres Gatten kümmern möchte. Unterdessen ist der Papa merkwürdigerweise abgereist und auch sonst bekommt es Penny mit allerlei sonderlichen Ereignissen zu tun, welche die Gute schon bald an ihrer geistigen Verfassung zweifeln lassen, erst recht als sie überzeugt davon ist, die Leiche ihres Vaters vor sich gesehen zu haben...


Hach...ein Traum diesen Film endlich mal auf der großen Leinwand bewundern zu dürfen, denn SCREAM OF FEAR (so der Alternativtitel der gezeigten Kopie) ist zurecht einer der großen Klassiker der britischen Hammer-Schmiede, welcher eben nicht auf urbanen Mythen oder Fantasiegeschichten beruht oder diese aufzugreifen versucht, sondern vielmehr nach seichtem Psychothrill anmutet, welcher sich immer weiter in den Wahnsinn spiralisiert und gegen Ende den Zuschauer eiskalt im Nacken packen dürfte - zumindest bei der Erstsichtung. Altmeister Seth Holt, welcher für die Hammer-Studios zehn Jahre später nochmal mit DAS GRAB DER BLUTIGEN MUMIE die Horrorkeule schwang, inszenierte hier einen zauberhaften Suspense-Reigen, welcher passenderweise noch in schwarz/weiß gedreht wurde und auf der großen Leinwand seinen vollkommenen Glanz entfalten kann. Darstellerisch gibt es keinen Aussetzer, egal ob mit Susan Strasberg die junge Penny mit ihrer Behinderung und ihrem immer stärker ausgeprägten Selbstzweifeln langsam in die Schlucht des Wahnsinns zu gleiten droht, oder Ann Todd in der Rolle der Stiefmutter sofort stilles Unbehagen beim Zuschauer auslösen dürfte, auch wenn ihr Charakter keine offensichtliche Verwerflichkeit vorbringt, aber dennoch das zwiespältige Verhältnis von Schwiegermutter vs. Stieftochter beim Zuschauer (zumindest in Gedanken) auslösen wird. Zudem noch Christopher Lee als undurchsichtigen Charakter des Arztes Dr. Pierre Gerrard, sowie Ronald Lewis in der Rolle des Chaffeurs Robert und hier kann ich mir nicht helfen, denn der gute Mann besitzt vom Gesicht her eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem amerikanischen Schauspieler David Hasselhoff (siehe Bild #3). Ebenfalls ein merkwürdiger Zufall ist, dass Lewis in den 70er Jahren massiv an Popularität verlor, sich daraufhin in den finanziellen Ruin verlor und in Folge dessen am 11. Januar 1982 Suizid beging, während Hasselhoff sich gerade zu dieser Zeit mitten im Dreh zur 1. Staffel seines kommenden TV-Durchbruchs mit der Serie KNIGHT RIDER befand.

Aber was macht EIN TOTER SPIELT KLAVIER außer den Akteuren noch so besonders? Zum einen die tollen Location-Settings rund um das angesprochene Familienanwesen, welches malerisch, aber bedrohlich zugleich wirkt, sowie grandiose Innen- und Außenaufnahmen von Kameramann Douglas Slocombe, der ja in seiner späteren Werkschau noch so einige Meilensteine des Kinos mit seiner Präzision am Objektiv adelte. Als ich diesen Film mit dem Erscheinen der damaligen DVD hierzulande das 1. Mal sah, schlug er bei mir wie eine Splittergranate ein, viel zu sehr fesselte mich der ganze Aufbau, das konstruierte Personengeflecht um Misstrauen, Wahnsinn und Angst und ich kann hiermit behaupten, dass EIN TOTER SPIELT KLAVIER nichts von seiner Intensität über die ganzen Jahre eingebüßt hat - eine grandiose Wiederentdeckung.


Das Schloss des Grauens (La Vergine di Norimberga)
Italien 1963, dF, 35mm, 78 Min., R: Antonio Margheriti, D: Rossana Podestà, Georges Rivière, Jim Nolan, Christopher Lee, u.a.

Mary (Rossana Podestà) begleitet ihren Mann Max (Georges Rivière) nach Nürnberg auf dessen Schloss, wo sie eines Nachts durch den qualvollen Schrei einer Frau erwacht und sich daraufhin auf die Suche nach dem hallenden Gelärme durch die dunklen Gänge begibt. Unten in der altertümlichen Folterkammer angekommen, erspäht sie in der "eisernen Jungfrau" eine Leiche weiblichen Geschlechts, woraufhin Mary ohnmächtig zu Boden sinkt. Natürlich fehlt am nächsten Morgen von der angeblichen Toten jede Spur, womit Marys unheimliche Nachtwanderung zwar von ihrem Gatten als schlechter Traum gedeutet wird, aber das Grauen in der Krypta weiter in Form eines mittelalterlichen Vollstreckers wartet, welcher sein blutrünstiges Handwerk schleunigst wieder ausüben möchte...


Nachdem der werte CSK (seines Zeichens 1. Vorstand vom KommKino) eine kurze Einführung über den sogleich beginnenden Film hielt, sowie auf seine Zensurgeschichte hierzulande und auch über Margheriti's Schaffen außerhalb des gothischen Horrorfilms einging, ratterte der Projektor hinter uns schon los und wir kamen in den Genuss der ''raren'' dt. Fassung von DIE GRUFT DER LEBENDEN LEICHEN (einen zugegebenermaßen echt dämlichen und irreführenden Alternativnamen aus der germanischen Titelschmiede). Schöne Farben, manchmal etwas seichter Grieselschauer und liebevolle Vertonungskunst ließen nostalgische Gefühle in uns brodeln, mal davon abgesehen das der Film allein dieses sowieso schon vollbracht hätte. Ich kann mich sowieso nicht an den 60er-Gruselwerken aus Bella Italia satt sehen, zu sehr betteln frische Details mit jeder erneuten Sichtung darum, vom Zuschauer entdeckt zu werden, was natürlich auch dem damaligen Einfallsreichtum der nicht gerade Budget-begünstigten Inszenatoren zu verdanken ist und so wechselt sich auch hier beispielsweise in der zum Ende angesetzten Höhepunkt-Sequenz, eine Set-Attrappe mit realen Drehort im Schnitt ab und suggeriert dem Zuschauer damit eine gelungene Illusion, welche aus heutiger Sicht natürlich etwas leichter zu durchschauen ist, man aber dennoch als Fan von solchen liebevollen Behelfchen in schwärmende Verzückung geraten kann.

Über die Zensurgeschichte möchte ich nicht näher eingehen, denn es wäre ohne spoilernden Nebeneffekt sicher unsinnig darüber zu informieren, jedoch funktionierte die dt. Schnittfassung auch ohne den angestrebten Hintergrund des Regisseurs, welcher DAS SCHLOSS DES GRAUENS damit in ein bedrückend-ernsthafteres Licht rückt, wobei dieser Nebeneffekt den Film zu keinem Augenblick seiner unendlich vielen Wohlfühlmomente beraubt. Und davon gibt es so einige, egal ob traumhaftes Setting rund um die schöne Burg, den Folterkeller mit allerlei Schmerzinstrumenten oder dem jauchzend-schönen Soundtrack von Riz Ortolani, welcher zwar eher mit Bedacht im Hintergrund dudelt, aber zu den Spannungsmomenten immer mit einem Paukenschlag ausholend die Szenerie erschüttert.

Und Christopher Lee? Wieder zur Nebenrolle degradiert und mit per Make-Up eine Fratzenhälfte modifiziert bekommen, wird ihm der Part eines mysteriösen (und offensichtlich furchteinflößend-wirkenden) Diener zugeschrieben und Lee wäre nicht Lee, wenn er auch aus dieser Kleinstrolle nicht das Beste herausholen würde. Rossana Podestà erhielt dagegen den weiblichen Hauptpart und lässt den geneigten Zuschauer öfters an ihren ermittlerischen Gedankengängen teilhaben - mal nervend, mal amüsant, aber keinesfalls unpassend zur damaligen Zeit - ob man nun dem einstigen Publikum nicht zugestehen wollte, selber die jeweilige Situation zu erfassen, möchte ich mir an dieser Stelle nicht anmaßen, aber es fällt gegen Ende schon arg auf, auch wenn es keinesfalls von mir als negativ gewertet werden soll!

Nach Abschluss der doch nicht so schlecht besuchten Vorstellung, wurden die Zensurschnitte dennoch per DVD für das artig-sitzengebliebene Publikum auf die Leinwand übertragen, womit auch der filmhistorische Anspruch vom KommKino an die Gäste abermals gewahrt wurde. Sollte irgendwann eine HD-Veröffentlichung in unseren Breitengraden stattfinden, so plädiere ich dennoch dafür, dass die dt. Ur-Fassung mit auf den Silberling verewigt wird - als Bonus neben Margheritis präferierter Originalversion versteht sich.

Wer allerdings noch mehr über den Film lesen möchte, dem sei natürlich der Eintrag von Mauritia Mayer auf ihrem Schattenlichter-Blog ans Herz gelegt.



Das Grab der lebenden Puppen (Dark Places)
Großbritannien 1973, dF, 35mm, 91 Min., D: R: Don Sharp, D: Robert Hardy, Christopher Lee, Joan Collins, Herbert Lom, u.a.

Edward Foster (Robert Hardy) saß einst mit Andrew Marr in der Psychiatrie, wo ihm der sterbende Mitinsasse seine alte Villa (inklusive gebunkerten Vermögen) vermacht. Auf den Mammon sind natürlich auch andere Gestalten wie der Arzt Mandeville (Christopher Lee), seine attraktive Schwester Sarah (Joan Collins) oder der Anwalt Prescott (Herbert Lom) scharf. Doch Edward erliegt sehr schnell der psychologischen Wirkung des Hauses, welches ein schlimmes Geheimnis zu bergen scheint und Foster vehement zu immer länger andauernden Transformationen seiner eigenen Persönlichkeit verleitet...

Hui, die Überraschung des Abends - keine Frage, aber zur eigentlichen Bewunderungserklärung muss ich etwas weiter ausholen. Denn ich kam vor längerem schon einmal während eines Filmabends unter Freunden in den Genuss dieses Films. Allerdings hielt die Freude nur kurz, denn er wurde quasi als After-Midnight-Nastie eingestreut und da konnte er zum damaligen Zeitpunkt nur versagen, denn die Kräfte waren für diesen leisen Psycho-Trip arg erschöpft und ich musste dem Schlaf nachgeben. Bedauerlich, wie ich erst gestern erfahren musste, denn der Film kann so einiges und ich muss mich ehrlich gesagt wundern, warum dieser feine 70er GB-Thriler noch nicht in den Genuss einer digitalen Veröffentlichung hierzulande kam, denn soweit ich mich erinnere ist die einzige bisherige dt. Auswertung eine VHS aus dem Hause IMV/Bavaria, welche in grässlichem Vollbild auf das Magnetband aufgespielt und somit sämtliche Farben ihrer eigentlichen Wirkung beraubt wurden - glaubt mir, das sah' aus wie eine TV-Produktion ohne jegliche Ambitionen. Umso erstaunter war ich gestern über die strahlend-kalte Farbgebung der Kinokopie, welche sicherlich nicht einwandfrei von Mängeln zu bestaunen war, dennoch dem Originalformat bedeutend näher als das einstige Tape kommt und eben keinen billigen Verschleierungseffekt in der Präsentation beinhaltet.

Okay, zurück zum Film, denn dieser zog wohl viele (der leider wenig-verbliebenen) Restbesucher in seinen Bann - wer weiß, vielleicht übte Marr's Haus ja auch Einfluss auf den Kinosaal aus? Spaß beiseite, denn Hauptdarsteller Robert Hardy verblüffte mich zunehmend mit seiner in den Wahnsinn-abrutschenden Figur und spielte diese Charaktermodulation absolut glaubhaft mit Passion, dazu kommen noch einige seltsam-anmutende Kamerawinkel von Ernest Steward, welche das verworrene Schauspiel Hardy's beflügeln und in kurzen Momenten eine morbide Stimmung verbreiten, die man in ähnlichen britischen Genrevertretern aus dieser Entstehungsdekade leider vergeblich suchen wird. Christopher Lee ist als gieriger Medizinmann unterwegs und besitzt hier von allen drei gezeigten Filmen womöglich die meiste Screentime. Ihm zur Seite steht Joan Collins, welche als verführerische Schlange auftritt, aber bald Gefühle für den neuen Hauserben entwickelt, die natürlich auch seinerseits erwidert werden. Und da muss ich auch gleich wieder die Feierstimmung in gewissen Momenten im KommKino loben, denn in der Sequenz wo Madame Collins dem Zuschauer als putzende Hausfrau freie Sicht bis zum unbekleideten Oberschenkel gewährt und den lüstern und schmachtend dreinblickenden Foster somit alle Sinne vernebelt, ja...das sind die Momente wo das kollektive Schmunzeln und Lachen ausbricht und das Publikum miteinander beim Betrachten vernetzt wird - unbezahlbar, solche Augenblicke!

Fest steht jedenfalls, das dieser Film förmlich nach einer digitalen Veröffentlichung schreit, denn Regisseur Don Sharp (DER FROSCH) schunkelt hier ganz prächtig im Fahrwasser ähnlicher britischer Früh-70er-Psycho-Kapriolen von Inselkollegen wie Jimmy Sangster oder Freddie Francis, vielleicht nur tiefgründiger...aber auf seine ganz spezielle Art!

 


Nunja, auch wenn der Hintergrund in diesem Fall doch eher trauriger Natur war, so könnten solche 35mm-Werkschau-Happenings meinetwegen ruhig öfters über den Screen flimmern, womit ich abschließend auch nochmal ein dickes Lob an das KommKino mit den jeweiligen Organisatoren, Vorführern und sonstigen Involvierten dieser extrem gelungenen Memorial-Celebration aussprechen möchte.



Tobias Reitmann