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Dark Glasses

Frankreich | Italien, 2022

Originaltitel:

Occhiali neri

Alternativtitel:

Black Glasses

Deutsche Erstaufführung:

11. Februar 2022

Regisseur:

Dario Argento

Kamera:

Matteo Cocco

Inhalt

In Rom treibt ein Killer sein Unwesen, der drei Sexarbeiterinnen mit der Saite eines Cellos erdrosselt hat. Als nächstes steht die Prostituierte Diana (Ilenia Pastorelli) auf seiner Liste, doch diese erweist sich als ausgesprochen wehrhaft. Auf der Flucht vor dem Mörder baut sie einen Unfall, der sie erblinden lässt. Die Opfer ihres Unfalls hinterlassen den chinesischen Jungen Chin (Andrea Zhang), der sich bei Ileana einquartiert, um sie zu unterstützen. Letzteres gilt ebenso für die Mobilitätstrainerin Rita (Asia Argento).

 

Doch noch hat der Killer sein Vorhaben nicht aufgegeben. Aber wenn er glaubt, bei der erblindeten Frau nun leichtes Spiel zu haben, wird er schon bald eines Besseren belehrt.

Review

Mit Spannung wurde dieser nach 12 Jahren gesundheitlich bedingter Pause entstandene Film von Dario Argento erwartet, sowohl von Fans seines Gesamtwerkes als auch von Unken, die sich auf das Trashen dieses Spätwerkes freuen. Um es vorwegzunehmen, DARK GLASSES wird beide Gruppen bedienen können.

 

Ich gehöre zu Kategorie 1. Auf der Berlinale auf großer Leinwand in ohrenbetäubender Lautstärke gesehen, hat mich OCCHIALI NERI schwer beeindruckt. Das Kuriose ist, dass knappes Budget und kurze Drehzeit diesem Film verdammt gutgetan haben. Warum? Dario Argentos Filme wurden in vergangenen Zeiten oft als visuelle Achterbahnfahrt bezeichnet, eine Beschreibung, die nach Jahrzehnten nicht so ganz standhält. Argento schweifte stets gerne mal vom Thema ab, baut Elemente ein, die mit der Story rückblickend nicht viel zu tun haben, pausiert, um Charaktereigenheiten detailliert zu schildern, die für die Handlung nur bedingt beitragen.

 

In DARK GLASSES hatte er für solche Abschweifungen keine Zeit. Und so ist der Film tatsächlich eine Achterbahnfahrt, denn ich kann mich an kaum einen Kinobesuch erinnern, bei dem die 90 Minuten Hauptfilm so fix vergangen sind wie hier. Dabei präsentiert Argento durchaus gefühlvolle Momente, vielleicht sensibler als je zuvor, doch das wird kurz und zackig in die temporeiche Story integriert. Womit wir bei einem sensiblen Thema angelangt sind. Denn diese Story ist hauchdünn.

 

Argento befindet sich mit DARK GLASSES komplett im Alptraummodus. Die Identität des Killers ist kein Geheimnis, seine Motive zweitrangig. Warum er es auf Diana abgesehen hat, ist sonnenklar. Seine Motive für die ersten drei Morde, warum er für diese eine Cello-Saite benutzt hat oder woher seine Wut auf Prostituierte rührt, werden wir dagegen nie erfahren. Ich zitiere hier mal Kamil Moll, der den Killer als Messer oder rasenden, weißen Van bezeichnet, dessen einziger Zweck es ist, Diana in Bewegung zu halten. Jochen Werner bezeichnet den Killer in seiner Kritik auf Filmstarts als bösen Wolf. Seine Motive verlieren so ihre Bedeutung, er ist einfach der Archetyp eines gewalttätigen Frauenhassers.

 

Zu dem bereits 2002 von Dario Argento und Franco Ferrini verfasstem Drehbuch kamen mit der Realisierung einige Fan-Service-Elemente hinzu. Anspielungen auf SLEEPLESS, SUSPIRIA & Co sind unübersehbar, und dann ist da natürlich die Offensichtlichste, das Verhältnis zwischen den zwei Außenseitern, einer Erblindeten und einem Kind, das man in ähnlicher Form aus DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE kennt. Freilich ohne den Teil, in dem Karl Malden sich prostituiert und gegen einen FF-Kunden zur Wehr setzen muss. Tiere spielen in DARK GLASSES eine große Rolle. Zunächst wäre da der Blindenhund von Diana. Auch eine unvermittelte Tier-Attacke, die ausschließlich dazu dient, Dianas Flucht vor dem Killer zu erschweren, darf nicht fehlen. Man erinnere sich an die Rattenszene in Argentos HORROR INFERNAL, die inhaltlich keinen Bezug zur Handlung hatte, sondern einfach so passiert. In einem Alptraum ist das so.

 

Hauptdarstellerin Ilenia Pastorelli ist zunächst gewöhnungsbedürftig. Nach ihren ersten Szenen beginnt man sich bereits zu fragen, ob sie der Darstellung einer Blinden wohl gewachsen sein wird. Zudem lässt Argento sie in der zweiten Hälfte im sehr kurzen Röckchen mit ihren langen Storchenbeinen vor dem Killer davonstaksen, und man könnte meinen, dass dies Anlass zur Erheiterung geben könnte. Doch es passiert etwas Erstaunliches. Pastorellis fast schon amateurhaftes Schauspieltalent verleiht ihr Glaubwürdigkeit. Sie wirkt trotz starken Charakters verletzlich und damit echt. Einige Kritiker bemängeln den kurzen Einsatz von Asia Argento. Nun, die Dame ist erwachsen geworden, und ich bin nicht sicher, wie gut sie sich in schauspielerischer Hinsicht bisher damit zurechtfindet. Das wird hoffentlich noch spannend.

 

Kommen wir zur Musik. Viele hatten sich schon auf eine Rückkehr von Daft Punk gefreut, doch ich habe die keine Sekunde vermisst. Die viel wuchtigeren Sounds von Arnaud Rebotini sind viel passender und verleihen Argentos Film viele atemlose Momente.

 

Wie das so ist, Filme werden für die große Leinwand gemacht, und im Kino ist DARK GLASSES ein temporeicher Gnadenhammer. Sollte sich Gelegenheit ergeben, DARK GLASSES im Kino zu sehen, nutzt sie. Denn ich bin gespannt und misstrauisch, ob der Film am heimischen TV ebenso überzeugen kann. Eine deutsche Blu-ray Auswertung ist bereits von Pierrot le Fou angekündigt, und dort werden die Untertitel auch sicher besser als die Englischen auf der Berlinale, welche man durchaus als grenzwertig bezeichnen könnte. Die Berlinale-Untertitel sind mir schon bei Argentos eingespielter Introduction sauer aufgestoßen, und es wurde nicht besser. Und ich verstehe noch nicht mal flüssig Italienisch!

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