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Die weiße Göttin der Kannibalen

Italien, 1978

Originaltitel

La montagna del dio cannibale

Alternativtitel

La montagne du dieu cannibale (FRA)

La montaña del dios caníbal (ESP)

Primitive Desires (GBR)

Prisoner of the Cannibal God (GBR)

(The) Mountain of the Cannibal God (USA)

(The) Slave of the Cannibal God

Deutsche Erstaufführung

25. Mai 1978

Regisseur

Sergio Martino

Inhalt

Irgendwann in Neuguinea: Die örtlichen Behörden haben die Suche nach dem verschollenen Wissenschaftler, Henry Stevenson, eingestellt und denselben für tot erklärt. Dessen Ehefrau, Susan, akzeptiert die Entscheidung nicht und wird gemeinsam mit ihrem exzentrischen Bruder, Arthur Weisser, und dem landeskundigen Edward Foster, der den Verschollenen in der Reichweite des Heiligen Bergs vermutet, die Suche fortsetzen. Foster gilt als eine Koryphäe und ist für sein exzellentes Fachwissen über die hiesige Flora wie Fauna und die ansässigen Naturvölker bekannt. Schließlich lebte er einige Zeit (wenn auch unfreiwillig) bei den Kannibalen und weiß von manch abscheulichen Ritualen sowie unbändigen Dschungelgefahren zu berichten. Blutrünstige Schauergeschichten, die Susan und Arthur jedoch nur ein spöttisches Lächeln abverlangen. Doch der geschwisterliche Spott wird schon bald in eine kollektive Panik transformieren, denn ihr Zielort ist die Heimat der Puca, welche permanent auf der Jagd nach frischem Menschfleisch sind!

Review

Der rabiate (die Betonung liegt auf rabiat (!), demnach klammere ich den vergleichsweise zahmen „Mondo Cannibale“ von Umberto Lenzi geflissentlich aus) Output italienischer Kannibalenfilme, die als treuer Begleiter der nicht minder rabiaten, stiefelländischen Zombiefilme agierten, enterte in der Zeitspanne von 1977 bis 1981 die Welt der Bahnhofs- und Nachspielkinos. Beide Spielarten (Zombie- wie Kannibalenfilm) wurden, wie viele weitere Vertreter aus den - ich sage mal ganz pauschal - Untergruppen des Horrorfilms, da der Begriff Exploitation zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich weniger Medienpräsent war, mit dem Aufkeimen des bundesrepublikanischen Videobooms einer akribischen Inspektion unterzogen, was im Jahre 1983 die erste Beschlagnahmung einer Videokassette, welche den Film „Maniac“ (USA, 1980) verbreitete, zur Folge hatte. Der für den Einzug zuständige § 131 StGB wurde 1985 durch die Politik verschärft, sodass Indizierungen wie Beschlagnahmungen und spätere Einziehungen bereits im Folgejahr statistische Höchstwerte ansteuerten. Ein überaus populärer Vertreter dieser mal gewaltverherrlichend, mal gewaltverharmlosend sowie die sozialethisch desorientiernd eingestuften Filme wurde vom Nobis-Verleih mit dem blasphemischen Titel „Die weiße Göttin der Kannibalen“ geziert.

 

Expositionstechnisch bestens terminiert trifft dessen feminine Hauptfigur, Susan Stevenson, simultan zu unserem Filmeintritt, per Flieger in Neuguinea ein, um ihrem Ausdruck als fürsorgliche Ehefrau einen besonderen Ausdruck zu verleihen und gemeinsam mit ihrem Bruder sowie manch verlockender Dollarnote eine Expedition in die „Grüne Hölle“ auf die Beine zu stellen. Wie seine Genrekollegen präsentiert auch „Die weiße Göttin der Kannibalen“ eine scheinbar undurchdringliche Wildnis, in deren Ecken und Winkeln ein kontinuierlicher Kampf zwischen fressen und gefressen werden herrscht. Giftschlangen, die plötzlich aus Ritzen hervor kriechen und deren gieriger Sabber an ihren teuflisch spitzen Zähnen entlangläuft, suchen ebenso emsig nach Beute wie die Würgeschlange, die den Tod ihrer Opfer zu einer unendlichen Qual werden lassen. Der Film zeigt demzufolge manch widerwärtige Archivaufnahme und schreckt freilich auch vor Tiersnuff nicht zurück, wie es in dem Genre nun mal üblich ist.

 

Die Filmstory ist sehr bescheiden ausgefallen und wird flink während der Exposition vermittelt. Sie beinhaltet die Suche nach einem Verschollenen und ruft dessen Ehefrau, ihren Bruder, den ortskundigen Führer, einen Missionar sowie einige einheimische Gepäckträger auf den Plan. Dass sich die Männer nicht verstehen ist selbsterklärend, da die resultierenden Reibereien unverzichtbar für einen solchen wie ähnlich gelagerten Film (dieses Motiv tritt in fast jedem Tarzan-Vehikel auf) sind. Die Reise durch den Dschungel provoziert demnach die üblichen Strapazen und einhergehenden maskulinen Streitigkeiten, welche vom Aberglauben der Kofferkulis, die nach und nach den Fallen und Pfeilen des unsichtbaren Feindes (der hinter jedem Grashalm lautet) zum Opfer fallen, sodass die Dschungeltouristen schon bald - ebenfalls erwartungsgemäß, da Genrekonform - auf sich allein gestellt sind, begleitet werden.

 

„Wir waren beide sehr an den Eingeborenen des Landes interessiert. Ein Jammer, es wird bald nicht mehr viel von ihnen übrig bleiben. Der gepriesene Fortschritt und die Technik werden in Kürze alles zerstören.“
(Edward Foster)

 

Zivilisierung ist nicht allein Thema des Westernkinos, wo sie einen erheblichen Platz einnimmt und für Bewegung in Form vom Wandel der Sozialstrukturen sowie Aufbruch und Flucht seiner Pro- respektive Antagonisten sorgt. Die exploitativen Kannibalenfilme gewähren ihren Zuschauern Einblicke in die Lebensweise und die Riten von archaisch lebenden Gruppen, wobei die Regisseure zumeist großen Wert darauf legen, ein besonders abartiges Bild der Naturvölker zu vermitteln, was ihnen nahezu ausnahmslos gelingt. Auf diese Gruppen treffen zumeist Wissenschaftler, Journalisten wie auch Kriminelle, die zu ihren Gefangenen werden und Folter wie Erniedrigen über sich ergehen lassen müssen, was freilich den Zusammenstoß der Kulturen reflektiert. Dem Eindringling in diese Welt, die ihn um Jahrhunderte zurückwirft, bleibt, um Folter und Leid zu entkommen, nur die Flucht oder der Tod. Ungeachtet für welches Los er sich entscheidet (sofern ihm eine Entscheidung überhaupt möglich ist), enden solche Filme im Stillstand (dazu gleich mehr). Eine Zivilisierung wird demzufolge nicht erfolgen, denn entweder ist die Geflüchtete zu etwas Wertvollerem gereift und leugnet die Existenz der barbarischen Naturvölker („Die Rache der Kannibalen“) oder sie wird, wie Sheila in „Lebendig gefressen“ zum Schutze von Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit zum Leugnen der Menschenfresserei genötigt oder das die Existenz der Kannibalen belegende Videomaterial wird vernichtet („Nackt und Zerfleischt“), da es dem Presseimage irreparable Schäden zufügen würde. Andere Genrevertreter enden hingegen abrupt mit der erfolgreichen Flucht (siehe Mark und Robert in „Mondo Cannibale 2 - Der Vogelmensch“) aus einer vergessenen Welt. Ergo ist eine Zivilisierung im Œuvre der italienischen Kannibalenfilme nicht gegeben und die vergessene Welt wird in den Köpfen der Geflüchteten gefangen bleiben und irgendwann - na was wohl? - gänzlich vergessen werden. Rasante Quertreiber, die ein wenig an den Genrekonventionen rütteln, sind allerdings „Asphalt Kannibalen“ und „Nackt unter Kannibalen“, da beide Filme den Kannibalismus in die Großstadt, also in die Zivilisation tragen.

 

Doch nun zurück zu Martinos Dschungeltouristen, deren Reise beziehungsweise Suche zwei Aufenthaltsstationen erzwingt. Erste ist die Missionsstation von Pater Moses, der jener angesprochenen Zivilisierung ablehnend gegenübersteht und die Zivilisierenden, in seinen Augen die Zerstörenden, um jeden Preis aus seinem Reich fernhalten will. Moses hat mithilfe dieses Abschottungsmodus die profane Zeit in eine sakrale Zeit verwandelt. Eine Zeit, welche ihren gegenwärtigen Zustand, mit Blick auf ein harmonisches Miteinander, als ausreichend definiert und somit in gleichen Maßen als Anfang und Ende definiert. Also eine Zeit, die keine Veränderungen zulässt und infolgedessen Stillstand suggeriert. Wesentlich deutlicher werden sakrale Zeit, Stillstand sowie sein fatales Ausmaß mit dem Betreten der zweiten Aufenthaltsstation, die Höhle der Kannibalen. Die Zeit steht hier auf Uranfang, ihre Protagonisten (die Kannibalen) leben nach Urinstinkten, die sich auf das Überlebensnotwendigste beschränken. Hunger, der durch das Verzehren von lebendigen Reptilien sowie Menschenfleisch getilgt wird. Sexuelles Verlangen, das gar durch Sodomie befriedigt wird. Trotz der grenzenlosen Abartigkeiten gibt es Gesetze, die vom Oberhaupt des Stammes definiert werden. Sofern diese missachtet werden, erfolgt postwendend die Strafe (in diesem Fall die Entmannung und die anschließende Tötung des Regelbrechers). Martinos Kannibalenvehikel geht innerhalb seines Schlussdrittels überaus eklig zu Werke und praktiziert ein ums andere Mal den Tabubruch. Währenddessen agiert der Film allerdings nicht ansatzweise so erschütternd wie „Nackt und zerfleischt“. Wirkt visuell lang nicht so derbe wie „Lebendig gefressen“ und „Die Rache der Kannibalen“, kann mit dem exploitativen Ausmaß von „Zombies unter Kannibalen“ beileibe nicht mithalten, und besitzt schon gar nicht jenes Sexappeal, das „Nackt unter Kannibalen“, „Papaya - Die Liebesgöttin der Kannibalen“ und „Woodoo Baby - Insel der Leidenschaft“ mithilfe ihrer attraktiven Protagonistinnen, und zwar ohne dabei ästhetische Wege zu beschreiten, denn der „Sleaze-Faktor“ der genannten D´Amato-Filme ist bekanntlich enorm hoch, zeitweise zu versprühen wissen. Trotzdem ist „Die weiße Göttin der Kannibalen“ jede Sichtung und jede damit verbundene Erfahrung wert.

 

Ob die Hauptprotagonistin, Susan Stevenson (äußerst hölzernen und phasenweise knuffig von Ursula Andress verkörpert), aus ihren Erfahrungen im Dschungel gelernt hat und wohlmöglich zu etwas Wertvollerem reifen wird, wage ich allerdings zu bezweifeln. Charakterlich verkommene Menschen wie sie (Susan Stevenson) lernen nämlich niemals…, erst recht nicht aus ihren Fehlern! Und die Angehörigen eines solchen Menschenschlags werden schalten und walten, solange es die Menschheit gibt, denn sie bekleiden einen dominanten Part in unserer profanen Zeit.

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