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Totò e Carolina

Italien, 1955

Originaltitel

Totò e Carolina

Alternativtitel

Totò e Carolina (ESP)

Toto and Carolina

Regisseur

Mario Monicelli

Inhalt

Während einer Razzia an der Villa Borghese nimmt die Polizei routinemäßig Prostituierte fest. Antonio Caccavallo (Totò), der eigentlich nur Fahrdienst hat, verlässt dabei eigenmächtig den Wagen, um ebenfalls eine Festnahme vorzunehmen und erwischt dabei die junge Carolina (Anna Maria Ferrero), die daraufhin auf dem Polizeirevier einen Selbstmordversuch unternimmt. Am nächsten Tag geht die Presse nicht zimperlich mit dem Vorfall um, und Caccavallo wird von seinem Vorgesetzten dazu verdonnert, Carolina in ihr Heimatdorf zurückzubringen. Sie scheint keine Prostituierte zu sein und will partout nicht in ihr Dorf zurück. Unterwegs versucht sie weitere ernste bis halbherzige Selbstmord- und Fluchtversuche. Caccavallo ahnt noch nicht, dass der Grund für Carolinas Verzweiflung eine ungewollte und uneheliche Schwangerschaft ist, und der Besuch in Carolinas Heimat entpuppt sich als Zeitverschwendung. Niemand will die junge Frau bei sich aufnehmen, und so wird der Witwer am Ende das Mädchen mit zu sich nach Hause nehmen.

Review

In Mario Monicellis „Totò e Carolina“ vermischt das Drehbuch von Age & Scarpelli Elemente des Neorealismus mit der Komödie und dem Stil des zu diesem Zeitpunkt bereits sehr bekannten Komikers Totò. Als Hauptfiguren dienen hierbei ein sturer Polizist und eine ungewollt schwangere junge Frau, die letztendlich beide aus armen Verhältnissen kommen. Monicelli war schon zuvor bei dem zusammen mit Stefano Vanzina (Steno) inszenierten „Totò e i re di Roma“ (1951) mit der italienischen Zensur aneinandergeraten, doch bei „Totò e Carolina“ eskalierte die Situation.

 

Doch zuerst zum Film selbst, der seit 1999 dank einer Restauration durch Aurelio de Laurentiis mit Unterstützung der Cineteca Nazionale und der Cineteca di Bologna in der ursprünglich angedachten Fassung Monicellis existiert. Es ist sehr schwer, Totò in diesem Film zu mögen. Er ist ein Sturkopf, er hört nicht zu, er ist egoistisch. Sein Wandel zum Ende des Films hin kommt fast schon überraschend und vermittelt den Eindruck von Fatalismus. Denn was bleibt, wenn am Ende nicht mal die Armen zusammenhalten? Mächtig punkten kann dagegen Anna Maria Ferrero als Carolina, eine Darstellerin, die zwischen 1950 und 1964 in Italien eine nicht geringe Bekanntheit genoss. Sie beendete ihre eigentlich hervorragend laufende Filmkarriere durch eine überraschende Heirat mit Schauspieler Jean Sorel. Ferreros Ausstrahlung scheint zunächst fragil, sensibel und leidend, doch wenn sie den Mund aufmacht, brechen sich Selbstbewusstsein und Entschlossenheit ausreichend Bahn, dass man umgehend von dieser Frau fasziniert ist. Die Regie schien sich dessen bewusst, denn man lässt Ferrero lange schweigen, so dass dieser Effekt mit den ersten Dialogzeilen noch begünstigt wird.

 

Der Humor in „Totò e Carolina“ ist wechselhaft. Realismus kollidiert mit Totòs altgewohnten Wortspielen, dann wird mächtig provoziert, und einige Momente sind ausgesprochen ruppig. Ein Beispiel: auf einem Feld versucht Caccavallo Carolina Lebensmut zu geben, indem er von der Natur spricht. Beide schauen auf ein turtelndes Vogelpaar, das auf einem Ast sitzt. Carolina lächelt erstmals entspannt. Dann schießt ein Jäger die beiden Vögel vom Baum.

 

Totò war bekannt für seine Darstellungen von Unterprivilegierten. In „Totò e Carolina“ spielt er jedoch einen Polizisten, und das rief frühzeitig die Zensoren auf den Plan. Als Erstes verlangte man die Änderung des Namens seines Charakters. Totó liebte Wortspiele, und das in mehreren Sprachen. So sollte der Polizist nach seiner Vorstellung Callarone heißen, in Spanisch in etwa Halt die Fresse. Der Name wurde dann in Caccavallo geändert, und beim Ansehen des Films wird man feststellen, dass die Buchstaben teils verschluckt werden, bis nur noch cavallo zu hören ist.

 

Das war allerdings nicht die einzige Beanstandung, die bereits bei Einreichung des Drehbuchs im August 1953 vorgenommen wurde. Die Art, wie die Figur des Polizisten dargestellt werden sollte – engstirnig und ignorant – schmeckte den Zensoren gar nicht. Man sah darin den Versuch einer Verunglimpfung von Staatsbeamten. Darüber hinaus nahm man Anstoß daran, dass ein Polizist sich überhaupt für das Schicksal einer unverheiratet Schwangeren interessiert, und sie am Ende gar bei sich aufnimmt. Doch abgesehen von einigen wenigen Änderungen (wie eben der Name des Polizisten) zog Monicelli das Drehbuch zunächst weitgehend durch. Somit war weiterer Ärger vorprogrammiert.

 

Die Dreharbeiten erstreckten sich von Ende 1953 bis Januar 1954, dann musste „Totò e Carolina“ erneut der Zensur vorgelegt werden. Die Freigabe wurde verweigert, unter dem Hinweis, der Film sei ein Angriff auf Anstand und Moral und verunglimpfe Würde und Ansehen der Polizei. Monicelli ist mittlerweile allerdings richtig sauer und lässt sich stets nur ein oder zwei Szenen von den Zensoren abschwatzen, dann legt er den Film erneut vor, erfährt wieder eine Ablehnung, und das Spiel geht weiter. Als Erstes schneidet er einen der ruppigsten Momente des Films: der Pater und Caccavalli wollen Carolina bei einem „netten Christenmenschen“ unterbringen, der schon einmal einen Waisenjungen bei sich aufgenommen hat. Als sie auf dessen Hof ankommen, tritt und prügelt der Mann den Waisenjungen gerade windelweich. Und schon zuvor sind wir „netten Christenmenschen“ begegnet, nämlich Verwandten von Carolina, die sie nach dem Tod ihrer Mutter bei sich aufnahmen. Das Familienoberhaupt besuchte sie, wie sich herausstellt, mehrfach in Unterhosen in ihrem Schlafzimmer, die Frauen der Familie geben hierfür Carolina die Schuld.

 

Im weiteren Verlauf wird „Totò e Carolina“ zum Politikum und somit zu einem Paradebeispiel für die Vorgehensweise der italienischen Zensoren. Eine römische Tageszeitung geht schließlich Monicelli an, verurteilt ihn dafür, dass er sich so stur stellen würde. Und so gibt Monicelli schließlich nach. Im März 1955 wird „Totò e Carolina“ freigegeben, von 2600 Metern auf 2386 gekürzt, mit Tonzensuren und – veränderungen, Hinweise auf Selbstmord, die singenden Kommunisten („Bandiera Rossa“) und die anfängliche Prostituierten-Razzia und weiteres wurden entfernt oder verkürzt. Der damalige Ministerpräsident Mario Scelba erwirkt zudem eine textliche Einleitung, die betont, „Totò e Carolina“ sei ein reines Werk der Phantasie und spiegele in keiner Weise die Realität wieder, in der alle Bürger der Polizei Dankbarkeit und Respekt schuldeten und bla, bla, bla…

 

Es scheint fast schon diabolisch, dass die Tageszeitung „Oggi“ nach Sichtung der zensierten Kinofassung des Films Mario Monicelli als mittelmäßigen Regisseur bezeichnete und Hauptdarsteller Totò jeglichen Willen zur Weiterentwicklung abspricht. Die „Cinema Nuovo“ fand dagegen ehrlichere Worte: „Die derzeitige italienische herrschende Klasse kann nicht nur Kritik und Satire nicht ertragen, sondern auch keine Witze. Es versteht sich, dass Totò und Carolina nach den Schnitten nicht mehr der Film ist, den Monicelli gemacht hat, aber er macht immer noch Spaß…“ Aufgrund der schon im Vorfeld ausgelösten Zensurdebatte war dem Zielpublikum freilich bekannt, dass der Film bei Kinopremiere nur noch ein Torso war und erfreute sich somit deutlich weniger Beleibtheit beim Kinopublikum als andere Totò-Filme.

 

Doch zum Glück gehört diese zensierte Version inzwischen der Vergangenheit an. Erwähnt sei noch das schöne Titelstück von Angelo Francesco Lavagnino, und die Kameraarbeit von Domenico Scala und Luciano Trasatti mag nicht immer treffsicher sein, hat aber ein paar herausragende Momente. Monicellis Assistent bei „Totò e Carolina“ war Gillo Pontecorvo.

Links

OFDb
IMDb

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