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The Sheriff Won't Shoot

Italien | Spanien, 1965

  • Originaltitel: Lo sceriffo che non spara
  • Alternativtitel:

    El sheriff no dispara (ESP)

    Le Shérif ne tire pas (FRA)

  • Regisseur: José Luis Monter, Renato Polselli
  • Kamera: Aiace Parolin
  • Musik: Felice Di Stefano
  • Drehbuch: Guido Malatesta, Reinat Rizlang, Vincenzo Cascino, Lionel A. Prestol, José Luis Monter, María del Carmen Martínez Román
  • Inhalt:

    Jim Day (Dan Clark) zählte einst zu den schnellsten Revolverhelden des Wilden Westens, bis er eines Tages infolge eines tragischen Fehlschusses seinen Vater tötete und daraufhin den Colt für alle Zeiten an den Nagel hing. Dumm nur, dass er bereits bei der nächstbesten Gelegenheit vom Vater seiner Geliebten Desiree (Aïché Nana) zum neuen Sheriff der beschaulichen Gemeinde Richmond ernannt wird. Aber ein sich selbst bemitleidender Sheriff der nicht mehr schießt, kann so etwas gut gehen?

     

    Als dann auch noch sein Bruder Alan (Mickey Hargitay) auf den Plan tritt, beginnt die Situation allmählich zu eskalieren, denn Alan ist nicht nur insgeheim der Anführer einer fünf mannstarken Outlaw-Truppe - die kurz zuvor bei einem Überfall auf eine Postkutsche 100.000 $ erbeutete -, sondern hintergeht sein waffenphobisches Geschwisterteil auch noch mit dessen sauberen Geliebten, die selbst aber wiederum nichts von Alans abgründigen Doppelleben ahnt. Hinzu kommt, dass Desirees Vater - der mächtige Bankier Baron Vermont (Vincenzo Cascino) - zunächst gemeinsame Sache mit Alan macht, diesen dann aber eiskalt hintergeht, indem er sich ganz dreist die gesamte Beute des ruchlosen Clans unter den Nagel reißt. Ein fataler Fehler, denn so einfach lässt sich ein Alan Day nicht übers Ohr hauen...

  • Autor: Richie Pistilli
  • Review:

    "Der Sheriff schießt nicht mehr - er hat seinen Vater getötet!"

     

    So lautet dann auch die Devise dieses vermutlich von zwei Regisseuren inszenierten Italo-Westerns, denn sowohl Renato Polselli als auch José Luis Monter sollen diversen Quellen nach bei der Entstehung ihre Finger mit im Spiel gehabt haben. Einige dieser Quellen behaupten, dass Polselli lediglich die Dreharbeiten beaufsichtigt haben soll , was ich aber angesichts so mancher Szenarien nicht ganz glauben kann, denn diese tragen eindeutig seine unverkennbare Handschrift. Zudem wies Polselli in einem Interview explizit darauf hin, dass er den gesamten Film geleitetet habe und eben nicht nur der Koregisseur von José Luis Monter gewesen wäre, zumal die Namensnennung des Spaniers in den Credits lediglich für einen finanziellen Vorteil im Rahmen der spanisch-italienischen Koproduktion gesorgt haben soll. Weitere Indizien für Renato Polsellis Verantwortlichkeit sind nicht nur die panischen Blicke mit weit aufgerissenen Augen, die beispielsweise Aïché Nana im letzten Drittel des Films zum Besten gibt, sondern es werden auch Kameraeinstellungen gezeigt, bei denen durch die gespreizten Beine eines stunkmachenden Pistoleros gefilmt wurde, was wiederum ganz stark an eine bestimmte Einstellung aus ULTIMATUM ALLA VITA erinnert: Didi Perego kniet geschockt über dem Leichnahm eines getöteten Kindes, während sie von der laufenden Kamera durch die gespreizten Beine eines Nazi-Offiziers in Szene gesetzt wird. Aber auch das zerfaserte Drehbuch, die skurril wirkenden Gestalten mit ihren oftmals schwer nachvollziehbaren Handlungsweisen, und der nicht minder zerfranste Drehstil lassen eindeutig auf die Mitwirkung Polsellis schließen.

     

    Aus Gründen einer besseren internationalen Vermarktbarkeit legte sich Renato Polselli für diesen Film einmalig das Synonym 'Lionel A. Prestol' zu, wohingegen José Luis Monter in den Filmcredits als 'JL Monter' aufgeführt wird. Als Produktionsleiter wird außerdem ein gewisser Nello Vanin genannt, bei dem es sich vermutlich um Polsellis Stammproduzenten Bruno Vani handeln könnte. Wenn jetzt auch noch der angestammte Kameramann Ugo Brunelli mit von der Partie gewesen wäre, dann hätte die Handschrift Polsellis bestimmt noch eindeutiger herausgestochen, denn ein Teil der schnörkellosen Einstellungen Aiace Parolins (FLUCHTPUNKT AKROPOLIS, WETTLAUF GEGEN DEN TOD, FÜNF RÄTSEL ZUM TOD) wirkt dieses Mal nicht nur recht uninspiriert, sondern weist für einen Polselli-Film auch eine zu geringfügige Dynamik bei der Kamerführung auf. Veröffentlicht wurde diese bereits 1965 entstandene Western-Kuriosität zunächst auf den großen Leinwänden Italiens, Spaniens und Frankreichs, bevor das Spektakel Jahrzehnte später in Spanien nochmals auf VHS wiederveröffentlicht wurde. Hinzu kamen weitere TV-Ausstrahlungen auf dem türkischen Sender TRT1 und dem italienischen Privatsender Rete 4.

     

    Die Hauptrolle wurde dabei dem gebürtigen Ungarn Mickey Hargitay zugesprochen, der übrigens gerade erst kurz zuvor in Sergio Bergonzellis KOPFGELD FÜR RINGO erfolgreich seinen Einstand im Italo-Westerngenre gab. Die Zusammenarbeit mit Mickey Hargitay wurde von Polselli mehrmals als perfekt bezeichnet, zumal der ehemalige Mr. Universum seine Arbeit stets professionell erledigt haben soll. Im vorliegenden Film verkörpert Hargitay den Anführer einer Gesetzlosen-Gang, der zugleich einen waffenphobischen Sheriff zum Bruder hat. Darüber hinaus betrügt er nicht nur diesen mit dessen sauberer Mätresse, sondern betreibt nebenbei auch noch einen privaten Kleinkrieg mit deren charmanten Vater, bei dem dann ordentlich die Fetzen fliegen. Und obwohl Mickey sich in seiner Rolle alles andere als zimperlich gibt (beispielsweise durchlöchert er gnadenlos einem Verräter aus den eigenen Reihen die beiden Hände oder unterzieht einen unschuldigen Bankangestellten einer gesichtschirurgischen Behandlung, die er wiederum kurzerhand mit seinen ungereinigten Sporen durchführt), fällt es ihm augenscheinlich in ernsthaften Momenten schwer, seinen unnachahmlich verschmitzten Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu halten, was folglich dazu führt, dass gerade diese Augenblicke erheblich grotesk wirken; denn Hargitay ist aufgrund seiner anatomischen Veranlagung absolut nicht in der Lage, böse dreinzuschauen. Somit wirkt seine Rolle als furchteinflößender Bandenchef sowohl parodistisch als auch zugleich kolportistisch, wobei dieser Sachverhalt für den geneigten Polselli-Kenner nichts Neues darstellen dürfte, denn beispielsweise entpuppten sich seine liebenswerten Darbietungen in DAS GRAUEN KOMMT NACHTS und THE REINCARNATION OF ISABEL als nicht minder schräg. Ein weiterer denkwürdiger Moment bei LO SCERIFFO CHE NON SPARA stellt Mickeys bedrohliche Aufforderung zur Herausgabe der Beute dar, die aber vom weitaus unterlegen wirkenden Vincenzo Cascino in der Rolle des zwielichtigen Barons mit einem kurzen und bestimmten 'Nein' abgeschmettert wird; woraufhin sich wiederum der gerade zuvor noch hocherzürnte und wutschnaubende Halunke plötzlich ganz kleinlaut gibt, sich gesenkten Hauptes umdreht und mit einer lächerlich wirkenden Drohung anstandslos das Szenario verlässt.

     

    Kommen wir zu Dan Clark, der mit bürgerlichem Namen Marco Mariani heißt und im vorliegenden Fall die eigentliche Hauptfigur verkörpern soll; nämlich den Sheriff, der paradoxerweise nicht mehr schießt. In der Darbietung seiner Rolle wirkt Dan Clark nicht nur recht ungelenk, sondern von seiner Außenerscheinung auch noch wie ein unehelicher Bruder des kabarettistisch veranlagten TV-Mediziners Dr. Eckart von Hirschhausen. Hinzu kommt sein verbissener Gesichtsausdruck, den er den gesamten Filmverlauf über auch nicht richtig ablegen kann. Nachdem er also in der Rolle des ehemaligen Sheriffs und Revolverhelden Jim Day seine Schießeisen für immer an den Nagel gehängt hat, wird er vom Vater seiner Angebeteten erneut zum Sheriff einer beschaulichen Italo-Westerngemeinde ernannt, wobei aber der Wiederernannte seine Waffen beharrlich weiterruhen lässt und das Notwendigste entsprechend mit Worten und Fäusten klärt. Diese berufsuntypische Vorgehensweise bringt ihn natürlich schnell an seine Grenzen, woraufhin der komische Vogel nichts besseres zu tun hat, als kurzerhand die drei erstbesten Halunken von der Straße weg als Hilfssheriffs zu rekrutieren; damit diese wiederum für ihn zukünftig die Drecksarbeit erledigen, während er sich weiterhin in aller Seelenruhe auf die reine Ermittlungstätigkeit konzentriert. Was für ein Sheriff! Anstatt seinen Job anständig zu erledigen, lässt dieser nicht nur beharrlich seine Arbeitswerkzeuge ruhen, sondern auch noch die eigentliche Arbeit von anderen machen; wobei er sich noch nicht einmal die Hände schmutzig macht, wenn diese für ihn im Staub verrecken. Bei den drei ernannten Hilfssheriffs handelt es sich übrigens um einen gesetzlosen Mexikaner (Victor Kasline), einen notorischen Deserteur, der bereits aus sämtlichen Armeen dieser Welt ausgebüchst ist und um Jim Days private Assistenzkraft (Ángel Ter), eine traditionell englisch gekleidete Frohnatur. Und dieser bunt zusammengewürfelte Haufen darf von da an in Richmond das Recht walten lassen, während der Sheriff weiterhin angestrengt versucht, einfach nur langweilig dreinzuschauen.

     

    Und wie so oft im Italo-Western, steht dem Revolverhelden meist eine starke Frau zur Seite, wobei diese im vorliegenden Fall auf den Namen Desiree Vermont hört und von Aïché Nana verkörpert wird; einer gebürtigen Libanesin, die neben ihrer schauspielerischen Tätigkeit auch zeitweise als Bauchtänzerin und Stripperin unterwegs war. Eigentlich ist die blondgeschopfte Desiree felsenfest mit dem waffenphobischen Sheriff verbandelt, aber sie hintergeht diesen auch zugleich mit dessen arglistigen Bruder Alan, was wiederum die geschwisterliche Beziehung ungemein belastet; denn Polyamorie scheint so rein gar nicht das Ding der beiden ungleichen Day Brüder zu sein. Doch leider hatte Desiree mit Alan auf das falsche Pferd gesetzt, da dieser sie nur kurz darauf ebenfalls derbe hinters Licht führt. Dabei hatte das durchtriebene Luder ihren sauberen Liebhaber noch nicht einmal erkannt, als dieser ihr kurz zuvor im Rahmen des Postkutschenraubs leibhaftig gegenüberstand: Zwar hatte Alan während des unfreiwilligen Zusammentreffens sein Gesicht provisorisch mit einem Schal vermummt, aber sowohl seine markante Augenpartie als auch seine glasklare Stimme waren dabei unverkennbar. Und genau das sind sie eben auch, diese polsellitypischen Momente, für die der unkonventionelle Filmemacher von zahlreichen Filmbegeisterten so sehr geschätzt wird. Neben Aïché Nana geben sich mit Solvi Stubing als Tochter des ehemaligen Sheriffs und Pilar Clemens als Bardame Lulu zwei weitere Darstellerinnen die Ehre, wobei sich die Figur der letztgenannten nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

     

    Der letzte im Bunde hört auf den Namen Vincenzo Cascino, stellte seines Zeichens kurzzeitig eine schillernde Erscheinung in der italienischen Filmindustrie dar, die wiederum vier unfassbare Filme bewerkstelligte - für die ihm Liebhaber filmischer Absurditäten für alle Zeiten dankbar sein müssten - und verkörpert auch noch in seinem mitproduzierten Western die stets köstlich dreinblickende Figur des zwielichtigen Bankiers Vermont. Diversen Quellen nach handelte es sich bei Cascino um einen vermögenden Industriellen, der von Argentinien aus nach Italien umsiedelte, um sich dort dann genüsslich im Filmbusiness austoben zu können. Und genau das tat Vincenzo Cascino dann auch, indem er zunächst mit der Accadia Fim seine eigene Produktionsfirma gründete und daraufhin gleich Renato Polselli zu seiner Komödie LA SETTE VIPERE (IL MARTINO LATINO) verhalf, für die er sich neben der Beteiligung am Drehbuch auch als Produzent auszeichnete und zudem den Schauspielpart der Hauptrolle übernahm. Insgesamt verhalf Vincenzo Cascino vier italienischen Filmproduktionen auf die Beine, von denen sich eine kurioser als die andere herausstellte. Aber Cascino produzierte nicht nur die vier Filme, sondern schrieb auch jedes Mal fleißig am entsprechenden Drehbuch mit; übernahm sogar zweimal die Regie und ließ es sich schließlich auch nicht nehmen, in allen seinen Filmproduktionen auch noch selbst als Hauptdarsteller mitzuwirken. Dabei waren seine schauspielerischen Qualitäten recht limitiert, denn Vincenzo Cascino legte in fast allen seinen Rollen die gleiche Einheitsmimik an den Tag: ein stets grimmig dreinschauender Blick mit zugekniffener Spitzlippe. Der Höhepunkt seines filmischen Schaffens dürfte übrigens der völlig wahnwitzige Eurospy-Flic 7 DONNE D'ORO CONTRO von 1966 darstellen, in dem er sich sowohl mit Mickey Hargitay als auch mit sieben weiteren Agentinnen eine wahnwitzige Schnitzeljagd nach sieben Goya-Gemälden liefert, von denen aber wiederum nur ein Bild den korrekten Lageplan zum sagenumwobenen Schatz Adolf Hitlers beinhaltet. Eine filmische Knallschote par excellence! Und nachdem ein Jahr später der quasi Nachfolger LE 7 CINESI D'ORO auch kein richtiger Verkaufsschlager wurde, zog sich Vincenzo Cascino wieder genau so schnell aus dem Filmgeschäft zurück, wie er dort vier Jahre zuvor auch aufgetaucht war.

     

    Wer also über inszenatorische und logische Schwächen hinwegsehen kann, Filme nicht nur rein rational betrachtet und auch auf filmische Abstrusitäten klar kommt, der dürfte bei diesem einzigartigen Italo-Western eindeutig auf seine Kosten kommen. Wer Filme aber rein nüchtern betrachtet, Wert auf einen durchgängigen Spannungsbogen, eine stimmige Inszenierung, talentierte Schauspieler und ein anspruchsvolles Drehbuch legt, für den dürfte sich das Ganze bereits nach kürzester Zeit als das blanke Grauen herausstellen, denn neben dem bereits aufgezählten Irrsinn beinhaltet diese schräge Wild-West-Sause beispielsweise auch noch folgende Szenarien: Handelsübliches Stroh wird kurzerhand durch ein paar wenigen Revolverschüssen in Brand gesetzt, woraufhin wiederum eine ganze Farm lichterloh in Flammen aufgeht. Einer geknebelten Dame fehlt außerdem nach einem Bildschnitt urplötzlich der zuvor noch bombenfest gesessene Knebel und ein tödlich verletzter Aufpasser, der dem Tod aber vorrübergehend noch trotzt, darf erst in Frieden ruhen, wenn er seinem Auftragsgeber nach einem ellenlangen Ritt eine letzte Hiobsbotschaft übermittelt hat. Zu alledem wirken dann auch noch die Zweikämpfe improvisatorisch choreografiert, was dem Filmspaß aber wiederum eindeutig zu Gute kommt.  Und abschließend immer daran denken: "Nicht auf den Pianisten schießen!"

     

    Fazit: Ein höchst absurdes Westernvergnügen, das dennoch alles andere als staubtrocken daherkommt.

  • Autor: Richie Pistilli
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