Suchen

Sein Steckbrief ist kein Heiligenbild

Italien | Spanien, 1967

Originaltitel

El hombre que mató a Billy el Niño

Alternativtitel

L'homme qui a tué Billy le Kid (FRA)

...E divenne il più spietato bandito del sud (ITA)

I'll Kill Him and Return Alone (USA)

The Man Who Killed Billy the Kid

A Few Bullets More

Deutsche Erstaufführung

14. August 1970

Regisseur

Julio Buchs

Inhalt

Billy Bonney kann zwar die Vergewaltigung seiner Mutter vereiteln, tötet dabei allerdings den Peiniger, Tom MacGregor. Der überaus gute Leumund der MacGregors und ihr Einfluss auf die Gerichtsbarkeit zwingen Billy seinen Heimatort postwendend zu verlassen. Doch Peter MacGregor und seine Bluthunde spüren den (in die Rolle des vorsätzlichen Killers gezwungenen) jungen Mann schon bald auf, sodass Billy erneut aus Notwehr töten muss. Der Tod wird fortan zu Billys treuem Begleiter und Bonney wächst unaufhaltsam in die Rolle eines unbesiegbaren Revolverhelden. Als er in die Dienste des Ranchers John Tunstall tritt und später Gefühle für dessen Tochter, Helen, entwickelt, scheint sich für den jungen Mann, der das gesamte Leben noch vor sich hat, dasselbe zu normalisieren. Doch die Vergangenheit soll Billy schon bald wieder einholen und ihn erneut zu dem zwingen, was ihn zu einem gesuchten Outlaw machte: Zu töten!

Review

Billy the Kid! Nahezu jede/r kennt den Namen des wahrscheinlich ersten pin-up-boys aus dem Wilden Westen. Billy the Kid - der Mann, der Junge, das Kind für alle Fälle. Held wie Desperado, Hallodri wie Irrwisch, Killer wie Schürzenjäger. Dem nach seinem frühen Tod zum Säulenheiligen der Balladen avancierten Henry McCarty oder William H. Bonney oder wie auch immer man Billy nennen mag, wurde im Folgejahr, 1881, seines Ablebens bereits die erste Biografie gewidmet. Dessen Verfasser gab protzend an „Der Mann, der Billy the Kid erschoss“ zu sein, doch anstelle von Pat Floyd Garrett zeichnet Ashmun Upton, ein Journalist aus der Schule des New Yorker Herald sowie ein guter Freund Garretts, verantwortlich. Die Biografie zeichnet Patsy in verführerisch schillernden und Billy in den düstersten Farben. Leider prägte dieses zweifelhafte, phasenweise schlecht recherchierte und mit Scharlatanerie (Upton war entgegen seiner Behauptung niemals Logiergast bei Billys Mutter) verseuchte Werk für lange Zeit die allgemeinen Vorstellungen von diesen beiden Personen.

 

Aufgrund seiner ihm nachgesagten und von mir bereits angerissenen Vielseitigkeit wurde Billy the Kid zu einem Tausendsassa der Lichtspiele und deren Regisseure huldigten nahezu jede ihm (von Journalisten wie Literaten) zugeschobene Eigenschaft. Folglich bietet seine Filmografie ein opulentes (die Figur, Billy the Kid wurde freilich auch von der „Son of…- Welle“ erfasst) überwiegend von der Historie divergierendes Œuvre. Ein Genrevertreter, der zumindest phasenweise bemüht ist, Film und Historie in Einklang zu bringen, ist „El Hombre que mató a Billy el Niño“ („Der Mann, der Billy the Kid getötet hat“), in Deutschland auf den phantasiereichen und ikongrafisch nicht uninteressanten Titel „Sein Steckbrief ist kein Heiligenbild“ getauft.

 

„Ganz so wild ist der Westen nicht mehr.“ (Pat Garrett)

 

Kurz nach unserem Filmeintritt erfahren wir, gemäß einer kurzen Aufklärung seitens Pat Garrett, dass wir uns in der Zeit nach Billys Tod befinden, sodass uns der Regisseur, Julio Buchs, zu einem Trip in die Vergangenheit einlädt, um Billys Geschichte und die Umstände die zu seiner Ermordung führten zu erfahren. Da der bundesrepublikanischen Kinoversion satte 16 Minuten Laufzeit geraubt wurden, legt die Handlung ein Höllentempo vor. Dieserhalb und desterwegen wird dem Kern des Films, Billy the Kid, eine eher oberflächige Behandlung zugestanden und seine Neurose, deren Ursprung freilich dem zwangsläufigen Verlassen der Mutter geschuldet ist, sowie seine Übergangsriten (Billys Weg vom verängstigtem Jugendlichen zum Revolverhelden / Billys Weg vom Verlorenen zum Hoffenden) kommen in deutlich abgeschwächter Form beim Rezipienten an, was diesem (dem Rezipienten) die affektive Teilnahme am Geschehen erschwert.

 

Ferner schadet die Abwesenheit von mindestens zwei Filmszenen (1. Mark Travis oder Travers, Maurice, Rex, Herida und Horns treffen auf Billy / 2. Billy triff mit dem Gouverneur respektive mit dem General Wallace zusammen) gar dem allgemeinen Filmverständnis. Erste Szene beziehungsweise seine genannten Figuren repräsentieren einen Zusammenschluss von bezahlten Revolverhelden, die im Dienste von Jackson Murphy stehen, dessen Privatbesitz schützen und - wenn erforderlich - illegale Methoden (Mord inklusive) anwenden, um diesen (den Privatbesitz) zu vermehren. Seit dem Shelby County War bezeichnet man solch dubiose Gestalten als Regulatoren. Eine Spezies, der übrigens auch der wahre Billy angehörte. Er (Billy) jagte und tötete im Zuge des Lincoln County War gemeinsam mit weiteren Regulatoren die Mörder von John Tunstall, was innert „Sein Steckbrief ist kein Heiligenbild“ Film ja auch gezeigt wird. Zur zweiten erwähnten Szene sei ergänzend gesagt, dass der wahre Gouverneur Wallace einen nicht unbedeutenden Platz in der Literatur einnimmt, denn er ist der Autor von „Ben Hur“. Resümierend ist festzuhalten, dass der Cinerama-Verleih anhand seiner Kürzungen einen ganz gewaltigen Mist angerichtet hat und diesem, im Original überaus ordentlich inszeniertem Western, mehr Schaden als Nutzen zugefügte.

 

Julio Buchs, der 1969 mit „Um sie war der Hauch des Todes“ nicht nur persönliches Glanzstück, sondern gar einen der besten Italo-Western überhaupt inszenieren sollte, hat mit Peter Lee Lawrence für Rolle des Billy the Kid eine vorzügliche Wahl getroffen. PLL war zum Entstehungszeitpunkt des Films 23 Jahre alt, sah allerdings bedeutend jünger aus, sodass er der Rolle definitiv gerecht wird. Es ist die Rolle respektive die Geschichte eines jungen Burschen, der in Notwehr einen Menschen tötet und damit einen Impuls auslöst, der sich auf den symbolischen ersten Dominostein überträgt, welcher seine Standfestigkeit verliert und im Zuge dessen eine Kettenreaktion (ein Mord folgt dem nächsten) sowie einhergehende Bewegung (die Flucht) auslöst und schlussendlich im Stillstand (Billys Tod) enden muss.

 

„Ich habe ihn nicht getötet, aber es war sein Schicksal jung zu sterben.“
(Pat Garrett)

 

In der Tat skizziert Buchs Pat Garrett als einen sauberen Charakter. Seine Zeichnung divergiert also vom historischen Meuchelmörder Pat Garrett. Doch will der Regisseur weniger der Historie als viel eher der Legendenbildung einen Streich spielen. „El Hombre que mató a Billy el Niño“, zu Deutsch „Der Mann, der Billy the Kid getötet hat“, verweist unverkennbar auf „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“. Ford ließ innert seines Films die Lüge zur Realität werden, Stoddard sei derjenige, der mit Liberty Valance den Mann erschoss, der den alten, den unzivilisierten Westen allegorisierte. Jene Lüge ist den Töchtern und Söhnen der Eroberer zum Heiligtum geworden und es gilt die Legende zu bewahren, ja, zu schützen, da sie einen entscheidenden Zeitpunkt, den der endgültigen Zivilisierung des einst so wilden Westens reflektiert. An eben diesem Punkt setzt Buchs an. Er räumt mit der allgemeinen Ansicht, Pat Garrett sei der Heroe, der den rücksichtslosen und überwiegend verhassten Revolverhelden, Billy the Kid, der Schädling im Triebwerk der Zivilisierung, erschossen hat, auf, verkündet den Nachkommen der einstigen Pioniere die Wahrheit und zerstört jählings die Legende vom dem (!) Mann, der Billy the Kid getötet hat.

 

Fazit: Ob freudestrahlend, sarkastisch oder kaltblütig. Ob Draufgänger, Rebell oder Psychopath. All diese Billys zogen erfolgshungrig in die Welt der Lichtspiele und evozierten beim Zuschauer Empfindungen, die zwischen Bewunderung, Sympathie und Abneigung chargier(t)en. Der deutschdemokratische TV-Titel von King Vidors 1930er William H. Bonney-Verfilmung bringt die Beschaffenheit der populärsten aller Westernfiguren kurz wie knackig auf den inflationär zitierten Punk: „Billy the Kid - geächtet, gefürchtet, geliebt“. Julio Buchs (wie vornehmlich Peter Lee Lawrence) ist es gelungen, diese drei Eigenschaften erfolgreich unter einen Hut zu bekommen und einhergehend ein Western-Vehikel zu kreieren, das sich - besonders (!) in seiner ungekürzten Originalversion - im oberen Drittel der zahlreichen, mal poppig („Young Guns“), mal genial („Pat Garrett jagt Billy the Kid“), mal asozial („Dreckiger, kleiner Billy“) gefärbten, lichtspielerischen Billy the Kid-Adaptionen ansiedelt.

Veröffentlichungen

Die Bildqualität der DVD ist, trotz des zeitweise auftauchenden Rotstichs, sehr gut und der deutsche Ton weißt nur wenige Lücken auf. Die fehlenden Szenen der italienischen Originalversion sind deutsch untertitelt und können innerhalb der Extras aufgerufen respektive konsumiert werden. Die Veröffentlichung verzichtet auf Verpackungs- und Limitierungsschnickschnack, liefert ein wunderschönes Covermotiv und ist für kleines Geld zu erwerben. Kurz und knapp: Ulrich Bruckner schont den Geldbeutel der Filmfans uns lässt es trotzdem mächtig krachen. So soll es sein!

Links

OFDb
IMDb

Bitte Kommentar schreiben

Sie kommentieren als Gast.