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Ein Schuss zuviel

Italien | Spanien, 1968

Originaltitel:

Dos hombres van a morir

Alternativtitel:

Ringo, il cavaliere solitario (ITA)

Two Brothers, One Death (USA)

Ringo, the Lone Rider (USA)

Inhalt

Der Sezessionskrieg ist beendet! Die Konföderation hat kapituliert! Aber nicht Bill Anderson, der fortan gemeinsam mit seinen Halsabschneidern marodierend durch Missouri zieht. Der Dixielandterror wirkt sich freilich auf den industriellen Aufschwung aus und Missouri hinkt den anderen Unionsstaaten deutlich hinterher. Um dem Stagnierungsprozess Einhalt zu gebieten beauftragen die Stadtväter die Pinkerton-Agentur, sich der Sache anzunehmen. Kurze Zeit später tauchen zwei Unbekannte in Springfield (?) auf, die für weiteren Ärger sorgen. Handeln die ominösen Fremden im Auftrag von Allan Pinkerton? Oder sind sie zwei blutdurstige Abgesandte von Bill Anderson?

Review

Das Ende des Sezessionskriegs bedeutete das Ende der Verwilderung sowie den einhergehenden Aufbruch. Eroberung und Zivilisierung wurden fortgesetzt, auf das sich Amerika neu schaffen und die frontier weiter ausdehnen konnte. Der Eisenbahnbau boomte und aus den Erdböden schossen neue Städte und Industrien empor. So besagt es jedenfalls die eine Seite der Medaille, denn auf der anderen Seite reflektierte das Ende des Sezessionskriegs ein Weiterregieren der alten Feindschaften und längst nicht das Ende aller Kämpfe. Schließlich wurden viele Konföderierte mit Kriegsende zu heimat- und perspektivlosen Veteranen, die sich nicht den Siegern fügen wollten. Für sie avancierte William Quantrill (in den Balladen gefeiert, in den Lichtspielen meist zum Schweinehund degradiert) zu einem Indikator, um über das Jahr 1865 sowie Quantrills Ableben hinaus einen Kleinkrieg zu führen und im Namen der, ihrer Ansicht nach, unbesiegbaren Konföderation zu rauben und zu morden. Um die Rekrutierungschancen zu maximieren und harte Dollars in Aussicht zu stellen, kreierte Fletcher Taylor, in dessen Abteilung auch Jesse James ritt, den Schlachtruf „Join Quantrill and rob the banks“.

 

Rafael Romero Marchent orientierte sich lose an den umrissenen historischen Fakten, und konstruierte jene Outlaws, die in seinem 1968er Western-Vehikel („Ein Schuss zuviel“) ihr Unwesen treiben. Die Gestaltung ihres Anführers, Bill Anderson, ist allerdings weniger an William Quantrill angelegt, als wesentlich eher an William T. Anderson, besser bekannt als Bloody Bill. Da der Partisanenführer (Bloody Bill) jedoch während des Sezessionskriegs in die Ewigen Jagdgründe einmarschierte, und die Handlung des Films nach den kolossalen Gefechten (zwischen 1861 und 1865) spielt, sollte jedem klar sein, dass es sich um eine rudimentäre Personenzeichnung handelt.

 

Von einer annähernd einschläfernden Musikkomposition begleitet treten wir in Marchents Westernvehikel ein und lassen unser Auge von einer gut fotografierten Landschaft verwöhnen. Wir sind im Nachkriegs-Missouri angelangt und müssen feststellen, dass die Luft von Blei durchzogen und der Erdboden mit Blut getränkt ist, denn Bill Anderson und seine Rebellen piesacken das Land mit ihrem unbarmherzigen Habitus, da sie die Niederlage der Konföderation nicht akzeptieren. Auch manch pfiffiger Geschäftsmann, wie Major Corbett, hat seine Probleme mit dem Sieg des Nordens. Schließlich waren die Geschäfte im Süden einst wesentlich ergiebiger und niemand besaß die Vorstellung, dass Schwarze genauso viel wert seien wie Weiße. Und wer (wie Corbetts Tochter Lucy) nicht mit dieser Meinung konform geht, der hat (lt. Corbett) wahrscheinlich zu intensiv Harriet Beecher Stowes literarische Auflehnung gegen die Sklaverei „Onkel Toms Hütte“ (allein der Besitz des Buchs wurde in den Südstaaten als äußerst heikel etikettiert, da Tom keinen Aufrührer, sondern das bemitleidenswerte Opfer darstellt, über dessen Schicksal selbst mancher Rassist eine Träne vergießen konnte und kann) gelesen.

 

Ungeachtet dieses süffisanten Einwurfs findet dass Thema Sklaverei keine weitere Erwähnung, sodass sich die zentrale Filmposition über Bill und seine „Aasgeier“ definiert. Die(se) Gesetzlosen werden, von einem inneren Ansporn (dem Überlebenstrieb) zur Bewegung in Form von Raubzügen gezwungen. Ihre praktizierten Straftaten provozieren freilich ein stetiges Eskalieren der äußeren (ihre Existenz bedrohenden) Einflüsse, sodass die Outlaws wiederum zur topografischen Bewegung (die Bewegung als Flucht) gezwungen werden. Überdies bietet der Ort Missouri, an dem Aufbruch, Zivilisierung und der restliche Pipapo zur inflationären Ausbreitung ansetzen, eh keinen Platz für gesetzlose Kriegsveteranen! Keinen Platz für den gesellschaftlichen Abschaum! Folglich schwärmt Bill von einem Land, in dem es noch keine Landwege, keine Eisenbahn und keine Pinkertonspione gibt. Ein (noch!) zivilisationsfreies Areal, das irgendwo im Westen liegt. Die Wahl jener umrissenen Zielrichtung lässt sich wohlmöglich damit begründen, dass beispielsweise Nebraska, Montana, Wyoming und Utah nach Ende des Sezessionskriegs (1865) nicht als Bundesstaaten firmierten und somit den Outlaws ein interessantes Einsatzgebiet offerierten. Der Simmel würde diesen Sachverhalt wahrscheinlich mit: „Es muss nicht immer Mexiko sein“ umschreiben.

 

Um die Figuren und Charaktere (die später für mehr oder weniger überraschende Wendungen sorgen) vorzustellen, benötigt die Expositionsphase bereits ein Drittel der Filmspielzeit. Währenddessen stechen die außerhalb der Bande stehenden Figuren: Captain Blythe, ein ehemaliger Yankee-Offizier, Daniel G. Samuelson, ein Kopfgeldjäger, der sich als Geschäftsmann ausgibt, sowie das Bandenmitglied Kid, der divergierend zu seinen Kollegen Skrupel annimmt und zum Zweifler wird, besonders hervor. Das Spannende an diesen Personen ist, dass ihre wahren Identitäten sowie ihre Beziehung untereinander stets in der Schwebe bleiben, was manch Roten Hering behände um den Angelköder des Petrijüngers schlängeln lässt. Dieses Spiel zeigt sich als ein wichtiger Bestandteil des Films, da wilde Schießereien in Marchents Western eher sekundär geprägt sind. Die unmittelbare Wirkung der bleiernen Boten des Todes wird halt nicht immer visualisiert, sodass eine an das Massaker von Centralia angelehnte Tötungsarie nur auf der Metaebene abläuft.

 

Fazit: Wenn sich Quantrill und der Blutige Bill zu einem Tässchen Muckefuck in der vegetationsarmen Prärie treffen, dann schauen gar die Geister von Frank, Jesse, Cole und Billy the Kid vorbei, um anschließend gemeinsam mit ihren Gastgebern ein Kapitel der amerikanischen Geschichte zu illustrieren, welches nicht wirklich mit den historischen Fakten konform geht. Darüber kann, sollte, müsste jedoch jeder halbwegs erfahrene Wohnzimmer-Pistolero easy und entspannt hinwegsehen, denn ungeachtet dieser Lappalie macht Marchents 68er IW, der mit einer guten Landschaftsfotografie sowie einem ebenso gut agierenden Piero Lulli punkten kann, unter dem Strich einen besseren Eindruck, als es ihm sein doch eher bescheidener Ruf nachsagt.

 

PS: Da es „Dos hombres van a morir“ nicht die bundesrepublikanischen Lichtspieltheater erreichte, wurde der Film mit einer annehmbaren deutschen TV-Synchronisation (unter anderem mit Erich Räuker besetzt) ausgestattet. Mit einer Kinosynchronisation der seinerzeit populären bundesrepublikanischen Studios hätte der Film möglicherweise auch bei den griesgrämigen Heimkino-Compañeros dazu gewinnen können.

Links

OFDb
IMDb



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