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Mondo Nudo - Nackte Welt

Italien, 1962

Originaltitel:

Le città proibite

Deutsche Erstaufführung:

10. Januar 1964

Review

Nachdem ich kürzlich „Die Rache der Borgias“ besprochen habe, folgt heute ein weiteres Werk aus Giuseppe Maria Scoteses Regie-Oevre. Eine Inszenierung, die für den italienischen Kinoeinsatz auf den Namen „Le città proibite“ („Die verbotenen Städte“) getauft und in der Bundesrepublik mit dem präzisierenden Mondosiegel („Mondo nudo“) ausgestattet wurde. Hinter dem reißerischen Terminus verbirgt sich jedoch lediglich ein handzahmer, aus Archivmaterial und Ateliersaufnahmen zusammenmontierter Mondofilm, dessen Bildkompositionen von strotzender Nacktheit und jeglicher Perversion befreit sind und dementsprechend - zumindest gegenwärtig - keinerlei Anstößigkeiten transportieren.

 

Wer sich auf die Suche nach Kritiken zu „Mondo nudo“ begibt, der/die wird keine reiche Beute einfahren. Die von Filmdienst und Co. verzapften Rezensionen offerieren in letzter Konsequenz die erwartet exemplarische Oberflächigkeit, welche von den üblichen wie kontinuierlich eingesetzten Schlagworten - „Amerika“, „Asien“, „Elendsviertel“ - durchsetzt sind und ergo das plakative Konzept der Boulevardpresse reflektieren. Wer sich dem Medium Film verschrieben hat und dessen Kinder rezipiert, der sollte diese Aufgabe mit etwas mehr Hingabe angehen. Eindimensionale Kurzkritiken von Journalisten, die den erwähnten Film entweder nicht richtig verstanden oder ggf. erst gar nicht geschaut haben, benötigt (BILD-Leser und Verschwörungstheoretiker ausgegliedert) keine Menschenseele. Nun aber genug der Vorrede, denn der Flieger ist startbereit, um das Amüsement innert einer „Nackten Welt“ zu erforschen.

 

Nach einem kurzen Abriss über die Historie des maskulinen Werbens um die Gunst holder Weiblichkeit, erfahren wir, dass der klassische Kavalier und seine umgarnte Herzdame in den 1960ern zum Beatnik respektive zum „Steilen Zahn“ transformiert sind. Anschließend zentralisiert „Mondo nudo“ das bereits erwähnte (globale) Amüsement. Die einhergehend evozierte Bewegung beschert uns Stippvisiten in Nord- und Südamerika, Asien, Europa sowie Afrika. Der währenddessen artikulierte Filminhalt lässt sich nach meinem Dafürhalten in zwei Akte gliedern. Der erste Akt visualisiert das feuchtfröhliche Nachtleben von Rio de Janeiro und setzt diesem den brutalen Alltag von Hongkong entgegen. Das Spiel von lateinamerikanischer Ausgelassenheit erhält mit dem Schwenk nach Asien eine deutliche Abkehr. Die Sampan Flowers (die Prostituierten auf den schwimmenden Bordellen im Duftenden Hafen) handeln aus der Not heraus und bieten ihre Sexdienste für wenig Geld an. Sie sind nicht, wie zuvor (Nachtclub Rio de Janeiro) dargestellt, die unerreichbaren Objekte eines maskulinen Voyeurismus, denn die Lust am Schauen ist einer puren Fleischeslust gewichen, die von den als Konsumgüter etikettierten Sampan-girlies jederzeit befriedigt wird. Freilich ist das keine revolutionäre Erkenntnis! Mir ging es bei der Umschreibung lediglich darum: Den im Film (!) dargestellten (auch in der damaligen Realität nicht existierenden, man denke an den Rotlichtbezirk Vila Mimosa in Rio de Janeiro) Kontrast zwischen den Amüsierzentren von Rio zu den Elendsvierteln von Hongkong zu veranschaulichen.

 

Nachfolgend befreit sich der Film von dieser „kritischen“ Coleur und läutet gleichlaufend den zweiten Akt ein. Fortan regieren die Leichtigkeit sowie ein (mithilfe des deutschen Off-Kommentars hervorgerufener) zarter Sarkasmus. Das nun dargestellte Amüsement beschränkt sich weitestgehend auf den Tanz. Tanz = Can Can = Beine. Nahaufnahmen von hin und her schwingenden Extremitäten als Allegorie der Bewegung, die Triebfeder eines Mondofilms mit der sich topografische Distanzen spielend leicht überwinden lassen, um das zentrale Thema der entsprechenden Vehikel zu globalisieren und simultan zum emsigen Chargieren zwischen den Kontinenten, die jeweiligen Völkerkulturen zu ergründen. Die Fahndung nach den Kulturkontrasten bleibt jedoch ertraglos. Das Amüsement erreicht gemäß Giuseppe Maria Scotese und dem bundesrepublikanischen Off-Kommentar (ich weiß freilich nicht, was der Originalton propagiert) ein relativ deckungsgleiches Gesamtbild. Das reiche Feld, welches der, das Amüsement permanent begleitende Tanz (der eigentlich als zuverlässige Basis für eine fruchtende kulturelle Divergenzdechiffrierung fungieren kann) offeriert, wird leider nicht von Scotese beackert. Ausdruck und Zivilisierung des Tanzes sind demgemäß nicht gefragt. Scotese konzentriert sich stattdessen auf das (den Tanz umschließende) Drumherum, wie das Gesellschaftliche (Wandel inbegriffen) und das Juristische (das Wachen über Sitte und Moral). Letztgenanntes erhält innert eines set piece, angesiedelt in einem Londoner Nachtclub, gar eine von Erfolg gekrönte, sarkastische Interpretation. Die in zeremonielle Richterkleider gehüllten und mit Allongeperücken geschmückten Protagonisten einer erotischen Theateraufführung sprechen von verbotener Nacktheit, zitieren die „männerfressende“ Femme fatale auf die Anklagebank und verurteilen die kühle wie gerissene Verführerin zu zwanzig Peitschenhieben, um die Legionen sündhafter Weibsbilder symbolisch zu strafen. Diese kurze Episode liefert den interessantesten Filmbestandteil, da sich ein Seitenhieb in Richtung staatlicher Zensurmaßnahmen enkodieren lässt.

 

Während unserer weiteren Aufenthaltstationen wie New York, Tokio, Spanien, Mexiko, Schottland und Malaysia werden wir eigentlich nur mit Belanglosigkeiten konfrontiert. Diese Nichtigkeiten erfahren mithilfe des deutschen Kommentators, der beispielsweise eine japanische Tanzgruppe, die den Can Can vorträgt, als gelbe Gefahr suggeriert, eine Auflockerung wie Aufwertung, sodass die wiederum farblose Gefahr einer Lethargie erfolgreich abgewehrt wird.

 

Fazit: Was in den 1960ern obszön, potentiell abscheuerregend oder auf sonstige Weise anstößig mutete, besitzt heute keinerlei Provokationspotential, denn der von Scotese transportierte Voyeurismus hat jegliches Rüstzeug, der ihn (den Voyeurismus) für eine Tabuisierung qualifizieren könnte, verloren. „Mondo nudo“ ist nicht mehr als reiner Plumpaquatsch, welcher allerdings keine Zweifel an seiner individuellen Verschrobenheiten sowie seinem einhergehenden speziellen Charme aufkeimen lässt. Wer dem - ich gebe zu, nicht immer politisch korrektem - Off-Kommentar Rassismus und Herrenmenschenideologien unterstellt, den schlage ich dennoch umgehend für den Uwe Nettelbeck-Preis in Silber vor! 

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