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Luzifers Tochter

Frankreich | Italien, 1957

Originaltitel

Retour de manivelle

Alternativtitel

Os Covardes Também Amam (BRA)

Delitto sulla Costa Azzurra (ITA)

Segredo Escandaloso (POR)

There's Always a Price Tag

Deutsche Erstaufführung

27. September 1957

Inhalt

Der vermögende Geschäftsmann Eric Fréminger vernachlässigt seine Firma mehr und mehr, da er seit einiger Zeit dem Alkohol verfallen ist. Als man ihn aus dem Unternehmen drängt, fürchtet er den Zugriff seiner Gläubiger und heckt einen raffinierten Plan aus: Er will Selbstmord begehen, um seiner Frau Hélène die Lebensversicherungssumme von 300 Millionen Francs zukommen zu lassen, allerdings muss sie seinen Tod wie einen Mord darstellen, damit sie in den Genuss des Geldes kommt. Der neue Chauffeur Robert soll ihr dabei behilflich sein...

Review

Die ruchlose, gefühlskalte Frau, deren Streben nach Vermögen über Leichen geht, ist ein beliebtes Motiv der Filme der sogenannten "Schwarzen Serie". Ihr präziser Verstand und ihr attraktives Äußeres sorgen fast immer dafür, dass sie einen männlichen Helfer für ihre finsteren Pläne findet, wobei sich ein Abhängigkeitsverhältnis entwickelt, das am Ende beide Seiten in den Abgrund reißt. "Crime doesn't pay!" lautet das zufriedene Motto der Sittenwächter, für welche diverse Elemente des Gangster- und Spannungsfilms moralwidrig sind und deshalb nach einer reglementierenden Lösung verlangen. "Luzifers Tochter" scheint denselben Weg zu gehen wie sein amerikanischer Stilverwandter "Double Indemnity - Frau ohne Gewissen", wartet allerdings mit einigen Besonderheiten auf, die den Verlauf doch komplizierter machen als es zunächst den Anschein hat. Bemerkenswert ist vor allem, dass sich der Film viel Zeit lässt, um seine Geschichte zu erzählen. Der Plan des Paares benötigt Muße, um zu reifen; eine schnelle, überhastete Entscheidung würde den Erfolg gefährden und sie der Polizei ausliefern. Das Erbe des Eric Fréminger ist teuflisch: Wer die Millionen bekommen will, muss sich wie ein Spitzentänzer auf vermintem Gelände bewegen, ein falscher Schritt kann das Ende bedeuten. Die Rätselaufgabe, welche mit dem Tod des ungeliebten Ehemanns im Raum steht, belastet die ohnehin angespannte Atmosphäre des weitläufigen Anwesens, das nur den Geldwert der Liegenschaft widerspiegelt, ohne den Personen ein Heim zu bieten. Jeder Winkel erzählt von dem Spekulationswert des Besitzes, der Sicherheit darstellen soll, für die Anwesenden jedoch eine kalte, leere Schale bleibt, in der sie sich wie ferngesteuert zu bewegen scheinen. Die Aussicht auf ein immenses Vermögen lässt den Gedanken an Flucht versiegen und mobilisiert neue Kräfte, die angesichts der belastenden Ehe-Situation schon mehrfach zum Erliegen kamen. Alles Negative scheint nun wenigstens den Sinn gehabt zu haben, am Ende in den Genuss der totalen Unabhängigkeit zu gelangen, die über Jahre der Demütigungen und der Selbstaufgabe hinwegtrösten soll. Die Entschlossenheit, nun keinen Fehler zu begehen, der alle Opfer umsonst werden lässt, schwingt in jedem Satz mit - bei einer ohnehin sehr beherrschten Herrin des Hauses. Emotionen scheinen nur hinter verschlossenen Türen bzw. in verhärteten Herzen stattzufinden. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis es zur Eskalation kommt und sich die angestaute Energie ein Ventil sucht.

 

Michèle Morgan verfügt über die eisige Distanz, welche für die Rolle vonnöten ist und perfektioniert das Bild der undurchschaubaren Komponente der Handlung. Wirkt sie zu Beginn abweisend, beherrscht und desinteressiert, so wandelt sich dies, als sie die Möglichkeit wahrnimmt, den Lauf der Dinge selbst zu bestimmen und eine sich bietende Gelegenheit zu ihrem Vorteil zu ergreifen. Daniel Gélins Mimik verrät noch weniger als jene seiner minimalistischen Kollegin. Er eignet sich vorzüglich als ausführendes Organ von Plänen, die andere geschmiedet und Ideen, die er nicht ersonnen hat. Die Gefahr, dass diese passive Bereitschaft eigene Gedanken verfolgt, nimmt mit dem Fortschreiten der Handlung zu und sorgt für einen Unsicherheitsfaktor, der unter der glatten Oberfläche ausharrt und auf seine Stunde wartet. Peter van Eyck, den man im Allgemeinen entschlossen, beharrlich und latent aggressiv wahrnimmt, tritt in der für ihn ungewohnten Ausgangsposition des Gescheiterten auf. Zunächst verliert er seine Selbstachtung, dann seine Führungsposition in der Firma und schließlich sein Leben. Die Ambivalenz seiner Figur macht es dem Zuschauer nicht leicht, einen Punkt zu finden, der eine Möglichkeit der Identifikation bietet und aus dem angeblichen Wissensvorsprung einen Sympathiebonus macht. Nicht alle dramaturgischen Kniffe werden vom Publikum honoriert, das sich mehrfach aufs Neue orientieren muss, nachdem es durch Wendungen in der Geschichte irritiert wurde. Als sich die Kriminalpolizei einschaltet, versucht das perfide Pärchen, andere in Verdacht zu bringen und erweist sich zunehmend als skrupellos und eigennützig. Die Figur des Kommissars spielt mit den Klischeevorstellungen des durchschnittlichen Beamten mit beachtlicher Berufserfahrung, der sich die Freiheit nimmt, nicht mehr nach Vorschrift zu funktionieren, sondern sich sein Urteil aufgrund von bestätigten Einschätzungen seiner Mitmenschen zu bilden. Die Optik besticht durch eine großzügige Gestaltung erlesener und distanziert wirkender Interieurs, die innerhalb des Wechselspiels zwischen Licht und Schatten für den angemessenen Rahmen sorgen. Die großzügig anberaumte Laufzeit der Originalfassung unterstützt den Eindruck eines schwarzen Kriminaldramas, das sich intensiv auf das Spiel seiner Darsteller konzentriert und ihren persönlichen Radius nach Bedarf ausweitet. Die Psychologie eines Mordes erweist sich dabei als ergiebiges Sujet, aus dessen sprudelnder Quelle einige der elegantesten Meisterwerke der Filmgeschichte entstanden sind, was erklärt, warum sich so viele namhafte Regisseure und Schauspieler in den Dienst des mysteriösen Genres stellten.

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