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FacCIA di spia - Die blutigen Akten des C.I.A.

Italien, 1975

  • Originaltitel: Faccia di spia
  • Alternativtitel:

    A História Secreta da CIA (BRA)

    Face d'espion CIA (FRA)

    FacCIA di spia - The Secret Files of the CIA

    C.I.A. Secret Story

  • Regisseur: Giuseppe Ferrara
  • Kamera: Mario Masini
  • Musik: Manos Hatzidakis
  • Drehbuch: Giuseppe Ferrara
  • Inhalt:

    „Faccia di Spia“ (Gesicht der Spione) ist ein dokumentarischer Spielfilm, der sich mit Geschichte und Machenschaften der C.I.A. beschäftigt. Anhand von Revolutionen, politischen Morden, Folterungen und verdeckten Terroranschlägen wird aufgezeigt, wie die C.I.A. international die Interessen der amerikanischen Wirtschaft gewaltsam durchsetzt, immer vor dem Hintergrund eines Kampfes gegen den Kommunismus, vorgeblich geführt, um die Welt vor dem Kommunismus zu schützen. Doch die Wege der C.I.A. sind mit dem Blut Unschuldiger getränkt.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Regisseur Giuseppe Ferrara möchte ich trotz kurz geratener Filmographie als einen der wichtigsten politischen Autorenfilmer Italiens bezeichnen. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Die hundert Tage von Palermo“ (Cento giorni a Palermo, 1984), „Die Affäre Aldo Moro“ (Il caso Moro, 1986) und „Giovanni Falcone“ (1994). Neben ein paar Kurz- und Dokumentarfilmen zwischen 1960 und 1973 inszenierte er 1969 für die Produktionsfirma Cine 2000 mit Geldern von Gigi Martello seinen ersten Spielfilm „Il sacco in bocca“, welcher in dokumentarischem Stil Ereignisse aus der Geschichte der sizilianischen Mafia erzählt und diese mit Theorien über die Zusammenarbeit zwischen italienischer und amerikanischer Mafia und deren Verbindungen zum Mord an dem Christdemokraten Enrico Mattei verknüpft. Nennen wir es spekulative Dokumentation, womit wir auch eine Verbindung zum Mondo-Film und zum 1975 ebenfalls von Gigi Martello produzierten „Faccia di Spia“ hätten.

     

    „Faccia di Spia“ ist kein Mondo, dafür ist das Projekt viel zu ambitioniert. Dazu muss man nur mal einen Blick auf die Idee dahinter (die gesammelten Sauereien der C.I.A. in 105 Minuten verpackt!) und die hochkarätige Darstellerriege werfen. Und doch ist das Endergebnis schwierig. Viel Wissen wird vorausgesetzt, also hat man sich offenbar eine gebildete Zielgruppe vorgestellt. Diese verschreckt man aber durch Gewaltdarstellungen, die wirklich expliziter als nötig erscheinen. Und dann ist da diese Mischung: sehr viele Fakten, vermischt mit…Theorien. Ganz ehrlich, ich bin der Erste, der geneigt ist zu glauben, dass diese durchaus den Tatsachen entsprechen könnten, denn Ferrara saugt sich diese keinesfalls aus den Fingern. Es sind seine persönlichen Überzeugungen und Erfahrungen, die ihn dazu neigen lassen, dem jeweils schlimmsten zur Verfügung stehendem Szenario den Vorzug zu geben. Und vermutlich hat er damit gar recht, aber in einem Film mit dokumentarischem Anspruch ist so etwas schwierig. Und überdies hat „Faccia di Spia“ ein kleines Pathos-Problem, dazu am Ende mehr.

     

    Fairerweise sollte man erwähnen, dass der Film im Italien der Siebziger entstand, als Terroranschläge und Terrorprozesse dort in aller Munde waren und einige der erwähnten Theorien sich im Laufe der Zeit bestätigt haben. Ich greife mal ein eher einfaches Beispiel heraus. Am 12. Dezember 1969 explodierte an der Piazza Fontana in Mailand eine Bombe in der Banca dell’Agricultura (Landwirtschaftsbank), 17 Menschen wurden dabei getötet, 88 verwundet. Die politische Hintergrundsituation war die, dass sogenannte Linke, Anarchisten oder Kommunisten bei der italienischen Bevölkerung nicht wenig Sympathien genossen, und das wollte man ändern. Ein Terroranschlag mit vielen zivilen Opfern musste her, damit die Sympathien der Bevölkerung sich anderen zuwenden. Es war in der linken Szene – schon damals – keineswegs ein Geheimnis, dass die italienischen Behörden von der C.I.A. „beraten“ wurden, und bei den Linken zweifelte niemand daran, dass der Bombenanschlag an der Piazza Fontana von Rechtsextremisten begangen wurde, die von der C.I.A. finanziert und von der italienischen Regierung unterstützt wurden. Wen wollte man also überzeugen? Die politische Mitte, sehr zur Freude der Faschisten. Giuseppe Ferrara erzählt diese Geschichte – eine der längeren Episoden des Films – am Beispiel von Giuseppe Pinelli, gespielt von Riccardo Cucciolla. Pinelli war im Zuge der Ermittlungen zu genanntem Bombenanschlag mit vielen anderen verhört worden, während des Verhörs starb er angeblich durch einen freiwilligen Sturz aus dem Fenster. Lücke: Giuseppe Ferrara setzt voraus, dass jeder Zuschauer weiß, dass die verhörenden Beamten (angeführt von Commissario Luigi Calabrese, welcher 1972 seinerseits ermordet wird, nach Ferraras Theorie vom C.I.A.) wegen Mordes angeklagt, allerdings freigesprochen wurden. Jahrzehnte nach „Faccia di Spia“ geht diese Schmuddelgeschichte allerdings noch weiter, denn es werden wiederum frühere linke Aktivisten des Mordes an Luigi Calabrese angeklagt. Und Calabrese, der mit Sicherheit ein Mörder war, erhielt posthum die Tapferkeitsmedaille und schlitterte nur knapp an einer nachträglichen Seligsprechung vorbei. Papst Paul VI. ernannte ihn allerdings zum „Ehrwürdigen Diener Gottes.“

     

    Erst lange nach Ferraras Film bestätigt sich zumindest die Theorie zu den Urhebern des Bombenanschlags: der wurde tatsächlich verübt von der faschistischen Ordine Nuovo, verurteilt wurden die Täter gibt es allerdings erst im Jahre 2001 – und in der Berufung wieder freigesprochen. Kaum erwähnt in Ferraras „Faccia di Spia“ wird dagegen der ursprünglich des Bombenanschlags angeklagte Pietro Valpreda, der erst 15 Jahre nach Prozessbeginn (!) aus Mangels an Beweisen freigesprochen wurde. Solche Dinge muss der Zuschauer eben selbst wissen. Soviel zu meinem „einfachen Beispiel.“ Ich denke, jetzt ahnt jeder, mit was für Problemen man bei „Faccia di Spia“ rechnen muss. Man kann die Geschichte des C.I.A. nicht in solch kurzen Episoden abhaken, da fehlt so gut wie alles, und wenn dann noch ergänzend eigene Theorien hinzugefügt werden, wird es für den geschichtsinteressierten Zuschauer eine harte Nuss, Fakten von Phantasie zu unterscheiden.

     

    Nichtsdestotrotz ist es Ferrara gelungen, die einzelnen Episoden in einen zusammenhängenden Kontext zu bringen, den ich kurz vor Ende des Texts zusammenfassen will. Nach ein paar wohl in Nordvietnam angesiedelten Enthauptungen während des Vorspanns (belegt durch Originalfotos) beginnt der Film mit der Gründung der C.I.A. im Jahre 1947 und dem Militärputsch in Guatemala von 1954, bei dem die Interessen der United Fruit Company bedient wurden. Zahlreiche involvierte US-Politiker und C.I.A.-Executives waren hierbei selbst Aktionäre, bedienten letztendlich also auch ihre eigenen Interessen. Mithilfe der misslungen Kuba-Invasion (1961) verschafft Ferrara zwischen den folgenden Episoden nun eine Verbindung: den Kampf der C.I.A. gegen den Kommunismus. Nach der Ermordung John  F. Kennedys (die Theorie von den drei Schützen und Verbindungen zum Mafiosi Ruby und Oswald als Scapegoat) geht es weiter zu Mehdi Ben Barka, gespielt von Francisco Rabal. Ferrara stellt den marokkanischen Exilpolitiker als Verwalter von Devisen für kommunistische Bewegungen dar, weswegen er bei Ferrara auch ermordet wird (1965). Es folgt eine längere Episode über Che Guevaras (gespielt von Claudio Camaso) Ermordung in Bolivien (1967). In den Vordergrund stellt Ferrara aber die Story von Tamara „Tania“ Bunke, gespielt von Mariangela Melato. Kurz gestreift wird auch die Existenz von Monika Ertl, welche von der deutschen Boulevardpresse als „Che Guevaras Rächerin“ bezeichnet wurde.

     

    Nun folgt die berüchtigste Episode des Films, welche diesem meiner Ansicht nach schadet. Wir wissen, dass der C.I.A. Schulungen veranstaltet hat, in denen man Diktatoren und Militärregimes gezeigt hat, wie man richtig foltert. Aber Ferrara geht zu weit. Neben Verstümmelungen und Blutfontänen lässt er es sich nicht nehmen, bei einer Vergewaltigung den Täter mit einem (falschen) Penis in der Hand zu zeigen, einer anderen Frau wird ein Aal in die Vagina eingeführt. Damit hat Ferrara sein angedachtes intellektuelles Publikum doch etwas vor den Kopf gestoßen, und plötzlich entsteht der Eindruck, dass wir uns eben doch in einem Mondo-Ableger befinden. Nicht gut, und hat dem Film trotz nichtexistenter deutscher Fassung eine Beschlagnahme nach §131 eingefahren.

     

    Anschließend geht es „Faccia di Spia“ mit der bereits näher beschriebenen Episode um den Bombenanschlag an der Piazza Fontana und der Ermordung Pinellis weiter. Drauf folgt der Fall Giangiacomo Feltrinelli, ein italienischer Verleger mit zahlreichen Kontakten zum linken Untergrund welcher 1972 angeblich bei einem „Unfall“ zu Tode kam. Bei einem Versuch, einen Hochspannungsmast zu sprengen, habe er sich selbst in Stücke gesprengt, so die offizielle Version – eine Version, die sich als unhaltbar erwies aber trotzdem nie näher weiterverfolgt wurde, weshalb es Ferrara auch als Mord darstellt. Die „Strategie der Spannung“ sieht Ferrara nicht nur in Italien sondern auch im Chile des Jahres 1973. Und so schildert er in der letzten Episode den Sturz von Salvador Allende durch Pinochet, mithilfe der C.I.A. Dabei erzählt er selbstredend die Theorie von der Ermordung Allendes durch das Militär und nicht die Suizid-Version. Diese letzte Episode hat zwei große filmische Mankos: zum einen zu viel Pathos. Zum anderen hat man Ugo Bologna (welcher Allende spielt) eine dicke Hornbrille verpasst, unter der eine schlecht geschminkte falsche Nase prangt, so dass es aussieht als würde er eine dieser Scherzbrillen tragen. Und so ist diese letzte Episode mithilfe von Pathos und einer farblos-grauen Nase unfreiwillig komisch.

     

    Man kann „Faccia di Spia“ wohl nicht besprechen ohne das (fast) prophetische Ende zu erwähnen. Blut rinnt die Zwillingstürme in Manhattan hinab, der Symbolgehalt soll hier allerdings das Blut der Unschuldigen sein, dass die USA in anderen Ländern vergießen, um Profit zu machen. Am 11. September 2001 zieht jedoch der Terror nach Manhattan, und wieder gibt es Zweifel – ein terroristischer Anschlag oder ein weiterer Meilenstein in der „Strategie der Spannung?“ Wir werden es wohl nie erfahren.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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